Erklärungsversuch in Hinblick auf die teilweise bestehende Toleranz in Bezug auf Zwangsbeschneidungen

  • Wie vermutlich die meisten hier im Forum, versuche ich im Alltag mit möglichst vielen Menschen über das Thema Zwangsbeschneidung zu sprechen, um auch Menschen mit dieser Problematik zu konfrontieren, die bewusst ihre Augen davor verschließen. Dabei habe ich sehr häufig die Erfahrung gemacht, dass ganz normale Menschen, die ich sogar als emotional einstufen würde, ein Verbot von Zwangsbeschneidungen kategorisch ablehnen. Zuerst dachte ich mir, dass es teilweise mit dem Bildungsstand oder der Unwissenheit in Bezug auf dieses Thema zusammenhängen könnte, aber da sogar studierte Menschen bzw. selbst einige Theologen Zwangsbeschneidungen für "unverzichtbar" halten, bin ich doch ins Grübeln geraten.

    In der öffentlichen Debatte wie auch hier im Forum wird gegen die Zwangsbeschneidungen immer die Vernunft und die Menschlichkeit als Argument angeführt. Warum prallen aber diese Werte, welche innerhalb unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens höchste Stellenwerte besitzen bei Zwangsbeschneidungsbefürwortern einfach ab.

    Die häufigste Antwort, welche ich in Gesprächen erhalte ist meist, dass man es doch den Juden aufgrund unserer Vergangenheit nicht verbieten könnte. Da steht er nun dieser Satz. Keiner hat bisher gesagt, man könne es den Moslems nicht verbieten, obwohl in Deutschland mehr Moslems leben als (beschnittene) Juden.

    Daher habe ich mal überlegt, warum vielen dieser Satz wie selbstverständlich über die Lippen kommt, obwohl diese Worte Babys oder auch Kindern unvorstellbare Schmerzen zufügen und ihnen ein Körperteil für immer verstümmelt. Gerade bei Babys sind wir Menschen doch darauf programmiert, dass wir diesen jeglichen Schmerz oder Leid zu ersparen versuchen. Junge Eltern durchleben schlaflose Nächte und tun alles, damit es dem Baby an nichts mangelt und hier wird einem solchen liebenswerten Geschöpf mit Absicht großer Schmerz bereitet.

    Die Antwort welche Ursache dahinter stecken kann, scheint mir nur eine Ideologie zu sein. Religionen sind praktisch immer Ideologien, welche innerhalb einer Gemeinschaft dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse und Wünsche den Gemeinschaftsinteressen untergeordnet werden. So gesehen ist es ja objektiv betrachtet nachvollziehbar, wenn Angehörige einer Glaubensgemeinschaft ihrem eigenen Kind Schmerzen und Leid zumuten, wenn sie an einen höheren Zweck und Sinn glauben.

    Warum aber rechtfertigen auch Menschen außerhalb dieser Glaubensgemeinschaften Zwangsbeschneidungen. Sie glauben weder an den Sinn und Zweck bzw. sehen hier ein Ritual, dass nur unnötig Schmerzen an wehrlosen Kinder verursacht. Dennoch machen sie sich dafür stark, dass Zwangsbeschneidungen legal bleiben.

    Während des Nationalsozialismus wurden Juden zu Feinden erklärt und die herrschende Ideologie suggerierte den Menschen, dass man Juden, Sinti und Roma oder politisch Andersdenkenden Schmerzen und Leid zufügen dürfe, um damit dem Gemeinwohl zu dienen. Ideologien können daher die Basis sein, welche gesellschaftliche Verfehlungen propagieren und am Ende etablieren. Genau dies ist in Deutschland passiert.

    Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde in Deutschland diese falsche Ideologie ausgemerzt. Jedem wurde eingeimpft, dass die Ideologie der Nationalsozialisten falsch war und sie viel Elend über die Menschheit gebracht hatte. Da aber der Verlust dieser Ideologie auch einigen praktisch über Nacht alles entzogen hatte, an was sie fest geglaubt haben, war dieser Umdenkprozess nicht ganz so einfach. Es musste fast wie in einer Art Gehirnwäsche jedem klar gemacht werden, dass er auf den falschen Weg gekommen war.

    Heute leben wir im 21. Jahrhundert und das schwarze Kapitel der deutschen Geschichte ist für viele von uns so ähnlich präsent wie das finstere Mittelalter, welches wir auch nur vom Schulunterricht kennen gelernt haben. Nun kommt aber der springende Punkt. Wir wurden durch Lehrpläne dazu angehalten, dieses vergangene Kapitel nicht zu vergessen. Uns wurde auch eine "Erbsünde" anerzogen und man hoffte durch die Erziehung der nachfolgenden Generation einer Ideologie, wie sie im Nationalsozialmus geherrscht hat, für immer den Boden zu entziehen. Die Jüngeren konfrontierten die Älteren mit dem Gelernten und auch diejenigen, welche noch immer nicht einsehen wollten, dass der Nationalsozialismus falsch war, schwiegen wenigstens überwiegend.

    Unbemerkt hat sich hier aber eine neue Ideologie ausgebreitet. Diese besagt, dass man immer und überall auf die Opfer des Nationalsozialismus Rücksicht nehmen muss bzw. dass wir hier für immer eine Verantwortung zu tragen hätten. Genau diese Ideologie verhindert es nun aber, sich mit der Zwangsbeschneidung adäquat auseinander zu setzen.

    Die Ideologie im letzten Jahrhundert war falsch, aber die neue Ideologie ist in Bezug auf die Zwangsbeschneidungen nicht besser. Wie man hier aber die Öffentlichkeit erreichen soll, die mit dieser neuen Ideologie verblendet ist, bleibt fraglich. Man hat letztes Jahrhundert gesehen, dass erst alles in Schutt und Asche liegen musste, bevor sich die Mehrheit davon abgewandt hatte. Für uns alle und besonders im Sinne der unschuldigen Kinder hoffe ich jedoch, dass unsere Gesellschaft wenigstens etwas aus den Fehlern von damals gelernt hat und daher ein Umdenken schneller möglich wird.

    Fazit: Wir "doktern" an den Symptomen dieser neuen Ideologie herum und verwenden ständig wirkungslose Medikamente. Die neue Ideologie ist nicht in allen Punkten falsch, aber in Bezug auf die Zwangsbeschneidung aus meiner Sicht in jedem Fall.

    (Danke, dass Ihr bis hierhin gelesen habt.)

