Aus Sicht der Frauen: beschnitten vs. intakt

  • Mir wurde schon als kleiner Junge immer wieder gesagt, dass Frauen einen beschnittenen Penis bevorzügen würden. So von wegen Ästhetik, Hygiene und längerem Stehvermögen. Das scheint nicht so zu stimmen, wenn man einer Untersuchung zu dem Thema von K. O'Hara and J. O'Hara glauben darf. Ihrer Arbeit zu Folge bevorzugen 118 von insg. 138 Frauen einen Sexualpartner mit intaktem Penis, gegenüber 20 Frauen die einen beschnittenen Partner präferieren.

    Als Ergebnisse der Auswertung der Fragebogen gaben die Frauen mehrheitlich an, im Vergleich zu einem Partner mit intaktem Penis:
    - mit einem beschnittenen Partner seltener einen vaginalen Orgasmus (während des Beischlafes ohne Hilfe der Hände) zu haben
    - dass beschnittene Partner öfter eine vorzeitige Ejakulation hätten
    - sich öfters vaginal unbehaglich zu fühlen
    - mehr Frauen hatten auch niemals einen Orgasmus mit einem beschnittenen Partner als bei Partnern mit intaktem Penis
    - gleiches Ergebnis bei einer Frage nach multiplen Orgasmen
    - dass die vaginale Sekretion beim Verkehr mit Beschnittenen eher nachlässt als mit unverletzten Partnern
    - bei fortdauernden Verkehr das Gefühl "wann ist es vorbei?" häufiger bei Beschnittenen auftritt, dafür seltener das Gefühl "really to get into it"
    - etc.

    Mehr über die Arbeit kann man unter diesem Link lesen.

    The effect of male circumcision on the sexual enjoyment of the female partner, BJU INTERNATIONAL, Volume 83, Supplement 1, Pages 79-84, January 1, 1999

    Mir persönlich kommen einige der Punkte leider nicht so ganz unbekannt vor. So kenne ich zum Beispiel die Klagen von Partnerinnen, sich wund zu fühlen und gemeinsam sanft in einen Flow zu kommen ist auch nicht einfach, da ich dann einfach nicht so wahnsinnig viel spüre.

    Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig
    frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche
    Interpretation oder Verzerrung. (J. Krishnamurti)

  • BJU 1999 ist einer der Klassiker, da ist die ganze Debatte nämlich schon einmal geführt worden. Deutschen Politikern scheint das allerdings unbekannt geblieben zu sein, obwohl man sie mehrfach darauf hingewiesen hat.

  • Mehr über die Arbeit kann man unter diesem Link lesen.

    The effect of male circumcision on the sexual enjoyment of the female partner, BJU INTERNATIONAL, Volume 83, Supplement 1, Pages 79-84, January 1, 1999

    Gibt auch viele Frauen die auf beschnitten stehen - ironischerweise steht meine Partnerin drauf (das Auge poppt ja mit :( ). Zur Studie, die hat leider gravierenede methodische Mängel, Zitat:

    "Women having sexual experience with both circumcised and anatomically complete partners were recruited through classified advertisements in magazines and an announcement in an anti-circumcision newletter [Hervorhebung von mir]."

    Dadurch wird das Ergebnis natürlich verfälscht, weil sich mehr Frauen melden, die gegen Beschneidung sind. Möglichweise ist das absichtlich geschehen um das entsprechende Buch der Autoren besser zu verkaufen. Selbst CIRP (Circumcision Information and Resource Pages) nennt das Ergebnis 'etwas obskur'.

  • Danke für die Information!
    Wissenschaftlich gesehen ist die Arbeit dann natürlich von ihrem Wert her anders einzuordnen. Na ja, bei mir hat es jedenfalls dazu geführt, dass ich meine persönlichen Erfahrungen im Lichte dieser Arbeit begonnen habe zu reflektieren.

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  • Es gibt schon einiges, was mir bekannt vorkommt, von dem was ich oben aufgelistet habe.

