Beiträge von Traubenzucker

    Ich war am 23. Oktober bei der Heilpraktikerin, bisher war das das einzige Mal. Und sie hat schon viele Narben behandelt, aber mit einer Beschneidungsnarbe war ich der Erste.

    Als ich angerufen habe, hat sie erst einmal abgelehnt mich zu behandeln und mir einen männl. Therapeuten nahegelegt. Ich habe sie dann gefragt, ob sie da jemanden kennen würde und dann hat sie in einem Verzeichnis gesucht und wir haben uns dabei noch ein bisschen unterhalten und sie hat genauer nachgefragt. Und als ich dann so peu a peu die Wesentlichen Eckpunkte meiner Beschneidung (als Säugling, ohne Anästhesie) erzählt habe, hat sie sich letztlich darauf eingelassen mich als Patient anzunehmen.

    Vor der Behandlung haben wir dann ausgemacht, dass sie nicht nur um meine Narben (ich habe da noch eine weitere Narbe von einer völlig unnötigen Bauch-OP, an meiner Vena testicularis) kümmert sondern auch insgesamt im holistischen Sinne. Sie hat immer wieder kinesliologisch getest, was als nächster Schritt angemessen ist und letztlich, hat sie meine Beschneidungsnarbe mit einem Laser und Pflanzenextrakten behandelt, mein Wasserelement (im Sinne der TCM, zu dem auch die Geschlechtsorgane gehören) Unterstützung gegeben.
    Und sie hat mir ein Gläschen mit dem Pflanzenpräparat in Alkohollösung und einer Beigabe für mein Wasserlelement mit Heim gegeben, das ich oral einehmen sollte (3 gtt am Tag), und mit 2gtt am Tag um dies zusammen mit einem Vitamin E reichen Öl (Weizenkeimöl oder Leinöl) dann in die Narben einzumassieren.

    Nach so 3-4 Wochen war mein Penis am jucken und übersensibel, es war schon fast eine Qual. Der Bereich der Eichel, der durch die gewaltsame Lösung der Präputialverklebung bis dahin noch immer irritiert war, hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Aber nach 2-3 weiteren Wochen ist dann etwas aufgegangen und hat es hat sich mein Penis auf eine mir bisher unbekannte Weise entspannt.

    Aber eine Zeit lang war auch noch einmal das kleine Kind in mir sehr nahe, die Emotionen und Verlassenheit.

    Und im Moment ist es noch am arbeiten. Wenn ich schreibe, da ist was zur Ruhe gekommen, auf einer ganz anderen Ebene arbeitet es da immer noch. Aber seit Mitte Dez. habe ich aufgehört die Tropfen mit dem Pflanzenextrakt zu mir zu nehmen bzw. einzumassieren.

    Schön, Danke für diese Aussage und Frage.

    Meine Antwort hierauf ist: ob man jemanden mit Mitgefühl begegnen kann hängt zum einen davon ab, in wie weit man nicht selber dazu gezwungen ist, dass bestimmte Erfahrungen im eigenen Inneren nicht berührt werden (dürfen). Oft ist dies unbewusst. (siehe oben.)
    Es gibt da diesen berühmten Satz, dass man jemanden nur dann lieben kann, wenn man sich selber liebt.

    Zum anderen, und das ist meine eigentliche Antwort auf das was Du lieber Guy geschrieben hast, ist es Deine eigene Entscheidung, welche Haltung Du Deinem Gegenüber einnimmst. Es ist Deine, wirklich allein Deine Entscheidung, ob Du versuchst die Welt mit den Augen deines Gegenübers zu sehen oder nicht. Ganz egal wie er sich verhält.

    Wenn Dein Gegenüber Gefühle unterdrückt, dann kannst Du das doch spüren. Und hast die Wahl dabei ein offenes (kein ungeschütztes, ein angemessen offenes) Herz zu haben oder Dein Herz zu schließen, in die Ablehnung zu gehen, etc.
    Wenn man abgelehnt wird, beschimpft wird, einem aggressiv und übergriffig gegenübergetreten wird, dann hat man trotzdem selber die Wahl, wie man darauf reagiert.

    Das hat nichts damit zu tun, dass man versuchen würde das Verhalten des Gegenüber zu analysieren, es ist einfach so, dass man so oder eben so gegenwärtig sein kann.

    Und meine Erfahrung ist ganz klar, es ist viel erfolgreicher, und man nimmt auch viel mehr wahr, hat mehr Möglichkeiten zu reagieren, wenn man sein Herz nicht verschließt.

    Um mit jemanden wirklich in Kontakt und Austausch kommen zu können gibt es eine Vorraussetzung. Man muss ihn akzeptieren wie er ist. Das heisst ihn (als Person) nicht als Gegner zu sehen. Dann kann man ihn vielleicht erreichen.

    Wenn man den Gegenüber so wie er ist akzeptiert hat, ihn nicht ändern will, dann ist man frei zwischen seinem Verhalten und ihm selber als Person zu unterscheiden, kann man gleichzeitig in ihm das verletzte Kind erkennen und dafür Sympathie spüren, und parallel sein Verhalten als Gegenüber kritisieren oder diesem eine Grenze setzen.

    Es wäre eine Form der Selbstaufgabe, wenn man seine eigene Haltung vom "Gegner" abhängig machen würde, dann würde man ihm Macht über sich selber verleihen. Das wäre sicher nicht gesund.

    Und dann noch etwas: wenn man mehr davon versteht wie Menschen geprägt werden und sich diese Prägungen in ihren Verhalten und Anschauungen wiederspiegeln, dann ist es leichter mit Verständnis statt mit Ablehnung zu reagieren. Das ist das was ich am Beginn dieses Strangs versucht habe, ein bisschen darüber meine Gedanken darzulegen, im Kontext mit dem Thema dieses Forums.

    An dieser Stelle möchte ich noch einmal Alice Miller zitieren:
    "Das gehört zur Tragik des Wiederholungszwanges, das man hofft, endlich eine bessere Welt zu finden, als die, die man als Kind vorgefunden hat, und im Grunde immer wieder die gleichen Konstellationen schafft."

