Nachdem ich sehr interessiert schon einige Zeit die Beiträge hier verfolge, möchte ich mich nun als Betroffener einmal vorstellen, indem ich über meine persönlichen Erfahrungen erzähle und verzeiht dass es etwas länger ist, schließlich habe ich schon 55 Jahre am Buckel.
So ganz genau kann ich nicht mehr sagen, wann meine Beschneidung erfolgte. Ich bin Anfang der 1970er in einer österreichischen, erzkatholischen Provinz-Kleinstadt geboren und es muss so etwa im 3.- 4. Lebensjahr gewesen sein und war sicher aufgrund von ärztlichem Anraten. Trotz meines sehr großen Zweifels kann ich nicht wirklich beurteilen, ob es tatsächlich notwendig war in diesem Alter.
Eine einzige Erinnerung hat sich in mir festgebrannt: ich stapfte an der Hand meines Vaters im Flur des örtlichen Krankenhauses entlang. Damals gab es sehr viele Geburten im Familien-, Freundes- und Kollegenkreis meiner Eltern und ständig waren wir hier, um irgendwelche mir oft unbekannten jungen Mütter mit Neugeborenen zu besuchen. So war ich auch an diesem Tag gelassen und gelangweilt, auch noch als mein Vater an eine Tür klopfte. Als wir eintraten, wunderte ich mich, dass das nicht nach Krankenzimmer aussah, sondern ein Arztbehandlungszimmer war und eine Krankenschwester stand dicht vor mir. Noch in derselben Sekunde meiner Verwirrung drückte mir die Krankenschwester etwas auf Nase und Mund und schon roch ich das Narkosemittel und verlor das Bewusstsein. Neben dem unvergessenen Geruch des Gases und besonders dieses Gefühl von den eigenen Eltern in die Falle gelockt worden zu sein, kann ich mich an nichts mehr sonst daran erinnern.
Die Wundheilung dürfte nicht ganz optimal verlaufen sein, denn später einmal habe ich meine Mutter mit einer anderen Mutter darüber reden gehört, dass sie nicht mehr zu dem damals behandelnden Arzt gehen würde, denn als sie ihm geschildert habe, dass ich ständig mit den Händen da unten hin fasse und Verbände runterreiße, meinte er, dass sie mir eben bis zur Wundheilung die Hände hinter den Rücken festbinden solle. Das hat sie sehr empört. Weiters habe ich sie irgendwann einmal sagen gehört, dass sie Kamillentee nicht mehr aushalte, geschweige denn trinke, weil sie wochenlang mein Pimmelchen ständig in Kamillentee eintauchen und es baden hat müssen.
Dass mir da unten etwas weggeschnitten wurde, weil etwas zusammengewachsen ist und ich sonst nicht mehr pinkeln würde können, wurde mir offenbar als Kind erklärt, denn ich wuchs dann weiter mit dem Bewusstsein auf, dass mir etwas am Penis weggeschnitten wurde und er darum anders als bei normalen Männern aussieht. Dementsprechend war ich zum einen extrem schamhaft und vermied es unter allen Umständen, mich vor anderen nackt zu zeigen. Zum anderen aber war ich sehr neugierig, wie ein "richtiger" Penis aussehen würde, aber umgeben von einer sehr prüden Umgebung sah ich nicht einmal meinen Vater nackt, geschweige denn dass ich mit den Eltern darüber reden konnte. Ich fühlte mich lange als "beschädigter" Junge.
Mit etwa 11 Jahren waren wir mit einer bekannten Familie im Urlaub und ich war mit dem Jungen der Familie alleine in einem Zimmer untergebracht. Wenn wir unsere Unterhosen wechselten, dann machten wir das versteckt unter der Bettdecke (Das war aber damals bei Jungs in unserem Jahrgang so Usus - auch auf Schulsportwochen und dergleichen - man zeigte sich nie vor den anderen nackt - Umziehen war immer unter der Decke oder unter dem Handtuch, Duschen mit Badehose). Genau in so einem Moment - wir beide kämpften gerade unter der Decke umständlich mit dem Unterhosenwechsel - traten unsere Mütter in das Zimmer und beobachteten unser Herumgetue. Da sagte meine Mutter zur anderen Mutter "Mein Sohn schämt sich eben, weil er beschnitten ist." - darauf die andere: "das ist meiner ja auch". Sie schüttelten ob unserer Schamhaftigkeit den Kopf und gingen wieder weg. Bei mir gab es aber ein riesiges "Aha"-Erlebnis: zum einen hatte ich einen Begriff dafür, was da unten mit mir passiert ist: ich bin "beschnitten" - zum anderen hatten das offenbar auch andere Jungs. Mit dem Zimmergenossen hatte ich aber nicht so ein gutes Verhältnis, dass ich mit ihm darüber gesprochen hätte. Aber von nun an waren Augen und Ohren fokussiert auf den Begriff "Beschneidung".
Internet gab es damals noch nicht und so einfach waren Informationen nicht zugänglich. Aber dann wurde ich im religiösen Bereich aufmerksam auf den Begriff "Beschneidung": "Jesus wurde am 8. Tag beschnitten", "Tag der Beschneidung des Herrn", "Und ihr sollt das Fleisch eurer Vorhaut beschneiden. Und das soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch.".... Nach und nach begriff ich, dass offenbar im Judentum alle Männer auch beschnitten waren und dass dieser Eingriff ohne medizinischen Grund gemacht wurde. Also war mein Penis nicht so kurios, das gab es öfter - aber anderswo - jüdische Jungs gab es bei uns nicht.
