Sorry Yolanda,
Aber ich weiß nicht, was ich dir auf diesen Beitrag noch antworten soll. Du interepretierst hier Sachen in meinen Text hinein, die ich so nie gesagt habe und reißt einzelne Sätze komplett aus ihrem Zusammenhang.
Hallo Sokrates - quo vadis, wo willst du eigentlich hin.
"Ich war schon immer der Meinung [...], dass das Forum an sich nichts bzw. nur sehr wenig ändern kann" - das ist nicht nur eine bemerkenswert hohe Dosis an Pessimismus, das sind auch nicht die Fakten. Beschneidungsforum hat so viel ereicht.
Allenfalls haben Personen, die in diesem Forum aktiv sind, viel erreicht. Das mag stimmen. Das Forum an sich jedoch hat eine begrenzte Wirkung.
Aktionen in der Realwelt" - unterstellt das allen anderen Foristen, intaktivismusbezogen seit Jahren in einer Schweinwelt zu leben bzw. zu handeln?
Das ist eine abwegige Interpreation. "Realwelt" ist hier als Gegensatz zur virtuellen Welt des Internets gemeint. Sonst nichts. Eine Aktion in der Realwelt wäre z. B. eine Demonstration.
"Aber das kann ich eben schwer durchsetzen" - das ist vielleicht besser so, dass in einem Forum kein einzelner etwas "durchsetzt", sondern sich mit jedem anderen Menschen auf Augenhöhe bewegt. Aber geh doch mit gutem Beispiel voran und leiste etwas oder erzähle uns von deinen Ideen.
Ziel von Beschneidungsforum, meinst du, sei dass: "ganz allgemeine Diskussionen zu allen Aspekten dieses naturgemäß vielschichtigen Themas geführt werden konnten" - warum vermeidest du, zu schreiben, dass es auch darum geht, die eine oder andere und eigentlich jede medizinisch unnötige Operation erfolgreich zu vermeiden, denn jede unnötige Beschneidung ist eine zuviel.
Ein paar Anmerkungen zu diesem Satz hier:
"in erster Linie auf die unberechtigterweise medizinisch indizierten Beschneidungen konzentrieren" - drängst du, Sokrates, dich (oder mich) damit nicht unnötig stark weg von den Millionen und Abermillionen religiösen bzw. traditionellen Beschneidungen weltweit, weg von den traditionell-afrikanischen Jungenbeschneidungen etwa bei nichtmuslimischen Familien in Nigeria oder Sierra Leone oder auch weg von den den US-amerikanischen Zirkumzisionen (die ich kulturelle Beschneidungen nennen möchte, nach historisch nur 100 Jahren in etlichen amerikanischen Familien psychisch beinahe ähnlich tief verankert wie die Beschneidungen (FGM oder MGM) in etlichen Teilen Afrikas)?
Nein das fordere ich selbstständlich nicht. Was ich aber fordere, ist strategisch vorzugehen,und sich zunächst auf das Erreichbare konzentieren.
Was die Beschneidungen in den USA und in Afrika können wir hier in Deutschland leider so gut wie nichts bewirken. Die Amerikaner interessieren sich noch nicht mal dafür, was europäische Ärzteverbände sagen, warum sollten Sie dann auf deutsche Intaktivisten hören? Das müssen die US-amerikanischen Intaktivisten tun. Die amerikanische Intaktivisten-Bewegung ist 1 Million mal besser organisiert und zahlreicher als wir hier. Die haben mittlerweile sogar professionelle Anti-Beschneidungs-NGOs.
Jeder von uns kann und, meine ich, sollte den Mut haben, einen Chirurgen oder ein Hospital zu kritisieren, der oder das falsch berät und unnötige Beschneidungen durchführt - und genau die entsprechend hohe Courage darf der Intaktivismus zeigen, wenn eine - welche auch immer - Tradition oder Religion die Zirkumzision bewirbt oder gar verlangt.
Ein Kind ist ein Kind - eine Beschneidung ist eine Beschneidung - wir wollen das unversehrte Genital für alle Kinder, für jedes Mädchen und jeden Jungen.
Nein, jedes Beschneidungsmesser muss weg, nicht nur das im allgemeinen deutschen Medizinbetrieb, sondern auch das himmlisch inspiriert ersonnene und das fromm geführte Beschneidungsmesser. Meine Religionsfreiheit endet in einem deutlichen Abstand vor dem Genital meines Kindes.