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • lese ich bis zum Ende... :)
    Ich folge Deiner Argumentation, kann sie aber trotzdem nicht nachvollziehen, und begegne ihr auch sehr selten.
    Ich bin in Bremen sozialisiert, knallrot wie nur was, mit schon vor dreißig Jahren einem Drittel der Klasse mit Migrationshintergrund (und übrigens mit einem von der Schulmedizin hartnäckig wegen angeblich behandlungsbedürftiger Phimosen versursachtem Anteil von EINEM DRITTEL zwangsbeschnittener Deutscher!) und wir wurden dazu erzogen, dass ALLE aber auch ALLE MENSCHEN GLEICH seien und GLEICHE RECHTE hätten.
    Später haben wir x Male die NS-Zeit durchgenommen.
    Ich war in Auschwitz und Neuengamme. Bin auf Demos gegen Rechts gewesen und werde es immer wieder tun.
    Einer der unvergeßlichsten Momente meines Lebens war, als ich als Jugendlicher zusammen mit anderen in Israel bei einer Familie zu Gast sein durfte, in der eine Anwesende als Kind Auschwitz überlebt hatte. Sie wolle nicht sterben, so sagte sie, ohne das ANDERE Deutschland kennen zu lernen, und hatte sich, durch die Zeitung von unserer Reise informiert, gemeldet, und sich einen Haufen deutscher Jugendlicher ins Haus geladen. Wahrscheinlich ist das die größte Geste, die man sich vorstellen kann. Mir fehlen immer noch die Worte für die Kraft und den Großmut dieser Frau.
    Aber all das hat nie, aber auch nie dazu geführt, Zwangsbeschneidung je als etwas anderes zu sehen, als was es ist.
    Nun bin ich betroffen und weiß aus eigener Erfahrung, dass all die Verharmlosungen Lügen bzw. bestenfalls nachvollziehbare Kompensationsstrategien sind.
    Als Nichtbetroffener kann man leichter, und das passiert ja auch oft, das Thema als etwas abtun, dass eh angeblich nur wenige beträfe. Es ist dann weit weg. Für uns Betroffene ist es ganz nah, jeden Tag - IMMER.
    Und ich scheue auch keine Diskussion mit jüdischen Menschen. Warum sollte ich? Der deutschen Geschichte bin ich mir mehr als bewußt.
    Zu meiner Erziehung gehörte aber auch das andere, Erwähnte: wir sind ALLE GLEICH.
    Nichts anderes fordere ich zum Thema Zwangsbeschneidung.
    Ich erkenne für JEDEN Menschen diese unsere Grundrechte an, die Regeln unseres Zusammenlebens, die aus der größten Katastrophe heraus formuliert wurden, auf dass dies nie wieder geschehen möge.
    An diesen Regeln müssen sich alle messen. Immer wieder die Überprüfung zulassen, ob unser Verhalten nach neuen ethischen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen diesen Regeln standhält.
    Durch diese Verfahren sind §175, Vergewaltigung in der Ehe, die Prügelstrafe abgeschafft worden. Alles Dinge, die verfolgt bzw. nicht geahndet wurden solange wie die Menschheit existiert.
    Wenn alle Menschen gleiche Rechte haben, müssen auch z.B. Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens sich wie alle anderen diesen gesellschaftlichen Prozessen stellen, deren Vorteile auch ihnen zugute kamen und kommen.
    Es wäre die falsche Lehre aus der Geschichte, wenn nicht mehr alle Menschen gleich bewertet würden und sich an den gleichen Maßstäben messen müssten.
    Wenn Gesetze nicht für alle gelten.

  • Ich habe wohl in der Hoffnung, dass ich besser verstanden werde, zuviel geschrieben und es dabei nicht genug auf den Punkt gebracht.

    Gehen wir davon aus, dass 70% der Bevölkerung Zwangsbeschneidungen ablehnen, was wohl nach der Umfrage vom letzten Jahr grob richtig sein müsste. Da stellt sich mir die Frage, warum 30% davon überzeugt sind, dass Zwangsbeschneidungen nicht verboten werden dürfen.

    In meinem Umfeld höre ich hier den Satz, dass man es den Juden nicht verbieten könne, immer wieder. Der Satz prescht meist nicht hervor und wird auch eher zurückhaltend, fast schon wie eine Entschuldigung gebraucht. Es hat für mich den Eindruck als entschuldigten sich diejenigen, weil ihnen im Innersten bewusst ist, dass Zwangsbeschneidungen einfach falsch sind. Der Satz hört sich so ähnlich an wie die Worte man hätte damals ja nichts gegen die Nazis unternehmen können.

    Gegen die Nazis konnte man was unternehmen, aber sicherlich haben auch andere außer mir Vorfahren, denen diese Einstellung am Ende das Leben gekostet hat. Daher sehe ich es als eine Art Vermächtnis, sich nicht von einer Ideologie egal welcher Couleur leiten zu lassen, sondern zu versuchen immer das Richtige zu tun.

    Das Thema Beschneidung durch medizinische Irrlehre, dem Du zum Opfer gefallen bist, wird man nicht durch Gesetze beikommen. Hier müssen die Mediziner selbst dafür sorgen, dass derartige Ärzte zukünftig konsequent zur Rechenschaft gezogen werden. Daneben müssen Eltern aber auch entsprechend aufgeklärt werden, damit sie hier den Ärzten nicht blind vertrauen.

