Hallo zusammen, bin neu hier!

  • Hallo zusammen :)

    ich wollte mich zu Beginn hier im Forum vorstellen, und hoffe dass ich hier richtig bin.

    Bin die Sabine, noch 36 Jahre jung :whistling: , Ehefrau und Mama. Mein Wahrzeichen: positive Skepsis gegenüber Sachen/Themen/Menschen die ich nicht so gut kenne bzw verstehe. Ich habe lange überlegt, ob ich mich hier anmelden kann bzw. darf. Ich habe nämlich keine negativen Erlebnisse mit der Beschneidung bzw. kenne keine Leute die nach einer Beschneidung Probleme haben, ABER! ich möchte mich informieren.
    Vielleicht eine kurze Vita zu meiner Person/Leben. Ich bin seit 23 Jahren mit meinem Ehemann nun zusammen, er ist Moslem. Wir als Paar verstehen uns bombe :D wir haben einen 6-jährigen Sohn und jetzt werdet Ihr mein Anliegen mich hier angemeldet zu haben, vielleicht verstehen. Thema Beschneidung steht nun im Raum und mir ist als Mutter instinktiv nicht wohl bei der Sache. Habe ein mulmiges Gefühl. Ich kann es selbst nicht erklären, aber ich weiß dass mein Sohn es mit seinen 6 Jahren nicht verstehen würde, wenn er nun beschnitten würde, egal aus welchen Grund sei es religöser oder medizinische Natur. Ich persönlich möchte meinem Sohn die Entscheidung lassen. In diesem einem Punkt zieht mein Mann mit mir nicht mit. Er selbst hat keine Probleme mit seiner Beschneidung gehabt, bzw. hat keine Spätfolgen o.ä. Probleme, welche ich hier im Forum bereits gelesen habe. Es tut mir so leid für die Mäner und Jungs. Ich bin verunsichert und möchte meinem Mann es plausibel erklären, dass unser Sohn das zu entscheiden hat. Ich hoffe ich langweile euch nicht mit meinem banalen Problem, im Gegensatz zu den Leidensgeschichten manch eines Users hier.

    Lg Sabine

  • Liebe Sabine, vielen Dank, dass Du Dich hier meldest. Weißt Du, in solchen Momenten wissen wir, warum es gut ist, dass es dieses Forum gibt, warum es unverzichtbar ist, dass wir Betroffene uns immer wieder äußern, zu diskutieren versuchen, uns öffentlich "ausziehen" - was echt kein Vergnügen ist und so viel Kraft kostet.
    Genau solche Menschen wie Dich wollen wir erreichen. Dazu anregen, Perspektiven einzubeziehen, die einem normalerweise nicht begegnen, und die hier im Forum niedergeschrieben sind.
    Du gehst in der Diskussion mit Deinem Mann meiner Meinung nach völlig richtig vor. Du hast völlig richtig verstanden, worum es geht und worum es NICHT geht. Es geht nicht darum, "Beschneidung" generell zu verteufeln. Genausowenig wie irgendwer z.B. Brustvergrößerungen oder -verkleinerungen oder irgendwelche anderen nicht zwingend notwendige Operationen verteufelt. Es geht um die eigene Entscheidung darüber. Um nichts anderes (und die kann erst in einem Alter erfolgen, wo ein Mann sich seines Penis als Sexualorgan voll bewusst ist, Erfahrungen gesammelt hat und komplett über Folgen und Risiken aufgeklärt werden kann). Davon nicht abzuweichen ist sehr wichtig, damit Dein Mann sich nicht verletzt oder angegriffen fühlt. Mein Gott, es ist einfach der intimste Bereich, da mag niemand in Frage gestellt werden...vielleicht kann Dein Mann verstehen, dass es eben einfach Männer gibt, die sehr unter den Folgen von Vorhautamputationen leiden. Und dass eben faktisch die Möglichkeit besteht, dass Euer Sohn zu diesen Männern gehören wird. Und dass dies nicht irgendwelche Spinner sind, sondern dass ihr Leiden längst von den Wissenschaften ernst genommen wird und fundiert begründet ist.
    Vielleicht kann er Dein Verweigern nicht als Angriff auf sich, sondern als Zeichen des Respektes vor Eurem Sohn verstehen. Die Genitalien Eures Sohnes gehören nur ihm. Nicht den Eltern. Respekt ist doch etwas Schönes oder? Den Menschen aus muslimischem Kulturkeis, die ich kenne, ist Respekt sehr wichtig.
    Natürlich gibt es wie Du sicher schon weißt mittlerweile auch sehr viel zu lesen zu dem Thema. Nur schenkt das natürlich auch wirklich konkreten Wein ein zu den Fakten, dem Gewebeverlust und den möglichen psychischen Folgen. Nur Du kannst beurteilen, wie Dein Mann auf dies reagiert.
    Frag uns gerne weiter, wenn Du weitere Fragen hast.
    Du langweilst gar nicht! Und Dein Problem ist keineswegs banal im Vergleich zu den Leidensgeschichten hier, denn es kann helfen, dass es in Zukunft eine weniger davon geben kann. Jeder einzelne ist kostbar, es geht um die Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen - um die Wahrung eines Menschenrechtes.
    Alles Gute - für Dich und Deine Familie - besonders für Euren Sohn.

