Wie ist die Beschneidung eigentlich entstanden?

  • Zugegeben, zu der Beantwortung der Frage, bedarf es Spekulation, gesunden Menschenverstand, Sachkenntnis, Religionskenntnis und Geschichtskenntnis. Trotzdem, glaube ich, das ich das überzeugend rüber bringen kann.

    Schon in der Grundschule (Damals Ende der Fünfziger hieß das noch Volksschule) erzählte uns der Lehrer, über die Problematik der Beschneidung. Selbst das Wort Phimose, war gefallen. Allerdings das Wort Zirkumzision, ist mir erst seit ein paar Jahren bekannt.

    Schon damals, erzählte man uns, das es eine Krankheit bei Knaben gäbe, die sich Phimose (Vorhautverengung) nannte, und die vielen Männern, den Tod gebracht hätten. Um dies zu vermeiden, hätten die Juden, die Beschneidung eingeführt. Das war natürlich die Unwahrheit. Zu Zeiten, wo die Bibel (Thora, Altes Testament), geschrieben worden ist, hat es schon lange die Beschneidung gegeben. Das erkennt man auch daran, das dem Bibelschreiber, noch nichtmal mehr die wahre Ursache bekannt war, warum sie eingeführt worden ist, und er glaubhaft machen wollte, das es ein "Bund mit Gott" sein sollte. Selbst das ist zweifelhaft, weil man sich damals, noch nichtmal auf den Namen des Gottes einigen konnte. Einige nannten ihn El, andere nannten ihn JHVH.

    Wahrscheinlich gibt es Phimosen, solange es Menschen oder menschenähnliche Wesen gibt. Der Anfang der Beschneidungen, konnte aber erst erfolgen, nachdem es scharfe Werkzeuge gab. Also, bestenfalls in der Steinzeit. Bis dahin, sind viele Männer, an der Phimose, insbesondere der Vereiterung, die damit einherging, gestorben. So kamen damals, einige "Wissenschaftler", auf die Idee, diese Vorhaut vorsorglich zu entfernen. Am Anfang werden viele Knaben durch den Eingriff gestorben sein. Aber, es gab auch immer wieder Männer, die damit uralt geworden sind. Auch wird am Anfang, nur eine kleine Anzahl, von Knaben, beschnitten worden sein. Im Laufe der Jahrtausende, hat sich dann die Beschneidung, soweit etabliert und bewährt, das man dazu über ging, alle Knaben zu beschneiden. Offensichtlich, gab es Völker, wo man weitestgehend auf Beschneidung verzichten konnte, wie es Völker gab, die anfällig für die Phimose waren.

    So ist das aber nunmal mit religiösen Traditionen. Irgendwann, werden sie gemacht, ohne das man noch genau weis, welche Ursachen für ihre Entstehung verantwortlich sind. Heute, ist die Beschneidung, zu einem Ritual verkommen, die ihre Nützlichkeit, schon lange verloren hat. Aber, man sollte nicht beckmesserisch sein. Auch die Fortschritte in der Medizin, die eine Beschneidung überflüssig machen, dürften gerade mal 200 Jahre alt sein. Bis dahin, hatte die Beschneidung, durchaus noch ihren Sinn.

    Schade ist nur, das es so wenig Religiöse gibt, die sich ähnliche Gedanken machen können, wie ich sie hier dargestellt habe. Natürlich, kratzen solche Gedanken, an die Grundfesten einer Religion. Aber, kann die Angst vor Erkenntnissen, ein Grund dafür sein, sich wissenschaftlich nicht zu betätigen? Mir, wäre das zu wenig.