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • Ist vlt ein bisch off-topic, aber bezüglich Aufklärung über Beschneidung... In Film und Fernsehn ist mir ehrlich gesagt kein Film bewußt bekannt, bei dem in einem Nebenhandlungsstrang Beschneidung vorkommt oder Thema ist, oder wo die Darsteller nur drüber reden oder whatever... Dabei wurden doch sonst sämtliche ehemaligen Tabuthemen schon komplett aufgegriffen und sensationslustig verarbeitet. Einen medialen Anstoß darüber nachzudenken, oder zumindest sich überhaupt darüber bewußt zu werden, daß es sowas wie Zirkumzision gibt, gab es außer der Debatte letztes Jahr mit folgenden Diskussionsrunden doch gar nicht. Über Prostatabeschwerden hat bestimmt schon gefühlt jede Gesundheitssendereihe berichtet...

  • Dein Beitrag ist nicht OT.

    Zwangsbeschneidungen lösen bei einigen noch immer Denkverbote aus (Ideologie!), die bis hin zur Schizophrenie führen, wenn hier das Geschlecht als Unterscheidungsmerkmal zwischen gut und böse verwendet wird. Warum haben denn die 434 Abgeordneten mit Ja gestimmt, welche Zwangsbeschneidungen von Mädchen wohl kaum zustimmen würden.

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • wie Ventus schon angedeutet hat, gab es bis heute keine breitenwirksame Aufklärung in den Mainstream-Medien über den Grad der Verletzung am kindlichen Körper durch Zirkumzision. Stattdessen bekam eine Minderheit von Religionsvertretern und einigen beschneidungsbessesenen Ärzten eine Bühne, um die Verharmlosung und vermeintliche Vorteile dieser Praktik zu verbreiten. Dann kam auch noch in Bundestagsdebatten viel Unsinn rüber.

    Daher kommt es, dass Menschen, von denen man aufgrund ihrer Persönlichkeit eigentlich etwas anderes erwarten würde, vor dem Thema kapitulieren. Gegen ein Beschneidungsverbot zu sein ist auf den ersten Blick auch einfacher als dafür zu sein. Über die Konsequenzen der gesetzlichen Neuregelung sind sich auch die meisten Bürger nicht im klaren. Selbst von manchen Juristen wird der Gesetzestext in seiner vollen Wirkungsbreite nicht erfasst und fehlinterpretiert.

    Das Beschneidungsgesetz als Zugeständnis zugunsten deutscher geschichtlicher Aufarbeitung zu rechtfertigen, halte ich für völlig daneben. Ich kann da beim besten Willen keinen Zusammenhang erkennen. Weshalb sollten nicht einsichtsfähige Kinder, die im 21. Jahrhundert geboren sind, mit ihrem Körper für das herhalten, was mehrere Generationen zuvor geschah. An so einem Deal, der allenfalls in die Kategorie historischer Ablasshandel einzuordnen wäre, dürften nicht einmal Opfer interessiert sein.

    Die Verarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus setzt zuerst einmal voraus, dass sich jeder Mensch in Deutschland mit dieser Vergangenheit intensiv beschäftigt und sich um Empathie mit den Menschen bemüht, die damals als Opfer unmittelbar betroffen waren. Bei einigen jungen Menschen fallen in dem Zusammenhang jedoch Bildungslücken auf, die so nicht in Ordnung sind. Da müsste was getan werden.

  • Das Beschneidungsgesetz als Zugeständnis zugunsten deutscher geschichtlicher Aufarbeitung zu rechtfertigen, halte ich für völlig daneben. Ich kann da beim besten Willen keinen Zusammenhang erkennen. Weshalb sollten nicht einsichtsfähige Kinder, die im 21. Jahrhundert geboren sind, mit ihrem Körper für das herhalten, was mehrere Generationen zuvor geschah. An so einem Deal, der allenfalls in die Kategorie historischer Ablasshandel einzuordnen wäre, dürften nicht einmal Opfer interessiert sein.


