Wer fühlt sich wie ich missbraucht, geschändet, entehrt?

  • Wer empfindet ähnlich? Ich möchte euch ermutigen, über eure Gefühle und Assoziationen zu sprechen und zu schreiben. Alle Facetten der Opfer-Erlebnisse sollten heute beleuchtet werden, ohne aus falsch verstandener Scham etwas auszusparen. Um irgendwann die volle Anerkennung als Opfer zu erhalten, muss man sich zuerst eben einmal exponieren...


    Im Alter von neuneinhalb wurde ich beschnitten. Das sagt sich so leicht. Dem voran ging eine Vielzahl von Penis-/ Vorhaut-/ Eichel-Kontrollen. Ich wuchs mit der Geisteshaltung meines Vaters auf: Eine Vorhaut müsse (von kleinster Kindheit an) vollständig zurückziehbar sein, damit die Eichel penibel mit Seife gereinigt werden könne. So unangenehme Gefühle, wie das Zurückziehen der naturgemäß noch engen Vorhaut auch hervorrief und noch viel mehr das Rundherum-Einseifen der Eichel in der Badewanne, ich versuchte das über mich ergehen zu lassen, beziehungsweise selbst an mir durchzuführen. Schließlich war mir ja induziert worden, dass dieses unbedingt täglich durchzuführen sei. Auch wenn ich das oftmalige Kontrollieren durch Vater/ Mutter mehr als lästig empfand. Ich nahm es zu wenig ernst, dass mein Vater meine Vorhaut als „viel zu eng“ empfand und meine Widerreden leid war. Im Umfeld seiner Ärztekolleginnen und -kollegen, meinte er, wären schon viele Buben am Penis operiert worden und bei mir sei dieses auch notwendig.


    Der letztuntersuchende Arzt vor der OP stellte zwar zu meiner Freude fest, dass er an mir keinen Operationsbedarf erkennen könne, aber was zählte das schon…


    Jetzt endlich zu meiner eigentlichen Frage: Wer fühlt sich so wie ich GESCHÄNDET, ENTEHRT, MISSBRAUCHT?


    Und zwar aus folgendem Grunde: Ohne jegliche Notwendigkeit, jeglichen Leidensdruck kam ich auf den OP-Tisch und wurde dort mit den medizinisch üblichen Rauschmitteln in die Bewusstlosigkeit versetzt. Während dieses Zustandes meinerseits machten sich mehrere Personen beiderlei Geschlechts in Weiß über mein gesundes, bis dahin naturbelassenes bestes Stück her. Sie grapschten wohl daran herum, machten vielleicht anzügliche Bemerkungen, fassten schließlich die Vorhaut mit Zangen und schnitten sie der Länge nach bis zum Eichelrand, mindestens 3 cm doppellagiges, allerhöchst-sensitives Gewebe, auf. Anschließend spreizten sie mir mit Zangen und Klemmen die gespaltene Vorhaut so weit auseinander, dass sie mir eine Plastikglocke tief auf die Eichel schieben und pressen konnten, bis hinunter zum Eichelrand. Um das zu ermöglichen, musste natürlich ein Skalpellschnitt außerdem mein Frenulum an der Unterseite der Eichel durchtrennen. Danach wurde mir mit einem festen Garn die längsgespaltene Vorhaut so eng auf die gerillte Plastikglocke abgeschnürt, um mein sensitivstes Gewebe zum Absterben zu bringen. Der über die Glocke vorstehende, bereits im Nekrotisierungsprozess begriffene Vorhautüberstand über die Glocke wurde überhaupt gleich noch an Ort und Stelle beseitigt. Mir irgendwelche Erklärungen zu geben, was genau beabsichtigt war, mir anzutun, hatte sowieso niemand für nötig gehalten. Es reichte wohl, mich mit einem braun von getrocknetem Blut verschmierten Rest-Penis und einer stufig-harten Rundung anstelle der früher geschmeidigen,
    glatten Vorhaut aufwachen zu lassen.


