Bildungsabsolutismus, Gender und das Grundgesetz

  • Nicht direkt, aber die Parallelen sind interessant und einschlägig.

    Ich steh' auf dem Schlauch. ?(

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Toleranz ist keine Einbahnstraße. Jede sexuelle Minderheit darf sie von der Mehrheit erwarten, aber auch die Mehrheit hat einen Anspruch auf Akzeptanz durch die Minderheiten.

    Ist das überzogen, in diesem Satz eine Parallele zu ziehen zwischen dem Recht auf Religionsausübung und dem Verlangen der Mehrheit nach Einhaltung von "unteilbaren" Menschenrechten?

    Wenn ja, dann löscht die Diskussion, Werner. Kein Problem.

    • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
  • Nö, wenn man alles löschen würde, wo ich auf dem Schlauch stehe... :rolleyes:

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Nichts gegen Frau Röhl persönlich, aber hat ihr Artikel etwas direkt mit dem Thema der Beschneidung zu tun?

    Vielleicht nicht direkt. Aber einen feministisch-gender-ideologisch geprägten mentalen Hintergrund bei bestimmten Abgeordneten, die im Dez. 2012 die Beschneidung von Jungen legalisiert und später die FGM unter verschärfte Strafandrohungen gestellt haben, halte ich für wahrscheinlich. Anders als mit einer ideologische Brille, wenn nicht sogar Blindheit kann ich es mir nicht erklären, wenn die Beschneidung bei kleinen Jungs nicht als Körperverletzung und Verletzung der Menschenwürde betrachtet wird, die Beschneidung von Mädchen jedoch als Schwerkriminalität. Nüchterne, realitätsbezogene Betrachtung und ein intakte Emotionalität müsste doch jedem sagen, dass man hier keinen Unterschied machen darf: niemand hat das Recht am Körper eines anderen ohne dessen Einwilligung herum zu schnippeln, nicht einwilligungsfähige Kinder sind davor zu schützen.

    Aufrichtig zu sein kann ich versprechen, unparteiisch zu sein aber nicht. (JWvG)
    Auch für die Religionsfreiheit gilt: "Freiheit ist immer nur die Freiheit des anders Denkenden." (R.Luxemburg)

  • Ich kann einfach nicht erkennen, warum die blosse gendertheoretische Dekonstruktion von Geschlechtsrollen quasi automatisch mit der Forderung nach Akzeptanz von Minderheitsvorstellungen einhergehen soll. Selbst, wenn ich - gendertheoretisch - die gesellschaftlichen und historischen Bedingtheiten der Definition dessen, was jeweils als "die" Geschlechtsidentität gilt, herausarbeite, muss das ja nicht bedeuten, dass ich ethisch oder/ und juristisch alles akzeptiere, was da "kreucht und fleucht", z.B. wenn es um die Ungleichbehandlung männlicher und weiblicher Beschneidung geht. Ich kann ja auch die Hexenverbrennung als historisch und gesellschaftlich-religiös "dekonstruieren", und sie trotzdem nicht in den Kanon gesellschaftlich akzeptierter Variationen aufnehmen. Die Thematisierung des Letzteren war ja genau das, was in der Kika-Sendung gefehlt hat.
    Dass sich bei diesem Thema Religionsvertreter und Gendertheoretiker quasi die Hand reichen, halte ich - gelinde gesagt - nicht gerade für naheliegend.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Nichts gegen Frau Röhl persönlich, aber hat ihr Artikel etwas direkt mit dem Thema der Beschneidung zu tun?

    Zitat

    Um auf den Anfang zurück zu kommen. Das Schutzgut der 2012 vom deutschen Gesetzgeber gefundenen Regelung zur Beschneidung von Jungen ab dem Säuglingsalter ist die Religionsfreiheit. Wohl gemerkt nicht die Religionsfreiheit des betroffenen Kindes, die es ja noch gar nicht ausüben kann, sondern die Religionsfreiheit der Eltern. Die im Grundgesetz geschützten speziellen Elternrechte, die zum Wohl des Kindes auszuüben sind, können - siehe Beschneidung - sehr weit gehen.

