Sehr geehrter Herr Prantl,
Ihr Kommentar folgt einem Muster, dessen sich Kommentatoren offensichtlich gern bedienen: sie spielen den belehrenden und mahnenden Oberschiedsrichter, der scheinbar nach allen Seiten Kritik austeilt, um am Ende eine Seite aufs Korn zunehmen. Diesmal sind es die Gegner einer rituellen Beschneidung von Knaben, die sich angeblich selbstgerecht aufblasen. Wie selbstgerecht ist eigentlich Ihr Artikel?
Das Ergebnis des von Ihnen schon vorab gelobten Gesetzes zur straflosen Beschneidung wird nach Ihren Worten dafür sorgen, dass Beschneidungen fachgerecht und so schmerzfrei wie möglich vorgenommen werden. Damit bleiben diese dennoch eine Verletzung des Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit. Kennen Sie nicht die Berichte von Betroffenen, die Meinung des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte oder die Erkenntnisse von Wissenschaftlern und einschlägig erfahrenen Psychotherapeuten, die auf die möglichen erheblichen körperlichen und seelischen Folgen hinweisen? Wenn ja, dann ist Ihre Art über diese leichtfüßig hinwegzugehen und ein paar aufgeregte Kommentare als repräsentativ für die Diskussion zu nehmen zumindest intellektuell in höchstem Maße unredlich.
Ich kann und will nicht glauben, dass Ihnen das Wissen um die Dinge fehlt und dass Ihnen nicht bewußt ist, in welche strafrechtlichen Schwierigkeiten Sie kommen, wenn Sie eine Körperverletzung wie die Beschneidung legalisieren lassen wollen. Wo ziehen Sie dann nachvollziehbare Grenzen zu anderen relgiös begründeten Körperverletzungen, wie sie in der Scharia z.B. möglich sind? Ordnen Sie einmal das Recht auf körperliche Unversehrtheit dem Recht auf freie Religionsausübung unter und ein anderes Mal über? Da würde Recht zur Willkürsache. Das sehen Sie sicher auch. Und so frage ich mich, was die wirklichen Beweggründe für Ihren Artikel sind.
Fürchten Sie nicht, dass Repräsentanten Israels Öl ins Feuer gießen wenn sie uns auffordern, religiöse Beschneidung im deutschen Recht zu tolerieren? Können Sie sich vorstellen, dass irgend ein europäisches Land Staaten einer anderen Religionskultur in ihrer Gesetzgebung irgendwelche Vorschriften im christlichen Interesse machen würde? Ist es also vielmehr Ihre Sorge vor einem propagandistischen Feuerwerk, das von orthodoxen Vertretern der islamischen und jüdischen Religionen auf uns einprasseln würde, wenn wir die Möglichkeit der Beschneidung auf religionsmündige Menschen beschränken? Ist Ihr Kommentar also in vorauseilendem Gehorsam geschrieben worden?
Sie tun so, als sei dies eine rein deutsche Debatte. Inzwischen läuft sie in ganz Europa und Sie werden diese auch mit Ihrem Kommentar nicht mehr verhindern können. Selbst in den Ländern, in denen Beschneidungen praktiziert werden, gibt es eine erste kritische Diskussion. Wollen Sie diese auch abstellen?
Und eine letzte Frage: haben Sie auch darüber nachgedacht, dass Sie selbst in zwanzig Jahren über Ihren heutigen Kommentar den Kopf schütteln könnten, weil die Zeit über Sie hinweggangen ist?
Mit freundlichen Grüßen
PS. Mich erstaunt,dass ausgerechnet die liberale Süddeutsche sich zum Sprachrohr der Beschneidungsbefürworter macht, während die Welt einen sehr selbstkritschen Artikel von Prof. Wolfssohn veröffentlicht.
Ich habe mir erlaubt, den offenen Brief in ein Internetforum einzustellen, in der Kenntnis, dass das Netz nichts vergisst.