Posts by Kramer

    Hallo allerseits,

    die Diskussion um die KIKA-Sendung hat mich daran erinnert, dass ich hier schon länger einen Auszug aus einem Kinderbuch hier posten wollte: Ulrich Janßen/Ulla Steuernagel - Die Kinder-Uni 1 - Forscher erklären die Rätsel der Welt

    Die Auflage, die mir vorliegt, stammt aus dem Jahr 2007 - man kann den Autoren also nicht vorwerfen, trotz der Beschneidungsdebatte so geschrieben zu haben. Interessant ist es trotzdem und sollte hier dokumentiert werden.

    Eine behandelte Frage des Buches lautet "Warum beten Muslime auf Teppichen?". Dort wird der muslimische Glaube für Kinder erklärt. In einer kleinen Infobox auf Seite 173 wird auch die Beschneidung behandelt.

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    Beschneidung

    Von muslimischen Männern und Jungen wird erwartet, dass sie sich beschneiden lassen, auch wenn der Koran das nicht ausdrücklich vorschreibt. Die Beschneidung ist meistens ein großes Fest, bei dem die Jungen in die Erwachsenenwelt aufgenommen werden. Bei der Prozedur schneidet ein Spezialist, oft auch ein Barbier, ein Stück von der Vorhaut am Penis ab. Das tut ein bisschen weh, aber wegen der Aufregung bekommen die Jungen es gar nicht so mit. Schlimm ist es, wenn Mädchen beschnitten werden, wie es in vielen muslimischen Ländern üblich ist. Die Mädchen haben große Schmerzen und müssen ihr Leben lang unter der Beschneidung leiden."

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    Eine Verherrlichung von Beschneidung findet nicht statt. Der Beitrag beinhaltet keine Positionierung der Protagonist berichtet aus seiner Sicht.

    Das ist natürlich die perfekte Methode, sich davor zu drücken, selber Position beziehen zu müssen. Warum nicht einen Beitrag über Kindersoldaten oder minderjährige Selbstmordattentäter - aus deren Perspektive, um Kindern deren Lebenswelt zu zeigen? Es sind doch nur kindliche Lebenswelten, was soll daran so schlimm sein?

    Es ist schlimm genug, wenn Vertreter des Judentums ihre Kultur auf den Zustand der Penisse ihrer männlichen Mitglieder reduzieren. Aber wenn auch Nichtjuden anfangen, dieses Märchen zu predigen und meinen, diese strategische Selbstbeschränkung auf ein überkommenes Ritual als Respekt vor dem Judentum predigen zu müssen, dann wird es erbärmlich. Es gibt so vieles am Judentum, dass man als Bereicherung für die Weltkultur nennen könnte. Die Beschneidung gehört einfach nicht dazu.

    Mich machen solche Meldungen hilflos wütend. Es kann doch nicht die einzige Lehre aus der deutschen Geschichte sein, dass religiöse Rituale jeder kritischen Bewertung entzogen sind, wenn es sich um Rituale der Opfer des Naziregimes handelt. Die Lehre aus dieser massiven Menschenrechtsverletzung sollte sein, eine Welt zu erschaffen, in der die Rechte aller Menschen geschützt und geachtet werden. Das jetzt die Rechte von männlichen Kindern, die über Jahrhunderte nicht beachtet wurden, in den Fokus einer öffentlichen Debatte geraten sind, ist doch kein Zeichen von Antisemitismus, sondern ein logischer Schritt auf dem Weg zu mehr Menschenrechten. Menschenrechte sind eben nicht - wie von den Nazis propagiert- Gruppenrechte, sondern Individualrechte. Jeder Mensch hat das Recht, als Individuum gesehen zu werden, auch wenn er Teil einer Gruppe ist, die ihre Interessen über seine Individualrechte stellt. Unser Grundgesetz betont darum nicht ohne Grund die Würde des Menschen, nicht die der Gruppe. Das mag jetzt vermessen klingen, aber manche Juden scheinen ein Problem damit zu haben, dass die Deutschen aus der gemeinsamen Vergangenheit mehr gelernt haben, als sie sollten. Selbst die Mehrheit deutscher Politiker schreckte letztes Jahr davor zurück, selber beurteilen zu dürfen, welche Konsequenzen man aus der deutschen Vergangenheit ziehen darf. Menschenrechte? Na klar. Kinderrechte? Auf jeden Fall, aber bitte maßvoll. Wir haben eine Schuld, die uns nicht erlaubt, Kinder davor zu schonen, sie zu bezahlen.

