Ich habe eine Weile überlegt, ob ich mich in diesem Thread äußern soll, da mich die Antworten des Herrn Dr. Mackenthun doch etwas angetriggert haben. Aber gerade deswegen werde ich es nun doch tun.
Als ich einem Freund, der ebenfalls von MGM betroffen ist, diese Antwort gezeigt habe, meinte er "Keine Ahnung, aber was für eine Meinung! Wenn ich bei dem in Therapie gehe, brauche ich gar keine Probleme mitzubringen, die bekomme ich dort gleich mit dazu."
Ich finde, das fasst die Situation sehr gut zusammen.
Ich weiß nicht, ob das Thema Beschneidung in Deutschland überhaupt relevant ist.
Er weiß es nicht, gibt aber trotzdem eine sehr klare Antwort dazu ab.
Die Frage ist: Warum sollte Genitalverstümmelung in Deutschland irrelevant sein? Bei jährlich ca. 30.000 Fällen (Quelle:; Kiggs-Studie) von denen nur ein Bruchteil tatsächlich medizinisch indiziert ist, ist diese Frage doch sehr befremdlich.
Ich wüsste auch niemanden zu nennen, der sich als Therapeut damit speziell befasst hat. Ich glaube auch nicht, dass sich das lohnt
Er weiß es nicht, er glaubt es nicht. Es ist tragisch.
Ganz offensichtlich hat er noch nie von seinem Kollegen, Prof. Matthias Franz gehört, der seit Jahrzehnten zu diesem Themen forscht.
Siehe z.B.
https://www.uniklinik-duesseldorf.de/fileadmin/Fuer…d_Leseprobe.pdf
https://mediathek.hhu.de/watch/de3306fd…5f-60697d02d967
https://taz.de/!5088276/
https://idw-online.de/de/news?print=1&id=488890
https://www.focus.de/magazin/archiv…id_5262514.html
https://genitale-autonomie.de/videos-der-vortraege/franz/
https://hpd.de/node/18143
um nur einige zu nennen.
Oder von Psychotherapeutin und Moderatorin Frau Angelika Kalwass, die sogar auf dem WWDOGA 2016 sprach:
Oder von dem psychologische Psychotherapeuten Wolfgang Albrecht, der dieses Thema als Schwerpunkt sogar auf seiner Webseite thematisiert:
https://www.w-a-praxis.de/psychotherapie…verstuemmelung/
Es mag der Eindruck entstanden sein, dass das Thema Jungenbeschneidung gesellschaftlich stark tabuisiert ist, es kann aber auch sein, dass das Problem derart selten auftritt, dass darüber einfach nicht gesprochen werden muss. Es ist nicht nötig, jedes Spezialthema an die große Glocke zu hängen.
Es könnte aber auch sein, dass gerade Aussagen wie die von Herrn Dr. Mackenthun mit ein Grund sind, warum es betroffenen Jungen und Männern so schwer fällt, die Mauer der Scham und des Schweigens zu durchbrechen. Wenn man von Menschen, von denen man eigentlich Hilfe und Empathie erwartet, derartig brutal ignorante Sätze um die Ohren geknallt bekommt - warum sollte man sich dann noch entblößen und über seine Ängste, Nöte, die Gefühle von Vertrauensverlust, Betrogensein, von mangelndem Selbstwertgefühl, ja über Depressionen und Suizidgedanken sprechen? Nein, da schweigt man doch lieber.
Und schon hat sich die Prophezeiung des Herrn Dr. erfüllt: Es gibt kaum Betroffene, die sprechen.
Es gibt jedoch einen Unterschied: Bei Mädchen ist eine Beschneidung eine Genitalverstümmelung. Die Beschneidung der Vorhaut bei Jungen ist traditionell und religiös motiviert. Gelegentlich wird der hygienische Vorteil einer Vorhautentfernung hervorgehoben. Ich denke, dass dies in der heutigen Zeit mit unserem hohen hygienischen Standard nicht mehr nötig ist. Die Beschneidung bei Mädchen scheint mir ein Verbrechen zu sein, bei Jungens schlicht unnötig.
Und zum Schluss noch die gute alte Relativierung, gepaart mit viel Unwissenheit.
Der Herr Dr. mag nicht glauben oder akzeptieren, dass die Entfernung von ca. 50% der Penishaut, wobei zwangsläufig die meisten hochsensiblen Areale mit entfernt und zerstört werden, Genitalverstümmelung ist. Seine Begründung, sie sei ja religiös und traditionell motiviert, verwirrt. Ebenso der Satz, gelegentlich werde ein hygienischer Vorteil der Vorhautbeschneidung hervorgehoben. Inwiefern ist dieser "Vorteil" seriös belegt und vor allem relevant, nicht einwilligungsfähigen Kindern Gewalt und Schmerz anzutun, ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit zu verletzen und ihnen an den Genitalien irreversiblen Schaden zuzufügen?
Weiß der Herr Dr. um die massenhafte medikalisierte Klitorisvorhautbeschneidung von Mädchen in ostasiatischen Ländern, die in Invasivität der Vorhautamputation von Jungen entspricht? Wenn dies ebenfalls verachtenswerte Genitalverstümmelung ist, warum dann nicht bei Jungen?
Es ist so bedauerlich, im Jahr 2023 noch immer derartige Aussagen hören und lesen zu müssen und es drängt sich mir die Frage nach dem Genitalstatus des Herrn Dr. Mackenthun auf. Wer weiß, ob hier nicht der wahre Grund für den Inhalt seiner Aussagen liegen.
EDIT:
Ich bin froh, dass meine Psychotherapeutin, die zu Anfang auch keine Ahnung von diesem Thema und dessen potentieller Tragweite für die Betroffenen hatte, am Ende unserer Sitzungen von sich aus zusagte, in Zukunft die Frage nach einer möglichen "Beschneidung" regelmäßig in ihr Anamnesegespräch einzubauen.
Es ist also möglich, zu verstehen, was hier passiert - und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Man muss es nur wollen.