    Ich möchte gar nicht näher auf die ganze Woche Schmerzen bei jedem Harnlassen eingehen, bedeutsamer scheinen mir eher die Umstände der Nach-Operation, als es darum ging, die an der Vorhaut-Narbe festgebundene Plastikglocke („Plastibell“) herunterzuzerren und zu –arbeiten. Auch diesmal wieder: Hose runter. Dann auf die im Raum stehende Liege mit mir, wegschauen.
    Zu mehreren machten sie sich über meinen Penis her rissen, wälzten, kneteten und zerrten daran. Doch die an etlichen Gewebefasern der Penishaut noch festhängende Plastikglocke wollte noch nicht ab. Auf die Liege niedergedrückt, konnte ich mitverfolgen, wie mittels eines Skalpells die „widerborstigen“ Restfasern der ehemaligen Vorhaut unter höllischen Schmerzen einzeln durchtrennt wurden, um dieses widerliche Plastik-Eichelkorsett von meinem Penis zu reißen. Nach überstandenen Qualen wurde mein malträtierter Penis letztlich kunstvoll in Verband eingewickelt.


    Für das beteiligte Personal wahrscheinlich wieder so ein delikater Fall wie bei vielen anderen Jungs auch schon, der, wenn man unter sich ist, mit Gewissheit wieder für süffisant-genussvollen Gesprächsstoff gesorgt hat.
    „Mögen uns die jungen Patienten nicht so bald ausgehen!“, kann man sich da zuprosten. Da habt ihr wohl den richtigen Beruf gewählt, wenn man für die Übergriffe auf das Genital wehrloser männlicher Kinder dann sogar noch ein Gehalt bezieht, möchte ich zurufen! Wäre es anders, hätten alle verantwortungsvollen Krankenhäuser es längst abgelehnt, derartig widersinnige und perverse Genitaloperationen, wie Beschneidungen es sind, auszuführen!


    Zugegeben: Einige Kinderspitäler scheinen tatsächlich zurückhaltender geworden zu sein, nur in Notfällen zu operieren, und auch dann möglichst vorhauterhaltend.


    Liebe Grüße an alle Forenteilnehmer und -besucher noch und... bitte teilt eure Empfindungen mit!

    Edited once, last by Weguer: Tag Beschneidung fehlte (January 7, 2014 at 1:56 PM).

  • Ich kann so direkt gar nicht auf Dein geschriebenes eingehen, aber das bei mir dominierende Gefühl in dieser Sache ist, daß ich vollkommen übergangen wurde, nicht als Person respektiert wurde, sondern quasi nur Objekt war. Vorbereitung auf oder Nachbereitung von der OP hat im Gespräch nie stattgefunden. Mein Einverständnis oder meine Zustimmung wurde nicht abgefragt, der Zweck der OP nicht plausibel erklärt, nein, gar nicht erklärt, denn es gab keinen validen Grund, ich war ohne Probleme und Beschwerden bis dahin.
    Wut, Trauer und Hilflosigkeit durchmengen sich. Wut auf meine Eltern, die diese Entscheidung so leichtfertig über meinen Kopf hinweg getroffen haben, Trauer um das was mir an Würde und möglichen anderen Lebenswendungen vorenthalten wurde, und eine Hilflosigkeit bei dem Wunsch dieses Ereignis rückgängig machen zu wollen aber nicht zu können und der Schuldkonflikt in mir, ob ich meine, die eigentlich besten Eltern der Welt, dafür so sehr hassen darf.