    Grüße, Rudi Gems

  • Damals waren religiöse Lehrer und Führer halt in vielem Vorbild und sorgten sich um ihre "Schäfchen". Das kann und will ich gar nicht kritisieren, im Gegenteil. Ziel war ja, das Volk vor Schaden zu bewahren.
    Es war bekannt, dass Schweinefleisch bei Hitze schnell verdirbt. Woran das lag, war natürlich nicht klar, aber die Auswirkungen auf den Menschen umso mehr. Also wurden Schweine als unrein erklärt und ihr Fleisch für den Verzehr verboten.
    Dass dieses Problem heut nicht mehr besteht und Schweinefleisch genauso wie Rind-, Ziegen- oder Schaffleisch unter Kühlung lange haltbar ist, lässt das Schweinefleischverbot im Judentum und Islam nicht wanken. Obwohl es möglich wäre.
    Ebenso war es mit der Beschneidung. Wenn man sich wochenlang nicht waschen kann, wenn man durch die Wüste zieht, kann sich schon mal leicht eine gefährliche Entzündung bilden, keine Frage. Also wurde es zu einem religiösen Gesetz (da Religion nunmal die einzig legitime Gesetzgebungsinstanz war), dass die Vorhaut beschnitten werden musste.
    Heute sind die Voraussetzungen ganz andere, das Gesetz steht aber nach wie vor, weil die religiösen Führer es versäumt haben, althergebrachte Gesetze zu hinterfragen und zu "aktualisieren".
    Bei der Beschneidung kommt noch hinzu, dass sie aus weit früherer Zeit stammt. Tier- und Menschenopfer wurden dadurch ersetzt, dass der Mensch bzw. Mann "sein liebstes" opfert. Und das musste nun nicht mehr der eigene Sohn oder eine Ziege sein sondern eben die Vorhaut.

    Es würde halt Zeit, all dies zu sehen, zu verstehen und zu überdenken.
    Denn wenn sich Rituale in der Vergangenheit ändern konnten oder sich die Voraussetzungen dafür geändert haben, dann muss es doch möglich sein, diese Rituale wieder zu ändern.
    An Flusskieseln sieht man es genau: Wer stehenbleibt, verschwindet mit der Zeit...

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

  • Der Wahrhaftigkeit wegen sollte man erwähnen, dass es über die Herkunft der Beschneidung und der Nahrungsmitteltabus nur Vermutungen aber keinerlei (!) Beweise gibt. Die Theorie, dass hinter den Ritualen und Tabus ursprünglich eine rationale Begründung gestanden hat, wird z.B. bezüglich der Nahrungsmittel nur von Marvin Harris vertreten. Andere bedeutende Ethnologen wie z.B. Levy-Strauss vertreten ganz andere Theorien. Die Schweinefleisch-Trichinen-Hypothese ist übrigens lange widerlegt.

    Es sind einige Religionsvertreter gewesen, die mit hanebüchenen Theorien über den rationalen "wirklichen" Hintersinn der Beschneidung, den Gott schon immer gewusst hat, uns Dummerchen aber erst heute aufgeht, aufgetreten sind. Das sind sämtlichst Rationalisierungen, die uns die Rituale als schon immer "vernünftig" schmackhaft machen wollen. Unsere Vorfahren hatten mit Sicherheit aber eine andere "Vernunft" als wir.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Es sind einige Religionsvertreter gewesen, die mit hanebüchenen Theorien über den rationalen "wirklichen" Hintersinn der Beschneidung, den Gott schon immer gewusst hat, uns Dummerchen aber erst heute aufgeht, aufgetreten sind. Das sind sämtlichst Rationalisierungen, die uns die Rituale als schon immer "vernünftig" schmackhaft machen wollen. Unsere Vorfahren hatten mit Sicherheit aber eine andere "Vernunft" als wir.

    Der Anthropologe Leonard Glick vertritt in "Marked in Your Flesh: Circumcision from Ancient Judea to Modern America" , seinem umfassenden geschichtlichen Abriss über die Beschneidung, die gleiche Theorie.

    Es war ziemlich unglückliches Timing, dass ausgerechnet als gegen Ende des 19 Jh. in Deutschland eine Reformjudenbewegung begann das Ritual ernsthaft in Frage zu stellen, gleichzeitig in den angelsächsischen Ländern, geprägt von sex-feindlichem viktorianischem Denken, die Mediziner plötzlich scharenweise auf den Beschneidungs-Zug sprangen.
    Noch 100 Jahre vorher hatten die Britischen Christen eine völlig ablehnende Haltung gegenüber diesem damals rein jüdischen Ritual.