    Mein persönliches Ergebnis? Ich kenne ja den Vergleich nicht, da ich schon als Baby beschnitten wurde, aber wenn ich mich beim Verkehr wenig bewege, dann spüre ich auch wenig und wenn meine Frau es einfach geniessen will, mich zu spüren, langsam wie auf einer Woge getragen zu werden, dann fällt mir das manchmal nicht leicht (um es nett zu formulieren) dabei zu bleiben, einfach zu Sein und nicht was zu machen. Ich bin, um was zu spüren, darauf angewiesen mich zu bewegen. Manchmal hat das zur Folge, dass ich recht früh ejakuliere. An anderen Tagen beanspruche ich die Schleimhaut meiner Partnerin so, dass sie mir hinterher sagt, sie sei wund und wolle deshalb nicht noch einmal.

    Mein Bauchgefühl ist: es ist ein schmaler Grad auf dem ich mich bewege, und ohne Beschneidung wäre es viel einfacher einfach zu Sein, nichts zu tun und das dann zu geniessen, so dieses gemeinsame getragen sein. Das fehlt mir sehr.

    Und dass ein intakter Penis die Scheidenflüssigkeit auch mehr in der Scheide zurückbehält, kann sich mein Bauchgefühl auch gut vorstellen, so aus meiner Erfahrung heraus.

    Aber es gibt darüberhinaus auch noch das psychische Trauma (oder Schock, wie die Prä- und Perinatal-Psychologen sagen), da ich schon wenige Tage nach meiner Geburt beschnitten wurde, ohne Narkose, und es passieren kann, dass mein Schockmuster zu schwingen anfängt, wenn ich durch eine Berührung daran erinnert werde. So mag ich es überhaupt nicht, wenn meine Frau meinen Penis in die Hand nimmt um ihn sich einzuführen (das mache ich viel lieber selber). Als mir das noch nicht bewusst war (dass ich traumatisiert bin) und z.B. meine erste Erfahrungen mit Petting gemacht habe, da kamen in mir manchmal Gefühle hoch, der Partnerin einfach mal eine mit der Faust mitten ins Gesicht zu schlagen. Ich habe diese Gefühle dann einfach zur Seite geschoben, aber ich bin mir sicher, dass meine Partnerinnen davon schon was gespürt haben, ohne es zu verstehen. Meist war ich anschließend auch mürrisch und unererreichbar für Zärtlichkeiten.

    Ich habe mit dem älter werden gelernt, damit umzugehen, und dann mit meiner Frau zusammen habe ich das Thema bearbeitet. Und jetzt kann ich wirklich mit dem ganzen Herzen dabei sein, mich auf Zärtlichkeiten einlassen. Aber trotzdem fehlt mir meine Vorhaut. Und das bestimmt mein Verhalten beim Verkehr, mal mehr, mal weniger. Aber einfach zu sein und gemeinsam ein gemeinsames Tempo mit meiner Frau zu erforschen, das ist sehr schwer.

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  • Oh Mann, das klingt in Vielem sehr bekannt. Dieses sich-nicht-fallen-lassen-können ist auch bei mir so. Ohne Aktion, Bewegung und Reibung ist da auch bei mir gar nichts. Und dass meine Frau hinterher dann wund ist und tagelang keine Lust auf Verkehr hat, ist auch usus.
    Wenn ich fragen darf: Du wurdest als Säugling ohne Narkose beschnitten: Bist Du Jude?

    Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
    Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
    Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
    https://tredition.de/autoren/clemen…aperback-44889/

  • ich bewundere Eure Offenheit, diese sehr intimen Dinge zu schildern, sehr. Versuchts doch mal mit Dehnen. Ich sags immer wieder, und will nicht nerven, aber Ihr bekommt einfach HAUT dazu! MM um MM. Das könnte doch etwas bewirken, ganz konkret auf Eure Probleme. Und die Eichel wird so viel sensibler.

    Beim GV habe ich das nicht als problematisch empfunden, auch nicht, dass Partnerinnen "wund" wurden. Ich fand nur immer Kondome total abtörndend, da spürte ich kaum noch was. Ich brauchte um Spass zu haben immer direkten Hautkontakt mit der Vagina.