  • Hallo,

    qualvoll erlebte ich meine Zirkumzision als Kind nicht. Es lag auch damit zusammen, dass in dem damaligen ambulanten OP Zentrum, in dem ich vorstellig gemacht wurde, derartige Operationen wie am Fließband abzulaufen schienen und so routiniert, unter effektiver Schmerzausschaltung und tiefer narkotischer Betäubung die damals zeitgemäße ärztliche Kunst an mir wie an so vielen meiner Schicksalsgenossen entsprechend praktiziert wurde. Aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis blieb es mir jedenfalls in Erinnerung, dass man damals in meiner Gegend Anfang bis Mitte der 1980er Jahre mit entsprechender Stellung der Diagnose, die eine sofortige chirurgische Therapie nach sich zog, sehr großzügig zu sein schien. Somit wurde auch nur nebenbei, ganz beiläufig, meist von den Müttern erwähnt, dass dieser oder jener auch schon operiert worden sei. Die angeblich bessere Hygiene, da sich Jungs ja in diesem Bereich ohnehin nicht gerne waschen, sowie die Vermeidung von Krankheiten, nebst den lapidaren Satz "besser jetzt als später, will ja nichts versäumen als Eltern", wurden als Begründungen allgemein gerne angegeben.

    So "erwischte" es dann auch mich. Wortlos bekam ich als Kind meine Hose ausgezogen und es wurde von Seiten meiner Mutter versucht meine Vorhaut zurückzuziehen. Dies geschah dann in gleicher Weise bei meiner Kinderärztin. Bis heute ist mir genau diese Situation sehr suspekt. Der Umstand, dass es ohne irgendwelche Erklärungen, ganz nebenbei ablief, mir Schamgefühl und Intimsphäre nicht zugestanden wurden. Meine Beschneidung selbst mache ich niemanden zum Vorwurf: Es schien eben das damalige Credo zu sein, es sei gesünder und besser so für die Jungs und Männer.

    Vielleicht wäre es jetzt zuviel zu schreiben, dass auch ich geschändet worden bin. Aber wenn ich mich genau daran zurückerinnere, so geht es schon in diese Richtung. Aber ich weiß auch nicht so genau....

  • Hallo Annuntiator,
    danke für diese Initiative und Deine Offenheit. Ich gebe zu, es fällt mir schwer, über das, was geschehen ist, unter dem Aspekt "geschändet und entehrt" nachzudenken. Zum einen, weil das harte, sehr harte Worte sind. Zum anderen, weil ich glaube, an einem Punkt in meinem Leben zu sein, der über derartige Betrachtungsweisen schon hinaus gegangen ist.
    Ich habe zwar noch immer das Gefühl, nein das Wissen, dass mir großes Unrecht getan wurde und dass das, was mir passiert ist, niemals hätte geschehen dürfen. Aber ich bin inzwischen soweit, dass ich mit meinem Zorn und meiner Wut abgeschlossen habe.
    Ja, ich habe mich oft in meinem Leben missbraucht gefühlt, entwürdigt und beraubt. Aber es liegt hinter mir und es wird an meinem Zustand nichts mehr ändern, mich diesen Gefühlen immer und immer wieder hinzugeben. Darum habe ich beschlossen, darunter einen Strich zu ziehen.
    Aber ich kann Dich nur zu gut verstehen.
    Du warst wehrlos, Dein Urvertrauen und Dein Unvermögen, irgendetwas gegen Deine Behandlung zu tun, wurden ausgenutzt. Niemand hatte sich für das interessiert, was DU wolltest, was DU NICHT wolltest und wie DU Dich gefühlt hast. Es hat niemanden interessiert, Du warst gleichgültig. Du hattest Schmerzen, Du hast Dich geschämt, Du warst hilflos.
    Und bis zum heutigen Tag musst Du sehen und spüren, was Dir damals angetan wurde.
    Ich wünsche Dir von Herzen, Annuntiator, dass Du eines Tages Deinen Frieden findest.

  • Vielen Dank, thorsten35 und Gustav,
    für euren Mut, so viel über euer Innerstes "preiszugeben".

    Gustav
    Danke für deine Wünsche. Meinen Frieden habe ich an dem Tag gefunden, an dem zumindest in der sogenannten "westlichen Welt" (natürlich wäre es noch besser überall auf der Welt) jegliche fremdbestimmte Genitalmodifikation, insbesondere an Minderjährigen beiderlei Geschlechts ein Ende gefunden haben wird. Die genitale Selbstbestimmung muss selbstverständlich sein, alle Opfer der Genitalverstümmelungen müssen als solche anerkannt und zumindest symbolisch entschädigt werden. Diese staatlich über Jahrzehnte geduldete Genitalverstümmelung muss endlich als solche klassifiziert werden und diese Vergangenheit überhaupt erst "bewältigt" werden.