    Bundeskanzlerin Merkel warnt vor Beschneidungsverbot - SPIEGEL ONLINE

    Aussagen der Kanzlerin:

    "Ich will nicht, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in
    dem Juden nicht ihre Riten ausüben können. Wir machen uns ja sonst zur
    Komiker-Nation."
    (*)

    [Was ist mit den Muslimen ?!]


    "Wir sind sehr froh, dass jüdisches Leben
    in Deutschland wieder eine Heimat gefunden hat."

    [Warum sind wir froh? Haben wir ein schlechtes Gewissen wegen "unserer" Vergangenheit?]

    Diese Aussagen war der Anstoß für die hastige Erarbeitung eines Zwangsbeschneidungsparagraphen. Von der CDU haben dann ja auch nur 4 Abgeordnete gegen den § 1631 d BGB gestimmt. Der Begriff moderner "Ablasshandel" dürfte leider nicht ganz falsch sein.

    (*) Hinweis am Rande: Die junge Union wollte eigentlich Ende letzten Jahres darüber beraten, ob man das Schächten ohne Betäubung verbieten sollte. Wegen der Beschneidungsdebatte kam man jedoch davon ab.
    Streit in der CDU ber betubungsloses Schchten - SPIEGEL ONLINE

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • @PöserPürger: Ich glaube so leicht kann man sich das nicht machen. Stichwort transgenerationales Trauma. Als Beispiel fällt mir dazu spontan gerade mal ein, daß es z.B. bis zur letzten Fußball WM in Deutschland sehr verpönt war, die nationale Flagge zu zeigen. Erst seit diesem Großereignis kann zumindest bei sportlichen Ereignissen wieder Nationalfarben getragen oder Flagge gezeigt werden ohne daß die Fans sofort in die rechte Ecke geschoben werden. Nationalflaggen, und sie zu zeigen, sind in nahezu jedem anderen Land der welt ein Ausdruck von zugehörigkeit, möglicherweise patriotismus. das ist bei uns schon ein ganzen stück weit anders.

  • Um nicht falsch verstanden zu werden, möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich mit sämtlichen Opfern des Nationalsozialismus Mitleid empfinde. Kein Mitleid oder ähnliche Gefühle habe ich gegenüber den Nachkommen dieser Opfer, sofern sie nicht selbst indirekt vom Holocaust betroffen waren, warum auch?

    ventus
    Nationalstolz wird es bei uns wohl trotz einiger Fähnchen noch lange nicht geben. Unsere Politiker haben es sich ja noch nicht mal getraut unsere nationale Verfassung gegenüber von Glaubensgemeinschaften zu verteidigen.

    Anderseits bin ich aber auch froh darum, dass es hier wenig Nationalstolz gibt, wenn ich sehe, wie hier blind Kinder zum Spielball zwischen öffentlichem Ansehen in der Welt und den Religionen werden. Nicht auszudenken, wenn es hier noch mehr "Selbstbewusstsein" gäbe.

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • Was unsere Bundeskanzlerin sagt, hat für mich überhaupt keinen Stellenwert. Sie weiß ganz genau, dass sie mit ihren spontanen Äußerungen den gesamten Axel-Springer-Verlag hinter sich hat. Deshalb hat sie einfach drauf los geredet ohne nachzudenken. Was dabei raus kam, war dann denkbar dümmlich.

    Sie hätte auch ganz gelassen sagen können, was in diesem Land strafbar ist und was nicht, ist Angelegenheit der Gerichtsbarkeit bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Und wem das nicht passt, für den gibt es dann noch den EGMR.