  • Hallo Sabine,

    Du langweilst hier sicherlich niemanden, das Forum ist keine Selbstmitleidsproduktionsmaschine Betroffener oder ähnliches, es geht uns vorallem um die ehrliche Kommunikation über das Thema mit Betroffenen aber auch Interessierten.
    Deine Skepsis ist natürlich und gut verständlich, Du folgst Deiner gesunden Intuition. Ich bin so alt wie du und war etwa in dem selben Alter wie Dein Sohn heute als ich beschnitten wurde und kann Dich darin nur bestärken, die Entscheidung Deinem Sohn zu überlassen wenn er alt genug ist und über die notwendige Einsichtsfähigkeit verfügt. Bevor ich jetzt möglicherweise einen ganzen Roman über mögliche Dinge schreibe, die Dir helfen könnten auf Deinen Mann einzugehen würde ich Dir, vorrausgesetzt Du magst, ein Telefonat anbieten, bei dem ich sicherlich sehr viel besser auf Deine speziellen Fragen und Bedenken eingehen kann. Schreib mir dazu am besten einfach eine PM.

  • Hallo Sabine

    ich bitte um meine rechtschreibfehler. aus zeitlichen gründen möchte ich mein statement schnell schreiben.

    Gerne würde ich dir persöhnlich zur Hilfe stehen wollen, falls du für einen Ehemann überzeugen möchtest. Falls interesse besteht, schreibe ich dir in einer PN meine Handynummer auf. (gespräch auch in türkisch)

    Ich schreib mal alle Fakten auf, die ich so noch im gedächniss habe.
    Die vorhaut enthält ca. 20.000 Nervenenden (mehr als alle 10 Fingerspitzen zusammen) statistisch gehen (aufgrund von Nervenstrommesungen) 75% der Sensibilität verloren. (PDF "100 mal berührt" intaktiv-online.de)

    Streichel dir um es dir vorstellen zu können mit deinem Finger über deine Handinnenfläche und im Anschluss auf deinem Handrücken.

    Die Eichel kreatinisiert (verhornt) auf das ca. 10 fache. (quelle weis ich nicht auswendig)

    Die Vorhaut enthält meißnerische Tastkörperchen die durch dehnung stimuliert werden (genau so wie es solche tastkörper am after gibt. nur deswegen kannst du gasförmig von Fest unterscheiden).

    die Vorhaut ist sensibler als die Eichel selber.

    Es geht also durch die Beschneidung ziemlich viel an sensibilität verloren. es besteht die gefahr von komplikationen. und von psychischen problemen.

    dein mann ist zufrieden. ganz einfach. manchen männern reicht der rest den sie noch haben aus (und sie wissen nicht was sie verloren haben), anderen nicht (siehe hier einige fälle im forum). es besteht also die gefahr, dass du deinem Sohn eine sexuelle Behinderung verpasst.

    und nun kommen wir zur islamischen kultur. rein religiös betrachtet ist der eingriff freiwillig (es ist eine sunna, also emfehlung des propheten. es ist freiwillig und keine islamische pflicht). freiwillig heißt für mich, dass jedes individuum selber entscheiden darf, ob es eine beschneidung möchte oder nicht. hätte den dein kind die wahl? es wäre eher aufgezwängt.

    was hättet ihr davon wenn euer sohn beschnitten wäre? eigentlich nichts oder? nur die gefahr, dass er an psychischen problemen leiden könnte (traumata etc.) oder zu viel erogene entnommene zonen oder sogar komplikationen. nach sigmut freud ist die beschneidung im alter zwischen 5 und 9 (nach möglichkeit bitte selber googeln quelle wiki) einer kastrationsangst gleichzusetzen.

    was wäre den daran so schlimm, wenn euer sohn selber entscheiden dürfte? es ist doch SEINE intimsphäre. ein leben seine sexualität.

    es ist und bleibt ein körperlicher eingriff. eine körperverletzung. eine amputation von "mehr als 10 fingerspitzen" sensibilität.

    es wäre eine unnötige amputation ohne medizinische indikation.

    ich hoffe ich konnte helfen.

  • schrecklich. ich glaube ich habe meinen beitrag zu schnell geschrieben. ich bitte um verzeihung.

    die pdf datei heißt "1000 mal berührt".

    und ich wollte natürlich schreiben, dass ich um entschuldigung für meine rechtschreib- und satzbaufehler bitte.

  • Grüß dich Sabine!

    Es ist ein gute Entscheidung, dass du deinem Sohn die Entscheidung über seine intimste Körperzone lassen willst.