    Wenn du bereits mit dir und deinem Erlebten vollkommen ins Reine gekommen bist und dir jetzige und künftige Generationen dennoch nicht egal sind, dann freut mich das für dich. Vielleicht schaffe ich das auch eines Tages. Bis dahin muss ich erst noch alle teilweise verdrängten Facetten dieser vielfachen Übergriffe aus meiner Tiefe "fördern", damit sie mich nicht im Unterbewusstsein unkontrolliert beeinflussen. Außerdem leben wir heute erstmals in einer Zeit, in der kindliche Missbrauchs- und Übergriffserfahrungen in der Öffentlichkeit anerkannt breit diskutiert werden. Da dürfen wir nicht abseits stehen, sondern müssen die meiner Meinung nach schlimmste Art der Kinderschändung, nämlich die fremdbestimmte Abtrennung hochsensibler Teile des Penis, in die Diskussion einbringen. Es ist hoch an der Zeit.
    Mit dieser kleinen "Umfrage" meinerseits möchte ich mir ein Stimmungsbild machen, wie andere über ihre Verletzungen denken, weil ich nicht von mir auf andere schließen möchte. Ich hoffe jedenfalls, dass alle, die auch für sich einen Schlussstrich gezogen haben mögen, so wie du weiterhin solidarisch mit den jüngst und noch künftig zu Opfern gewordenen mitfühlen und sich für diese einsetzen.

  • Sehr schwierig für mich, hier eine eindeutige Aussage zu treffen.
    Einerseits fühle ich mich an manchen Tagen sehr wohl geschändet, missbraucht, entehrt, verstümmelt.
    Das gilt für die Tage und diejenigen Momente, in denen ich mir meines Verlustes in vollem Umfange bewusst werde, z.B. wenn meine Hautbrücke mal wieder eingerissen ist und tagelang wehtut.
    Oder, wenn ich in einem beruflichen Meeting oder einer anderen Menschenansammlung bin, diese partout nicht verlassen kann aber die eingeklemmte Haut an meinem DTR teilweise herausgerutscht ist und grad höllisch weh tut.
    In diesen Momenten fühle ich mich betrogen und verstümmelt, dann bin ich neidisch auf all die intakten Männer, auf ihre perfekten Genitalien. Dann sehe ich die Ungerechtigkeit, dir mir angetan wurde und manchmal übermannt mich auch das Gefühl der Hilflosigkeit.

    Es gibt aber auch die andere Seite, denn meine Beschneidung und vor allem meine Auseinandersetzung damit, hat mein Leben auch zum Positiven verändert. Und dieses Positive schafft Momente, die inzwischen den größten Teil meines Lebens ausmachen:
    Es freut mich von Herzen, welche Fortschritte meine Wiederherstellung und Resensibilisierung schon gemacht hat und dass mich meine Frau beim Sex schon seit vielen Wochen nicht mehr darum gebeten hat, ich möge doch bitte schnell zum Ende kommen. Sie hat keine Schmerzen mehr und das ist unbeschreiblich schön.
    Oder wenn ich daran denke, was ich persönlich bzw. wir alle hier schon erreicht haben, wenn ich z.B. in der Diskussion mit anderen Menschen jemandem die Augen darüber öffnen kann, welche Probleme beschnittene Männer haben können, oder wenn ich sehe, dass ich einen Jungen vor einer Vorhautamputation bewahrt habe, dann macht mich das glücklich.
    Oder, ganz einfach, wenn ich daran denke, dass ich hier im Forum oder ganz allgemein durch meinen Kampf gegen MGM viele neue Freunde gefunden habe: Wäre mir meine Vorhaut nicht abgeschnitten worden, hätte ich mich höchstwahrscheinlich nie mit diesem Thema befasst und vieles von dem, was ich heute als positiv empfinde, hätte ich so nicht kennengelernt. Wahrscheinlich wäre die Beschneidung von Jungen kein Thema für mich, es würde mich wohl nicht interessieren.

