Wer weiß von eurer Beschneidung ?

  • Moin Leute

    Ich wurde im Turnunterricht in der schule gemobbt, weil ich beschnitten bin.
    Sie haben mir "kleiner Jude" oder "Moslem" gesagt.

    Eines Tages aber kam ein Klassenkollege zu mir (er war Moslem) und sagte, dass er jetzt dann aus religiösen gründen beschnitten werde.
    Ab diesem Moment, fühlte ich mich schon nicht mehr so alleine in diesem Thema.
    Ein paar Wochen später, als mein Klassenkollege beschnitten war, erzählte dieser, dass er am Beschneidungstag eine Spritze in die Peniswurzel bekommen hat, und gesehen hat, wie ihm die Vorhaut weggeschnitten wurde. Und all das unter Aufsicht der ganzen Familie.

  • Absolutes Tabuthema, das wissen nur meine Eltern, die Frauen mit denen ich GV hatte und ein paar Jungs von damals mit denen ich nach dem Sport duschen war, was mir mehr als peinlich war. Ich habe auch ein paar Sprüche abbekommen wie: Na haste dir nicht ordentlich den Penis gewaschen ?...
    Großes Gelächter in der Klasse und ich habe mitbekommen wie die Klassenkameraden sich hinter meinem Rücken darüber lustig gemacht haben. Es gab auch andere beschnittene Jungs aus der Parallelklasse, die sich aber wenig genierten. Bei mir wiederrum lösten solche Sprüche noch mehr Schamgefühl aus.
    Bei den Frauen hat mich erst eine darauf angesprochen ob ich beschnitten bin, ich sagte natürlich ja, es blieb mir nichts anderes übrig, ab da an war ich lockerer was das Thema anging. Sie fand es gut allein wegen dem hygenischen Aspekt und weil sie Vorhäute bei Männern als abschreckend-eklig und wurmartig empfand. Vor Frauen empfinde ich so gut wie kaum ein Schamgefühl mehr, da sie immer absolut zufrieden mit meinem Penis und dem Sex waren und auch immer wieder mit mir schlafen wollten. Ansonsten gehe ich auf Grund dieser Lästerein immernoch nicht in die Gemeinschaftsdusche mit anderen Männern, das hat irgendwie zu sehr geprägt damals.
    Ich mag es nicht verspottet zu werden, ich werde sofort rot und will flüchten und dementsprechend schweige ich beim Thema Vorhaut oder lenke gar vom Thema ab sobald es unangenehm werden kann. Ich kann es auch nicht abstellen, mir ist das so peinlich. Immernoch ! Es gibt eigentlich keinen Grund sich zu verstecken aber mein Kopf will immer noch den Fluchtweg gehen. Wenn ich über das Thema spreche, dann nur mit vertrauten Personen, wo ich weiss das bei denen Schweigepflicht herrscht.

    Die Gesetze, die wir ergänzen, sind die Gesetze der Natur, Herzrasen, Schweiß und Blut und Adrenalin pur !!!

  • Jetzt will ich nach längerer Pause auch mal wieder was schreiben.

    Nachdem ich mit dem Klassenkameraden der das damals wusste und dem anderen erzählt hat jahrelang nichts mehr zutun hatte, holt mich das Ganze jetzt wieder ein. Der ist jetzt im Lohnunternehmen von meinem Kumpel angefangen dem ich auch ab und zu aushelfe. Mal gucken wie wir uns da verstehen, nach unserem Streit in der Schule kamen wir später eigentlich wieder miteinander klar.

    Nach einigen Erfahrungen die ich machen musste muss ich zum Thema Beschneidung mittlerweile folgendes sagen: Es gibt deutlich schlimmeres. Das werden hier einige nicht hören wollen aber es ist so. Klar ist, da fehlt dann was, aber man überlebt es ! Ich habe mich letztes Jahr als Stammzellenspender typisieren lassen weil im Frühjahr für einen Bekannten vom Arbeitskollegen und im Herbst für einen 18 jährigen Jungen ein Spender gesucht wurde. Mit dem Thema habe ich mich dann mal auseinander gesetzt und mir ist viel durch den Kopf gegangen. Mir ist auch klar geworden wie nah ich im schlimmsten Fall, der nicht eingetreten ist aber die Möglichkeit bestand, selbst dran war an so etwas.

    Klar geworden ist mir: Ich werde nie wissen wie es ist die Vorhaut beim duschen zurück zu ziehen, mit Vorhaut SB zu machen oder Sex zu haben. Ich muss damit leben anders auszusehen, aber ich lebe !
    Hätte man mir mit zehn Jahren gesagt: "Der Grund für die Entzündung deiner Augen ist eine Entzündung im Knochenmark, schlimmsten Falls ist es schon Krebs" hätte es sein können das ich vieles nie erlebe.
    Dafür das es damals nur eine verschleppte Erkältung war und alles ohne Spätfolgen geblieben ist bin ich dankbar. Wie gefährlich die Diagnose "Knochenmarkentzündung" gewesen wäre habe ich erst erfahren als dadurch in der Verwandschaft eines Kollegen jemand gestorben ist.

