Volksabstimmung über Beschneidung?

  • Ich habe Herrn Montag scho x Emails geschickt - er ist unbelehrbar!

    Hm, ich weiß nicht. Auf die Frage ob er für oder gegen Beschneidung ist, ist er ausgewichen. Gleichzeitig sagt er, er sei nicht religiös und er würde er eine Volksabstimmmmung befürworten. Hört sich an als ob er selbst insgeheim gegen Beschneidung ist.

  • Zitat

    "Es klingt auf den ersten Blick nicht so schlimm, wie es in Wirklicheit ist: Für die Beschneidung werden ja auch hygienische Gründe vorgetragen. Und wenn dann in den Debatten, an denen ich teilnahm, der Einwurf kommt "nicht Beschneiden, einfach mal waschen!" – welch' ein Bild von "den Anderen" steckt da dahinter? Der ungewaschene Jude, der ungewaschene Muslim – soll er sein Kind doch säubern, statt am Penis seines Sohnes rumzuschnippeln! "


    Ich wette, dass bei den Debatten, die Jerzy Montag erlebt hat, niemand "ungewaschene Muslime, ungewaschene Juden" gesagt hat. Wenn bei den Debatten das hygenische " Argument" von den Religionsvertretern ins Spiel gebracht wird, kommt natürlich der berechtigte Hinweis auf das Waschen. Das hat aber mit den religiösen Begründungen nichts zu tun. Es ist Jerzy Montag, der hinterher beides in einen Topf wirft.
    Ich habe ja immer gedacht, dass sich die Demagogie in dieser Debatte seitens einiger Politiker nicht mehr steigern lässt. Ich habe mich getäuscht.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • quadrat

    Seit dem Interview mit Herrn Kramer ist die rein religiöse Begründung der Beschneidung jüdischerseits vom Tisch. Die Antworten der Rabbis haben Herrn Kramer nicht überzeugt. Es geht m.E. jetzt um "Volkszugehörigkeit", und die umfasst selbst (jüdische) Atheisten. Hat mir ein jüdischer Atheist (nicht Herr Montag) persönlich gesagt, und der ist absolut FÜR Beschneidung - eben wegen der "Volkszugehörigkeit".

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Zitat

    Wenn alle Regeln, die es für solche Volksabstimmungen gibt – Unterschriftenlisten, Fristen und so weiter – wenn das alles eingehalten wird, sehe ich keinen Grund, warum das Volk nicht auch über die Beschneidung abstimmen sollte.


    Montag ist Rechtsanwalt, daher wundert mich dieses Statement einigermaßen. Wie kann es über das Recht auf körperliche Unversehrtheit eine Volksabstimmung geben???

    Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.
    George Orwell

  • Volkszugehörigkeit? Haha- das wird immer besser!
    Reisepaß auf den Popo tätowieren lassen....
    Welche Volkszugehörigkeit? VOR DEM HINTERGRUND DER DEUTSCHEN GESCHICHTE halte ich es für ziemlich problematisch die Volkszugehörigkeit mittels einer körperlichen Markierung festzuhalten.
    Darüberhinaus war ich immer der Ansicht, daß Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit Deutsche seien. Irre ich mich?

    Wenn es eine Volksabstimmung gäbe, käme das Verbot. Die Meinungsumfragen sind eindeutig.

  • Juden betrachten sich schon immer - unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit - als ein Volk, wobei der Ausdruck Volk hier wohl besser als "Schicksalsgemeinschaft" zu vestehen ist.

    Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.
    George Orwell

  • quadrat

    Seit dem Interview mit Herrn Kramer ist die rein religiöse Begründung der Beschneidung jüdischerseits vom Tisch. Die Antworten der Rabbis haben Herrn Kramer nicht überzeugt. Es geht m.E. jetzt um "Volkszugehörigkeit", und die umfasst selbst (jüdische) Atheisten. Hat mir ein jüdischer Atheist (nicht Herr Montag) persönlich gesagt, und der ist absolut FÜR Beschneidung - eben wegen der "Volkszugehörigkeit".

