Ich gebe Dir Recht, dass ich mich persönlich nicht genug für Dinge einsetze, die außerhalb unserer Landesgrenzen zu Unrecht führen. Auf der anderen Seite setze ich mich aber auch nicht dafür ein, dass Zwangsbeschneidungen in der Türkei oder in Israel verboten werden sollen.
Das habe ich auch nicht gemeint. Ich sage nicht, dass wir uns persönlich für alles einsetzen sollen, ich sage nicht mal, dass man sich für überhaupt irgendetwas einsetzen MUSS.
Ganz ehrlich: Wenn ich nicht betroffen wäre, dann würde ich mich nicht gegen Beschneidung engagieren. Ist hypothetisch, aber höchstwahrscheinlich würde ich damit sympathisieren und Props geben für die Leute, die sich dagegen einsetzen. Trotzdem würde ich, mit einer heißen Tasse Roibuschtee in der Hand den Klängen von Diamanda Galás lauschend, grinsend dabei zusehen, wie die menschliche Welt den Bach runtergeht.
Mein Engagement ist Teil meiner Verarbeitung und des Zurechtkommens. Dass ich damit gleichzeitig etwas für den Schutz von Kindern tue und den Einfluss von Religion auf unser aller Leben eindämmen kann, daran kann ich natürlich nichts Schlechtes finden, ganz im Gegenteil.
Irgendwo müssen wir doch auch Prioritäten setzen und wenn wir bei uns die Menschenrechte mehr achten, hat dies doch auch für andere Länder eine Signalwirkung bzw. können wir (z.B. Europa) eine Vorbildrolle einnehmen. Dass nun gerade bei uns ein Moderator gebasht wird und hierfür mehr Interesse als für die Menschenrechte wahrnehmbar scheint, sendet daher eigentlich genau das umgekehrte Signal aus, dass wir bräuchten.
Auch hier wieder: Wir MÜSSEN gar nichts! Wenn wir WIRKLICH etwas grundlegend ändern wollten, dann müssten die Straßen brennen!
Wir setzen uns gegen die Beschneidung ein, gehen aber trotzdem jeden morgen zur Arbeit und halten damit das System am Laufen. Beschneidung ist halt unser Thema, andere geben dafür bei der Tafel Essen aus und wiederum andere starten eine Petition gegen den Lanz. Wir, und damit meine ich wirklich UNS, sollten aufpassen, dass wir nicht auf einem zu hohen Ross sitzen. Während wir mit dem Finger auf andere zeigen, steht hinter uns jemand, der genau das Gleiche macht. Also natürlich weitermachen, aber wir sollten uns zumindest dieser Tatsache bewusst sein. Meinen Finger fahre ich auf keinen Fall ein. Wobei ich nicht unbedingt meinen Zeigefinger meine... ![]()