    Erst diese medizinische Rationalisierung verhalf der Genitalmutilation zu einer breiten Akzeptanz in UK, USA, Commonwealth Staaten.
    Im Gegensatz zu den heutigen Beschneidungsfans hatten die Juden vorher den Eingriff nämlich immer als schmerzhaftes Opfer und eine Art Brandzeichen verstanden, welches man als Preis für die Zugehörigkeit zum Stamm der Juden seinem Gott erbringen musste. Je stärker die Christen den Brauch verurteilten, umso sturer hielten die Juden übrigens daran fest.
    Manches ändert sich nie... ;)

    Und heute wo die medizinische Vernunft langsam wieder Oberhand kriegt, wird das alte Stammeszeichen-Argument einfach wieder aus der Mottenkiste geholt. Allerdings werden unterdessen die Nachteile der Vorhautopferung geflissentlich verschwiegen. Religiöse Opfergaben sind heute nicht mehr so populär und die Information über deren Nachteile, würde bei sekulären, Sex-postiven, modernen Juden wohl weniger gut ankommen...


  • Und heute wo die medizinische Vernunft langsam wieder Oberhand kriegt, wird das alte Stammeszeichen-Argument einfach wieder aus der Mottenkiste geholt. Allerdings werden unterdessen die Nachteile der Vorhautopferung geflissentlich verschwiegen. Religiöse Opfergaben sind heute nicht mehr so populär und die Information über deren Nachteile, würde bei sekulären, Sex-postiven, modernen Juden wohl weniger gut ankommen...


    Vergessen wir nicht, dass die Beschneidungsquote in Deutschland, im Judentum, bei 20% liegt...
    Ziehen wir die noch ab, die es aus kulturellem Druck heraus tun, bleiben wenige Fanatiker übrig, die es aus aufrichtiger und tiefer Überzeugung heraus tun.
    Wieder einmal versaut eine Minderheit den Ruf der Mehrheit, zumindest im Kopf jener, die diese Zahlen nicht kennen.

  • Mit "Rationalisierungen" meinte ich die Begründung der Beschneidung aus der Sitation in grauer Vorzeit, z.B. die "Sand-unter-der-Vorhaut-beim-Marsch-durch-die-Wüste-bei-Wasserknappheit-Theorie" oder die "Vorhaut-als-Eichelschutz-vor-der-Erfindung-der-Hose-Theorie" oder die "Beschneidung-ist-Ersatz-für-den-archaischen-Opferkult-Theorie". Kein Mensch weiss das, man wird es nie rauskriegen (weil die Belege fehlen), aber es macht zugegebenerweise (auch mir) Spass, bei einem Gläschen Wein darüber zu spekulieren. Diesen Unterschied meinte ich festhalten zu müssen. ;)

    Das Stammeszeichen-Argument ist meiner beschneidenen Ansicht nach nie in der Mottenkiste verschwunden gewesen, es hat nach dem Holocaust nur eine Verstärkung erfahren. Vorher ist die (jüdische) Beschneidung immer wieder auch ein Angriffspunkt für Antisemitismus gewesen. Ob die Juden umso sturer waren, je mehr sie von christlicher Seite angegriffen, weiss ich nicht. Heute ist es bestimmt so, wobei sich die Angreifer nicht nur aus dem Christentun speisen, sondern auch aus dem muslimischen Umfeld.


    Der amerikanische Beschneidungsfanatismus (beginnend mit dem Cornflakes-Erfinder) scheint völlig unabhängig von jüdischen Ritual entstanden zu sein. Wüsste ich jedenfalls nicht. Zu den medizinischen Rationalisierungen viktorianischer Moral und ihrer Entwicklungen bis heute hat Thomas Szaz aus meiner beschneidenen Sicht alles gesagt. Allerdings kommt offensichtlich das uramerikanische Bedürfnis, " Wie Daddy auszusehen", ebenso ins Wanken wie der Glaube an die Unfehlbarkeit der Ärzte.
    Stehter Tropfen höhlt den Stein. :D

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Vergessen wir nicht, dass die Beschneidungsquote in Deutschland, im Judentum, bei 20% liegt...
    Ziehen wir die noch ab, die es aus kulturellem Druck heraus tun, bleiben wenige Fanatiker übrig, die es aus aufrichtiger und tiefer Überzeugung heraus tun.
    Wieder einmal versaut eine Minderheit den Ruf der Mehrheit, zumindest im Kopf jener, die diese Zahlen nicht kennen.