    Meinst Du dieses Interview: Rituale: "Die jüdische Gemeinde muss über Beschneidung reden" | Gesellschaft | ZEIT ONLINE ?

    Da hat der Zentralrat ja nochmal nachgesetzt: Zentralrat der Juden in Deutschland: Beschneidung steht nicht zur Debatte Dort wird auch noch mal die religiöse Komponente unterstrichen. Wäre auch schwierig sonst - denn sonst müßte der Zentralrat sich als rassistisch outen, wenn er eine Sonderlösung auch für nichtreligiöse Juden fordern würde. Intern mag das vielleicht wünschenswert sein, wäre politisch aber schwierig zu fordern. Außerdem definiert sich Kramer selbst persönlich natürlich über die Religion, da er (vermutlich) kein geborener Jude ist, sondern erst als Erwachsener zum Judentum konvertiert ist.

    Disclaimer (es lesen ja noch andere mit): Grundsätzlich reduziere ich in meiner Kritik an der Kindes-Beschneidung nicht auf die religiöse (insbesondere nicht nur auf die jüdische), sondern vor allem auf kosmetische, traditionelle Beschneidung oder Beschneidung aus vermeintlich hygienischen Gründen.

  • Wenn alle Regeln, die es für solche Volksabstimmungen gibt – Unterschriftenlisten, Fristen und so weiter – wenn das alles eingehalten wird, sehe ich keinen Grund, warum das Volk nicht auch über die Beschneidung abstimmen sollte.

    Montag ist Rechtsanwalt, daher wundert mich dieses Statement einigermaßen. Wie kann es über das Recht auf körperliche Unversehrtheit eine Volksabstimmung geben???

    Ich selbst bin kein Jurist, aber was ich in anderen Diskussionsforen gelesen habe, ist die Sache nicht so einfach. Sonst bräuchte man ja auch keine Diskussion, sondern müßte einfach nur abwarten was das Bundesverfassungsgericht sagt.

    Außerdem: Eine Volksabstimmungs ist doch u.a. dazu da neues Recht zu schaffen, oder altes abzuschaffen (Aber ich hab schon verstanden wie Du es meinst ;) ).

  • Herr Montag redet nur Bleich!

    Strafrecht und Familienrecht, wo die Beschneidung geregelt werden könnte, gehören gem Art. 74 I 1 GG zur konkurrierenden Gesetzgebung. Die Länder können hier nur Gesetze erlassen, solange und soweit der Bund von seiner Gesetzgebungszuständigkeit keinen Gebrauch gemacht hat. (Art. 72 I GG). Das dürfte hier aber der Fall sein, da der Bund sowohl die Körperverletzung im Strafrecht als auch das Sorgerecht im Familienrecht umfassend geregelt hat. Die Beschneidung könnte also nur durch ein Bundesgesetz geregelt werden. Auf Bundesebene sieht das GG jedoch eine Volksabstimmung nur für den Fall der Neugliederung des Bundesgebietes (Art.29 GG) und der Abstimmung über eine Verfassung (Art. 146 GG) vor. Um eine Volsabstimmung zum Thema Beschneidung durchführen zu können, müsste also das Grundgesetz geändert werden! Ha,ha!

  • Zitat

    Juden betrachten sich schon immer - unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit - als einVolk, wobei der Ausdruck Volk hier wohl besser als "Schicksalsgemeinschaft" zu vestehen ist.

    Ja, sicher, aber das ist ihre eigene Lesart der Dinge.
    Basken sehen sich auch nicht unbedingt als Spanier, aber es ändert nichts an den Tatsachen.
    Jemand, der hier einen spanischen Paß vorzeigt, wird als Spanier bezeichnet.

    Man kann es also als Tradition bezeichnen.....womit wir wieder am Anfang wären.