    Das alles gehört zusammen, das Schlechte wie das Gute, man kann nicht das Eine ohne das Andere betrachten.

    Ja, ich fühle mich entehrt und verstümmelt. Aber ich fühle mich auch geehrt und auf dem besten Wege, mir mir viel von dem [edit: sachlich falsch] zumindest einen kleinen Teil dessen wieder zu holen, was mir genommen wurde.

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

    Edited 2 times, last by Weguer: Klarstellung um Missverständnisse zu vermeiden (January 3, 2014 at 4:58 PM).

  • Aber ich fühle mich auch geehrt und auf dem besten Wege, mir viel von dem wieder zu holen, was mir genommen wurde.

    Das perfide ist, dass einem so etwas von den MGM-Fans dann auch noch als Argument pro Kindesvertümmelung um die Ohren gehauen wird. So ist es mir schon ganz am Anfang der Debatte ergangen: "Ist doch gar nicht schlimm, gar nicht irreversibel - kann man doch wiederherstellen!"

    There is no skin like foreskin

  • Du hast recht, Selbstbestimmung, ich hab mein Posting auch schon editiert. Mit solchen Äußerungen muss man vorsichtig sein, dass sie nicht zum Bumerang werden. Auch ich musste mir von einem Beschneidungsfanatiker schon anhören, man könnte ja alles wieder rückgängig machen.
    Nein, kann man nicht. Nur ein wenig lindern.

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
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  • Vielen Dank auch dir, weguer, für deine so offene und unerschrockene Schilderung. Deine Gedanken über das Opfer-Sein finde ich sehr interessant: Ich habe mir auch schon mehrmals überlegt, was wohl mit mir wäre, wäre der Verstümmelungs-Kelch an mir vorüber gegangen. Vielleicht nähme ich dann heute die Klagen der Opfer auch weniger ernst? Jedenfalls hat das Erlittene bei mir zu einer Solidarisierung mit den jungen Menschen meines Geschlechtes und eine Sensibilisierung gegenüber ihren Bedürfnissen und Wünschen geführt, was ja durchaus ein Gewinn für die gute Sache ist.

    Gerade die tägliche aufs Neue erlebte Erkenntnis des Verstümmelt-Seins ist für mich ein Stachel, der mich nicht ruhen lässt, etwas zum Guten in der Welt bewirken zu wollen, vor allem einmal in Form von Kampf gegen sexuelle Fremdbestimmung, sei es unter medizinischem, erzieherischem oder religiösen Deckmäntelchen.

  • Jetzt endlich zu meiner eigentlichen Frage: Wer fühlt sich so wie ich GESCHÄNDET, ENTEHRT, MISSBRAUCHT?


    Das definitiv nicht, da ich in einem völlig anderen Umfeld aufwuchs und im muslimischen Umfeld ist die Beschneidung nun mal leider die Norm. Deshalb kam bei mir niemals das Gefühl einer Schändung, Entehrung oder des Missbrauchs auf. Auch war mir lange nicht bewusst, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist, schliesslich ist ja die Beschneidung bzw. die Amputation der Vorhaut etwas normales.

    Erst als sich sexuelle Probleme bemerkbar machten und ich zu realisieren begann, von wo diese Probleme stammen, kam das Gefühl der Verstümmelung auf. Ja, ich fühle mich verstümmelt! Obwohl ich meinen Eltern keinen Vorwurf mache (die handelten ja nicht bösartig und wussten es ja nicht besser), hat die Amputation meiner bestens funktionierenden Vorhaut mir meine Sexualität geraubt. Ich hatte zwar in meinen 20'ern ein äusserst erfülltes Sexualleben, doch die Probleme beim Akt machen zeigen mir immer wieder, dass ich verstümmelt bin.