    Ich will hier nichts verharmlosen oder verschlimmern. Beschneidung ist nicht lustig und nicht jeder kommt damit klar. Auch eine Knochenmarkentzündung kommt bei Menschen unter 60 eher selten vor, allerdings ist eine Regenbogenhautentzündung der Augen bei Kindern auch sehr selten.

    Man soll sich nicht am Unheil anderer erfreuen bzw. da Vergleiche ziehen. Für mich muss ich aber feststellen, es hätte viel schlimmer kommen können...

  • Hallo Mr.M,
    absolut deiner Meinung, es gibt viel schlimmes auf der Welt, und man muss mit dem was man hat das beste draus machen und zufrieden sein.

    Aber ich glaube nicht, dass man Krankheiten oder sonstige Schicksalsschläge mit Beschneidung und deren irreversiblen Folgen auch nur annähernd in Vergleich oder in Relation sehen kann, denn eine nicht selbstbestimmte, eigenverantwortliche und aufgeklärte radikale Beschneidung wäre in glaub nahezu 100% der Fälle vermeidbar. Da fehlt es woanders, ist nicht eine Laune des persönlichen Schicksals sondern eher der Verblendung und Verbohrtheit der Menschen geschuldet...

    Ich muss damit leben anders auszusehen

    Das ich an meinem Penis "anders" aussehe, ist mir ehrlich gesagt egal...aber das ich beim Sex nicht mehr das erleben und fühlen kann, wie vor meiner Beschneidung...ob und wie ich damit jemals klarkommen werde, weiß ich echt nicht...

    Ich muss damit leben...aber ich werde nicht aufhören zu versuchen etwas zu ändern. Erst wenn sich anfängt was zu ändern, werde ich zufrieden sein...

    Menschen wurden erschaffen, um geliebt zu werden. Dinge wurden erschaffen, um benutzt zu werden. Der Grund, warum sich die Welt im Chaos befindet ist, weil Dinge geliebt und Menschen benutzt werden. -Dalai Lama

  • Grundsätzlich schließe ich mich Urolüge gerne an. Ein paar zusätzliche Anmerkungen habe ich aber dennoch.

    Nach einigen Erfahrungen die ich machen musste muss ich zum Thema Beschneidung mittlerweile folgendes sagen: Es gibt deutlich schlimmeres. Das werden hier einige nicht hören wollen aber es ist so. Klar ist, da fehlt dann was, aber man überlebt es !

    Das ist - objektiv gesehen - zunächst einmal zu 100% wahr. Es gibt Schlimmeres. Unheilbar an Krebs zu erkranken, der Tod der eigenen Kinder, Völkermord und Kriegsverbrechen. Das alles dürfte von den meisten Menschen als schlimmer erachtet werden. Doch spielt das wirklich eine Rolle? Gibt es ein offizielles Ranking, nach der Leid klassifiziert wird und an die man sich zu halten hat?
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass Du das so nicht gemeint hast, denn Dein Satz

    Ich will hier nichts verharmlosen oder verschlimmern. Beschneidung ist nicht lustig und nicht jeder kommt damit klar.

    zeigt, dass Du grundsätzlich verstanden hast, worum es geht.

    Dennoch: Leid ist immer subjektiv. Was für den Einen lästig und unangenehm ist, kann für den Anderen lebenslanges Leid bedeuten. Zu diesen unterschiedlichen Empfindungen kann man natürlich seine Meinung haben, doch haben wir wirklich das Recht, darüber zu urteilen, wie ein Mensch zu empfinden hat? Dürfen wir wirklich unsere eigene Sicht der Dinge über die der anderen Menschen stellen?