    In wie weit mit Dehnung etwas möglich ist, kann ich nicht beurteilen. Jenseits davon gibt es aber trotzdem gibt es Möglichkeiten die Situation zu verbessern. Ich selber habe mich vor ein paar Monaten entschlossen, meine Narbe entstören zu lassen und war diesbezüglich bei einer Heilpraktikerin. Sie hat mit Laser, Kinesiologie und Pflanzenextrakten gearbeitet.

    Ich kann es noch nicht ganz genau beschreiben und will es auch noch weiter beobachten, da da ein Prozess angestossen wurde, der noch nicht abgeschlossen ist. Aber es hat sich bei mir deutlich spürbar etwas entspannt. Die Grundanspannung meines Penis ist ein ganzes Stück mehr im Frieden. Und das was ich spüren kann ist klarer und differenzierter geworden. Beim aufgerichteten Zustand ist auch die Haut entspannter, und er fühlt sich größer an.

    So als Anregung. Eine entstörte Narbe kann vielleicht auch die Ausgangsbasis für einen anschließenden Dehnungsprozess verbessern.

    Zitat

    ... Empathie kann keine Projektion der eigenen Gefühlswelt auf den Anderen sein, ...


    Ich stelle mir die Frage, warum so ein Statement auftaucht. Habe ich ich mich so missverständlich ausgedrückt? Ich habe so etwas nie geschrieben.

    Zitat

    Da bin ich ganz bei dir. Und genau das kann ein Forum mit anonymen Teilnehmern nicht bieten. Schön wäre es ja.


    Sicher, nur frage ich mich auch hier, warum Du das schreibst? Habe ich das behauptet?

    Der Grund weshalb ich hier jetzt nachhake liegt darin, dass der Gedankengang meiner Gedanken in den Antworten dieses Fadens bisher gar nicht berührt wurde. Ich frage mich natürlich, warum?

    Zitat

    Selbstbestimmung: Ich glaube das einzige was hilft ist klare Kante, die Dinge beim Namen nennen, keine falsche Rücksicht nehmen.
    Das wahre Problem heißt "offizielle Linie". §1631d. Legalisierung von Genitalverstümmelung.
    Das wahren Probleme sind auch die Medien mit ihrer beschissenen Kinderverstümmelungspropaganda und ihrem-Probleme-unter-den-Teppich-kehren.


    Das hat gar nichts mit dem was ich geschrieben habe zu tun. Und trotzdem möchte ich noch betonen, weil es da vielleicht eine Projektion auf meine Worte gibt: Empathie bedeutet nicht auf einen eigenen klaren Standpunkt zu verzichten oder diesen nicht zu verteidigen, meiner Überzeugung nach.

    Lieber Traubenzucker, die Schlußfolgerungen, die du ziehst, bergen eine gewisse Gefahr, denn sie blenden einen wesentlichen Aspekt aus: Die Hilflosigkeit des verletzten Kindes.


    Tut mir leid lieber Guy, ich habe eigentlich die Situation des Kindes versucht zu beschreiben, seine Hilflosigkeit (z. B. im 3. und 4 Absatz oben).
    Oder in meinem vorangegangen Post. Was ist die Überwindung der Resilienz des Kindes durch die Beschneidung und das anschließende Leugnen der damit verbundenen erlebten Grausamkeit den anderes als das Enstehen einer hilflosen Situation für das Kind.
    Hier ist die Definition von Resilienz durch die American Psychological Association: "Resilience is the process of adapting well in the face of adversity, trauma, tragedy, threats, or even significant sources of stress - such as family and relationship problems, serious health problems, or workplace and financial stressors. It means "bouncing back" from difficult experiences." Damit klar ist, dass wir über das Gleiche sprechen.

    Ich meine nicht, dass die Resilienz bei einem Erwachsenen, der als Kind Opfer einer traumatisch erlebten Beschneidung war, überwunden werden sollte, sicher nicht. Ich habe so den Verdacht, dass hier ein Missverständnis liegen könnte. Geschrieben habe ich so etwas jedenfalls nicht.

    Zitat

    Wenn man sich einem Menschen verständnisvoll und empathisch nähert, der eine Verletzung als Kind hinter sich hat, an der obendrein die engsten Bezugspersonen beteiligt waren, dann findet man die von dir geschilderte Wut nur an der Oberfläche.


    Diese Aussage widerspricht der Erfahrung in meiner Praxis und allem was ich an körperpsychotherapeutischer Ausbildung gelernt habe. Die Wut ist keineswegs nur an der (oder besser unter der) Oberfläche zu finden. Das ganze Ausmaß der Wut wird oftmals erst sichtbar, wenn ein therapeutischer Prozess eine gewisse Tiefe erreicht hat. So ein Prozess benötigt ein angemessenen Rahmen. Besonders wenn damit ein Schockmuster verbunden ist, wie z. B. bei einer Beschneidung ohne Anästhesie oder wenn sie mit körperlicher Gewalt einhergeht (der Junge gegen seinen Willen festgehalten wird, etc.).

    Zitat

    Wenn man sich einem ehemals als Kind von den engsten Bezugspersonen Verletztes empathisch nähert, dann kann es passieren, dass plötzlich jene Wand zusammenbricht, die um dieses „verletzte hilflose Kind“ erfolgreich hochgehalten wurde. Das sollte niemand tun, der nicht in der Lage ist zu erkennen, was er damit anrichtet und auch ausreichend professionelle Erfahrung hat, das, was er da auseinander gerissen hat, auch wieder auf den Weg der Genesung zu bringen.


    Auch hier möchte ich widersprechen. Es liest sich ja für mich fast schon so, als sei Empathie gefährlich. Dabei zeigt sich z.B. die Beliebtheit und der Lernerfolg bei Schülern im Bezug zu den Lehrern an der Fähigkeit der Lehrer, sich in das zu unterrichtende Kind hinein zu versetzen. Möchtest Du den Lehrern abraten davon, die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen, weil ein beschnittenes Kind dadurch destabilisiert werden könnte?