    Das wirklich traurige an der Sache ist, dass ich ausser mit meiner Frau und den Leuten in diesem Forum mit niemandem wirklich über das Thema reden kann.

  • In diesen Momenten fühle ich mich betrogen und verstümmelt, dann bin ich neidisch auf all die intakten Männer, auf ihre perfekten Genitalien. Dann sehe ich die Ungerechtigkeit, dir mir angetan wurde und manchmal übermannt mich auch das Gefühl der Hilflosigkeit.

    Ja, der Neid auf die intakten Männer ist bei mir allgegenwärtig. Die Möglichkeit einfach so Sex zu haben, ohne Schmerzen oder Hilfsmitteln und einen vollen Orgasmus zu geniessen.... Ja, dass sind leider Erfahrungen, die wir wohl nie machen werden. :(

    Der Neid kommt bei mir immer auf der Toilette auf, da ich wegen meiner Eichelabdeckung kein Pissoir benutzen kann, da ich nicht möchte, dass jemand das Ding sieht.

    Es gibt aber auch die andere Seite, denn meine Beschneidung und vor allem meine Auseinandersetzung damit, hat mein Leben auch zum Positiven verändert. Und dieses Positive schafft Momente, die inzwischen den größten Teil meines Lebens ausmachen:
    Es freut mich von Herzen, welche Fortschritte meine Wiederherstellung und Resensibilisierung schon gemacht hat und dass mich meine Frau beim Sex schon seit vielen Wochen nicht mehr darum gebeten hat, ich möge doch bitte schnell zum Ende kommen. Sie hat keine Schmerzen mehr und das ist unbeschreiblich schön.

    Weguer, so positiv wie du es bist möchte ich auch mal sein!

    Trotz den Fortschritten mit meinem Penis, sind die Freuden bei mir leider zu klein und das Gefühl der Verstümmelung überwiegt leider immer noch. Die Beziehung zu meinem Penis und dessen Funktion ist leider keine positive.

  • Weguer, so positiv wie du es bist möchte ich auch mal sein!


    Das, noskin, ist das Ergebnis eines langen, eines sehr langen und schmerzlichen Prozesses. Ich war sicher nicht immer so und es hat mich viel gekostet, an diesen Punkt zu kommen, das kannst Du mir glauben. Ich habe FÜR MICH verstanden, dass das eigentliche Problem bestehen bleibt, ob ich nun daran verzweifle oder einen Vorteil daraus ziehe.
    Es kommt nur darauf an, wie ich es sehe, die Fakten ändern sich dadurch nicht.
    Aber das ist meine ganz eigene Art und ich möchte nicht, dass irgendjemand hier das missversteht als "Stellt Euch nicht so an, ist ja alles paletti". Nein, das ist meine ganz eigene Herangehensweise und ich weiß sehr gut, dass das nicht jeder kann.

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

  • Vielen Dank, noskin, für deine derart offenherzige Schilderung. Auch ich bin immer wieder im positiven Sinne neidisch auf die unversehrt gebliebenen Genitalien meiner Mitbürger.

  • Hallo Annuntiator,

    ich kann dich sehr gut verstehen. Wurde zwar erst mit 18 beschnitten, mehr oder weniger Freiwillig aufgrund einer Phimose.
    Die Folgen waren mir vorher nicht wirklich bewusst, auch oder vor allem wegen mangelnder Aufklärung durch den Urologen.
    Ich bin jetzt 26 und leide seitdem jeden Tag an den Folgen der Beschneidung, Depressionen und Komplexe in vielen Lebenssituationen sind die Folge.

    Hautbrücken, Narbenwulste und Ödeme gehören bei mir zum Alltag. Das sind nur die körperlichen (extrem trockene Eichel, Empfindungsstörungen)/optischen Einschränkung  (radikal Beschneidung, dabei entstand eine hässliche Narbe), was aber schwerer wiegt ist die seelische Belastung! Ich konnte seit her keine Beziehung mehr mit einer Frau eingehen, da ich mich einfach zu sehr für meinen verstümmelten Penis schäme. Ich habe die Angst abstoßend zu wirken. Diese Einschränkungen ziehen sich so durch den gesamten Tag und sei es nur unter der Dusche von anderen darauf angesprochen zu werden. Ich komm damit einfach nicht klar.