    Stattdessen hat sie sich zu einer massiven Verletzung der Gewaltenteilung entschlossen. Der Gesetzgeber hat die Position der Revisionsinstanzen des LG Köln eingenommen und dem Bundesverfassungsgericht die Auslegung des Grundgesetzes aus der Hand genommen. Mir ist dabei nicht sehr wohl.

  • @ Nocut: naja Nationalstolz brauche ich persönlich auch nicht. Wenn ich sehe, wie die Amis mit ihrem Nationalstolz rummachen und was dabei herauskommt, finde ich das schlichtweg blöde.

    Das heißt nicht, sich verstecken zu müssen oder überhaupt keinen Patriotismus zuzulassen, wie das etwa in den 80er Jahren sehr stark der Fall war. Die Mitte dürfte, wie so oft, die goldene sein. Ich würde einfach von gesundem Selbstbewusstsein sprechen wollen.

  • Deshalb hat sie einfach drauf los geredet ohne nachzudenken.

    Im Gegenteil: ich glaube, Frau Merkel hat (wie meistens) ganz genau gewusst, was sie sagt. Dass nämlich ein Verbot der Beschneidung für sie noch nicht einmal in die Nähe eines ernsthaften Gedankens kommt, sondern nur "komisch" ist. Was sie auf Deusel komm raus verhindern wollte, war, dass über Juden bzw. jüdisches Verhalten in Deutschland vor Gericht verhandelt wird. Deshalb wollte sie auch verhindern, dass es zum Instanzenweg kommt. Dieses Ziel hat sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ja auch erreicht. Dabei hat sie sich - wenn auch nur formal gesehen - durchaus an das Gesetzgebungsverfahren gehalten. Ob höhere Instanzen wie z.B. das Verfassungsgericht sich jetzt (nach den diversen Stellungnahmen von Verfassungsrechtlern) überhaupt noch an Putzkes Interpretation halten könnten, halte ich für mindestens zweifelhaft. Putzke ist zur Minderheitenmeinung geworden.

    Es war übrigens nicht nur die Springer-Presse...

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Wieso redet Ihr denn eigentlich über den Instanzenweg? Das Kölner Urteil war doch rechtskräftig. Ein Revisionsverfahren war damit nicht mehr möglich, der Gang zum BVerfG auch nicht.

    Das Verhalten von Frau Merkel und den ja-sage-Politikern steht auf einem anderen Blatt... wenn Richter das Gesetz ohne Ansehen der Person, ihrer Herkunft und ihrer religiösen Überzeugung anwenden, dann sind sie also Komiker. Ja klar. Und überhaupt, diese komische Verfassung... lächerlich...

  • Ob höhere Instanzen wie z.B. das Verfassungsgericht sich jetzt überhaupt noch an Putzkes Interpretation halten könnten, halte ich für mindestens zweifelhaft. Putzke ist zur Minderheitenmeinung geworden.


    Beim Bundesverfassungsgericht würden nur Grundrechtsverletzungen eine Rolle spielen. Die Einschränkung der Religionsfreiheit durch Strafbarkeit einer religiös motivierten Körperverletzung wäre dann Gegenstand einer Verfassungsbeschwerde. Über die Strafbarkeit selbst hätte das Bundesverfassungsgericht nicht zu befinden, da es keine Revisionsinstanz für Strafsachen ist. Das müsste vorher der BGH geregelt haben.

    Die Religionsfreiheit wird niemals Straftaten zulassen - und seien es noch so geringe. Ich finde bestimmt irgendwo eine Passage in der heiligen Schrift, die mir erlaubt, bei Aldi Lebensmittel zu stehlen, nur um sie an Obdachlose zu verteilen. Wenn die Milliardärsfamilie nicht selbst auf den Gedanken kommt, dann muss ich es doch tun! Das wäre doch viel harmloser, als einem wehrlosen Kind die Vorhaut abzuscheiden. Niemals wäre ich mit einer Verfassungsbeschwerde mit dieser Begründung erfolgreich.