    Empathie beinhaltet, dass man spürt wie nahe man einem Gegenüber treten kann und wo seine Grenze liegt. Es ist im Wesentlichen etwas was im eigenen Inneren eine andere Haltung ermöglicht, beispielsweise ein offenes Herz in einer Konfrontation. Lieber Guy, Deine Vorstellung von Empathie scheint sich von meiner zu unterscheiden. Das was Du beschreibst, würde ich für einen Übergriff halten.

    Zitat

    Ein Forum ist sicher nicht der Ort für eine derartige Entwicklung und so einen Prozess anzustoßen ist brandgefährlich und Lieber Traubenzucker, die Schlußfolgerungen, die du ziehst, bergen eine gewisse Gefahr, ...


    Ich lese hier eine gewisse Angst, dass meine Gedanken hier gefährlich sein könnten. So möchte ich fragen, welche meiner Schlussfolgerungen konkret bergen eine gewisse Gefahr, oder sind in der Lage einen brandgefährlichen Prozess anzustoßen?

    Ich möchte noch etwas betonen. Das was ich oben beschrieben habe ist meines Erachtens keine Darstellung von „kognitiver Dissonanz“ (was für ein hässlicher Terminus).

    Wovon ich geschrieben habe ist von Traumatisierung, das bedeutet, dass es ein tiefe Verankerung der erlebten Grausamkeit in der Psyche des Opfers gibt, mit Verletzung verschiedener Seelenanteile. Aus existenzieller Not heraus gibt es einen Zwang zur Abspaltung der Gefühle und Emotionen (also beispielsweise der Wut) aus dem Bewußtsein. Das Kind hat keine Wahl, da die Grausamkeit geleugnet wird, nicht sein darf, ... habe ich das nicht schon beschrieben?

    Zur Resilienz, es ist ja gerade so, dass die Resilienz beim Kind, das die Beschneidung als Grausamkeit erlebt, überwunden wird, wie es bei einem Stehaufmännchen einen Punkt gibt, wo er doch auf die Seite fällt, wenn nur sein Untergrund klein genug wird. Weil auch das Stehaufmännchen ist auf einen Halt des Untergrundes angewiesen wie ein Kind auf seine Eltern.

    Die anderen Fragen an mich möchte ich in so weit beantworten, dass ich sie alle für nach außen gerichtet halte, also tendentiell das eigenene Verhalten an äußeren Umständen festmachen. Das ist nicht mein Thema. Mir geht es darum, die innere Haltung in den Fokus zu nehmen.

    Wenn man eine andere innere Haltung in der Konfrontation mit Befürwortern einnimmt, dann kann ich nicht vorhersagen wie das sein wird, aber zugleich halte ich die Wahrscheinlichkeit für ziemlich groß, dass andere Erfahrungen möglich werden. Mit offeneren Herzen und mit mehr Mitgefühl geht man andere Wege und kann die Welt leichter mit den Augen des Gegenüber sehen. Das hat was mit Menschlichkeit zu tun, nicht mit Therapie, und ist zugleich ein Kriterium das häufig zu Erfolg im eigenen Handeln führt.

    Soweit eine kleine Ergänzung meiner Gedanken.

    Der Grund warum ich diesen Strang hier eröffne liegt an einem vorangegangenen persönlichen Austausch mit Weguer. Ich hatte ihm davon geschrieben, dass in diesem Forum hier für meinen persönlichen Geschmack der Fokus tendentiell auf einer Sichtweise liegt, die durch Worte wie „Kampf, Gegner, Befürworter, ..." geprägt ist. Ich habe Weguer dazu ein paar Worte geschrieben und er schlägt vor, dass ich meine Gedanken „zur Diskussion stelle“. So versuche ich dies hiermit.

    Die allermeisten Beschneidungen von Kindern sind für mich zweifelsohne eine Grausamkeit, die den Kindern angetan wird. „Eine normale, gesunde Reaktion auf eine solche Behandlung wäre bei einem gesunden, normalen Kind eine narzißtische Wut von starker Intensität."* Doch im Regelfall erlaubt das Umfeld des beschnittenen Kindes nicht, dass diese Wut sein darf. Anstatt von Empathie, die für das Erlebte heilsam wäre, wird die Beschneidung als Vorteil im religiösen oder medizinischen Sinne dargestellt und nicht verstanden, dass das Kind eine Grausamkeit erleben musste. Der Drang des Kindes den Schmerz auszudrücken verlangt, dass man die Beschneidung als Grausamkeit erkennt. Bei der FGM ist dies für unsere Gesellschaft leichter zu erkennen, dass es sich hierbei um eine Grausamkeit handelt, da unsere Gesellschaft hier einen Blick von außen hat und dadurch objektiver wahrnehmen kann. Eine Verstrickung mit kulturellen, religiösen oder medizinischen Anschauungen gibt es bei der FGM in Deutschland kaum.

    Aber bei den Jungs ist ein Blick von außerhalb auf der gesellschaftlichen, sprich kollektiven Bewußtseinsebene nicht möglich. Und für die meisten beschnittenen Jungen gibt es keine Möglichkeit, obschon der Drang bei jedem Jungen da ist, davon bin ich überzeugt, emotional zu artikulieren, was sie erlitten haben. Der Weg einer empathischen Kommunikation wird im Bezug zur Verstümmelung des Penis fast immer verwehrt, aus mehreren Gründen. So wären die Verantwortlichen der Entscheidung zur Beschneidung sehr wahrscheinlich mit Schuldgefühlen konfrontiert, wenn sie sich dem Leid des Kindes mit Mitgefühl stellen würden, aber oft fehlt ihnen auch einfach das Bewußtsein für das was wirklich bei einer Beschneidung passiert und Arztmeinungen oder religiös motivierte Rituale werden nicht (genügend) hinterfragt.