  • Naja, wir sind ja hier recht anonym. Oder steht irgendwo geschrieben: "An ihrem Auge sollst Du sie erkennen!" ? 8)

    Was das Dehnen anbelangt hab ich einfach Vorbehalte. Grad gestern hab ich eine Mail bekommen von einer Bekannten in einem anderen Forum. Ihr Mann dehnt auch schon ne ganze Weile und jetzt hat er Schwierigkeiten mit Ausschlag. Sein Dermatologe meint - was ich mir auch schon mal gedacht hab - dass die normale Schafthaut als Innenseite der Vorhaut nicht taugt und bei manchen Männern Probleme machen kann. Normale Haut hat Schweißdrüsen und dieser Schweiß kann auf der Eichel zu Ausschlag führen.
    Hm.... ?(

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  • Nein, ich bin kein Jude. Nach dem was ich so erfragen konnte, wurde mir meine Vorhaut augrund der "Diagnose Phimose" entfernt, am dritten Tag nach meiner Geburt, in dem Krankenhaus einer bayerischen Kreisstadt.

    Damals, Anfang der Siebziger, war es Recht weit verbreitet, Babys ohne Anästhesie zu operieren (an manchen Orten hat man Babys bis 1992 ohne Narkose operiert, nicht nur Beschneidungen, auch chirugische Eingriffe, etc.). Man ging damals davon aus, die Nervenfasern wären nicht ausreichend myelinisert (mit einer Fettmantelschicht elektrisch isoliert und somit leitfähig) und von daher könnten die Babys keine Schmerzen empfinden. Das Schreien der Babys sei nur reflektorisch bedingt, sei kein bewusstes Schmerzerleben.

    Irina hat ja einen (so weit ich weiß kanadischen Film) verlinkt (mit einem farbigen Kind) bei dem eine Gomco Clamp Methode angewendet wird. Wenn ich den Film ansehe, dann habe ich da ein Gefühl von: das war auch meine Realität, was das Baby da erlebt. Schwer zu sagen, irgendetwas in mir war sogar erleichtert, als ich den Film das erste Mal gesehen habe.

    Meine Eltern waren nicht zugegen, als ich beschnitten wurde. Ich habe mit ihnen gesprochen und meine Mutter hat sich bei mir dafür entschuldigt, dass sie damals - Zitat- "den Ärzten vertraut hat".

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  • Mich würde interessieren, ob eins der Mitglieder dieses Forums wegen der Probleme schon einmal eine Psycho-, Verhaltens- oder irgendeine andere Art von Therapie in dieser Richtung gemacht hat, wie die Erfahrungen damit waren bzw. wenn keine solche Therapie, warum nicht.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • werner:
    Ja, ich, hier hab ich kurz drüber geschrieben.

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  • Vielen Dank für den Hinweis! Man sollte doch öfter mal die Suchfunktion nützen...:)

    Schade, dass sich in diesem Thread nur so wenige geäussert haben. Ist das kein Thema oder hält man sich lieber bedeckt?

    Therapie ist in in jeder Hinsicht ein schwieriges Thema. Ich selbst (teilbeschnitten mit 7 Jahren unter Vollnarkose wegen Phimose) habe eine erfolglose und eine erfolgreiche Therapie - beides Mal analytische - Therapie und - dazwischen - eine erfolglose Verhaltenstherapie hinter mir.

    Das grösste Problem m.E. ist, dass es so schwierig und manchmal langwierig ist, den für einen selbst "richtigen" Therapeuten zu finden. Mit " richtig" meine ich einen Therapeuten, zu dem man ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann. Manchmal ist das wichtiger als die verwendete "Methode".