    Du hast aber schon mit einbezogen, dass die Beschneidungsquote nur deshalb bei 20% liegt, weil die anderen 80% eingewanderte erwachsene russische Juden sind. Bei denen wird akzepziert, wenn sie eine jüdische Mutter haben. Beschneiden müssen sie nicht. Ob sie deshalb liberale aufgeklärte Beschneidungsgegner sind, wage ich zu bezweifeln. Wenn ich mich recht erinnere, waren bei der Teichtal-Beschneidung mehrheitlich russische Juden anwesend. Die stehen offensichtlich besonders auf Chabad.

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  • Die stehen offensichtlich besonders auf Chabad.

    Ja, und zwar deshalb, weil die Religionszugehörigkeit, im Sinne der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, eine hohe integrative Leistung für diese Menschen darstellt, die ansonsten, aleine aufgrund ihrer anfänglichen sprachlichen Unvollkommenheit, genauso mies behandelt wurden und etwas anseitsstehend vorkamen, wie jeder andere Einwanderer.
    Ich kann mich erinnern, dass in den 90gern so manche Siedlungsgesellschaft von ihrer Stadt erpresst wurde, Wohnungskontigente für Ewanderer aus den GUS bereitzustellen, weil man ihnen sonst die bezuschussten Kredit der öffentlichen Hand hätte streichen wollen... So kam es dazu, dass Wartelisten länger wurden und an ihnen vorbei Wohnungskontingente an jene Einwanderer gingen. Vielleicht konnte man nicht anders handeln, aber böses Blut schürt so etwas immer und das steht der Integration entgegen.

    Dann kommt hinzu, dass manche Ausländerbehörden jene Einwanderer regelrecht in die Arme der Religionsgemeinschaften getrieben haben, in dem ihnen gesagt wurde, dass man ihnen dort, bei der Erlangung der Einbürgerung behilflich sein würde... wie nett (das wurde hier im Forum schon behandelt). So ganz selbstlos war diese Hilfe nicht, jedenfalls verpflichtet sie den Empfangenden moralisch. Das schafft einfach zumindest eine Verbindung.
    Vergessen wir auch nicht, dass alles was der Unterscheidung dient, eine Abgrenzung nach außen erzeugt, jedoch auch die Kohäsion der Gemeinschadt voranbringt. So erkäre ich mir, warum unbeschnittene Väter plötzlich die Beschneidung ihren Söhnen, als unbedingt notwendig, antun. Andersheum, fördert Exklusion aus der, oder fehlende Aufnahme in die Gemeinschaft des Landes, Einwanderer dazu, sich eine Ersatzgemeinschaft zu bauen oder zu suchen... Kann man ihnen das verübeln?

  • Ötzi hatte Tätovierungen, warum?
    Auch die Gründe hierfür herauszufinden ist sicherlich unmöglich. Waren es Auszeichnungen, Mutproben etc.

    Beschneidung war aber sicherlich ein Merkmal der Unterscheidung zu anderen, wie eben Tätovierungen auch. Seht her, ich bin anders, ich bin immer bereit oder einfach ein Zeichen von Männlichkeit...
    Interessant sind steinzeitliche Phallusdarstellungen, ein interessanter kurzer Artikel ist diser hier http://www.scilogs.de/wblogs/index.p…d=3378&blogId=5

    Übrigens glaube nicht einmal das Beschneidung in der Wüste einen Vorteil hat, Beschneidung enstand aus Mutproben oder um sich für die Weiblichkeit interessanter zu machen. Für mich steht es auf einer Stufe mit Ziernarben, die haben auch null Vorteile.

    Gruss
    Kai

  • ... um sich für die Weiblichkeit interessanter zu machen. Für mich steht es auf einer Stufe mit Ziernarben, die haben auch null Vorteile.


    Kommt auf die Frau an. 8)

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  • Mit "Rationalisierungen" meinte ich die Begründung der Beschneidung aus der Sitation in grauer Vorzeit, z.B. die "Sand-unter-der-Vorhaut-beim-Marsch-durch-die-Wüste-bei-Wasserknappheit-Theorie" oder die "Vorhaut-als-Eichelschutz-vor-der-Erfindung-der-Hose-Theorie" oder die "Beschneidung-ist-Ersatz-für-den-archaischen-Opferkult-Theorie". Kein Mensch weiss das, man wird es nie rauskriegen (weil die Belege fehlen), aber es macht zugegebenerweise (auch mir) Spass, bei einem Gläschen Wein darüber zu spekulieren.


    Das sehe ich ähnlich.