    Da aber ein Kind nicht auf seine Eltern verzichten kann, und somit nicht auf seiner eigenen Wirklichkeit beharren, wird die erlebte Grausamkeit zum Trauma. Es ist eine wichtige Unterscheidung: das Trauma entsteht in erster Linie nicht durch die Beschneidung, sondern dadurch, dass die darin enthaltene Grausamkeit vom Umfeld geleugnet wird. Durch die Leugnung wird verhindert, dass der Schock über das Erlebte verarbeitet werden darf. (Ein Verlust eines Körperteils allein ist eine Verletzung, der Verlust von Nervengewebe hat automatisch Folgen, aber das Trauma entsteht durch das Ausbleiben des Verarbeitungsprozesses.)

    Fast immer wird, weil es ja in seinem Umfeld nicht sein darf, der Schock über das Erlebte abgespalten. Es darf nicht gefühlt und nicht gedacht werden. Dies gilt für die religiös motivierte Beschneidung ohnedies, aber auch für die medizinisch begründete Zirkumzision, die ja zumeist auch einer völlig verzerrten Wahrnehmung über die Funktion der Vorhaut und die Tiefe des operativen Eingriffs entspringt.

    Wenn die erlebte Verletzung nicht als solche gedacht und gefühlt werden darf, dann entsteht ein destruktives Verhalten, das sich oft in einer Wiederholung der Verletzung vollzieht. Als Erwachsener wiederholt man an Kindern das, was man selber erlebt hat. Und die eigene Verletzung als Kind, die keine solche sein durfte, verhindert, dass man Mitgefühl empfinden kann, wenn sich die Grausamkeit an einem Kind wiederholt. Und das gilt sowohl für die kollektive wie auch die individuelle Ebene.

    Aber im Grunde liegt in der Wiederholung eine Sehnsucht danach, dass die Verletzung als Solche gesehen wird. Ein Verlangen, dass der abgespaltene und verletzte Teil wieder heil (bzw. ganz), das heisst integriert wird.

    Davor gibt es aber eine Mauer des Widerstandes. Wenn die erlebte Grausamkeit einmal als „es darf nicht sein" akzeptiert und abgespalten wurde, dann wird das Verbot dies zu fühlen und zu denken verinnerlicht und gegensätzliche Ansichten mit gutem Gewissen bekämpft. Die Basis für ein nüchternes Reflektieren, ein Abwägen der Beschneidung und ihrer Folgen mittels rationeller Überlegungen ist dann nicht möglich, da dies dem Denk- und Fühlverbot entgegen stehen würde. Für rationelle Argumente ist der im Muster der Wiederholung und Rechtfertigung des Erlebten (als notwendig und gesund) Gefangene nicht zugänglich.

    Was würde passieren wenn er sich darauf einließe? Der Schmerz würde hochkommen, der Schmerz der nicht sein darf!

    Meiner Meinung nach ist die einzige Möglichkeit auf gesellschaftlicher Ebene etwas zu verändern, da bin ich von überzeugt, in den Befürwortern der Beschneidung die verletzten Kinder zu sehen, und ihnen mit Mitgefühl zu begegnen. Das ist mein Standpunkt und ein gänzlich anderer als wie er durch Worte wie „Kampf, Gegner, Befürworter, ..." geprägt ist. Es ist nötig in den Befürwortern nicht nur die Täter sondern auch die Opfer zu sehen. (Und es gibt dabei auch Übertragungen von anderen Formen erlebter Grausamkeiten auf die Beschneidung.)

    Wenn nun aber ein Erwachsener den Zugang zu dem kleinen Jungen in ihm findet, das ist aber eher die Ausnahme als die Regel, und er beginnt die Verletzung durch die Verstümmelung seines Penis zu fühlen und in Gedanken zu reflektieren, dann bedeutet dies häufig den Beginn einer ernsten Krise. Die Verletzung hat ja verschiedene Seiten wie zuvorderst natürlich den Verlust der sexuellen und sensitiven Funktion der Vorhaut.

    Meiner Meinung nach ist es aber auch sehr schmerzhaft, und vielleicht sogar noch schwieriger als alles andere, zu erkennen, dass die engsten Bezugspersonen, zumeist die eigenen Eltern, einen damals als Kind dieser Verletzung ausgeliefert haben, medizinisch, kulturell oder religiös begründet. Es ist schwer die Eltern zu lieben und zu respektieren und gleichzeitig in sich die Wut des kleinen Kindes zu spüren. Ich kenne das als Gefühl innerlich zerrissen zu werden.

    Und ich denke, dass viele Opfer von Beschneidungen im Kindheitsalter nach dem Spüren des Schmerzes über die erlittene Verletzung Gefahr laufen in dem Verarbeitungsprozess des Traumas stecken zu bleiben.

    Das Spüren des Schmerzes und das Bewußtwerden dessen, was einem als Kind widerfahren ist allein reicht nicht aus, um das Trauma zu verarbeiten. Es ist nur der erste Schritt. Und nach meiner Beobachtung erlauben sich die Opfer oft nicht weiter zu gehen, sondern richten ihre Energie nach außen und suchen sich hier einen Adressaten, der die Wut kanalisieren hilft. Als Adressat für die Wut bieten sich naheliegender Weise Beschneidungsbefürworter an. Aber es kommen auch Projektionen auf andere Bereiche vor, in denen die Wut kanalisiert werden kann, sei es auf politischer Ebene oder in der Partnerschaft. Oder dadurch, dass versucht wird möglichst viele Kinder vor dem Unrecht zu retten, also so eine Art „Helfersyndrom“ entsteht. Im Grunde ist es zweitrangig, da im Außen keine Lösung, kein wirkliches Verarbeiten des Erlebten möglich ist.

    Doch leider wird so ein Verhalten nicht selten als eine Möglichkeit des Verarbeitens bezeichnet, gerade dann wenn es sich eigentlich um eine Kontrolle der Wut mit Hilfe der Kanalisierung nach außen handelt. Dann wird die offene durch die kontrollierte Wut ersetzt und kann dadurch weniger gespürt werden. Aus der Abspaltung wird eine Form der Verdrängung. Ich erkenne hier keine Verarbeitung, sondern Kompensation.