    Übrigens gibt es auch innerhalb der analytischen Therapie mittlerweile viele Varianten. Der "klassische" mit Deutungen arbeitende Analytiker ist m.E. eher am Aussterben.
    Fachlich bin ich "Anhänger" der " Bindungstheorie", begründet von John Bowlby und in Deutschland weiterentwickelt von Karl Heinz Brisch, der auch die Ärzteerklärung gegen die Beschneidung mitunterzeichnet hat.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Nein, ich glaube nicht, dass das hier ein Tabu ist. Ich selbst therapiere mich erstmal selbst, indem ich mich traue, darüber zu sprechen, offensiv damit umzugehen, und eben zu dehnen für das Körperliche. Mal sehen, was das mit mir macht.

  • @Pizzaro73
    Hm, wahrscheinlich habe ich mich (mal wieder:)) missverständlich ausgedrückt: mit " kein Thema" meinte ich nicht "Tabu", sondern " kein Interesse". Man MUSS ja auch keine Therapie machen.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Mich würde interessieren, ob eins der Mitglieder dieses Forums wegen der Probleme schon einmal eine Psycho-, Verhaltens- oder irgendeine andere Art von Therapie in dieser Richtung gemacht hat, wie die Erfahrungen damit waren bzw. wenn keine solche Therapie, warum nicht.

    Hi, ich klink mich auch noch mal in die Diskussion ein. Ich habe auch Psychotherapie gemacht - wegen Depression. Die Depression hat aber sehr wahrscheinlich nichts mit der Beschneidung zu tun. Wie auch immer, nachdem die Therapeutin meinen Fall mit ihrer Supervisorin besprochen hatte, vermutete sie, dass bei mir ein Trauma vorliegen könnte. Ich kann mich nicht an die Beschneidung erinnern, aber das wäre das einizige traumatische Ereignis in meinem Leben - daraufhin ist die Therapeutin dann aber nicht mehr näher darauf eingegangen. Ich selbst habe das auch nicht mehr verfolgt, denn selbst wenn ich mich noch daran erinnern könnte, bzweifle ich ob es sinnvoll ist alte Wunden aufzureißen.

    Die Therapeutin war grundsätzlich sehr gut, sowohl menschlich als auch fachlich (ich denke ich kann das beurteilen, weil ich mit mehreren Therapeuten zu tun hatte). Aber das Thema Beschneidung hat sie entweder überfordert oder als irrelevant betrachtet. Das Problem ist vermutlich, dass Beschneidung in unserer Gesellschaft als total normal angesehen hat, so dass selbst Eltern ihrem Kind das antun oder eben ein höchst-einfühlsamer Mensch wie meine Therapeutin das für irrelevant betrachtet.

    Das muß auch der Grund sein, warum selbst die leichten Formen der weiblichen Beschneidung bei uns als das ultimative Tabu betrachtet werden, während die männliche Beschneidung von Einigen sogar für wünschenswert erachtet werden: Die weibliche Beschneidung findet in unserem Kulturkreis nicht statt - deshalb können wir sie als barbarisch verurteilen. Die Doppelmoral dahinter wird aber nur von den wenigsten wahrgenommen - bzw. sie wird ignoriert (z.B. vom Bundestag) um seine eigene Haut zu retten.

  • quadrat


    "Ich habe auch Psychotherapie gemacht - wegen Depression."

    Finde ich gut. Das machen immer noch viel zu wenige, obwohl das mittlerweile so verbreitet ist.

    "selbst wenn ich mich noch daran erinnern könnte, bzweifle ich ob es sinnvoll ist alte Wunden aufzureißen."

    Da fällt mir der Spruch ein: Schlafende Hunde soll man nicht wecken. Würde ich zustimmen. Aber manchmal schlafen sie einfach nicht, die Hunde...

    "Das Problem ist vermutlich, dass Beschneidung in unserer Gesellschaft als total normal angesehen hat, so dass selbst Eltern ihrem Kind das antun oder eben ein höchst-einfühlsamer Mensch wie meine Therapeutin das für irrelevant betrachtet."

    Kann ich nicht glauben. KEIN Therapeut (nicht mal jüdische Therapeuten in Israel) hält die Beschneidung von vorne herein für "irrelevant". Aber der Therapeut kann - wie Du sagst - ebenfalls zu dem Schluss kommen, dass man "alte Wunden" nicht zwangsläufig aufreissen muss. Wenn die Therapie auch ohne das funktioniert, ist es ja ok.