    Wie auch immer man den historischen Werdegang der Beschneidung bewertet, die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Verhalten, das übrigens lt. Quellen bereits 450BC anscheinend im ganzen nahen Osten verbreitet war, aus religiösen Gedankenwelten geboren ist und keinen "wissenschaftlichen"(bzw besser: pseudowissenschaftlichen) Ursprung hat, erscheint mir ziemlich hoch. Kein rational denkender Mensch, auch kein Elternpaar aus Altägypten 2500BC, käme ansonsten auf die abstruse Idee, seinem Kind einen Teil des Geschlechts (!) abzuschneiden, es Schmerzen, Infektionen und möglicherweise dem Tod auszusetzen, wenn nicht irgendwas den gesunden Menschenverstand ins Abseits gestellt hätte. Altertümliche Pseudowissenschaft konnte dies zwar sicherlich auch sehr gut, aber einen Gott/die Götter hinter sich zu wissen hat dann doch etwas mehr Überzeugungskraft, die dann eben jene Motivation formt, die für ein solch abnormes Kollektivverhalten letztendlich notwendig erscheint.

    Übrigens, interessant finde ich auch den Umstand, dass auf allen mir bekannten Reliefs altägyptischer Beschneidungsszenen aussschliesslich erwachsen erscheinenden Personen beschnitten werden.

    Art. 2 GG:
    (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Geschuldet der deutschen Vergangenheitsbewältigung gilt dieses Grundrecht ausdrücklich nicht, wenn die Person a) ein Kind und b) männlich ist, c) die Eltern entweder jüdischen oder muslimischen Glaubens sind und d) das kindliche Genital das Ziel der Versehrtheit ist.

  • Es gibt ja Anthropologen, die den Sinn von Nahrungstabus auf die Unterschneidung von Gruppen beziehen: wir essen das nicht, was die anderen essen. Übertragen auf die Beschneidung: wir sind beschnitten, die anderen nicht. Dieses Gruppenmerkmal ist unwiderruflich und durch den sexuellen Bezug hoch aufgeladen. Wenn man jemanden für immer an eine Gruppe binden will, was gibt es " Besseres"?

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Demütigung von Kriegsgefangenen und Sklaven, Initiationsritus, später Eingang in die Religionen durch den Opfergedanken - das sind die Erklärungen zu den Ursprüngen der Beschneidung, die in der Wissenschaft für am wahrscheinlichsten gehalten werden. Gruppendynamik sorgte dann für ihre Perpetuierung bis in die heutige Zeit.

    Längst als völlig absurd widerlegt ist hingegen die Vorstellung von irgendwelchen gesundheitlichen Vorteilen einschließlich des von Tätern aus dem 20. Jahrhundert erfundenen Phimose-Mythos. Wäre der Besitz einer Vorhaut in der Frühzeit der Menschheit in irgendeiner Form nachteilig gewesen, hätte die Evolution sie wohl niemals entwickelt.

  • Sehr interessant und humorvoll die Theorie, wonach man sein aktuelles Pferd totreitet und dann die Montur wechselt. Mittlerweile hat man sich aber vergriffen und reitet einen toten Esel:

    Pony Express

    • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
  • Beschneidung aus gesundheitlichen Gründen, zur Vermeidung von Entzündungen etc. ist vollkommen irreal. Schließlich haben alle Säugetiere eine Vorhaut, und in den heißesten Gegenden müssen die Kamele nicht beschnitten werden. Außerdem gibt es in Afrika beschneidende und nicht beschneidende Kulturen direkt nebeneinander.

  • Demütigung von Kriegsgefangenen und Sklaven, Initiationsritus, später Eingang in die Religionen durch den Opfergedanken - das sind die Erklärungen zu den Ursprüngen der Beschneidung, die in der Wissenschaft für am wahrscheinlichsten gehalten werden. Gruppendynamik sorgte dann für ihre Perpetuierung bis in die heutige Zeit.


    Ohne das Folgende als Gegen-Argument zu Deiner Darstellung verstanden wissen zu wollen, möchte ich nur nochmals darauf hinweisen, dass es sich um Vermutungen handelt, die in der Regel auf der Übertragung anthropologischer Theorien, die aufgrund anderer Vorkommnisse entwickelt wurden, auf die Beschneidung beruhen. Ob diese Übertragung legitim ist, ist völlig offen.