Ich glaube, du hast mich völlig falsch verstanden. Ja, das sind alles Positionen, die ich teile. Ich verurteile selbstverständlich jedwede Art von Beschneidung wehrloser Kinder ganz gleich aus welcher Motivation. Daran ändert sich nichts.
Das Ziel ist und bleibt das Gleiche. Aber wir müssen uns Strategien überlegen, wie wir dieses Ziel schnellstmöglich erreichen können.
Mir geht es auch nicht, die rituelle Beschneidung oder die prophylaktische Beschneidung in den angelsächischen Ländern zu tolerieren.
Worum es mir geht, strategisch vorzugehen, sich darauf zu konzentieren, was wir zunächst erreichen können, wo wir am ehesten Fortschritte erzielen können.
Es gibt muslimische und jüdische Eltern, und Eltern aus anderen beschneidenden Kulturen, die unbedingt wollen, dass ihr Kind beschnitten wird.
Und wir werden sie nicht daran hindern können.
Der deutsche Gesetzgeber, wie jeder Gesetzgeber weltweit, macht die Eltern zu Herren über die Genitalien ihres Sohnes, gibt ihnen das Recht zu entscheiden, ob sie ihren vollständigen Penis behalten dürfen. Das ist der reine Wahnsinn, und ich finde das auf Deutsch zum Kotzen, aber es ist die Realität. Und an der wird sich so schnell nichts ändern. Dazu bräuchte es einen politischen Wandel.
Anderseits gibt es Eltern, die ihre Söhne gar nicht beschneiden lassen wollen, die gar nie auf die Idee kämen, ihren Sohn beschneiden zu lassen, wenn sie nicht von – im besten Falle einfach nur desinformierten – Ärzten unter irgendeinem Vorwand dazu überredet würden.
Einige der religiös und kulturell-motivieren Eltern können wir vielleicht durch gutes Zureden und Argumente überzeugen. Aber selbst das können wir in der Praxis nicht, weil wir gar keinen Zugang zu diesen Eltern haben. Das müssten die Ärzte machen. Die Ärzte, an die sich Eltern mit dem Ersuch nach einer rituellen Beschneidung ihrer Söhne wenden, müssten dieses Ersuch ablehnen und versuchen die Eltern davon überzeugen, von der Beschneidung abzusehen.
Aber was machen sehr viele Ärzte stattdessen Sie versuchen auch noch diejenigen Eltern, die ihre Söhne gar nicht beschneiden lassen wollen, davon zu überzeugen, ihre Söhne einer Beschneidung zu unterziehen, ja sie diagnostieren ihnen sogar Krankheiten, die gar keine sind, um so einen Vorwand für eine Beschneidung aufzubieten.
Du hast doch selbst berichtet, dass Du und dein Partner bei deinen drei Söhnen, gleich mehrere operationsfreundige Ärzte abwimmeln musstet, die mit irgendwelchen komplett abwegigen, von der medizinischen Literatur nicht gedeckten Diagnosen wie "rüsselförmige Phimose"ect daherkamen. Jetzt stell dir vor, was all diese Ärzte für Unheil und Schaden angerichtet haben an denjenigen Jungen, deren Eltern weniger resilient waren wie ihr.
Zehntausendfach jedes Jahr werden völlig gesunde Jungen aufgrund falscher ärztlicher Behandlung beschnitten, obwohl ihre Eltern das eigentlich gar nicht wollen. Und daran müssen wir jetzt mal ansetzen.
Das Problem der medizinisch-fehlindizierten Beschneidungen, hauptsächlich wegen der Scheindiagnose Phimose, ist das Grundproblem. Wir werden das Grundrecht auf körperliche Unversehrheit für alle Kinder und die Überwindung aller medizinsch unnötigen bzw. vermeidbaren Beschneidungen an Jungen niemals erreichen können, bevor nicht sicher geklärt und in der breiten Gesellschaft anerkannt ist, was eine medizinisch unnötige Beschneidung überhaupt ist.
Stell dir vor, über Nacht gäbe es ein Gesetz, das alle medizinisch unnötigen, rituell motivieren Beschneidungen an Minderjährigen unter Straße stellte. Glaubst Du es wird sich irgendetwas ändern? Möglicherweise ist alles, wozu solch ein Gesetz führen würde, dass die Zahl der Phimose-Beschneidungen bei Minderjährigen schlagartig in die Höhe steigen würden. Muslimische Eltern und andere müssten sich nur willfährige Ärzte suchen, und die gibt es in diesem Land. Schon heute sind zweifellos ein nicht-geringer Teil der medizinisch-indizierten Beschneidungen an Jungen versteckte rituelle Beschneidungen.