... Fortsetzung
Ich bin dann voller Scham ins Haus gerannt, wo dann mein Vater ausnahmsweise mal ins Spiel kam. Er hielt mir eine Standpauke, dass mein Verhalten so unmöglich sei. 1 Woche Hausarrest habe ich bekommen, damit ich mal über mein Verhalten nachdenken kann...
Ein paar Wochen später war dann die Operation. Es lief alles gut und das OP Team war wirklich toll. Ich war erleichtert, es nun überstanden zu haben. Die Freude, nicht ständig an Salbe und Dehnen erinnert zu werden und die Aussicht, dass bald alle die Peinlichkeiten vergessen haben werden, ließ mich strahlend und voller Lebensfreude die Praxis verlassen.
Vorsorglich verschwieg ich meinen Eltern, dass der Arzt mir sagte, ich solle baldmöglichst nach der Operation die verbleibende Vorhaut vorzugsweise bei Erektion vor und zurück schieben. Und sobald die Fäden raus sind, auch noch für mindestens 14 Tage die Kortisonsalbe benutzen, um einer erneuten Verengung vorzubeugen. Viel zu groß war die Angst, wieder von meiner Mutter ständig daran erinnert zu werden.
Die Schwester hatte mir auch erklärt, wie ich die Wunde zu versorgen hatte und was zu beachten ist. Die Nachkontrolle war ein paar Tage später vorgesehen. Zuhause legte ich mich sofort ins Bett.
Am nächsten Morgen sollte der Verband gewechselt werden. Ich erinnere mich, dass ich ein wenig erschrocken war, über die Schwellung und die Blutergüsse, war aber erleichtert, dass noch sehr viel Vorhaut belassen worden war. Fühlte mich auch gut, dass ich den Verbandswechsel perfekt hinbekommen habe, weil mir mein Penis im Verband verhüllt dann doch besser gefiel als blitschblau und geschwollen.
Abends beim Abendessen kündigte sich dann aber das Demütigendste und Peinlichste an, was meine Mutter (mein Vater blieb tatenlos) mir jemals angetan hat.
Sie erklärte, während sie mir die Brotschale reichte, dass sie sich nachher mal die Wunde ansehen werde, damit da alles in Ordnung ist...
Ich hatte mich bestimmt seit ich 11 war oder noch länger nicht mehr vor meinen Eltern nackt gezeigt. Nun bestand sie darauf, sich meinen frischoperierten Penis anzusehen. An den ich mich selber noch nicht so richtig gewöhnt hatte. Ich erinnere mich noch an die pure Verzweiflung, die in mir aufstieg. Ich habe gefleht, dass ich das nicht will. Ich habe gebettelt. Ich habe ihr geschworen zu sagen, wenn irgendwas wehtut oder komisch aussieht. Ich habe geheult.
"Stell dich nicht so an, ich guck dir schon nichts weg"...
Die Ignoranz, die sie an den Tag legte. Das Wegsehen meines Vaters. Die Hilflosigkeit in diesen Minuten, hat sehr viel bei mir hinterlassen.
Unter Tränen, für die ich mich zusätzlich geschämt hatte, ging ich mit ihr ins Bad und ließ meine Hose runter. Sie hat kritisch geschaut und irgendwas gesagt, an das ich mich aber nicht erinnere, weil ich wie neben mir stand. Für mich hilfreich waren ihre Sätze in dem Moment wohl nicht.
Zunächst war die Teilbeschneidung auch erfolgreich, ich hatte noch recht viel Vorhaut übrig, so dass gerade mal die Spitze der Eichel im schlaffen Zustand zu sehen war. Alles funktionierte perfekt, bis ich nach ein paar Monaten eine erneute Enge bemerkte. Kurz vor meinem 15. Geburtstag war es dann wieder so schlimm, dass ich überlegte, erneut zum Arzt zu gehen. Weihnachten in der Nähe und auch mein Geburtstag, vertagte ich das Vorhaben auf das neue Jahr. Schließlich musste ich ja wieder mit meinen Eltern darüber sprechen, bzw. sie würden es irgendwie ja doch mitbekommen.
An meiner eigenen! Geburtstagsfeier hat es meine Mutter aber dann mit einem Satz geschafft, mein restliches Vertrauen zu ihr zur Gänze zu ruinieren.
Wie immer Familientratsch, neuerliche Leiden in der Familie. Bis meine Tante mich direkt fragt, ob "es mir wieder besser ginge". Noch bevor ich antworten konnte, sagte meine Mutter - und diesen Satz werden ich nie vergessen, auch nicht, was sie anhatte und wo sie im Wohnzimmer saß, es ist wie ein Bild mit Ton vor meinem geistigen Auge:
"Es ist toll geworden. Die haben recht wenig abgeschnitten, [mein Name] ist sogar fast noch ein ganzer Mann".
