Auch zwei der Kommentare des medizinischen Personals unter dem Blogbeitrag sind ernüchternd.
Die scheinen derartige Trainings für eine gute Sache zu halten scheinen. Die Antworten zeigen ein grundlegendes Unverständnis für die Anatomie der Vorhaut.
So schreibt etwa ein Arzt, laut Doccheck sogar ein Urologe:
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"Ich denke am sollte zunächst zwischen Phimose und Vorhautverklebung unterscheiden. Das Kind anzuleiten die Vorhaut etwas zu dehnen nach dem Duschen oder Baden führt nicht zu Blutungen die Taschentücher voll füllen..
Ob es so viel besser ist, wenn die Jungs dann jetzt mit 14-16 Jahren kommen mitten in der Pubertät kommen und man sie dann zur Operation schicken muß bezweifle ich stark. Nicht jeder Trend setzt sich langfristig in der Medizin durch und das Rad wird auch nicht immer neu erfunden. Mit dem Alter des Arztes hat es schon gleich garnichts zu tun. Wer sagt denn, dass sich ältere Ärzte nicht weiterbilden können oder moderne Medizin machen? Das finde ich sehr arrogant."
Soll dieser Kommentar etwa heißen, dass Blutungen akzeptabel wären, solange sie nicht gerade „Taschentücher füllen“? Das klingt, als ob kleinere Verletzungen bei diesem „Training“ als harmlos abgetan würden.
Bereits der erste Satz ist problematisch: Er deutet zumindest darauf, dass der Arzt möglicherweise nicht begreift, dass es auch eine entwicklungsbedingte Vorhautverengung (Phimose) gibt. Eine entwicklungsbedingte Vorhautverklebung geht häufig mit einer ebenso entwicklungsbedingten Enge der Vorhaut einher.
Bei Kindern lässt sich im Regelfall ohnehin nicht objektiv bestimmen, wie eng die Vorhaut tatsächlich ist. Erst nachdem sich die Verklebung zwischen innerem Vorhautblatt und der Eichel komplett gelöst hat, kann man die Weite sinnvoll beurteilen.
Wer also bei Jungen mit nicht-zurückziehbarer Vorhaut aber ohne Beschwerden/Vernarbungen künstlich zwischen „Verklebung“ und einer – angeblichen krankhaften – „Verengung“ unterscheidet, schafft einen Graubereich, in dem völlig gesunde Kinder nahezu willkürlich als behandlungsbedürftig eingestuft werden können.
Ebenfalls bedenklich ist der Kommentar eines Krankenpflegers, der laut eigener Aussage in einer Kindernotaufnahme arbeitet:
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"Ja wenn Ärzte sich nicht weiterbilden. Ich bin in einer Kindernotaufnahme. Man erlebt auch hier einiges. Das Manipulieren ist wichtig, einfach auch weil wir viele Kinder mit Balanitis haben. Und dies sind Kinder, eben mit sehr enger Vorhaut. Aber die Manipulation sollten vom Kind erfolgen und vielleicht ab und an und ganz vorsichtig durch eine zweite Person. Es gibt Kinder da geht die Vorhaut auch mit 9 Monaten schon problem los zurück und andere haben 10 noch eine sehr enge. Alles schon erlebt. Ab und an weise ich die Eltern ein. Es darf nicht weh tun. Setz dich mit deinem Kind in die Wann macht es zusammen jeder für sich oder unter der Dusche und wie wichtig eben die Pflege ist. Auch eine Balantitis führt gern zu weiteren Verengungen bis hin zum Komplettverschluss, dass Pinkeln gar nicht mehr geht mit sofortiger OP. Und was wir auch ab und an haben. Die Vorhaut wird gern soweit zurück gestreift, dass sie über den Eichelrand ist. Ist sie eng, geht sie nicht mehr zurück. Zum Glück kann man diese in 998 von 1000 Fällen wieder zurück spielen ohne das ein chirurgischer Eingriff nötig ist. Aber sie kommen halt Hilflos in die Notaufnahme."
Auch dieser suggerierte Zusammengang zwischen einer „sehr enger Vorhaut“ und gehäuft auftretender Balanitis ist schlicht nicht haltbar. Dass der Pfleger bei Kindern mit Balanitis oftmals eine „sehr enge Vorhaut“ vorfindet, erklärt sich schlicht durch die Tatsache, dass eine nicht-zurückziehbare Vorhaut bei Kindern der Normalfall ist – je nach Alter bei über 80 Prozent der Jungen. Hier wird eine physiologische Beobachtung fälschlich als Krankheitsrisiko gedeutet, ein klassisches Beispiel für die Verwechslung von Korrelation und Kausalität.
Und die Einschätzung, ab wann eine Vorhaut als „sehr eng“ gilt, ist natürlich rein subjektiv. Wie oben schon erwähnt, kann, solange die kindliche Vorhaut noch verklebt ist, ihre Weite gar nicht objektiv gemessen werden.