    In dieselben Elternrechte hat der einfache Gesetzgeber mit einer strafbewehrten Schulpflicht in bester Absicht und zweifelsfrei zum Wohl des Kindes eingegriffen. Dieser Eingriff ist wie jeder hoheitliche Eingriff allerdings nicht grenzenlos. Auch der Schulpflicht, die mit einer Beschulungspflicht des Staates korrespondiert, sind die Grenzen des Grundgesetzes gesetzt. Selbsternannte Bildungshoheiten dürfen eben nicht absolutistisch grenzenlos in die grundgesetzlich geschützten Elternrechte und erst recht nicht in das grundgesetzlich geschützte Kindeswohl eingreifen. Aber genau das passiert derzeit unter dem großen, ja edlen und aufgeblasenen Dach der sich bereits verselbständigt habenden Bildungspolitik.


    Da macht sie mal einen eindeutigen Punkt, die Frau Röhl. Elternrechte gehen sehr weit, wenn es um etwas so Romantisches wie Genitalverstümmelung geht. Aber halt nicht, wenn das Kindeswohl betroffen ist. Siehe Schulpflicht. Weil da sind die Grenzen des Grundgesetzes schon mal erreicht.

  • Jetzt habe ich mir den ewiglangen Text von Frau Röhl auch mal komplett angetan.

    "Die Schule ist nicht legitimiert, in die sexuelle Entwicklung von
    Kindern und Jugendlichen ... steuernd tätig zu werden. "

    Wenn Kinder durch normalen Unterricht sexuell manipulierbar sind, hätte man sich u.a. in den USA die Aversionstherapien sparen können.

    "Ein Kind, das selber noch keinen Orgasmus erlebt hat, ... steht vor dem Lehrer
    wie ein Opferlamm, wenn es Orgasmus lernen soll ...
    "

    Mir persönlich wäre es lieber gewesen, wenn meine "Aufklärung" in der Reihenfolge Theorie und Praxis, statt umgekehrt erfolgt wäre ;)

    Aber die Gegenfrage zur Aussage von Frau Röll würde doch lauten, wie sich ein Junge fühlen muss, der sich noch nie selbstbefriedigt hat, dem aber nun seine Vorhaut mit allen dazugehörigen Wundheilungsschmerzen amputiert werden soll. Hier würde der Begriff "Opferlamm" wirklich besser in den Kontext passen!!!

    Bekanntlich gibt es den Regenbogen meist erst nach einem Gewitter, wenn sich die dunklen Regenwolken verzogen haben. Daher warten wir doch einfach ab, bis Leute wie Frau Röll mit ihren Bedenken verstummt sind. Obwohl ich absolut hetero und auch Vater bin, kann ich die Befürchtungen gegen den neuen Bildungsplan nicht verstehen.

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • ...kann ich die Befürchtungen gegen den neuen Bildungsplan nicht verstehen.


    Ich ebenfalls nicht. Wieso überschreitet der Staat seine Bildungskompetenz, wenn er den Schülern Toleranz gegenüber sexuellen Variationen beibringt? Was ist daran "Steuerung" und "Manipulation"?

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • "Ein Kind, das selber noch keinen Orgasmus erlebt hat, ... steht vor dem Lehrer
    wie ein Opferlamm, wenn es Orgasmus lernen soll ..."

    Vlt kann man ja bei der 14jährigen Nadine, wenn man ihr Schwangerschaftsbäuchlein sieht, mal vorsichtig anfragen, ob sie denn bei der Tätigkeit, die dazu geführt hat, auch gewisse Gefühle gehabt hat, um dann darüber den Bogen zur Verhütungsaufklärung zu bekommen...

    Ohman, dümmer gehts nimmer...

  • Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist ein Interview des allseits bekannten Herrn Thierse (zur Erinnerung: das ist der, der Beschneidungsgegnern "militanten Atheismus" unterstellt). Darin beklagt er den Vorwurf der Homophobie gegenüber Gegnern der gleichgeschlechtlichen Ehe; deren Verteidigung der traditionellen Familie sei eine "legitime respektable" Position. Nun auf einmal hätte er gern eine sachliche Diskussion ohne Beschimpfungen.