    Die Verarbeitung des Traumas ist nur im Inneren möglich. Dort ist der Ort wo der Konflikt wartet, der nach einer Lösung sucht. Den Konflikt, dass etwas was war gleichzeitig als das was es war nicht sein durfte, zu erkennen ist noch nicht genug. Es muss beides zugleich gefühlt werden, der Schmerz und die Wut muss sein dürfen und die Liebe zu den engesten Bezugspersonen des Kindes, die das „sein dürfen“ nicht erlaubt hatten und das Mitgefühl verweigert haben, muss auch gespürt werden. Die Vereinigung der Gegensätze ist der Schlüssel in der Verarbeitung des Traumas.

    Dann erlebt man, dass sich etwas befreit, die Wut sich auflöst und etwas in einem zu fließen beginnt, leichter wird. Für diese Wandlung ist die Vorraussetzung, dass das kleine verletzte Kind im Erwachsenen Empathie bekommt. Sei es in einem therapeutischen Rahmen in dem Stellvertreter die Rolle der Eltern übernehmen oder der Erwachsene fühlt die Empathie für das verletzte Kind in sich selber und hält es in seinem Herzen. Letzteres ist aber für sehr überwältigende Erfahrungen des Traumas recht schwierig.

    Ein einfühlsamer Partner, bzw. Partnerin kann eine große Hilfe sein. Indem der Partner das verletzte Kind wahrnimmt und sich erlaubt den Schmerz der Verletzung in sich selber zu fühlen, mit zu fühlen, ist viel Heilung möglich. Beim Partner findet das Opfer einen Ort, wo Liebe gespürt werden kann, und gleichzeitig auch die Ohnmacht, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht des eigenen inneren Kindes. Gleichwohl ist es nicht einfach und erfordert vom Partner einiges an psychischer Stabilität.
    Möglich ist natürlich auch die Wandlung des Traumas in den Armen der leiblichen Eltern. Dies erfordert aber einen Bewußtseinswandel auch bei ihnen, wie auch genügend Kraftressourcen um Halt geben zu können.

    In wie weit eine traumatisch erlebte Beschneidung verabeitet worden ist, kann man daran erkennen, ob man die Beschneidung noch ablehnt oder als Teil des eigenen Schicksals angenommen hat. Was fühlt das Opfer im Herzen bei Gedanken an die erlebte Verletzung? Ist da Mitgefühl und Liebe für das kleine Kind in einem und kann das Verhalten der Eltern damals von der Liebe zu den Eltern unterschieden werden, oder wird das Herz eng und hinter der nächsten Ecke lauert noch die Wut?

    Eine vollständige Integration der erlebten Grausamkeit ist nicht ohne zu Verzeihen möglich, da ein vollständiges Annehmen dessen, was man erlebt und was einen geprägt hat, dies vorraussetzt. Lehnt man dieses Erlebnis als Teil der eigenen Biographie ab, so lehnt man einen Teil seines eigenen Lebens ab und kann diesen dann auch nicht wirklich integrieren. Und zu Verzeihen bedeutet im Wesen das Annehmen des Erlebten mit all seinen Facetten und Emotionen, auch der Wut gegenüber den Tätern. Das sich lösen von der Wut ist anders nicht möglich, nur dadurch dass Wut und Liebe sich einander begegnen. Darin wartet auch die Erfahrung, dass die Liebe von den beiden die größere Kraft ist.

    Ich habe ja schon geschrieben, dass ich hier im Forum meinem Empfinden nach einen Schwerpunkt wahrnehme, den ich durch Worte wie „"Kampf, Gegner, Befürworter, ..." geprägt sehe. Wenn ich dann dafür bin, in den Befürwortern die verletzten Kinder zu sehen, so habe ich in den letzten Absätzen versucht darzulegen, was dafür als Opfer einer traumatisch erlebten Beschneidung nötig ist, um das zu können.

    Dies bedeutet natürlich nicht, seine Position und Bestrebungen inhaltlich aufzugeben, ganz sicher nicht. Aber es wäre ein Handeln aus einer anderen Haltung heraus. Statt Gegner (also eigentlich Befürworter in der Sache) zu bekämpfen, welches mit angespanntem Herzen, Zynismus und (oft verdeckter) Wut geschieht, ein Handeln aus Liebe und Mitgefühl.

    Das kann durchaus bedeuten, dass Grenzen gezogen werden müssen und Konflikte ausgetragen, also auch eine Art Kampf stattfindet, es Gegner und Befürworter gibt. Und doch wäre es was ganz anderes. Die Gegensätze wären im eigenen Herzen vereint und erst dann kann es ums Ganze gehen, und nicht mehr primär darum eine andere Seite zu überzeugen.

    Könnt ihr verstehen was ich meine?

    So als ein paar meiner Gedanken.

    * Zitat von Alice Miller über Misshandlungen von Kindern im Allgemeinen, aus „Am Anfang war Erziehung", S. 277, 1. Aufl. 1980, Suhrkamp Verlag

    Hallo Mann25,

    ich habe mir Deine Beiträge durchgelesen und dabei so ein Gefühl bekommen. Kann sein, dass ich mich täusche, ich schreib es einfach mal und Du kannst dann sehen, ob es Dir hilft oder nicht.

    Zitat

    Es war für ein paar kurze Momente recht unanagenehm aber dann war eigentlich alles ok. Nur es ist ein ungewohnter Anblick und ich fühle mich dann auch etwas hilflos. Auch den großteil des Zurückschiebens habe ich wieder ihm überlassen.
    Er meinte es würde mit der zeit besser und es wär normal, dass die Eichel jetzt empfindlich ist, wenn sie so lange behütet war.
    Auch im steifen zustand solle es gehen, auch wenn sie nicht von alleine zurückgeht.


    Verstehe ich das Recht, bei Deiner Vorhaut ist physisch alles in Ordnung? Also körperlich?
    Die Eichel würde in der Tat mit der Zeit sich an die sensiblen Reize gewöhnen, wenn sie öfters direkt berührt wird.