  • Der sprachlichen Schärfe wegen (und weil ich das Abstammungsgetue für problematisch halte) fände ich es auch besser, wenn man als Juden nur diejenigen bezeichnen würde, die tatsächlich jüdischen Glaubens sind. Aber es ist nun mal nichts so.

    Allerdings verfügen wir nicht über den Erfahrungshorizont einer über Jahrtausende hinweg marginalisierten Gruppe, deswegen mische mich in der Frage auch nicht ein.

    Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.
    George Orwell

  • Mir ist egal, wer sich als was sieht- das geht mich nichts an. Aber aus dieser sehr individuellen Sichtweise können keine Begründungen für Ansprüche auf Sonderrechte abgeleitet werden.

    Etwas, das Menschen in einer bestimmten Region und/oder Abstammung unabhängig von ihrer Weltanschauung seit längerer Zeit machen, nennt man doch wohl Tradition, oder?

  • Der sprachlichen Schärfe wegen (und weil ich das Abstammungsgetue für problematisch halte) fände ich es auch besser, wenn man als Juden nur diejenigen bezeichnen würde, die tatsächlich jüdischen Glaubens sind. Aber es ist nun mal nichts so.

    Nun ja, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine jüdische Identität gibt, die über die jüdische Religion hinaus geht. Und da spielt die Beschneidung offensichtlich eine wichtige Rolle. Man mag vieles daran merkwürdig finden, z.B. warum nur Männer dieses eindeutige Zeichen tragen sollen oder dürfen. Aber hier handelt es sich zumindest um ein halbwegs ernst zu nehmendes Argument: Wenn das Zeichen für die Identität verloren geht, geht auch irgendwann die Identität verloren.

    Ich halte diese Befürchtung in Deutschland aber für unbegründet. Die Juden sind nicht mehr in der Gefahr assimiliert oder ausgegrenzt zu werden. Wenn es um klaren Antisemitismus geht, haben die Juden eine breite Öffentlichkeit hinter sich. Sie sind hier gewollt. Aber hier gewollt zu sein, in einer pluralistischen Gesellschaft gewollt zu sein, heisst nicht, dass man jedem Konflikt aus dem Weg gehen kann, indem man andere Interessen als feindlichen Akt interpretiert. In der Beschneidungsdebatte geht es um Kinderrechte und das Recht von männlichen Heranwachsenden und Erwachsenden auf eine nicht chirurgisch verstümmelte Sexualität. Es geht vor allem um Wahlfreiheit, jeder soll selber entscheiden können, ob er beschnitten sein möchte oder nicht. Eben und besonders auch jeder jüdische Mann.

    Dass es es heute in Deutschland Rechte des Individuums gibt, die unveräusserlich sind und hinter denen jedes Interesse eines Kollektivs zurückstehen muss, das kommt ja nicht von irgendwoher. Das ist eine Lektion, die wir Deutschen aus unserer Geschichte gelernt haben. Dahinter können wir nicht mehr zurück. Und das können wir auch keinem wehrlosen Säugling vorenthalten, nur weil die Erwachsenen, die seine körperliche Unversehrtheit bedrohen, Juden sind.

  • Wie? Werden jetzt plötzlich die Juden zu Nazis, die im Gegensatz zu uns (Grundgesetz) nichts aus der Geschichte gelernt haben"?! Die "Tätowierung" der KZ- Insassen ist dasselbe wie die Beschneidung?! Das von den Nazis durch den Holocaust verletzte "Recht auf körperliche Unversehrtheit" ist dasselbe wie die Beschneidung? Das Werfen von Bomben (Basken) ist dasselbe wie die Beschneidung (Juden)? Jedes(!) ihrer Interessen muss hinter den Grundrechten zurückstehen? Aus ihrer individuellen Sichtweise können keine Sonderrechte abgeleitet werden? Ihre Traditionen sind Abstammungs"getue"!