Ich war wie geohrfeigt. Macht die Vorhaut einen Mann zum Mann?
Ich habe mich meinen Eltern nicht anvertraut. Lieber habe ich fast ein ganzes Jahr unter meiner erneut verengten Vorhaut gelitten und Schmerzen ertragen. Zuvor war sie so eng, dass sie gar nicht zurückzuziehen ging. Selbstbefriedigung machte Spaß und so gesehen hatte ich keinerlei Probleme. Jetzt konnte ich sie zurückziehen, aber wenn ich bei der Selbstbefriedigung nicht aufpasste, blieb sie hinter der Eichel hängen. Bestenfalls war es unangenehm und ich musste sie umständlich wieder nach vorne drücken. Manchmal tat es aber auch richtig weh, und ich hatte Mühe, sie aus der misslichen Lage zu befreien. Klar, dass Selbstbefriedigung keinen Spaß mehr machte. Ich wurde zunehmend unausgeglichen. Kumpels, die über das Thema sprachen, verunsicherten mich. Ich wollte einfach nur wieder Spaß mit meinem Penis haben. Meine Eltern schoben meine depressiven Schübe auf die Pubertät…
Mein Verhältnis zu Mädchen war deshalb sehr getrübt. Das Interesse war da, aber die Angst, "dass es dann nicht klappt" war viel, viel größer. Auch wollte ich ein "ganzer Mann bleiben". Die seelischen Höhen- und Tiefflüge, die ich in dieser Zeit durchmachte, wünsche ich niemandem.
Zum Glück traf ich mehr als ein Jahr später einen älteren Mann in der Nachbarschaft, bei dem ich mein Taschengeld aufbesserte, indem ich mal Rasen gemäht, eingekauft habe und seinen Hund Gassi geführt habe. Ich mochte ihn. Er war schon alt aber hatte eine warme, väterliche Ausstrahlung. Man spürte, dass das Leben für ihn nicht immer leicht war, aber er war immer so positiv. Er wusste immer genau wie ich mich fühle. Ihm entging nicht, wenn ich mich die Nacht zuvor mal wieder depressiv und verzweifelt in den Schlaf geheult hatte. Er war ein toller Zuhörer und Ratgeber.
Nach einiger Zeit habe ich mich ihm dann anvertraut. Er war es, der mich motiviert hat, erneut einen Arzt aufzusuchen. Durch ihn schaffte ich es, meine Ängste und Zweifel abzulegen.
Ich war beim Arzt und habe mir ohne das Wissen meiner Eltern erneut die Salbe verschreiben lassen. Als diese allerdings nicht mehr half, brauchte ich deren Unterschrift für die erneute Operation. Ohne ihn hätte ich das nie geschafft. Ich hätte mich einfach nicht getraut und mich wahrscheinlich lieber noch ein ganzes Jahr gequält, bis ich 18 geworden wäre.
Mit meiner Vorhaut ging auch ein paar Tage vor meinem 17 Geburtstag die Bindung zu meinen Eltern dahin. Weihnachten feierte ich bei Freunden. Im Frühjahr hatte ich einen Job und zog von zu Hause aus.
Ich hätte es mir anders gewünscht, meine Eltern fehlen mir manchmal. Nicht, dass ich sie nicht hin und wieder sehe und besuche, aber es ist schwer. Sehr schwer, sich wieder anzunähern. Für sie trage ich die Schuld. Und der böse Nachbar, der mich ihnen entfremdet hat. Auch ihn vermisse ich. Er ist kurz nach meinem 18. Geburtstag gestorben.
Es wurde jetzt ein bisschen melancholisch. War nicht so geplant - hat sich einfach so ergeben.
Und bitte liebe Eltern von Teenie Jungs. Zuhören bei diesem Thema ist oft wichtiger als Antworten zu geben. Mitgefühl zeigt man, durch Anteilnahme, nicht durch Verniedlichung. Trost und Kraft spendet man durch Zuhören und Ernstnehmen. Auch ein vorlauter Teenie mit großer Klappe ist sehr, sehr verletzbar, wenn es um seinen intimen Bereich geht.
Keinen geht es was an, dass euer Junge ein Problem mit seinem Penis oder seiner Vorhaut hat. ER alleine darf entscheiden, wer es erfährt.
Er ist auch nicht mehr so klein und weiß noch nicht, was er will. Es ist sein Penis! Und wenn er sich mal nicht sicher ist, dann kann man warten.
„Dann hast du es hinter dir“ will kein Betroffener hören. Drängen ist schlecht, sehr schlecht. Eine Phimose ist kein medizinischer Notfall!
Ich wünsche allen Betroffenen die richtigen Worte und alles, alles Gute!
Tut mir Leid, dass es so lang wurde.
Danke, dass du mir trotzdem bis zum Ende zugehört hast!
Mir tat es sehr gut, das alles zu schreiben. Vielen Dank!