    Zitat

    Ich denke, es ist auch psychischer Natur, denn als Kind habe ich mal herumgespielt und dann ging sie zurück die Vorhaut ab zum Arzt und man sagte mir wenn es wieder passiert das und das, quasi also wäre das ein Zustand zum Vermeiden. 3 weitere Male waren ärztliche Untersuchungen (als Kind und als Jugendlicher) 2 von den drei Ärzten haben mich nicht wirklich darauf vorbereitet und einfach gemacht. An das Gefühl selbst kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Aber ich kann mir vorstellen, dass es eine Art kindliches Trauma ist, weil ich mich immer so hilflos gefühlt habe.

    Zitat

    Sicher war es gut von ihnen gemeint, aber ich habe noch nicht vor mich beschneiden zu lassen. ich fürchte früher oder später werde ich diesen Schritt geheN; aber ich hoffe immer noch auf das Wunder, dass ich das anders und ohne große Probleme gebacken kriege. Übrigens, wenn mein Penis ja bei meiner bisherigen pflege sauber zu sein scheint und ich es ohne Beschneidung nich hinkriege, naja man kann auch mit eine asexuellen Lebensweise leben. Das ist zwar nicht unbedingt mein Ziel bei der Sache, aber auch solche Gedanken kommen mir.


    Ich denke, wenn Du schreibst, dass es für Dich auf psychischer Ebene schwierig ist, und zugleich körperlich alles in Ordnung, dann sind die Gedanken an Beschneidung oder ein asexuelles Leben selbstzerstörerisch. Beides löst keine Probleme, sondern ist vielleicht eher der Versuch einem Trauma aus dem Weg zu gehen. So wie Dein Gefühl, das sich was fremd anfühlt und Du dann sofort damit aufhörst, z.B. bei Selbstbefriedigung.

    Ich kann Dir versichern, das was sich fremd anfühlt ist sicher nicht ein Körperteil von Dir, nicht Deine Vorhaut. Die ist Dir genauso natürlich gewachsen wie Arme, Beine und Ohren. Wahrscheinlicher ist, dass Du mit Deiner Vorhaut ein Erlebnis verbindest, das Dich befremdet hat, traumatisch erlebt hast?

    Ich würde Dir raten, dass Du Dir professionelle psychologische Hilfe suchst.

    Alles Gute!

    @ Bela2012

    Die Quelle bleibt die UN. Darüber wie seriös die UN als Quelle ist bleibt eine Einschätzungssache.

    Ich habe mich viel mit der Rolle der UN in Ruanda in den 90gern beschäftigt. Und ich bin Abgründen begegnet. Mich hat das geprägt.

    Nun denn, die Nachricht hat keine gesunde Seite, egal für wie glaubwürdig man die Meldung hält. Ich selber kann es nicht einschätzen und sitze einfach geschockt und fassungslos zu Hause vor meinem Bildschirm.

    @ Selbstbestimmung

    Deshalb gibt es auch eine Quellenangabe. Es ist schwer den Wahrheitsgehalt von Nachrichten einzuordnen, das finde ich auch.

    Aber was für eine Nachricht! Da kann man nur noch beten. Im Namen der Religion solch ein Verbrechen, solch ein Leid ... . Mir fehlen die Worte und ich japse nach Luft. Mit einem Handstreich, den man Fatwa nennt. Was hat das noch mit Mensch sein zu tun?

    Ich hoffe sehr, dass die Meldung falsch ist. Mein Herz berührt sie trotzdem.

    "Sunnitische Extremisten" (ich würde eine andere Bezichnung wählen) ordnen nach Berichten der UNO (so die Berliner Zeitung mit dpa als Quellenangabe) die Genitalverstümmelung aller Frauen zwischen 11 und 46 Jahren in den von ihnen kontrollierten Gebieten an. Von dieser Fatwa der "Organisation Islamischer Staat" könnten bis zu 4 Millionen Frauen betroffen sein.

    Hier der Link: Berliner Zeitung berichtet

    Ich finde es schwer zu ertragen. ;(

    Zitat

    Zitat von Selbstbestimmung: Höchst aufschlussreich ist auch, dass in dem Entwurf genau eine Form der FGM, die Amputation der Klitoris-Vorhaut offenbar ganz gezielt unterschlagen wurde:

    Das war wohl zu peinlich, weil es halt das exakte Gegenstück zur MGM ist.

    Die Klitoris Vorhaut ist keineswegs ein Gegenstück zur Penisvorhaut. Morphologisch und physiologisch unterscheiden sie sich deutlich, und auch in der embryologischen Entwicklung ist nur der Beginn vergleichbar, die weitere Entwicklung (wohlgemerkt: embryologische Entwicklung) ist deutlich unterschiedlich.

    Von daher ist es fahrlässig, die Amputation der Klitorisvorhaut und der Penisvorhaut miteinander zu vergleichen, oder als Gegenstück bezeichnen. Das wird deutlich, wenn man sich einfach mal die Zahl der Nervenendigungen, die topographische Größe, die physiologische Rolle, etc. der beiden Strukturen ansieht.

    Lieber Lutz Herzer, Sie schreiben viel, sehr viel davon, wie Sie denken, dass andere sich verhalten und verhalten sollen. Das Verfassungsgericht, die Teilnehmer hier im Forum, über die Leute in den Links, ... . Und dabei legen Sie Ihre Einschätzung als Maßstab zu Grunde, letztlich Ihre persönliche Realität und Wahrnehmung.

    Lieber Lutz Herzer, genau aus so einer Haltung heraus wurde ich beschnitten. Da dachte ein Arzt, schon bevor ich überhaupt den Bauch meiner Mutter verlassen hatte, dass eine Beschneidung gut für mich wäre, ein Vorteil. Er hat es wahrscheinlich sogar gut gemeint. Er hat seine Realität als Maßstab genommen.