    Dies deinem Mann nahe zu bringen, wird nicht ganz einfach werden - schließlich liebt er seinen Sohn, fühlt sich verantwortlich und hat bei diesem Eingriff das Gefühl, genau das Richtige für ihn zu tun (mein Mann wuchs auch in muslimischer Tradition auf, wir haben drei entzückende Kinder...).
    Strategisch würde ich es für das Geschickteste halten, wenn du zunächst nicht auf die möglichen negativen Spätfolgen später im Erwachsenenleben abhebst (das ist für deinen Mann einfach zu weit hergeholt, gerade wenn er selbst völlig zufrieden mit dem Beschnittensein ist), sondern die konkreten, wenn auch seltenen Risiken der Operation selbst in sein Sichtfeld rückst.
    Am besten mit Hilfe eines wie du orientierten Arztes. Wie wäre es für ihn, wenn eurem kerngesunden Kind etwas passiert bei einem medizinisch unnötigen Eingriff? Der hinzugezogene Arzt könnte ihm auch nahebringen, dass die Vorhaut ein ganz normaler Teil des männlichen Genitals ist.
    In muslimischen Familien wird dieser Teil oft sehr negativ besetzt (macht krank, Bakterien usw), und die daraus entstehenden Sorgen und Ängste könnten mit so einer beruhigenden Aufklärung von "professioneller Seite" beruhigt werden.

    Die eventuellen negativen Folgen im Sexualleben, mit denen kommt man vielleicht in ganz theoretischer Form, wenn das andere nicht überzeugt hat - schon die Erwägung einer auch nur entferntest möglichen Beeinträchtigung des besten Stücks ist für die meisten Männer verständlicherweise ziemlich bedrohlich.

    Ich wünsche Dir viel Geduld und (Überzeugungs-) Kraft!

  • Hallo Sabine!
    Wie Pizarro schon sagte, Du bist einer der Gründe, für die es sich lohnt, jeden Tag aufs Neue hier zu schreiben.
    Nicht, um uns selbst zu bemitleiden, sondern um diejenigen, die sich informieren wollen und hinter die scheinbar so harmlose Fassade blicken wollen, eine andere Seite zu zeigen. Eine Seite, die eben auch möglich ist. Nicht zwingend sein muss, aber kann.

    Dass Dein Mann keine Probleme spürt oder tatsächlich hat, freut mich sehr für ihn. Es ist auch durchaus möglich, dass Euer Sohn niemals Probleme oder Einschränkungen haben wird.
    Aber sicher ist das nicht und ich finde es großartig, dass Du an diese Möglichkeit denkst und ihm die Entscheidung darüber, ob er diesen Schritt gehen will, selbst überlassen willst.
    Ich denke, es ist wichtig zu wissen, wovon wir hier reden. Die Vorhaut hat unglücklicherweise einen Namen, der suggeriert, sie wäre "nur" ein Stück Haut, auf das man getrost verzichten kann. Das ist sie aber nicht, im Gegenteil. Sie ist enorm wichtig. Für den Körper, die Sexualität, die Seele.
    Sie ist nicht überflüssig, sie hat Sinn, sie gehört zum Jungen und zum Mann, sie gehört zum Körper. Und jede Entscheidung, die zum Kern hat, einen Teil des Körpers abzuschneiden, muss vom Betroffenen selbst gefällt werden. Sonst besteht die Gefahr, sich übergangen, verletzt und gedemütigt zu fühlen.

    Ich habe vor einiger Zeit eine Nachricht bekommen von einem jungen Mann, der schrieb, der Gedanke daran, dass ein Teil seines Körpers abgeschnitten wurde, in einen Mülleimer geworfen wurde und dann verbrannt wurde, belaste ihn sehr. Denn es war ein Teil von ihm und niemand außer ihm hatte das Recht, über diesen Körperteil zu bestimmen.
    Diese Aussage hat mich sehr bewegt, denn sie lenkten meinen Blick auf einen Aspekt, der kaum beachtet wird: Da sind die Operationsschmerzen, die Narben hinterher, die möglichen Risiken und Komplikationen, die Gefühlseinbußen. All das ist möglich, ist offensichtlich.
    Aber da ist noch mehr. Es ist der fehlende Respekt vor dem Körper und der Seele der Jungen. Respekt davor, dass der Körper des Jungen ihm gehört und mit einem rituellen Akt in den Körper dieses Jungen eingegriffen wird, sein Körper, seine Seele und seine Schamgrenze nicht respektiert wird. Ein Teil dieses Körpers abgeschnitten und weggeworfen wird.
    Diese Respektlosigkeit kann sehr belasten.
    Vielleicht können diese Gedanken bei Deinem Mann etwas bewirken. Dein Sohn wäre es wert.

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

  • Es ist auch durchaus möglich, dass Euer Sohn niemals Probleme oder Einschränkungen haben wird.

    Da möchte ich teilweise widersprechen. Bei einer Vorhautamputation kommt es immer zu Einschränkungen. Es wird mit der Vorhaut eine erogene Zone weggeschnitten und auch die Eichel verliert durch den fehlenden Schutz an Sensibilität. Ebenso werden die sexuellen Spielmöglichkeiten durch das Fehlen der Vorhaut eingeschränkt. Die Frage ist also, wie euer Sohn mit diesen Einschränkungen umgehen wird. Vielleicht wird er es nicht als Problem wahrnehmen, weil er den Unterschied beim Sex nicht kennen wird - oder er wird im schlimmsten Fall sein Leben lang darunter leiden.

