Liebe Theresa,
vielen Dank für Deine Leidensgeschichte. Ich bin sehr berührt.
Zu dem nachfolgenden Dialog möchte ich noch kurz meine Gedanken anfügen. Ganz subjektive Gedanken, aber vielleicht dienen sie ja zur Anregung. In meinem Alltag behandle ich selber oft traumatisierte Menschen.
Es ist nach meiner Erfahrung schwierig einen Erwachsenen mit seinem Trauma zu konfrontieren, wenn er dieses Erlebnis verdrängt. Das Verdrängen hat seine Berechtigung und es ist nicht schlecht dies zu würdigen. Es ist eine Strategie mit dem Erlebnis umzugehen. Nachdem was Du über Deinen Mann schreibst, so erscheint mir es gut möglich, dass Dein Mann seine Beschneidung traumatisch erlebt hat und deshalb verdrängt. Deshalb die Frage: Was würde er wohl empfinden, wenn er sich erlauben würde, dass das verdrängte Erlebnis in ihm hochkommt?
Es gibt traumatische Erlebnisse, bei denen kann man sich in einem geschützten Rahmen, liebevoll begleitet, dem erlebten Trauma gegenüber öffnen, die Emotionen aufsteigen lassen und man behält dabei die Kontrolle über die Situation. Meistens ist dies sehr heilsam. Trifft dies auf Deinem Mann zu, dann wäre für mich die Frage: Was benötigt Dein Mann, dass er sich darauf einlassen kann, sich dem Erlebnis seiner Beschneidung und dem damit verbunden Schmerz und Verlust gegenüber zu öffnen? Weil davon kann man ausgehen, sein inneres Kind von 16 Jahren sehnt sich wahrscheinlich danach, dass der Schmerz und die Verletzung gesehen werden.
Es gibt auch traumatische Erfahrungen, bei denen würde das Aufsteigen des Traumas dazu führen, dass man überwältigt wird und die Kontrolle verliert und dann ist eine angemessene professionelle Begleitung notwendig, um eine Retraumatisierung zu verhindern.
Weißt Du die Umstände unter denen Dein Mann beschnitten wurde? Hat er sich gewehrt, wurde sein Wille "gebrochen"? Wie war die Anästhesie? Was bedeutet die Beschneidung für das Verhältnis von Deinem Mann zu seiner Ursprungsfamilie?
Es kann sein, dass der Verlust der sexuellen Sensitivität und Intimität gar nicht im Vordergrund steht. Manchmal kann das Eingestehen so einer Verletzung bedeuten, dass Gefühle gegen seine eigenen Eltern hochkommen, gegenüber seiner Kultur, gegenüber seinen Wurzeln. Das kommt manchmal einem Identitätsverlust gleich und würde dann weiter reichen.
Was soll ich schreiben? Vielleicht ist die sinnvollste Frage, welche Bedürfnisse bei Deinem Mann erfüllt sein müssen, damit Du ihn auf die Beschneidung ansprechen kannst, auf eure Schwierigkeiten die damit einhergehen, ohne dass er zumacht und das Gespräch abblockt. Z.B. das Bedürfniss nach Sicherheit, oder nach Anerkennung?
Sich einem Gespräch gegenüber zu öffnen ist nicht damit gleichbedeutend, dass die Emotionen, die mit der Beschneidung verbunden sind, hochkommen. Es kann aber passieren. Deshalb kann man das schwer erzwingen, ohne auf Widerstand zu treffen. Mit viel Mitgefühl und Empathie, und mit Geduld öffnen sich verletzte Männer leichter, freiwillig. Ein Teil in Deinem Mann sehnt sich wahrscheinlich sogar danach.
So ein paar meiner Gedanken, die mir gekommen sind, als ich den vorhergehenden Dialog gelesen habe.
Mir tut es leid, wie die Frauen unter der Beschneidung ihrer Männer leiden.
Und vielleicht hätts das auch eh nich, aber ich hätte mit Vorhaut wohl definitiv mehr gespürt