    Nur mal so nebenbei, auch wenns mit unserem Thema nix zu tun hat : Die Pädophilie-Kampagne gegen Trittin ist durchsichtig und verlogen. Es steht außer Frage, dass es falsch war, Straffreiheit für pädophile Handlungen zu fordern- damals wie heute. Aber fragwürdige politische Haltungen und Forderungen hat es immer in allen Lagern gegeben. Die Union hat sich noch bis 1997 gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe positioniert - diese wurde dann gegen ihren Widerstand durchgesetzt. Sicher gibt es noch heute viele aktive Unionspolitiker, die diese Haltung damals unterstützt haben... alles Befürworter von ehelicher Gewalt ? Also, die sollten doch besser die Klappe halten...

    Die Grünen waren zu Beginn ein Sammelbecken aller möglichen politischen Strömungen und Interessengruppen jenseits des parlamentarischen Mainstreams. Dazu gehörten nicht nur Pädophile, die die Möglichkeit von einvernehmlichem Sex mit Kindern aus purem Eigeninteresse propagierten, sondern auch Anhänger einer totalen sexuellen Revolution, die völlige sexuelle Freiheit propagierten, auch gegenüber Kindern. Dazu gehörten so Ideen, dass Mama und Papa es z.B. nicht peinlich oder falsch finden sollten, wenn Kinder ihre Genitalien (also die der Eltern) berühren, das wäre gut für die sexuelle Entwicklung der Kinder. Das sieht man heute anders, aber das war damals eine in linken und alternativen Kreisen weit verbreitete Vorstellung. Wer es damals (in diesen Kreisen) anders sah, galt als prüde. Die Idee dahinter war wohl, Kinder nicht als sexuelle Objekte zu sehen, sondern die kindliche Sexualität zu respektieren, das Kind als ein Subjekt mit eigener Sexualität zu sehen. Was daraus gemacht wurde, war oft Mist, aber die Beweggründe dafür waren nicht verbrecherischer Natur. Und nicht alles, was daraus erwachsen ist, ist schlecht. Ich denke nämlich, dass auch die Ablehnung der Beschneidung zum Teil in dieser Tradition steht. Dass ein dreijähriger Junge kein asexuelles Wesen ist, dem man einfach so ein Teil seiner Genitalien abschneiden darf, dass selbst ein Baby ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat, das sind Ideen, die zum Teil in dem "Sumpf" wurzeln, den man heute den Grünen zum Vorwurf macht.

    Aus dem verlinkten Text von Serkan Tören:

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    Viele Kritiker der Beschneidung bezeichnen diese als einen archaischen Ritus von Juden und Muslimen. Sie übersehen dabei, dass die Beschneidung von Jungen nicht nur in islamischen Ländern und Israel praktiziert wird und anerkannt ist. Auch in den USA, Australien, Südkorea und im südlichen Afrika ist die Beschneidung weit verbreitet. In diesen Ländern werden sie in der Regel nicht aus religiösen, sondern aus hygienischen, gesundheitlichen und ästhetischen Gründen vorgenommen. Darüber hinaus verbietet kein Land der Welt die Knabenbeschneidung. Diese Form der Beschneidung ist daher in der modernen Welt weit verbreiteter und anerkannter als zu archaischen Zeiten.

    Da ist alles drin, was man im Laufe einer Internetkarriere als ungültige Argumentionsmuster erlernt. Der Strohmann: "Viele Kritiker der Beschneidung bezeichnen diese als einen archaischen Ritus ...", das non sequitur: "Auch in den USA, Australien, Südkorea und ..." und das argumentum ad verecundiam: "Darüber hinaus verbietet kein Land der Welt die Knabenbeschneidung". Mit anderen Worten: Ein Haufen Blödsinn aber kein einziges tragbares Argument. Das macht echt betroffen.


    Wer kann klagen?

    So bizarr das klingen mag, aber das "Gute" an diesem Gesetz ist, dass Eltern, die ihre Tochter beschneiden lassen möchten, dagegen klagen können. Da eine Legalisierung der FGM rechtlich schwer begründbar ist und politisch auch nicht gewollt ist, wird es darauf hinaus laufen, dass das BVerfG sich mit der Sache beschäftigen muss - was dann wohl auch durch die Hintertür eine Überprüfung des Gesetztes zur Erlaubnis der MGM zur Folge haben wird.

    Ihr vielleicht dem Journalisten schreiben? So deutlich wie ihn habe ich noch keinen diese Vorgänge schildern hören und er verdient Anerkennung dafür, finde ich.

    Das ist witzig. Von diesem Michael Hollenbach wurde ich letzten Dienstag zu einem ganz anderen Thema interviewt. Hätte ich gewusst, dass er eine Sendung zum Thema Beschneidung gemacht hat, hätte ich ihn direkt darauf angesprochen. Werde ihm aber eine Mail schicken und ihm zu diesem gelungenen Radiobeitrag gratulieren.

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    Warum redet eigentlich niemand über die Beschneidung von Frauen?

    Darüber wird doch ständig geredet. Auch im Bundestag. Und der Tenor lautet: "Das ist eine klare Menschenrechtsverletzung. Die Jungenbeschneidung ist damit überhaupt nicht vergleichbar."