Genau...der Berliner Psychologe W. Albrecht schrieb mal auf seiner Website dazu:
"Bei der Beschneidung bzw. Genitalverstümmelung werden entweder zeitnah nach der Geburt oder zu einem späteren Zeitpunkt Operationen am Genital des Kindes bzw. der/des Jugendlichen ohne der/dessen vollgültiges Einverständnis vorgenommen. Die Gründe dafür werden teilweise religiös ummäntelt, fußen aber in der Regel auf Traditionen aus vorhistorischer Zeit und haben zum Ziel, die sexuelle Erregbarkeit und die Ausbildung von erotischen Phantasien zu hemmen oder ganz zu unterdrücken...."
So würde ich dies auch sehen. Bei der Beschneidung geht es i.d.R. um kindliche Genitalien und damit um den Sexualtrieb. Der oder diejenigen, welche sich die Beschneidung ausgedacht haben, waren sich mit Sicherheit ihrer eigenen sexuellen Triebe bewusst und hatten wohl auch erfahren, welche Macht und welchen Reiz Sexualität auf uns Menschen ausübt. Entweder wollten sie diese Macht verdammen oder für sich selbst nutzen, in dem sie versuchten andere dieses Erlebnis in seiner vollen Intensität zu rauben, um damit selbst Macht über diese auszuüben. (wg. Macht der Sexualität siehe z.B. auch Sexualmagie, Ordo Templi Orientis, etc.)
Das Thema sexuelle Enthaltsamkeit bzw. generell die Fixierung vieler Religionen auf das Thema Sexualität zeigt ja eigentlich, wie pervers die Weltreligionen in Wahrheit sind. Die beschneidenden versuchen die Sexualität mit äußerster Brutalität zu "bändigen", die christliche Religion nur in einigen Ausprägungen, aber ob es nun das Zölibat oder das moralisch auferlegte Verbot sexueller Begegnungen außerhalb dem "heiligen Bund" der Ehe sind (z.B. vorehelicher Geschlechtsverkehr), wird Sexualität in allen Religionen streng reglementiert.
@brokendream
Deine Überlegung, dass es in Ländern mit hoher Beschneidungsrate mehr Sexualstraftäter geben müsste, würde voraussetzen, dass solche Verbrechen in den jeweiligen Ländern auch entsprechend verfolgt und bestraft werden. Es gibt ja aber sogar Länder, wo junge ledige Frauen gesteinigt werden, weil sie verheiratete Ehemänner zur "Vergewaltigung verführt" haben sollen! Und Israel würde ich auch keinen Freifahrtschein ausstellen. Was passiert denn dort mit den Kindern, die an den Folgen einer Beschneidung versterben. Sie verschwinden aus dem Stammbaum und damit aus dem kollektiven Bewusstsein.
Dein Beispiel mit dem betrunkenen Wiesenbesucher zeigt doch sehr deutlich, dass wir hier in Sachen Sexualität nicht frei von Fehl und Tadel sind, aber dennoch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung viel aufgeklärter behandeln. Ein Betrunkener, der einer Frau unter das Dirndl fasst, kann sich auf eine saftige Anzeige gefasst machen. Selbst der erzwungene Beischlaf unter Ehegatten haben wir zwischenzeitlich als Straftatbestand im Gesetz. Wie sieht es aber in patriarchisch geprägten Gesellschaften aus, wo sich Frauen den Männern unterordnen müssen. Und ist es hier auszuschließen, dass es hier zu Übergriffen kommt, die weder bestraft noch öffentlich publik werden.
@Johannes Micha
Sicherlich ist die Beschneidung ein pars pro toto Menschenopfer. Und hier stellt sich dann aber auch die ethische Frage, wie beispielsweise die jüdische oder islamische Religion besonders auch in der heute aufgeklärten Zeit damit umgehen will, dass hier bewusst ein religiöses Menschenopfer Bestandteil dieser Religionen geworden ist. Natürlich ist dieses Menschenopfer wohl nur ein theologischer Vorwand einer perversen Sexualmoral. Fakt ist aber, dass dies im alten Testament so zu lesen ist und Mohamed die Gläubigen angeblich aufgefordert haben soll dem Beispiel von Abraham zu folgen.
Die ethische Frage der Beschneidung führt übrigens aus meiner Sicht unweigerlich in eine Schuldfrage und damit zu dem Dilemma, wie man mit der bis dato begangenen Schuld umgehen wird bzw. wie man diese aufarbeiten möchte. Gerade die jüdische Religion wird in Deutschland aufgrund der Nazi-Verbrechen als Opfer wahrgenommen. Wie schwer wird hier der Paradigmenwechsel sein, wenn man sich nun selbst gegenüber den zwangsbeschnittenen Kindern für schuldig bekennen muss. Wir haben ähnliche Sachverhalte in den christlichen Kirchen hinsichtlich der Hexenverfolgung im Mittelalter oder den Missbrauchsfällen erlebt und noch immer kann man verfolgen, wie schwer und peinlich die Schuldfrage an den Kirchen nagt.
@Selbstbestimmung
Deine Überlegung mit der Light-Zigarette würde ich nicht auf die Zwangsbeschneidung übertragen wollen. Ein Raucher, der vorher die volle Dröhnung mit Nikotin, Teer und allem als normal erlebt hat, wird bei der Light-Zigarette etwas vermissen und dies durch einen gesteigerten Konsum auszugleichen versuchen. Die Zwangsbeschneidung wird ja aber an Kindern verübt, welche dann den Unterschied nicht kennen bzw. auch daran gehindert werden, jemals zu erleben, wie es anders gewesen wäre.
@all
Wie die Beschneidung entstanden ist, lässt sich ja definitiv nicht mehr beantworten. Theorien bezüglich der Religionen oder Aberglaube, dass am Mann weibliche und bei der Frau männliche Anteile amputiert werden müssten, würde ich tendenziell als Rechtfertigungen oder Vernebelungstaktik hinsichtlich der wahren Hintergründe betrachten. Und somit bleibt am Ende wohl nur Sex und Macht übrig. Wer an eine Religion glauben will, die von (negiertem) Sex und Macht besessen ist, wird somit bei allen drei Weltreligionen fündig. Wer jedoch an einen gütigen Schöpfer und freie Geschöpfe glauben will, wird nicht umhin kommen, sich mit seinem eigenen Glauben kritisch auseinander zu setzen.