    Ich achte Ihre Meinung, und zugleich bitte ich Sie, dies mit anderen Einschätzungen auch zu tun. Mein subjektiver und persönlicher Eindruck ist ein anderer. Da habe ich den Eindruck, dass Sie eher von einem Podest heraus argumentieren, von oben herab. Argumente von anderen werden nach meinem Gefühl von Ihnen vom Tisch gefegt, mit Sätzen die sehr allgemeingültig formuliert sind und weniger als Darstellung Ihrer persönlichen Sichtweise, mit Respekt für den anderen Blickwinkel, die anderen Erfahrungen, ... .

    So muss ich an Einstein denken: "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind."

    Der Vorwurf, Maria Werner oder andere Teilnehmer im Forum hier würden sich (unbewußt) der Befürwortung der Beschneidung dienlich gegenüber verhalten, das ist genau mein Empfinden gegenüber dem Wesen in ihrem Verhalten. Leider. Es erinnert mich an die Ärzte meiner Kindheit.

    Das ist meine persönliche Meinung und vielleicht irre ich mich ja auch? Aber es ist, ehrlich, mein Erleben beim lesen ihrer Worte.

    In sexuellen Präferenzen spiegeln sich oftmals prägende Erfahrungen wieder, das heisst Erfahrungen, die aus der frühen Kindheit stammen. Ein Beispiel für solche Zusammenhänge findet sich in einer Arbeit von Michael Irving, in der er sexuelle Verletzungen mit Geburtstraumen in Verbindung setzt.
    Ref.: "Sexual Assault and Birth Trauma: Interrelated Issues", Pre- and Perinatal Psychology Journal 11. 4 (Summer 1997): 215-250.

    Die gute Frau fordert hier von ihrem Mann, wie Selbstbestimmung so schön schreibt, die Verstümmelung seines Gliedes, in erpresserischer Haltung, mit einem Kind im Bauch, ... . Da frage ich mich, wo so eine Idee herkommt. Sie ist ja von ihm als intaktem Mann schwanger geworden, und das auch schon sieben Jahre zuvor mit ihrem Erstgeborenen. Vielleicht ein kultureller Hintergrund? Aber ich musste an den Text von M. Irving denken. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen? Es ist ja wenig bekannt, wie frühe Erfahrungen sich oftmals auswirken können.

    Zu Pizarros Frage über öffentlich gestellte Fotos und Videos eine Anmerkung. Sie dürfen nicht einfach öffentlich gestellt werden, unterliegen der Schweigepflicht und sind vertraulich zu behandeln. Als Unterrichtsmaterial werden solche Fotos und Dokumente allerdings oft öffentlich gemacht. Wichtig ist dabei, dass der Patient nicht persönlich erkennbar wird, so habe ich es jedenfalls gelernt. Und bei Babys scheint das allgemein so gesehen zu werden, dass Babys voll umfänglich gezeigt werden können, was mit älteren Menschen so nicht gemacht wird. Als ob man Babys nicht ihrem Aussehen nach individuell erkennen könnte. Eine entlarvende Sichtweise, wie ich finde.

    Dann gibt es noch den Aspekt des Einverständnisses der Eltern an Kindes statt.

    Wie gesagt Anmerkungen von mir, und ich bin kein Jurist. Nur meine Erfahrungen aus der Praxis, z.B. medizinischen Kongressen, Fortbildungen, Lehrvideos, ... .

    Selbstbestimmung hat mit seinen Gedanken, meiner Meinung nach, etwas ganz Grundsätzliches berührt. Bei dieser Studie und seiner Argumentation ist das leicht zu erkennen, es werden Äpfel mit Birnen verglichen. Im Grunde gilt dies aber meines Erachtens für alle Studien in denen man Menschen mit anderen Menschen vergleicht, sofern die Fragestellung über das rein Physische hinaus geht. Geistige und Psychische Geschehen sind unmittelbar von Prägungen bestimmt. Und diese sind sehr komplex und sie sind individuell.

    Und doch ist es nicht beliebig und im Tenor bestätigt die Studie meine persönlichen Erfahrungen. Allerdings finde ich den Begriff "Gedächtnisstörung" nur eingeschränkt angemessen. Denn auch unter Narkose erfährt der Körper und die Psyche eines Patienten eine Verletzung, sicherlich besonders dann, wenn die Narkose gegen den Willen des Patienten stattfindet. Die Erinnerung an diese Verletzung ist aber aufgrund der Narkose, für das Bewußtsein schwieriger zugänglich, als eine bewußt erlebte Verletzung. Statt "Gedächtnisstörung" kann man mal damit spielen und dies als "tiefer ins Unterbewußtsein verdrängt" bezeichnen.

    Die Verletzung ist da, auch als körperliche Erinnerung und wirkt im Unterbewußtsein. Diese Wirkung ist zerstörerisch und tendentiell entfremdet sie einen von sich selber, vom eigenen Selbst, wie Jung es ausgedrückt hat. So ist mein Kenntnisstand.

    Und demnach lieber Guy ist es für mich nicht die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Eine Narkose macht es schwieriger an die psychische Dimension des Traumas heranzukommen und zu heilen. Und aus meiner eigenen therapeutischen Erfahrung mit mittlerweile mehreren tausend Kindern, auch nicht weniger schmerzhaft, wenn es gelingt, dass die Verletzung bewußt wird. Eher im Gegenteil, würde ich meinen.

    Soweit meine Gedanken zum Thema.

    ^ Als ich die Beiträge gelesen habe, hat sich in mir was komisch angefühlt, ein bisschen Ärger ist da hochgekommen. So möchte ich an dieser Stelle schreiben, dass ich die Vorstellung, meine Beschneidung hätte unter einer Narkose stattgefunden, nur als weiteren Übergriff über meine Grenzen empfinde. Keineswegs würde ich mir im Nachhinein wünschen, dass Anästhetika, in welcher Form auch immer (inkl. Penisblock) zum Einsatz gekommen wären.

    Ich schließe mich Maria Werner an. Auch in meinen Augen ist der verlinkte Beitrag sehr weit weg vom Inhalt des Forums hier. Hier geht es um Beschneidungen (Verstümmelungen) der Geschlechtsorgane. Wenn man dieses Forum dafür nutzen wollen würde, die Verletzungen von Kindern im größeren Kontext zu reflektieren, so fürchte ich, würde das Forum sich überfordern.