In der Schule hatten wir einmal im Jahr die gefürchtete Schularzt-Visitation: alle Jungs standen nach dem Wiegen und der Größenmessung nur in der Unterhose in einer Reihe hintereinander vor dem Schularzt, der den Schüler genau körperlich untersuchte: in den Mund schauen, Herz und Atmung abhören,... die anderen dahinter schauten genau zu und bekamen natürlich auch die Dinge mit, die der Arzt seiner Sekretärin zum Notieren für die Gesundheitsakten ansagte. Dabei gehörte auch die Untersuchung des Genitalbereichs, wo er die Hose etwas weg vom Leib zog und die Hoden abtastete. Als er dies bei mir machte, meinte er beim Blick in die Hose: "ah, du bist beschnitten!", ich nickte verschämt und die Sekretärin notierte brav diesen Umstand. Dies war meinem Hintermann nicht entgangen und nach der Untersuchung fragte er mich neugierig danach und ich erklärte es ihm, dass meine Vorhaut weggeschnitten wurde. Sein angewidertes Gesichtsausdruck und anschließendes kicherndes Getuschel mit anderen Schulkollegen war nicht gerade förderlich für mein Körperbewusstsein.
Die Ergebnisse solcher Untersuchungen wurden dann Tage später mittels brieflichen Anordnungen des Schularztes in der Klasse unter lautem Vorlesen verteilt. Einige Jahre später lief das ungefähr so ab: "Müller: braucht eine Brille", "Meier: Zahnarztbesuch erforderlich", "Fischer: Hodenhochstand untersuchen lassen", "Schuster: behandlungspflichtige Vorhautverengung", "… " Oha! Da blüht einem Klassenkollegen dasselbe wie mir. Zwar sprach ich ihn darauf nicht an, aber das war wie ein Knoten in mir, der sich löste: es gibt doch mehr andere Jungs mit beschnittenem Penis in meinem Umfeld, was sich auch im Laufe der Schulzeit mehrmals bestätigte. Es verringerte sich dann auch die Scham, mich nackt beim Duschen oder in der Umkleide zu zeigen.
Dennoch empfand ich wenig Gefallen an meinem Penis, sowohl weil er beschnitten ist, als auch weil die Schnittstelle unschön unregelmäßig vernarbt ist. Unbeschnittene gefielen und gefallen mir immer noch viel besser. Bei mir wurde die Vorhaut radikal entfernt (ich glaube man nennt es high & tight), das Vorhautbändchen ist - zum Glück - unbeschadet geblieben und dort liegt auch mein sexuell sensibelstes Hauptareal. Während ich als Jugendlicher entdeckte, diesen Bereich befriedigend zu stimulieren, wandten sich meine Phantasien und Gefühle im Kopf komplett dem Männerkörper, dem eigenen Geschlecht zu. Schwul in der Provinz als introvertierter Jugendlicher zu leben ist zusätzlich nicht sehr selbstbewusstseinsfördernd. Erst als ich zum Studium in die Großstadt zog, sammelte ich erste sexuelle Erfahrungen mit anderen unbeschnittenen Männern, wobei ich anfangs wegen meines beschnittenen Penis ziemliche Angst vor Zurückweisung hatte. Jedoch außer ein bloß feststellendes "oh du bist beschnitten", war das nie ein großes Thema. Ich merkte aber, dass Unbeschnittene an ihrem Penis andere Sensibilitäten hatten als ich. Dies schrieb ich aber einfach individuellen Unterschieden zu - jeder ist eben ein bisschen anders.
Sehr erhellend war schließlich die Lektüre der Bücher "Ent-hüllt!" und "Unaussprechliche Verstümmelungen". Mir fiel es dabei wie Schuppen von den Augen. Plötzlich fand ich für so einiges in meinem Leben plausible Erklärungen und ich habe das Thema auch intensiver mit meinem (unbeschnittenen) Ehemann besprochen: Zum einen wie tief diese Beschneidung, dieses unausgesprochene Gefühl des Verstümmeltseins auch in meine Psyche gedrungen ist und auch immer noch mein Verhalten beeinflusst, zum anderen dass ich wichtige Gefühlsareale am Penis verloren habe. Z.B. Ist meine Eichel aufgrund der Verhornung quasi unempfindlich. Glücklicherweise harmonisieren mein Mann und ich auch sexuell so gut, dass er weiß, wie er mich zu meiner Befriedigung anfassen muss. Doch wie stark die Unterschiede sind, ist uns erst durch diese Gespräche bewusst geworden.
Und das ist im Prinzip auch die Conclusio dieser vielen Zeilen meiner Beschneidungsgeschichte: Das Schlimmste daran war, niemanden zum Reden gehabt zu haben bzw. den Mut dazu nicht gehabt zu haben, allein gelassen worden zu sein mit meinen Ängsten und Problemen. Ich hoffe dass sich mittlerweile die Zeiten geändert haben und zumindest Eltern mehr Gesprächsbereitschaft zeigen. Zum Glück aber gibt es heute das Internet und solche Foren wie dieses, die mir damals eine sehr große Hilfe gewesen wären.