    "Die weibliche Beschneidung findet in unserem Kulturkreis nicht statt"

    Das wage ich zu bezweifeln. Es gibt in Deutschland mit Sicherheit Fälle. Eine Dunkelziffer, die niemand kennt. In Frankreich, wo sehr viele Einwanderer aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien leben, gibt es immerhin Schätzungen. Es gibt ja das "Argument", dass bei einem Verbot Beschneidungen in die "Hinterzimmer" gedrängt werden - analog zur weiblichen Beschneidung.

    Ich kann mich noch an die Holocaust-Serie im Fernsehen erinnern. Plötzlich kochte das Thema hoch, als wäre vorher niemals darüber geredet worden. Die weibliche Beschneidung kochte durch das Buch von Waris Dirie hoch. Seitdem - seit einem Buch!- ist das Thema bei uns "erledigt". Die männliche Beschneidung kochte durch das Kölner Urteil hoch. Den Medizinern und manchen Juristen war das schon länger klar, dass da Sprengstoff liegt. Vielleicht sollte mal ein Betroffener ein Buch schreiben, in dem es nicht nur nur um die juristischen oder medizinischen "Fakten" geht, sondern um die Gefühle. Fraglich ist allerdings, welcher Verlag es wagen würde, so ein Buch zu veröffentlichen. Vielleicht liegen die entsprechenden Manuskripte ja schon in den Schubladen...

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Jetzt hak ich auch nochmal ein.
    Ich hab von 2002 bis 2010 zwei Therapien bei ein und derselben Therapeutin gemacht. Meine Beschneidung hab ich gleich zu Anfang bei der Anamnese erwähnt. Sie hat das aufgenommen, abgehakt und nicht weiter beachtet.
    Vor kurzem stand ich mit ihr nochmal in Kontakt, weil ich den Abschlussbericht der Therapie haben wollte. Wir haben noch ein wenig drüber gesprochen und sie gab zu, dass das Thema Beschneidung für sie bisher einfach keine Rolle spielte. Damals war ihr noch nicht klar, wie traumatisierend die Beschneidung sein kann. Ihr tut das sehr leid, weil sie jetzt im Nachhinein weiß, dass dieses Erlebnis der Schlüssel gewesen ist.
    Beschneidung ist bei uns schlicht "normal". Damit ist gar nicht mal die rituelle Beschneidung gemeint sondern die medizinisch oder hygienisch begründete. Ihr Bruder ist z.B. ebenfalls als Kind beschnitten worden. Sie weiß aber nichts darüber, ob und in welchem Umfang er Probleme damit hat und so war es nie Thema für sie. Auch in ihrer Ausbildung wurde das nie angesprochen. Heute ist ihr klar, dass so ein Eingriff sowohl für den Körper als auch die Seele massiv verletzen kann. Sie hat mir bei unserem letzten Gespräch versprochen, in Zukunft die Frage danach explizit gleich zu Beginn einer Therapie zu stellen und besonders sensibel darauf zu reagieren. Auch hat sie mir zugesagt, dieses Thema bei Fortbildungen anzusprechen und eine Anregung an Ihren Berufsverband weiterzugeben, dem Thema Trauma nach Beschneidung mehr Beachtung zu schenken.

    "Alte Wunden" aufreissen... Ein schwieriges Thema. Meiner Ansicht nach sind viele der alten Wunden oft gar nicht verheilt sondern nur sorgsam abgedeckt. Man reisst sie nicht auf, man legt sie frei, um sie endlich ordentlich zu versorgen und wirklich heilen zu lassen.
    So wars zumindest bei mir. Und hätte ich meine Wunden nicht rechtzeitig entdeckt und heilen lassen, wärs sicher irgendwann zu spät gewesen.

    Diese Prozedur tut weh. Aber lieber ein letztes Mal Schmerzen aushalten als an ihnen zugrunde gehen.

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