    Die Wiederherstellung kommt auch bei mir infrage, wobei ich doch recht unsicher bin ob es von Erfolg gekrönt wird. Es gibt dann doch vielleicht so was wie einen kleinen Lichtblick :) , da sich bei mir der Rest Haut der noch geblieben ist im schlaffen Zustand leicht über die Eichel ziehen lässt und hier zeitweise auch bleibt.

    Wie man vielleicht lesen kann fühle ich mich auch missbraucht, geschändet und entehrt.

    Wenn 50 Millionen Menschen etwas Dummes sagen, bleibt es trotzdem eine Dummheit. (Anatole France)

  • Vielen Dank, Franke87, für deine Offenheit.
    Da du bereits 18 warst, nehme ich an, dass du bewusst mit schwarzmalerischen Prognosen durch eine/n Mediziner/in zu einer Vorhaut-Amputation "genötigt" worden bist. Wurden dir Schreckens-Szenarien für den Fall deiner weiteren Intaktheit prophezeit, um dich willig zu machen? Oder hast du dich aus einem Leidensdruck heraus an den Arzt gewandt?

  • Da ich damals noch kein Internet hatte, konnte ich mich auch nicht wirklich schlau machen. Der Urologe klärte mich nicht auf, keine evtl. Folgen, keine Komplikationen, er sagte mir nicht einmal welche Beschneidung bei mir durchgeführt wurde. Am nächsten Tag ohne Frenulum aufzuwachen, ist nicht gerade schön! Ich hätte natürlich Nachfragen müssen, ging aber davon aus, dass alles seine Richtigkeit so hat.

    Das Seltsame ist ja, das damals meine 2 besten Freunde beschnitten waren und ich auch immer so sein wollte. Wahrscheinlich ging ich deswegen an die Sache so leichtfertig heran. Das böse erwachen sollte aber schon bald kommen. Das Erlebte hat meine Sichtweise auf die Beschneidung von Jungen natürlich sehr beeinflusst. Ich würde heute keinem zu diesem Schritt raten, da die Nebenwirkungen überwiegen. Mir ist es deswegen unbegreiflich wie sich Eltern leichtfertig dazu entscheiden können.

    Wenn 50 Millionen Menschen etwas Dummes sagen, bleibt es trotzdem eine Dummheit. (Anatole France)

  • Missbraucht...ich glaube nicht, dass mich wer bewusst missbraucht hat. Es war einfach damals so, dass eine Vorhaut spätestens im Schulalter zurückziehbar sein musste. Und die Leute haben funktioniert, wir Jungen waren Opfer dieser Maschinerie.
    Geschändet...was mir passierte, war keine Schande. Ich war völlig ahnungslos, hatte überhaupt keinen Schimmer, was alle Erwachsenen damit meinten mit "zurückziehen" - ich wußte nicht, wie es unter einer Vorhaut aussah, hatte nicht den geringsten Schimmer von der Existenz einer Eichel und dass ich nach einer OP für immer verändert aussehen würde. Eine Schande war es hingegen für die Erwachsenen, so wenig zu hinterfragen, was man mit uns Jungen machte. Besonders natürlich für die intakten Männer und davon nochmal besonders die Ärzte. DAS ist für mich UNBEGREIFLICH. Sich selbst mal eben schön mit der Vorhaut wichsen, sich abends noch mit der Zunge das Frenulum massieren lassen bis zum Ausflippen - und am nächsten Morgen in die Klinik oder Praxis gehen und dem nächsten ahnungslosen Jungen genau das amputieren lassen (oder es gar selbst tun), was einem gerade diese Freuden schenkte - natürlich mit dem Hinweis, es muss sein und hat keinerlei Folgen.
    Diese Ärzte verachte ich zutiefst. (Natürlich auch ihre weiblichen Helfershelferinnen, da an meiner Vorhautamputation gehörigen Anteil hatten.)