    Auch die psychischen Auswirkungen sollten nicht unterschätzt werden. Es ist zwar nicht bekannt, wie viele Jungen durch die Operation traumatisiert werden, aber vermutlich geht es an kaum einem Jungen spurlos vorbei, wenn man ihm einen Teil vom Penis wegschneidet. Diese Erfahrung musste ich jedenfalls bei mir machen und durch die psychischen Folgen von damals habe ich auch heute noch (22 Jahre später) Probleme, weswegen ich gerade eine Psychotherapie beginne.

    Bei mir wurde die Vorhautamputation zwar medizinisch begründet und nicht religiös/kulturell, aber wenn du magst, kannst du meine Erfahrungen damit hier nachlesen:
    „Ich war kein richtiger Junge mehr“

  • Du hast recht, Laffelrog, ich muss mich da korrigieren.
    Ich wollte sagen:
    Es ist auch durchaus möglich, dass Euer Sohn niemals Probleme haben oder seine Einschränkungen als solche wahrnehmen wird.

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

  • Vielen Dank für die netten Worte. Freue mich sehr euch gefunden zu haben. Ich merke erst jetzt, dass diese Thematik bei mir und meinem Mann für lange lange Gespräche sorgen wird. Derzeitig empindet mein Mann, meine negative Einstellung gegenüber der Beschneidung bei unserem Sohn, als ein Angriff auf seine Religion. Nur ich verstehe es nicht, er war und ist keiner der z.b 5 x am Tag betet, oder dass er jeden Freitag in die Mosche geht. Er glaubt an Allah, ist ein stolzer Mann,aber war nie fanatisch,ich mag das Wort nicht, aber es passt derzeitig betreffend der Stimmung bei meinem Mann. Er verhält sich so borniert. Ich stehe nun da als ob ich seine Religion oder bessere gesagt die Bräuche nicht respektiere. Ich bin wirklich tolerant. Trotz meiner konservativen osteuropäische katholichen Erziehung :D habe ich persönlich seit Jahren ein gespaltenes Verhältnis zur Kirche bzw. zur Religion insgesamt. Ich bezeichne mich selbst als Atheistin. Ist meine persönliche Einstellung, uns das wußte mein Mann seit dem wir uns kennen. Wir haben beide beschlossen, bevor wir den Nachwuchs planten, dass unser Kind selbst entscheiden wird, welche Religion er zugehören möchte. Er ist folglich nicht getauft, mir ist es schnuppe, ob unser Sohn den Islam wählt oder den Christentum oder vielleicht wird er ein Hindu :whistling: Ich möchte, dass er das selbst macht. Die Einwände für die späte Beschneidung so mein Mann, unser Sohn würde größere Schmerzen haben, die Funktion könnte beeinträchtigt werden, muslimische Jugentliche könnten ihn ausgrenzen. Ich gebe die Gedanken meines Mannes nur wieder.

    Vielleicht können, dass hier die vertretenen Muslime ein wenig verstehen bzw. kennen das Verhalten. Ich haben damit ein großes Problem. :evil: Hätte nie gedacht, dass dies ein so großes Streithema wird. Es verbraucht wertvolle Energie, welche wir woanders investieren könnten.

  • Weißt Du, Sabine, ich bin keine Psychologin. Aber ich denke, dass Dein Mann noch andere Motive hat neben der Religion und Kultur, auch wenn das ganz sicher eine grosse Rolle spielen mag. Immer wieder auffällig ist ja die plötzliche Aggressivität, mit der das Ritual verteidigt wird. Es ist meistens keine vernünftige Diskussion darüber möglich und die Argumente, mit denen die Operation verteidigt wird, sind sehr oft sehr irrational auch bei ansonsten intelligenten, bodenständigen Menschen.

    Ich denke, man muss hier die Motive und Beweggründe als Ganzes erfassen, was sehr schwierig sein kann, weil das zum einen nicht messbar ist und zum anderen bei jedem Menschen ganz unterschiedlich sein kann.

    Sicherlich wird der familiäre Druck eine Rolle spielen. Außerdem wird der intakte Penis in vielen beschneidenden Kulturen verhöhnt und verteufelt, als schmutzig und krankmachend degradiert.

    Und dann kommt hinzu, dass die Vorstellung eines intakten Penisses beim Sohn bei vielen beschnittenen Vätern auch einen unangenehmen Aspekt berührt, der sie selbst betrifft. Wir sprechen ja quasi über das Zentrum ihrer Männlichkeit. Interessanterweise forcieren auch viele beschnittene Väter in den USA die Vorhautamputation ihrer Söhne, damit sie "genau so aussehen wie der Papa", und zwar ganz jenseits religiöser und kultureller Vorstellungen. Daran sieht man eine Dimension, die viel tiefer reicht. Und das macht die Sache schwerer, zumal, wenn ernsthafte religiöse Überzeugungen hinzukommen.

    Gleichwohl: Dein Mann wurde verletzt, ihm wurde etwas weggenommen. Die Kritik an der Beschneidung setzt den Fokus genau darauf. Ich denke, es kann sinnvoll sein, ihm zu sagen, dass er IN ORDNUNG ist, auch wenn die Amputation der Vorhaut das nicht ist.

