Beiträge von Machtnix

    Das die Physis absolut nichts zählt, mag für den Autor des Artikels "Messianisches Judentum" zutreffen. Darin geht es aber auch nicht um Beschneidung. Es gibt da sogar einen Satz, der meine volle Zustimmung hat :

    "Ihr könnt kein Glück finden, indem Ihr
    anderen Schmerz, Kummer und Leid zufügt"

    Ich vermisse unter den vielen Themenbereichen so etwas wie "Strategie", also einen Themenbereich, wo wir konzentriert darüber diskutieren können,
    wie wir am besten argumentieren,
    welche Begriffe wo angebracht sind,
    welche Argumente in Sackgassen führen,
    wie wir gängige Diffamierungen abwehren können,
    usw...

    Über alles das laufen hier Diskussionen, aber sehr verzettelt, weil sie meist mit externen Sellungnahmen verknüpft sind.

    Die Physis zählt also absolut nichts, rein das spirituelle Sein spielt eine Rolle.


    Wenn das so wäre, hätten wir die Probleme nicht. Eine rein spirituelle Beschneidung würde niemandem wehtun.

    Dass an der körperlichen Beschneidung so vehement festgehalten wird, zeigt doch, dass die Physis nicht nichts zählt, sondern eine riesige negative Bedeutung hat, dass sie Objekt eines Hasses ist.

    Der Gesetzentwurf erlaubt den Eltern die Beschneidung, sofern der Sohn 14 Jahre alt und damit einsichts- und urteilsfähig ist.

    Daran ist doch etwas faul. Wenn es um Selbstbestimmung ginge, bräuchten die Eltern keine Rechte und keine Erlaubnis, dann müsste es heißen : Der Gesetzentwurf erlaubt Jugendlichen ab 14, sich beschneiden zu lassen. Schon Druck zu machen, sich beschneiden zu lassen, sollte verboten sein.

    Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern fügte hinzu, was sich in dieser Debatte dargestellt habe, "war purer Antisemitismus".

    Vielleicht hat sie sogar recht. In der Debatte wird der Eindruck vermittelt, Juden könnten ohne Eingriffsrechte auf kindliche Sexualorgane nicht leben. Solches über das jüdische Volk zu verbreiten, ist Antisemitismus. Aber von wem ?

    "Der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf zur Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen hat die erste Hürde im Bundesrat genommen."


    Im Gesetzentwurf selbst ist weder von jüdisch noch muslimisch die Rede, und selbst der Begriff Religion kommt erst im 2.Absatz (Umschreibung der Mohel) kurz vor:

    „§ 1631d
    Beschneidung des männlichen Kindes
    (1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche
    Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen,
    wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt
    nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl
    gefährdet wird.
    (2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer
    Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1
    durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung
    der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.“

    Es ist also eine Blanko-lizenz zur Vorhautamputation an Kindern, egal aus welcher Motivation.

    " Menschenrecht auf Beschneidung"- da widerspreche ich gar nicht! Von mir aus in der Salamitechnik: Jeden Tag ein bißchen.
    ABER DOCH NUR JEDER FÜR SICH SELBST.SEIT WANN HAT MAN MENSCHENRECHTE AN DRITTEN?


    Genau das ist der springende Punkt. Es gibt keine Pflicht zur körperlichen Unversehrtheit und das sollte es auch nicht geben. Deshalb ist auch der immer wieder auftauchende Begriff "Beschneidungsverbot" für das Kölner Urteil so blödsinnig. Auch ohne Sondergesetz darf sich jeder, der will, beschneiden lassen.

    Aber Kinder zu beschneiden, die noch weit davon entfernt sind, eine solche weitreichende Entscheidung treffen zu können, ist etwas ganz anderes.