    Offen ist z.B. ob die Beschneidung von Sklaven und Kriegsgefangenen wirklich als "Demütigung" gemeint bzw. verstanden wurde, sondern lediglich der Abgrenzung von Beschnittenen und Unbeschnittenen diente, und durch Verminderung der sexuellen Potenz "Übergriffe" der Beschnittenen auf die Gruppe der Unbeschnittenen verhindern/einschränken sollte. Man muss ja unterscheiden, ob die Beschneidung an Mitgliedern der eigenen Gruppe oder an Mitgliedern fremder Gruppen vorgenommen wurde. Wird sie an Mitgliedern der eigenen Gruppe vorgenommen, wird sie in der Regel als "ehrenvoll" wie z.B. bei der Initiation "verkauft". Verhindert/eingeschränkt werden sollen dadurch sexuelle Tätigkeiten ausserhalb der eigenen ethnischen Gruppe und ein eventueller sexueller "Vorsprung" nicht-beschnittener Jugendlicher gegenüber den beschnittenen Erwachsenen in der eigenen Gruppe (in der modernen Version "Looking like Daddy").

    Aber, wie gesagt, ist auch das Spekulation. Es kommt wohl darauf an, welcher Spekulation man persönlich mehr zuneigt... ;)

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Gibt es inzwischen ein paar neue Erkenntnisse?
    Bin auch immer wieder mal am grübeln. Das mit der Hygiene kann ich mir schwer vorstellen, so ein Eingriff öffnet Bakterien und Komplikationen doch viel mehr Tür und Tor als etwas selten zu waschen. Ist ja in der Neuzeit auch so das viele sich nicht richtig waschen können oder wollen ohne Probleme mit der Vorhaut zu haben.
    Viel plausibler erscheinen mir Gründe wie Macht, Sexualität, erschweren der Masturbation. Es kann ja kein Zufall sein das bei beiden Geschlechtern die Genitalien im Fokus stehen. Denn theoretisch könnte man ja auch andere Körperstellen verstümmeln, auch viel offensichtlichere um Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren.

  • Es kann ja kein Zufall sein das bei beiden Geschlechtern die Genitalien im Fokus stehen

    Genau...der Berliner Psychologe W. Albrecht schrieb mal auf seiner Website dazu:


    "Bei der Beschneidung bzw. Genitalverstümmelung werden entweder zeitnah nach der Geburt oder zu einem späteren Zeitpunkt Operationen am Genital des Kindes bzw. der/des Jugendlichen ohne der/dessen vollgültiges Einverständnis vorgenommen. Die Gründe dafür werden teilweise religiös ummäntelt, fußen aber in der Regel auf Traditionen aus vorhistorischer Zeit und haben zum Ziel, die sexuelle Erregbarkeit und die Ausbildung von erotischen Phantasien zu hemmen oder ganz zu unterdrücken. Die psychosexuelle Entwicklung wird auf diese Weise nicht nur gestört, sondern teilweise ganz unterbunden, sodass eine Autonomieentwicklung der Betroffenen nur eingeschränkt oder kaum möglich ist.

    Die Beschneidung bzw. Genitalverstümmelung stammt also aus vorhistorischer Zeit und hatte zum Ziel, mit steinzeitlichen Methoden, die Unterwerfung der einzelnen Mitglieder einer Ethnie unter den Zwang des Kollektivs zu erleichtern. In manchen Ethnien war und ist nur die Beschneidung des männlichen Gliedes durch die Abtrennung der Vorhaut (Zirkumzision) üblich, in anderen Ethnien werden die weiblichen Genitalien (Klitoris und Schamlippen) ganz oder teilweise entfernt."

    Er nimmt an, dass dieser Eingriff sich auf die Autonomieentwicklung, sprich eigenständiges und selbstbestimmtes Denken und Handeln, auswirken kann...und wenn ich mir so ansehe was in der Welt passiert, wo Männer sich oft wie kleine Kinder im Sandkasten gebaren...

    Aber eigentlich egal wie der Mist entstanden ist...wichtiger: Wie schafft man das wieder ab?

    Menschen wurden erschaffen, um geliebt zu werden. Dinge wurden erschaffen, um benutzt zu werden. Der Grund, warum sich die Welt im Chaos befindet ist, weil Dinge geliebt und Menschen benutzt werden. -Dalai Lama

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