    Manche Mütter erzählen, es habe geholfen, dem Ehemann einen Brief zu schreiben. Schwer wird die Diskussion allemal. Aber ich möchte Dich dazu ermutigen, diesen Konflikt nicht zu scheuen und zu versuchen, hinter die Fassaden zu blicken, die Dich bei Deinem Mann vielleicht verwundern oder empören.

    2 Mal editiert, zuletzt von Maria Werner (2. Juni 2014 um 10:02)

  • ich denke dass dein mann momentan nur unverständniss hat, weil er unaufgeklärt ist. aber ich denke, dass er einsichtig wäre, wenn er mehr wüsste. und wir können auch mit deinem mann reden. ich habe eine islamische erzihung genossen und habe vielleicht die möglichkeit deinen mann besser zu verstehen, mehr auf ihn einzugehen.

    zur religion. es ist wie gesagt keine pflicht. der prophet sprach nie ein wort davon aus, dass man seine kinder die entscheidung nehmen solle. es ist und bleibt eine eigene freiwillige entscheidung. also würdest du seine religion nicht verletzen.

    muslimische menschen versuchen alles in ihrer macht stehende zu tun um ihre religion so gut wie möglich auszuüben. und man versucht aus liebe zum propheten seine emfehlungen zu befolgen. daher ist das praktizieren der emfehlungen des propheten schon eine selbstverständlichkeit. genau so selbstverständlich geht man davon aus, dass die kinder auch muslime werden. und das ist der grund, dass aus einer freiwilligen sache (religiös betrachtet) eine kultur wird, die weniger mit religion zu tun hat. aus kultur werden denkschemata (negative assoziationen mit der vorhaut. krankmachendes organ etc).

    dabei wird völlig vergessen, dass man dem kind das recht der eigenen entscheidung beraubt und somit sünde begehen könnte. wenn der prophet wollte, dass man seine kinder operiert, hätte er dies explizit erwähnt. hat er aber nicht (jedenfalls gibt es mir keine bekannten überlieferungen). es ist auch in keinem koranvers die rede von einer beschneidung. es handelt sich um eine emfehlung. genauso gibt es die emfehlung vom propheten zu den pflichtgebeten freiwillige sunnagebete zu verrichten. da entscheidet auch jeder für sich selber.

    wie du siehst .... bei genauer betrachtung ist die zwangsbeschneidung mehr kultur als religion.

    dein mann argumentiert, dass das kind später mehr schmerzen erleiden würde. dann müssten ja babys schmerzresistent sein und senioren ultra sensibel. der schmerzgrad bleibt derselbe. aber ein erwachsener kann den schmerz besser verarbeiten, weil er sich rational darauf einstellen kann.

    ein anderes argument ist, dass es später die funktion beeinträchtigen könnte. in anderen worten verstehe ich, dass es also nur in kindesalter risikoarm gemacht werden könne. beschneiden kann man in jedem alter und das risiko bleibt gleich. was aber feststeht ist, dass die uhrsprüngliche originale funktion, gottes gegebene funktion durch die beschneidung beeinträchtigt/beeinflusst wird.

    und muslimische menschen zeigen sich nie nackt. sie baden getrennt, sie ziehen sich getrennt um. den es gehört sich nicht sich nackt zu zeigen. das wird jedenfalls in der mir bekannten islamischen erzihung beigebracht. es sollte also höchst unwahrscheinlich sein. wenn ich intakt wäre, dann hätte es bis zu meinem jetzigen alter kein einziger muslim herausgefunden. außerdem kann euer kind auch unter nicht muslimischen intakten kindern ausgegrenzt werden. weil er anders aussieht. das ist also auch kein gutes argument von ihm.

    viel wichtiger ist, dass ein mensch aus eigener entscheidung für die religion handeln sollte. aus eigener überzeugung. wenn er wirklich das opfern möchte, aus liebe zu seiner religion kann euer kind das später im erwachsenenalter als eine art glaubensbekentniss tun.

    und erinnere deinen ehemann, dass ihr eine FESTE abmachung habt. sag ihm, dass er als ehemann dir ein versprechen gegeben hat. das versprechen, dass eure kinder später selber entscheiden können welcher religion sie angehören wollen.

    ich denke schon dass dein mann einsichtig wäre, wenn er die funktionen und aufgaben einer vorhaut kennenlernen würde und verstehen würde (vielleicht fängt er ja sogar dann an seine vorhaut durch dehnung wiederherzustellen :D ich hoffe du kennst die möglichkeit. genauso wie man seine ohrlöcher dehnen kann, können männer ihre schafthaut so lange dehnen, bis die eichel wieder bedeckt wird. und allein die existenz vom "foreskin restauration" ist der beweis, dass einige männer unzufrieden sind mit dem was sie noch überhaben. die restauration dauert mehr als 2 jahre. eine beschneidung dauert mit heilung wenige tage).