    Ansonsten halte ich den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg für aktionistischen Schmarrn. Akzeptanz sexueller Vielfalt ist unbedingt ein Thema, aber doch nicht krampfhaft auf den gesamten Unterricht aufgepfropft!
    Ich zitiere aus dem Arbeitspapier:

    Zitat

    Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der eigenen geschlechtlichen Identität
    und Orientierung auseinander mit dem Ziel sich selbstbestimmt und reflektiert
    für ein ihrer Persönlichkeit und Lebensführung entsprechendes Berufsfeld zu
    entscheiden.


    Was, zum Kuckuck, hat denn Sexualität mit der Berufswahl zu tun?
    "Ich bin schwul, also werde ich lieber Modedesigner und nicht Profi-Fußballer" - etwa so??
    Das ist doch Stuß!

    Ein gerupfter Spatz verspottet das Gefieder seiner Artgenossen. (Sorbisches Sprichwort)


  • Ich ebenfalls nicht. Wieso überschreitet der Staat seine Bildungskompetenz, wenn er den Schülern Toleranz gegenüber sexuellen Variationen beibringt?

    Ich habe die Kritik von Frau Röhl auch ein Stück gewollt empfunden und ehrlich gesagt auch nicht in allen Punkten verstanden. Vielleicht, weil diese Punkte auch nicht nachvollziehbar sind? Interessant war der Link zu einem Transgender, der sich nicht von Feministinnen und der BaWü Landesregierung in eine Kategorie mit Schwulen, Lesben, Transsexuellen usw. stecken lassen wollte - ich denke mit guten Argumenten.
    Toleranz jedoch für sexuelle Ausprägungen - so weit sie nicht anderen Menschen zum Nachteil gereichen - zu wecken, scheint auch mir ein wichtiges Bildungsanliegen.

    Aufrichtig zu sein kann ich versprechen, unparteiisch zu sein aber nicht. (JWvG)
    Auch für die Religionsfreiheit gilt: "Freiheit ist immer nur die Freiheit des anders Denkenden." (R.Luxemburg)

  • Bettina Röhl ist mit Vorsicht zu genießen, die ist keine gute.

    Sie hat, was die Gender-Theorie angeht, zwar recht (wenn die Theorie stimmen würde, hätte man David Reimer problemlos zu einem Mädchen machen können, das hat bekanntlich nicht funktioniert), aber die Schlüsse zu denen sie kommt, sind falsch (dringender Tipp an der Stelle: "Brainwashed" von Harald Eia mal angucken. Der Film ist Gedankenfutter und gibts bei Youtube)

    Was hat Feminismus und die Gender-Theorie eigentlich mit Beschneidung zu tun.

    Alles, meine Hasen.

    Es waren die Feministinnen, die die weltweite offizielle Ächtung der weiblichen Beschneidung durchgesetzt haben. Man sollte sich vielleicht mal genauer angucken, wie die das gemacht haben. Lena Nyhus in Dänemark HAT geguckt, und guck wie weit Intact Denmark jetzt ist.

    Der Feminismus und die Gender-Theorie sorgt aber vor allem dafür, das wir nicht weiterkommen. Die Feministinnen haben Angst, dass jeder Versuch, auch die MGM zu bannen, die Mädchen wieder in den Regen stellt - und wenn man sich einige Reaktionen so ansieht, dann haben die nicht ganz Unrecht damit. Da gabs doch diesen ägyptischen Gynäkologen, der es sexistisch fand, dass die Mädchen von den Segnungen der GM ausgeschlossen sind.

    Und 2012 hat die AAP versucht, die FGM Ia und Ib wieder durch die Hintertür einzuführen - das Spiel ist für die Mädchen NICHT endgültig gewonnen.