    Götz:

    Die Beschneidung wird oft religiös begründet, es gibt aber auch viele Beschneidungen ohne religiösen Hintergrund, wie in Amerika im letzten Jahrhundert. Ich würde sagen es sind Moden und Traditionen, gegen die wir antreten müssen. Wobei ich immer mehr zu der Erkenntnis komme, dass Traditionen eigentlich auch Moden sind, nur mit längerer Laufzeit.

    Descant:

    Du weisst natürlich schon, dass nach GG Artikel 102 die Todesstrafe abgeschafft ist? Um das zu ändern müssten 2/3 des Parlaments anders entscheiden.

    Das ganze ist ja nur ein "Was wäre,wenn..."-Gedankenspiel. Ich dachte dabei nicht an Steinigung als staatliche Strafe wie im Iran, sondern dass radikale "bibeltreue" Religionsgemeinschaften sich nach diesen Textstellen gegenüber unerwünschten "Gotteslästerern" richten könnten. Und dass der Staat das vielleicht tolereieren könnte, wegen der Religionsfreiheit.

    Wo ist denn da eine pauschale Kritik an "der Religion" ?

    Der Text ist zugegeben etwas polemisch und überspitzt, aber das ist manchmal notwendig, um bestimmte Tendenzen aufzudecken. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf sexuelle Selbstbestimmung wird durch den Gesetzentwurf in Bezug auf Beschneidung außer Kraft gesetzt, um einem Konflikt mit Religiösen Gruppen aus dem Weg zu gehen. Nun wird gefragt, was geschehen könnte, wenn das Recht auf Leben in ähnlicher Weise behandelt würde wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

    Die Steinigung kann man übrigens auch als positives Beispiel sehen, dass grausame religiöse Bräuche auch aufgegeben werden können, ohne dass den Religionen etwas wesentliches verloren geht. Im Judentum gibt es schon lange keine Steinigungen mehr.

    :huh: Es macht mir mal wieder große Sorgen, gegenwärtige Entwicklungen zu beobachten. Nach dem Beschneidungsurteil von Köln hat die Bundesregierung angekündigt, ein Gesetz zu verabschieden, das Beschneidungen an Kleinkindern aus religiösen Gründen ausdrücklich erlaubt. Ein sogenannter Ethikrat hat dem zugestimmt unter der Bedingung, dass gewisse moderne medizinische Standards eingehalten werden. Das eigentliche ethische Problem, ob Eltern das Recht haben, ihre Kinder irreversibel verstümmeln zu lassen, rückte dabei in den Hintergrund.

    Als Begründung wird u.a. aufgeführt, dass Juden ja garnicht anders können, als ihre neugeborenen Jungs zu beschneiden, weil es so in der Bibel steht, es ihnen sozusagen von Gott befohlen wurde. Und nun wurde mir richtig bange, als ich las , dass auch die uralte religiöse Tradition der Steinigung von Gott befohlen wurde, bei Gotteslästerung, Ehebruch, Ungehorsam von Kindern und ähnlichem.

    http://www.gavagai.de/re/HHD2008S.htm

    Müssen wir nun damit rechnen, dass es demnächst im Namen der Religionsfreiheit auch Ausnahmegesetze zu Mord und Todschlag geben wird, damit religiöse Mitmenschen (nicht nur Juden) ungestraft tun können, was Gott ihnen befohlen hat ? Und wie könnten die medizinischen Bedingungen des Ethikrates dazu lauten ?

    http://machtnix.blog.de/2012/09/07/dem…laubt-14693767/

    Mich wundert nicht, dass Beschnittene GEGEN Beschneidung eintreten - mich wundert, dass Beschnittene FÜR Beschneidung eintreten.

    Das ist leider ein häufiger psychologischer Effekt, auch bei anderen verletzenden Erlebnissen. Wie oft kann man hören, die Ohrfeigen oder Prügel haben mir nicht geschadet.

    Es ist eine Rationalisierung, das vergangene Leiden ist besser zu ertragen, wenn man sich einredet, dass es notwendig war, oder gar, dass es garnicht anders möglich war.