  • es gibt auch die theorie, dass betroffene ihre traumata verarbeiten, indem sie ihr unbewusstes leid weitergeben. in wie weit das stimmen könnte weis ich nicht. und dein mann könnte sich vielleicht deinem sohn unterlegen fühlen.

    und es könnte eine art psychischer selbstschutz sein. wenn dein mann euren sohn in schutz nimmt, kritisiert er seinen eigenen penis und konfrontiert sich mit seinen tief steckenden grausamen erinnerungen. also wird die beschneidung als etwas positives wahrgenommen, damit man seine probleme umgehen kann, vermeiden kann damit konfrontiert zu werden. und wenn es selbst positiv wahrgenommen wird, möchte man dieses positive ebenso für das eigene kind.

  • dass Dein Mann noch andere Motive hat neben der Religion und Kultur

    Da dürfte so etwas dabei sein, als Strategie: http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnc…ertretersyndrom

    Beachtenswert finde ich die Anführung einer religiösen Argumentation, zumal im Islam und dann auch noch von jemandem, der sonst nicht religiös ist.
    Sieht von außen betrachtet so aus, als wäre das eine bequeme Strategie, sich jeglicher Kritik zu entziehen, im Namen der Religion (wie einfach), die in Wirklichkeit verdeckte Motive ausblendet.
    Bei der rituellen oder kulturellen Beschneidung handelt es sich um einen archaischen Ritus, der verschiedenste Motive verfolgt:

    • Ein Überhöhung des männlichen Geschlechts, gerade durch die spezifische Zuwendung die der Penis erfährt, gegenüber dem weiblichen.
    • Ein "positives" Unterscheidungsmerkmal zur Überhöhung und Abgrenzung nach außen (Wir und die da). Dazu gehört dann auch das semantische Feld der Abwertung für die, die anders sind (dreckig usw.)
    • Ein Dominations-Zeremoniell (Der Vater huldigt dem Großvater usf.) und spielt seine Macht aus auf den Sohn, in den er die Tradition einschneidet (einschneiden lässt). Ödipus lässt ebenfalls grüßen.
    • Eine Verstärkung der Gruppenkohäsion


    Und zuletzt wird es zur Folge haben, in eurer Beziehung etwas Trennendes herbeizuführen, das wie ein Fluch im Raume stehen bleiben wird, wie auch die abgeschnittene Vorhaut unwiederbringlich ist.

    Du leidest vermutlich schon unter der Vorstellung, wie man dir deinen Sohn versehrt zurückgeben wird und die Gesichter der Ärzte und Krankenschwester mit ihren "das hat wunderbar geklappt, sieht gut aus, machen Sie sich keine Sorgen, ist besser so", usw. machen dir jetzt schon zu schaffen.
    Und hier sehe ich einen zusätzlichen Spieleinsatz: du sollst deine natürliche Empathie zurückstellen und nachgeben zum Vorteil von ziemlich abgehobenen und entrückten Vorstellungen, geistiger Natur, oder gar aus dem Bereich des Glaubens, der oft nur vorgeschoben wird.
    Eine weitere Komponente sind die Schuldgefühle, die Mütter dann haben, wenn sie sich die Argumentation endlich zueigen gemacht haben und intellektuell nachgegeben haben, gefühlsmäßig jedoch, werden sie die oft dauerhafte Vorstellung nicht los, ihren Sohn vor diesem Übergriff nicht "beschützt" zu haben.


    Folge deinem Gefühl. Wenn deinem Mann die Beschneidung wichtiger ist, als dein Seelenfrieden, dann ... lassen wir das...
    Ich hoffe indes, dass dem nicht so ist und er dich und deine Empathie respektiert.


    und es könnte eine art psychischer selbstschutz sein. wenn dein mann euren sohn in schutz nimmt, kritisiert er seinen eigenen penis und konfrontiert sich mit seinen tief steckenden grausamen erinnerungen. also wird die beschneidung als etwas positives wahrgenommen, damit man seine probleme umgehen kann, vermeiden kann damit konfrontiert zu werden.

    Und genau das nennt man kognitive Dissonanz. Derzeit gilt es für ihn diese zu vermeiden.

    • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
  • Es ist natürlich eine sehr, sehr persönliche Frage, wie man jetzt Deinen Mann ansprechen kann oder womit. Ich werde mal ein paar Links zusammenstellen, die möglicherweise weiterhelfen könnten.

    Hier findest Du Anregungen zu theologischen Aspekten.
    In dieser Broschüre des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte findest Du einen kurzen Abriss zur Vorhaut bei Kindern.
    Stellungnahme europäischer Ärzte und Ärzteverbände zu der Behauptung, die Amputation der Vorhaut habe angeblich gesundheitliche Vorteile. Diese Behauptung wurde kürzlich von der amerikanischen Kinderärzteorganisation AAP aufgestellt. Man muss hierzu wissen, dass Beschneidung in den USA ein wirtschaftlicher Faktor ist, der jährlich etwa zwei Milliarden Dollar einbringt, Eltern jedoch immer seltener bereit sind, ihre Söhne routinemäßig (also ohne medizinische Indikation) beschneiden zu lassen. Beschneidung wurde in den USA ursprünglich zur Verhinderung oder Eindämmung von Masturbation eingesetzt und ist immer noch weit verbreitet (wenn auch rückläufig).
    Anatomischer Vergleich eines intakten und eines beschnittenen Penis.