  • Wieso redet Ihr denn eigentlich über den Instanzenweg? Das Kölner Urteil war doch rechtskräftig. Ein Revisionsverfahren war damit nicht mehr möglich, der Gang zum BVerfG auch nicht.


    Das stimmt. Es sollte aber durch das Gesetzgebungsverfahren verhindert werden, dass sich so ein Verfahren dann ohne Verbotsirrtum wiederholt. Bei religiösen Beschneidern wäre es mit dem Verbotsirrtum ohnehin eng geworden, insbesondere für nichtreligiöse Beschneidungen. Das darauf folgende Gesetz amnestiert jede bisher durchgeführte Beschneidung rückwirkend und entzieht Gerichten jegliche Einzelfallprüfung. Potenzielle Opfer werden in den Regen gestellt. Das halte ich schon für einen Eingriff in die Gewaltenteilung.

    Frau Leutheusser-Schnarrenberger wusste am 13.10.2012 genau, was unter Gewaltenteilung zu verstehen ist:

    Justizministerin gegen Aufhebung der §175-Urteile

  • Sorry, Pöser Pürger, bei allem Ärger über dieses unfassbare Gesetz: die Legislative hat nur ein Gesetz verabschiedet und nicht in ein laufendes Verfahren eingegriffen. Ich kann Dir in Deiner Argumentation über die Verletzung der Gewaltenteilung nicht folgen.

    Dass das neue Gesetz mit der Verfassung nicht so wahnsinnig gut in Einklang zu bringen ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

    Von den Verfahren her fände ich es immer noch ganz ulkig, wie schon öfter mal erwähnt, wenn jetzt die Familiengerichte nicht mehr die Ausreise kleiner Mädchen nach Somalia zwecks Beschneidung unterbinden könnten, weil die Eltern sich auf den neuen Genitalverstümmelungs-Paragrafen berufen. Ok, nein, ulkig wäre das nicht. Aber ein langwieriges Verfahren über diese Frage ist keineswegs ausgeschlossen, und so tritt die ganze Kiste über die Beschneidung von Jungen auch wieder durch die Hintertür auf den Plan. Dass das neue Gesetz niemals vor dem Verfassungsgericht landet, wird man so wohl nicht sagen können. Bis dahin ist es aber sehr wichtig, massiv Aufklärung zu betreiben. Sonst schreibt uns das Verfassungsgericht am Ende noch Sachen ins Buch, die wir garantiert nicht lesen wollen...

  • Wenn man das Grauen der NS-Zeit betrachtet, sollte es einen eigentlich dazu an halten mehr selbst zu denken.
    Den letztlich geht es nicht um Juden, Rassenwahn und Lager. Es geht darum wie so was möglich war.

    Weil die Menschen nicht hinterfragten, einfach weiter machten.
    Das ist die beklemmende Quintessenz, denn wir wissen alle das es bequemer ist mit dem Strom zu schwimmen.

    Also sehe ich den Versuch der "Erziehung" dieser Nation als gescheitert an. Mann hätte ihnen nicht religionsartig einreden sollen was falsch war, sondern ihnen beibringen sollen so kritisch zu werden, dass sie es selbst sehen. Nicht nur in der Vergangenheit sondern auch in der Zukunft.

    Wie oft hab ich es erlebt, dass Menschen Gesetze kritiklos hin nahmen ob wohl sie moralisch frag würdig waren. Nicht dass sie meinten nichts tun zu können... sie sahen sie als richtig an, weil es Gesetze waren.

  • @ Maria Werner
    Ich habe nichts gegen einen Nationalstolz, solange alle diejenigen unserer Nation zugerechnet werden, die hier auch leben. Sobald allerdings eine Nation aufgrund von Reisedokumenten auseinander dividiert werden soll, geht dies mit meinem Denken nicht mehr konform.