    Ich mache das an ganz konkreten Beispielen fest:
    Ich habe als Kind sexuellen Missbrauch erlebt. Das war schlimm, es hat Jahre gedauert, das zu verarbeiten und damit abzuschließen. Doch irgendwann habe ich es geschafft, heute belastet mich dieses Erlebnis nicht mehr.
    Bei meiner "Beschneidung" war dies anders. Bis vor wenigen Jahren habe ich darunter gelitten. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, woran das lag: Nicht, weil dieser Vorgang überaus brutal und schmerzhaft gewesen wäre. Nein, es war keine rituelle Verstümmelung, ohne Narkose und unter Anwendung von Gewalt. Nein, sie fand in einer Klinik statt, unter Narkose und perfekten Bedingungen. Ich bin mir aber sehr sicher, dass mein Trauma unter anderem darin begründet war, dass die OP an sich, ihre Folgen für meinen Körper und meine Seele nie als das gesehen und erkannt wurde, was es war. Es war für mich als Kind schlimm, dort operiert zu werden, es war für mich als Jugendlicher schlimm, anders zu sein und es war für mich als Erwachsener schlimm, ein derart gefühlsreduziertes Genital zu haben. Mit all dem musste ich alleine klar kommen, schon deswegen, weil die wahre Natur des Eingriffs nie zur Sprache kam. Es war UNDENKBAR, dass eine so "kleine, harmlose" Operation schädliche Auswirkungen gehabt haben könnte.
    Sexueller Missbrauch dagegen wird von jedem als schlimm angesehen. Es ist jedem klar was dabei und danach passiert, vermutlich auch den meisten Tätern. Doch während sexueller Missbrauch allgemein geächtet ist, werden die Auswirkungen der B. jedoch meist verleugnet. Von den Menschen, die sie veranlassen und die sie durchführen ebenso wie von denen, die sie erdulden (müssen). Das macht es so schwer, damit umzugehen, sich damit auseinander zu setzen, die Folgen zu erkennen, zu verstehen, damit zu leben.
    Ich bin mir sicher: Wäre von Anfang an dieser Eingriff und seine Auswirkungen offen und ehrlich angesprochen worden, wäre den Ärzten und meinen Eltern sowie mir selbst klar gewesen, was hier (möglicherweise) passiert, hätte mein Leben wahrscheinlich eine andere Wendung genommen.
    In meinem Leben passierten noch einige andere Dinge, gesundheitliche Probleme und Schicksalsschläge, die viele Menschen nach Deinem Beitrag als "schlimmer" erachten würden. Ich tue dies jedoch nicht, vor allem, weil mir diese Dinge nicht von Dritten aufgezwungen wurden, sondern "einfach so" passierten. Das mag schwierig nachzuvollziehen sein, aber ich sehe das so. Eine schwere, vielleicht lebensbedrohliche Krankheit ist ein Schicksalsschlag. Aber eine medizinisch unnötige Operation, deren körperliche und seelische Folgen verharmlost und bestritten werden, ist kein Schicksal. Sie ist vermeidbar.

    Es gibt Schlimmeres? Ja, das stimmt wohl. Doch das darf niemals unser Maßstab sein, denn dann geben wir einen Teil unserer Menschlichkeit auf. Mal ehrlich: Wenn wir nach diesem Prinzip leben würden, was bliebe dann noch?
    Würden wir gegen den Neubau eines Einkaufszentrums in der Vorstadt protestieren? Ach komm, es gibt nun wirklich Schlimmeres.
    Würden wir uns darüber aufregen, wie Straßenhunde in Rumänien behandelt werden? Nein, es gibt viel schlimmere Dinge, geht uns nichts an.
    Würden wir uns entrüsten, wenn wir erfahren würden, dass ein Kommunalpolitiker bestechlich war? Nein, Kriege und Massenmord sind viel wichtiger. Kümmern wir uns doch zuerst darum...

    Verstehst Du, was ich sagen will? Ich glaube, dass Du all das nicht gemeint hast, als Du Deinen letzten Beitrag geschrieben hast. Aber so kann (und wird) er von den Beschneidungsapologeten verstanden werden, genau so wird Dein Text von den Verharmlosern und Verteidigern der Jungenverstümmelung ausgelegt und propagiert.
    Deshalb finde ich es so wichtig, hier klar Stellung zu beziehen. Es kann nicht unser Maßstab sein, Reihenfolgen des Leids aufzustellen und diese nach Priorität abzuarbeiten.

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

  • @ Urolüge und Weguer

    Ihr habt mich schon richtig verstanden und Recht habt ihr auch. Krankheiten mit Beschneidung in Relation setzten funktioniert nicht. Das eine bekommt man oder eben auch nicht, da kann kein Aussenstehender was dafür. Bei einer Beschneidung trifft irgendwann iregndwer die Entscheidung das es eben so gemacht wird.
    Die negativen Folgen, auch die psychischen will ich garnicht verschweigen, ging mir ja als Jugendlicher nicht anders.

    Ich wollte meine persönliche Einschätzung darstellen: MICH hätte es noch viel schlimmer treffen können, wie das jemand anderes sieht kann ich garnicht beurteilen. Mir wäre es auch lieber da unten noch komplett zu sein, im Vergleich was hätte passieren können ist das so aber das kleinere Übel.
    Eine Reihenfolge von Leid oder Problemen kann man auch nur für sich selbst erstellen, auch das kann und will ich nicht für andere übernehmen.

    Was mich aufregt: Über die Beschneidung von Jungen sagt keiner was, das wurde ganz schnell tot geschwiegen um sich mit keinem anzulegen. Dann in der Landwirtschaft, das enthornen von Kälbern oder Pflanzenschutz führt zu riesigen Debatten in der Gesellschaft, meist von Leuten die da keine Ahnung von haben. Da könnte man auch die Diskussion aufmachen was ist schlimmer, wer hat mehr Rechte, Jungen also Menschen oder Nutztiere ?
    Oder sollte man fragen, mit was lassen sich mehr Menschen erreichen ? Mit der Vorhaut von Jungs oder gequälten Tieren ?

    Die Frage was schlimmer ist, kann nur jeder für sich beantworten, leider geht diese Fähigkeit immer mehr verloren. Wir dürfen auch persönliches Leid bzw. Probleme nicht mit denen anderer vermischen.

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