  • Es ist natürlich eine sehr, sehr persönliche Frage, wie man jetzt Deinen Mann ansprechen kann oder womit.

    Ganz heikel. Da ist viel Fingerspitzengefühl notwendig. Er kann da alles mögliche raushören
    - der Sex mit mir ist dir wohl nicht gut genug
    - ja, bin ich denn behindert oder verstümmelt? nein!

    Er gehört wahrscheinlich zu den vermuteten 80%, die sexuell zufrieden sind und es wäre übergriffig ihm erklären zu wollen, dass er, wäre er unbeschnitten, mehr erleben würde.
    Da fühlt er sich dann gleich in der klassischen Situation von Schauspielern in Werbespots, denen etwas fehlt und denen man etwas "verkaufen" will.

    Er kann sich einfach nur freuen, auf der richtigen Seite der Wahrscheinlichkeitsverteilung zu sein und für seinen Sohn auf Nummer sicher gehen wollen: nichts machen.

    • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
  • Hallo Sabine,

    herzlich willkommen erstmal.

    Ich kann dich sehr gut verstehen, und auch deinen Mann. Bestimmt sitzt euch auch die Familie und das restliche soziale Umfeld auch noch im Nacken. Da steckt oft viel mehr als nur die Religion dahinter. Es ist sehr sehr schwer, sich gegen die Familie durchzusetzen und mit Traditionen zu brechen. Allein schon sich einzugestehen, dass diese Tradition überholt und sogar schädlich ist, ist alles andere als einfach.

    Zunächst muss dein Mann erst mal ein Unrechtsbewusstsein entwickeln. Er muss verstehen, dass die Nachteile der Kindesbeschneidung schwerer wiegen, als die Vorteile. Wenn er das verstanden hat, dürfte es kein Problem mehr sein, ihn auch religiös zu überzeugen. Das ist wie bei der Mädchenbeschneidung.

    Um aber überhaupt erst mal den Gedanken zulassen zu können, das die Beschneidung von Kindern schädlich sein könnte, wäre es gut, wenn er wüßte dass es durchaus schon Muslime gibt, die die Beschneidung ablehnen und das auch religiös begründen können. Denn viele, die religiös von etwas überzeugt sind, können den Gedanken gar nicht zulassen, es zu hinterfragen, weil es sich für sie wie "Gotteslästerung" anfühlt.

    Angriff auf die Religion...das wird den Gläubigen oft eingeredet, dass es ein Angriff auf die Religion ist, weil einige Hardliner das zu gern als Totschagsargument nutzen. Und weil es leider auch Menschen gibt, die das Thema tatsächlich nutzen um die Religion anzugreifen. Aber das ist eine Minderheit. Hauptsächlich geht es um das Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Das muss ihm erst mal bewusst werden.

    Gut, dass Du Dich hier angemeldet hast. Wir werden Dich gern während der Gespräche mit Deinem Mann unterstützen. :)

    GLG

  • Liebe Sabine,

    ich möchte ein paar meiner Gedanken zu Deiner Situation teilen. Und ich finde es schön, dass Du Dich hier angemeldet hast. Herzlich Willkommen.

    Wenn Du mit Deinem Mann über die mögliche Beschneidung Eures Sohnes sprichst, dann sprecht Ihr, meiner Überzeugung nach, zwischen den Sätzen auch über die Beschneidung Deines Mannes. Über die äußere Ebene, die mit der Religion und kultureller Identität zu tun hat, aber eben auch, und ich vermute unausgesprochen, über das was die Beschneidung für Deinen Mann bedeutet. Es gibt da Fragen, die dadurch in der Psyche Deines Mannes angerührt werden können, Fragen wie (in kursiv:(

    Wenn meine Frau nicht möchte, dass unser Sohn beschnitten wird, was denkt sie denn dann über meine Beschneidung?

    Diese Frage stellt sich auf verschiedenen Ebenen. Die Beschneidung ist ein Symbol und ein Ritual. Beides hat große Kraft, auch wenn es für den Verstand oft nicht erkennbar ist. Mit einer religiösen Beschneidung sind Gefühle verbunden wie Zugehörigkeit, eine Art von zu Hause sein, die eigenen Wurzeln. Ich denke es geht vielleicht weniger um die Religion an sich, vielleicht eher um die kulturelle Heimat in deren Kette sich die Familie und die Ahnen befinden. Deim Mann könnte sich fragen,

    Lehnt meine Frau meine Wurzeln ab?

    Ein Mann möchte, wie jeder Mensch, bedingungslos geliebt werden. Und dazu gehört auch die eigene Geschichte. Lehnst Du die Beschneidung Deines Sohnes ab, so berührt das möglicherweise die Identität Deines Mannes und unbewusst (besser unterbewusst) wird dann die kulturelle und religiöse Heimat wichtig.

    Eine andere Frage die auftauchen könnte bezieht sich auf die Sexualität:

    Empfindet meine Frau meinen beschnittenen Penis als nachteilig gegenüber einem Unbeschnittenen?