    Wobei wir beim für mich entscheidenden Punkt sind - ich fühle mich belogen und betrogen. Ich war den Erwachsenen und ihrer Scheissideologie der Nutzlosigkeit des intakten Penisses hilflos ausgeliefert. NIEMAND schützte uns Jungen davor. Kein Buch, kein Internet, kein intakter Erwachsener aufgrund seiner eigenen Erfahrungen. NIEMAND.
    ALLE haben mich angelogen. Teils trotz, teils mangels besseren Wissens.
    Ich bin betrogen worden um einen sehr großen Teil meiner Sexualität, wie ich durch die Wiederherstellung erfahre, die mir einen Teil des Verlorenen wiederbringt. Jedes Mal, wenn ich nun einen Orgasmus in einer Heftigkeit erlebe, wie sie vor Beginn der Wiederherstellung nicht mal im Ansatz möglich war, stürzt mich das nicht nur in Glücksgefühle, sondern gleichzeitig in eine Depression und Trauer, die ich nur schwer beschreiben kann.
    Darüber, dass ich all die Jahre nicht einmal dieses noch Mögliche habe spüren können - es wäre ja DA gewesen, wenn man mich wenigstens als Erwachsener über die Folgen aufgeklärt und ich dementsprechende Hilfen bekommen hätte! Dass ich die ganze Zeit dachte, es sei normal so. Ich verstehe, warum Sex nie ein große Bedeutung für mich hatte.
    Das verstehe ich jetzt, nachdem die sexuell spannendste Zeit des Lebens beinahe vorüber ist, nach einer gescheiterten Ehe und einem seit Jahren verkorksten Sexualleben, das sich eigentlich nur um die Trauer um das Verlorene dreht.

    Hier im Threat haben schon einige den Neid angesprochen. Oh ja, den empfinde ich auch, jeden Tag. Nicht im Sinne des Missgönnens, natürlich nicht.
    Sondern im Sinne einer nie erfüllbaren Sehnsucht nach meinem ehemals intakten unverletzten Körper, mit dem die meisten Männer um einen herum völlig selbstverständlich - und das ist es ja eigentlich auch - herumlaufen.

    Diese genannten Empfindungen werden nicht kleiner. Je mehr man sich mit dem Thema und einem selbst beschäftigt, umso größer werden sie, denn die Dimensionen der Verletzung werden immer konkreter und die Folgen für das eigene Leben sind immer weniger verdrängbar.

    Verstümmelt - ja natürlich! Ich bin durch äußere Einwirkung an meinem Körper radikal verändert worden und empfinde das als negativ.

    Noch schlimmer ist es für die Betroffenen, die zu alt sind, um ein Ende der Lügen in für sie selbst relevanter Weise erleben zu können.

    Ein Brieffreund von mir ist Anfang 70 und hat sein Leben unter seiner Zwangsbeschneidung gelitten. Er fiebert bei meiner Wiederherstellung mit und freut sich über jeden Fortschritt. Für ihn selbst kommt das zu spät, und er ist unsagbar traurig darüber. DAS finde ich so tragisch. Er erlebt uns gegen das Unrecht kämpfen, und sieht eine neue Generation heranwachsen, die ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einfordert und eine weitere kommen, die völlig selbstverständlich mit intakten Penissen aufwachsen wird und gar nicht ahnt, dass dieses eigentlich VÖLLIG NORMALE, SELBSTVERSTÄNDLICHSTE von der Welt einmal überhaupt nicht selbstverständlich war.
    Für ihn selbst wird immer ein Geheimnis bleiben, was man ihm genommen hat, selbst die Ahnung, die wir Jüngeren durch die Wiederherstellung davon mitbekommen können, bleibt ihm verborgen, die Sehnsucht danach, diese tiefe Sehnsucht nach diesen Gefühlen des sich fallen lassens ins Unendliche der Sexualität für immer unerfüllt.

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