    Was die Feministinnen aber nicht begreifen und was man ihnen aber begreiflich machen muss: Wenn wir nicht langsam die Jungs ins Boot holen, sind die Mädchen wieder im Wasser, weil das dann nämlich kentert.

    Man kann eine Gesellschaft nicht so ungleich aufbauen und dann in unruhigem Fahrwasser hoffen, dass da schon nix passiert.

    ALLE Kinder müssen geschützt werden. Unabhängig von ihrem Geschlecht. Jeder, der ein Messer in die Hand nimmt um an Kindergenitalien herumzuschneiden, MUSS Konsequenzen zu spüren kriegen. Jederzeit.

    Egal ob es der hochbezahlte US-Doc ist oder die Beschneiderin im Busch mit der rostigen Rasierklinge.

    Wenn wir DAS den Feministinnen nahebringen können oder zumindest einem Teil davon, dann wäre viel gewonnen. Denn eins haben die Gruppen:

    Enorme Durchschlagskraft.


    /Tante Edith spricht:

    Der Bildungsplan hat zumindest ein Ziel erreicht - alle bigotten Vollidioten haben sich wunderbar geoutet :)

  • Es gibt auch Frauen, die sich gegen fgm einsetzen. Frau Schewe-Gerigk von Terre des femmes hat sich gegen den Paragraphen 1631d eingesetzt und war auch an Veranstaltungen dagegen beteiligt. Ich bin da nicht so gut informiert, aber es müssten noch mehr sein.
    Ich hoffe, der Feminismus und mit ihm die starke Basis gegen fgm bleibt noch lange genug im Sattel, bis sich die Absurdität herumgesprochen hat, die darin besteht, wenn Jungen nicht gleichermaßen vor Genitalverstümmelung geschützt werden.

    ...Wir haben bis jetzt keine Freiheit des Einzelnen, des Individuums, des Bürgers. [Allen Menschen bei uns ist das Zugehörigkeitsgefühl] am wichtigsten. Sie sind Mitglieder der Nation oder Religion, aber nicht selbstbewusste und -verantwortliche Menschen.
    ein katholischer Theologe in einer Doku über Ex-Jugoslavien

    Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. ...
    Khalil Gibran

  • Es gibt auch Frauen, die sich gegen fgm einsetzen. Frau Schewe-Gerigk von Terre des femmes hat sich gegen den Paragraphen 1631d eingesetzt und war auch an Veranstaltungen dagegen beteiligt. Ich bin da nicht so gut informiert, aber es müssten noch mehr sein.
    Ich hoffe, der Feminismus und mit ihm die starke Basis gegen fgm bleibt noch lange genug im Sattel, bis sich die Absurdität herumgesprochen hat, die darin besteht, wenn Jungen nicht gleichermaßen vor Genitalverstümmelung geschützt werden.

    Verwechsel bitte nicht "Frauen" mit "Feministinnen" - da gibts Schnittmengen, aber mehr auch nicht ;)

  • Die Feministinnen haben Angst, dass jeder Versuch, auch die MGM zu bannen, die Mädchen wieder in den Regen stellt - und wenn man sich einige Reaktionen so ansieht, dann haben die nicht ganz Unrecht damit.


    Wieso sollte ein MGM-Verbot Mädchen in den Regen stellen? Das ist doch unlogisch.

    Da gabs doch diesen ägyptischen Gynäkologen, der es sexistisch fand, dass die Mädchen von den Segnungen der GM ausgeschlossen sind.


    Das schien mir eher eine Reaktion auf die Rechtfertigung der MGM zu sein. So herum ist das auch plausibler: Eine Verteidigung der MGM birgt das Risiko, das FGM-Verbot aufzuweichen.

    Ich vermute eher, daß einige Feministinnen das Monopol von Frauen auf die Opferrolle in Gefahr sehen (auch beim Thema häusliche Gewalt immer wieder zu sehen) und deshalb MGM verharmlosen. Männer als Opfer? Nein, das darf auf gar keinen Fall sein!

    Ein gerupfter Spatz verspottet das Gefieder seiner Artgenossen. (Sorbisches Sprichwort)

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