    So eine Frage berührt das Männerbild. Und es geht dabei natürlich auch um eure Sexualität. Wie ist es bei Dir? Hast Du Erfahrungen mit einem sexuell intakten Mann und wenn ja, weiß Dein Mann davon? Und wie ist Euer Sexualleben? Ist seine Beschneidung in der einen oder anderen Form hinderlich? Und wenn ja, habt ihr darüber gesprochen? (Diese Fragen stelle ich Dir ohne eine Antwort zu erwarten, eher als Anregung.)
    Je nachdem wie weit Dein Mann sich auch über seine sexuellen Möglichkeiten definiert, kann es sein Selbstbild womöglich schwer aushalten, wenn er sich eingestehen müsste, dass seine eigene Beschneidung ihn in dieser Beziehung "beschnitten" hat.

    Weiter in der Tiefe steht dann die Frage:

    Wie habe ich die Beschneidung erlebt?

    Sich dieser Frage mit Offenheit überhaupt stellen zu können ist sehr schwer. Um sich diese Frage unvoreingenommen stellen zu können, benötigt es eine innere Bereitschaft, ehrlich zu sich selber zu sein, auch wenn sich dadurch die eigene Realität verändert. Laut C.G. Jung beruht die Realität in der man lebt darauf, dass man das, was man physisch erfährt auch psychisch erlebt, oder wie Hirnforscher (z.B. Gerald Hüther) es ausdrücken, "emotional verankert" wird.

    Es kann sein, und das ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass Dein Mann als Kind beschnittenen wurde, und er dabei nicht gefragt wurde. Dass er gar nicht beschnitten werden wollte, der kleine Junge in ihm? Und wie soll dann der kleine Junge damit umgehen, da es doch passiert ist? Der kleine Junge hat keine Wahl. Wenn er anschließend dabei bleiben würde, dass ihm Leid und Unrecht angetan wurde, dann stellt er sich gegen alles was er hat, gegen seine Eltern, seine Familie, Kultur, Religion, ... . Das kann ein Kind unmöglich aushalten. Es würde die Welt, in der der Junge lebt, zusammenbrechen. Wo sollte dann noch Sicherheit, Geborgenheit, ... zu finden sein?

    So wird der Schmerz oft verdrängt und die Beschneidung um der eigenen Selbsterhaltung willen nach außen hin positiv bewertet. Wenn Dein Mann sich also die Frage stellen würde, wie er die Beschneidung erlebt hat, und wirklich ehrlich nach innen blickt, dann geht er das Risiko ein, einem kleinen Jungen zu begegnen, der gar nicht weiß warum man ihm das angetan hat, die eigenen Eltern, die eigene Familie, einem Jungen der möglicherweise vor Verzweiflung schreit.

    Das macht es so schwer sich diese Frage mit Aufrichtigkeit zu stellen. Aber als Erwachsener ist das möglich, mit viel Mut. Sich seinen Gefühlen gegenüber zu öffnen, den Konflikt zu spüren, der damit verbunden ist.

    Einfacher ist es diese Frage mit dem Verstand zu beantworten und dies zugunsten der Beschneidung.

    Soweit meine Gedanken. Ich wünsche Dir, Deinem Mann und Eurem Sohn alles Gute.

    PS: Das Zitat von Jung im Original: "Es ist in der Tat so viel, dass wir überhaupt nicht imstande sind, jemals anzugeben, wie die Welt an sich beschaffen ist, da wir gezwungen sind sind, das physische Geschehen in einen psychischen Prozeß umzusetzen, wenn wir überhaupt von Erkenntnis reden wollen."
    (Aus dem Aufsatz: Über den Archetypus mit besonderer Berücksichtigung des Animabegriffes, 1936)

    Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig
    frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche
    Interpretation oder Verzerrung. (J. Krishnamurti)

  • ^ Dieser Satz bezieht sich auf die Frage:

    Wie habe ich die Beschneidung erlebt?

    Es ist möglich solch eine Frage rein mental, mit dem Verstand zu beantworten, oder nach nach innen zu blicken und zu spüren, welche Gefühle, Widersprüche, Emotionen damit verbunden sind.

    Weißt Du, der Verstand ist oft von der Aufgabe in Pflicht genommen zu kontrollieren, dass das Verdrängte im Unterbewußten nicht hoch kommt, also nicht berührt wird und gibt deshalb Antworten, die zwar aus dem Verstand kommen, aber nichts mit rationeller Abwägung zu tun haben.

    Mir ist natürlich klar, dass der Verstand auch als nützliches Werkzeug zur Wahrheitsfindung dienen kann und helfen, die Beschneidung unvoreingenommen als das zu reflektieren, was sie ist. Aber oft geht das nicht, da der Verstand einer Verdrängungsstrategie verpflichtet ist und dadurch nicht frei zur Verfügung steht. Schmerzhafte Gefühle und Emotionen werden dann nicht einbezogen und der Verstand wird gerade dafür genutzt, zu verhindern, dass das Erlebte unvoreingenommen betrachtet wird. Die Fähigkeiten des Denkens stehen in Abhängigkeit davon, in wie weit der Verstand mit der Psyche verbunden ist, wenn es um eigene Erlebnisse wie eine Beschneidung als Kind geht.

    Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig
    frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche
    Interpretation oder Verzerrung. (J. Krishnamurti)

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