    Und zur religiösen Seite möchte ich noch anmerken, dass ich den Islam und das Judentum keineswegs ablehne. Ich persönlich lehne die Beschneidung (Verstümmelung) der Geschlechtsorgane im Kindesalter ab, setze diese schmerzvolle Tradition aber nicht mit der Religion als solcher gleich.

    Der Filmbeitrag der ARD "Die Sektenkinder von ... " wirkt zudem hinsichtlich Titel, Tonfall, Machart, etc. auf mich auch nicht so, als wäre dies ein Journalismus, der sich um Sachlichkeit bemüht und eher darstellend informiert, als zu verurteilen.

    Liebe Sabine,

    ich habe so ein Bauchgefühl bekommen, als ich Deine Zeilen gelesen habe. Vielleicht hilft Dir das, wenn ich versuche dieses Empfinden in Worte zu bringen?

    Da sind zwei Aspekte, über die ich beim Lesen gestolpert bin. Zum einen die Unsicherheit bei Deinem Mann gegenüber seinen Eltern, die damit zusammenhängt, dass Du gegen die Beschneidung eures Sohnes bist. Und zum anderen schreibst du, dass die Frage, wie Dein Mann seine eigene Beschneidung erlebt hat, ja, dass er da nicht mit der ganzen Wahrheit rausrücken kann oder will.

    Was sagt Dein Bauchgefühl? Gehören die beiden Aspekte in seinem Verhalten vielleicht zusammen?
    Mein Bauchgefühl bringt mich dazu, diese Frage zu stellen.

    Wie kann Dein Mann für etwas sein, worüber er selber nicht mit der ganzen Wahrheit sprechen kann oder möchte? Da braucht es gar keine Argumente mehr, auch keine Videos von anderen Männern um ihn zu überzeugen. Es ist so offensichtlich, finde ich.

    Das Verhalten Deines Mannes zeigt, dass er in einem Konflikt steckt. Warum ist es wohl so schwer über die eigene Beschneidung zu sprechen und warum zeigt sich genau bei diesem Thema die Unsicherheit gegenüber den eigenen Eltern? Warum ist es für ihn schwer? Sein Verhalten drückt dies doch aus, oder täusche ich mich?

    Und auf der anderen Seite soll es für Euren Sohn leichter sein, jetzt beschnitten zu werden, nicht erst wenn er erwachsen ist und selber abwägen kann. Ja in diesem Fall soll nicht Euer Sohn entscheiden, sondern die Eltern, ganz so als hättet ihr das nicht schon damit geregelt, dadurch dass Euer Sohn später mal selbst seine Religionszugehörigkeit wählen soll. Das ist doch so offensichtlich widersprüchlich, oder nicht?

    Für mich zeigt Dein Mann mit seinem Verhalten und seiner Haltung einen Konflikt, es passt nicht zusammen.

    Und jemanden, der in einem Konflikt steckt, hilft es meist nicht so viel, wenn man ihn versucht von etwas zu überzeugen.

    Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Dein Mann seine Not zeigt, die Not des kleinen Jungen in ihm, über den er nicht sprechen kann oder will. Er spricht nun doch, nicht mit Worten, so wie Kinder das halt tun, sondern man sieht es am Verhalten, das sagt mein Bauchgefühl. Und darin liegt eine große Chance. Der kleine Junge der damals beschnitten wurde, meinst Du nicht dass es da eine große Sehnsucht in Deinem Mann gibt, die Sehnsucht des kleinen Jungen in seiner Not.

    Wie hat er wohl seine Beschneidung erlebt, Dein Mann?

    Darum geht es! Das sagt mein Bauch. In erster Linie. Und nicht um die Beschneidung Eures Sohnes. Ich glaube, wenn der kleine Junge in Deinem Mann seine Geschichte erzählen kann und der erwachsene Mann zuhören will, dann hat sich das Thema mit der Beschneidung Eures Sohnes als Kind erledigt.

    Es ist aber sehr schwer. Ich habe in mir auch ein kleines Kind das beschnitten wurde und als ich mit seinem Schmerz in Kontakt gekommen bin, diesen Schmerz gespürt habe, da hat es mir die Füße unter dem Boden weggezogen und seitdem ist nichts mehr so wie vorher. Aber doch: was für eine Erlösung!

    Soviel zu meinem Bauchgefühl. Alles Gute für Dich und für Deinen Mann.

    PS: Ich bin nicht gegen die Videos, sie können Deinem Mann vielleicht helfen, mit dem Erleben seiner Beschneidung in Kontakt zu kommen.

    ^ Dieser Satz bezieht sich auf die Frage:

    Wie habe ich die Beschneidung erlebt?

    Es ist möglich solch eine Frage rein mental, mit dem Verstand zu beantworten, oder nach nach innen zu blicken und zu spüren, welche Gefühle, Widersprüche, Emotionen damit verbunden sind.

    Weißt Du, der Verstand ist oft von der Aufgabe in Pflicht genommen zu kontrollieren, dass das Verdrängte im Unterbewußten nicht hoch kommt, also nicht berührt wird und gibt deshalb Antworten, die zwar aus dem Verstand kommen, aber nichts mit rationeller Abwägung zu tun haben.

    Mir ist natürlich klar, dass der Verstand auch als nützliches Werkzeug zur Wahrheitsfindung dienen kann und helfen, die Beschneidung unvoreingenommen als das zu reflektieren, was sie ist. Aber oft geht das nicht, da der Verstand einer Verdrängungsstrategie verpflichtet ist und dadurch nicht frei zur Verfügung steht. Schmerzhafte Gefühle und Emotionen werden dann nicht einbezogen und der Verstand wird gerade dafür genutzt, zu verhindern, dass das Erlebte unvoreingenommen betrachtet wird. Die Fähigkeiten des Denkens stehen in Abhängigkeit davon, in wie weit der Verstand mit der Psyche verbunden ist, wenn es um eigene Erlebnisse wie eine Beschneidung als Kind geht.