    @ Pöser Pürger
    Natürlich kann man die Aussagen der Kanzlerin einfach ignorieren. Fakt ist aber, dass genau das eingetreten ist, was sie gefordert hat. Die Frage, mit der ich mich in meinem Eingangsposting beschäftigt habe war, warum es zu einem solchen Denken kommen konnte.

    Wir und viele andere denken anders über Zwangsbeschneidungen, aber es gibt in Deutschland offenbar noch immer 30%, welche hier kein Verbot wünschen und selbst von den 70%, welche sich ein Verbot wünschen, werden die meisten wieder die gleichen Parteien wählen, welche dieses Gesetz verabschiedet habe, dass die Menschenrechte von Kindern auf grausame Weise verletzt.

    Kampagnen gegen Zwangsbeschneidungen werden daher aus meiner Sicht immer wieder an der vorherrschenden Ideologie scheitern, solange diese nicht als solche entlarvt wurde. Unser Bundespräsident bezeichnete Beschneidungsgegner als antisemitisch, was für mich ebenfalls ein klarer Beweis dafür ist, dass hier eine Ideologie und keinerlei Vernunft oder Menschlichkeit bei der Gesetzgebung beteiligt war.
    Beschneidungsdebatte: Gauck rgt "Vulgrrationalismus" - SPIEGEL ONLINE

    @ Werner
    Warum ist Prof. Putzke plötzlich zur Minderheitenmeinung geworden, obwohl 70% offenbar eine andere Meinung haben? Ähnliches passierte damals, als Menschen kurze Zeit später in Lager kamen.

    Fazit: Deutschland ist nicht verloren, aber wir müssen auch weiterhin für die Grundrechte von allen Kindern eintreten, unabhängig davon aus welchen Familien sie stammen. Ein Rechtsstaat kann nur funktionieren, wenn auch die Schutzbedürftigen geschützt werden.

    Nachtrag:
    @ E.H.M.
    Genau wie Du es schreibst, so sehe ich es ebenfalls. Die Bevölkerung hat eine Ideologie gegen eine andere ersetzt. Die neue Ideologie ist nun aber bereits zum Nährboden für den § 1631 d BGB geworden.

    Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)

  • Jetzt muss ich doch mal eine Lanze brechen für die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, die weltweit einzigartig ist, und sich auch weltweit Respekt verdient hat. Man könnte es ja auch so sehen, dass die 70% gerade der Ausdruck einer weitgehend gelungenen (!) Vergangenheitsbewältigung sind. Auch die Kinderrechte haben sich nicht nur juristisch, sondern auch "draussen im Land" kontinuierlich weiterentwickelt bis zu diesem unsäglichen Gesetz.

    Mit dem Hinweis auf Putzke meinte ich natürlich die juristische Fachmeinung, auf das sich die Rechtsprechung bezieht und beziehen muss. Im Kölner Urteil kam uns das ja nicht ungelegen.

    Gauck hat nicht Beschneidungsgegner generell als Antisemiten bezeichnet, sondern"nur", wie andere auch, in der Debatte antisemitische "Stimmen gehört".

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Sorry, Pöser Pürger, bei allem Ärger über dieses unfassbare Gesetz: die Legislative hat nur ein Gesetz verabschiedet und nicht in ein laufendes Verfahren eingegriffen. Ich kann Dir in Deiner Argumentation über die Verletzung der Gewaltenteilung nicht folgen.


    Es lagen Strafanzeigen, wie die von TobiasSP oder dem Arzt aus Gießen vor und es gab die Befürchtung des Gesetzgebers, andere Gerichte könnten sich am Urteil des LG Köln orientieren. Ermittlungen wurden nicht aufgenommen oder eingestellt. Für mich ist der § 1631d BGB nichts weiter als der Versuch einer Auslegung des § 223 StGB. Gewaltenteilung hin oder her, ich möchte nicht weiter darauf beharren. Vielleicht gibt es auch keine und das GG soll nur dazu dienen den Bürger ruhig zu stellen. So weit bin ich aber noch nicht.

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