    Eine Verfassung hatten wir schon VOR dem 3. Reich. Was den Unterschied zwischen der Weimarer Verfassung und dem Grundgesetz ausmacht (Lehren aus der Nazizeit) hat mit der Beschneidungsdebatte rein gar nichts zu tun. Schutz der körperlichen Unversehrtheit gab es auch vorher schon, ebenso das Recht und die Pflicht zur Erziehung, ebenso die Religionsfreiheit und den Minderheitenschutz. Juristisch gesehen hätte diese Debatte auch schon VOR dem 3. Reich stattfinden können. Was soll es also, den Juden vorzuwerfen, sie würden sich wie die Nazis verhalten, während "wir" Deutsche durch die Verkündung des Grundgesetzes zu lupenreinen "Widerstandskämpfern" geworden sind?

    Wir haben einen Konflikt und wir haben unsere Meinung dazu. Diffamierungen lehne ich persönlich in JEDER Richtung ab.

    "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" K.M.

  • Zitat

    Wie? Werden jetzt plötzlich die Juden zu Nazis, die im Gegensatz zu uns (Grundgesetz) nichts aus der Geschichte gelernt haben"?! Die "Tätowierung" der KZ- Insassen ist dasselbe wie die Beschneidung?! Das von den Nazis durch den Holocaust verletzte "Recht auf körperliche Unversehrtheit" ist dasselbe wie die Beschneidung? Das Werfen von Bomben (Basken) ist dasselbe wie die Beschneidung (Juden)? Jedes(!) ihrer Interessen muss hinter den Grundrechten zurückstehen? Aus ihrer individuellen Sichtweise können keine Sonderrechte abgeleitet werden? Ihre Traditionen sind Abstammungs"getue"!

    Ich weiß nicht, was du jetzt gelesen hast, aber nichts von mir.
    Es IST problematisch Menschen lebenslang zu markieren und gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte können wir uns Zugehörigkeitsstempel auf den Körpern von Menschen, die das nicht selber entscheiden können(!),nicht leisten.
    Bomben von Basken? Davon hat niemand etwas geschrieben. Tatsache ist jedoch, daß sie sich in einer Sonderstellung sehen. Nicht alle Basken sind Bombenwerfer- ein Bruchteil ist es (war es).
    Ja, und ganz richtig: Weil sich irgendwer irgendwie definiert, kann er daraus erst mal keine Rechte ableiten.
    Von Getue habe ich nichts gesagt- das ist jedem selbst überlassen, wie er sich definiert.

  • Lieber Jerzy!

    Vielleicht erinnerst Du Dich an mich: auf der Podiumsdiskussion im Büro der Münchner Grünen hast Du mir auf meinen Beitrag gesagt ich sei "der erste Beschnittene, der damit unglücklich ist", von dem Du jemals gehört habest.

    Ohne mich zu wichtig zu nehmen, ich stand damals ja nur stellvertretend für viele : ich war schon verwundert, dass Du auf die Frage der ZEIT, ob Du in der Debatte irgendetwas für Dich Neues gehört habest, nur Diffamierendes über Menschen, die sich für genitale Selbstbestimmung einsetzen, sagtest (indem Du den sehr richtigen Hinweis, das Hygiene keine Begründung für die Amputation der Vorhaut sein kann vergeblich in eine Beleidigung umzudeuten versuchst), und nicht, dass Du in dieser Debatte nach Deinen eigenen Worten zum ersten Mal von MENSCHEN, von Betroffenen, erfuhrst, die darunter leiden, dass man ihnen ein gesundes Körperteil und nachweislich 70% der erogenen Zonen des männlichen Genitals amputierte.

    Ich finde das schade und unehrlich. NICHTS zu sagen kann auch die Unwahrheit sein. Wir haben alle in München Deine Worte gehört.


    Mit grünen Grüßen aus Nürnberg!

  • Sehr schön formuliert!
    Und vielen Dank für deinen Mut und deine Offenheit! Andere Männer schämen sich (zu Unrecht) viel zu sehr oder haben Angst vor den sozialen Konsequenzen um das öffentlich zu äußern.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!