Posts by picard_72

    Ob der Ausgangspost nun Fake ist oder nicht, ist mE hier nicht entscheidend, auch in den Kommentaren findet sich viel Un- und Halbwissen. Erschreckend viele Kommentatorinnen erzählen zB davon, dass es bei ihren Jungs " medizinisch notwendig" gewesen sei. Selbstverständlich können da auch Männer kommentieren, es ist eine offene FB-Seite. Ich hab jedenfalls mal einen Kommentar hinterlassen.

    Hm, ich weiß nicht so recht. Ich finde es problematisch, hier lediglich aufgrund einiger Facebook-Kommentare von Dritten - zumal von Leuten, die wir nicht kennen und deren Expertise und Aussagen nicht überprüfbar sind - jemanden öffentlich anzuprangern. Zumal ich seiner Webseite keine Beschneidungspropaganda entnehmen kann.Ich will jetzt hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber im schlimmsten Falle könnte das auch rechtliche Folgen haben. Bitte Vorsicht mit sowas !

    Ich bin jetzt in meinem Fall davon ausgegangen, dass die Verjährung gegen den Arzt/ Beschneider bereits eingetreten ist. Im Eltern/ Kind -Verhältnis ist der Beginn der Verjährungsfrist bis zum 21. Lebensjahr hingegen gehemmt. Und ja, grundsätzlich laufen Verjährungsfristen beim Schmerzensgeld vom Zeitpunkt der Kenntnis des Schadens an, wobei es aber auch eine absolute Grenze gibt ( idR 10 Jahre nach Tat, mit zT noch längeren Fristen bis zu 30 Jahren zB bei Sexualdelikten ) . Das alles ist ein weites Feld und ziemlich komplex. Ich wollte mein Beispiel jetzt nicht unnötig verkomplizieren, sondern ging erstmal vom gesetzlichen Normalfall aus.

    Ja, ok, in dem in dem Artikel gesetzten Link ging es aber um eine unmittelbare Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz als solches.Also ohne vorherige Ausschöpfung des Rechtsweges in einem konkreten Sachverhalt. Sowas ist in der Tat extrem schwierig. Bei der von mir gedachten Konstellation ging es aber darum, dass ein Betroffener seine Eltern auf Schmerzensgeld verklagt , seine Klage mit Hinweis auf § 1631 d BGB abgewiesen wird und er nach Ausschöpfung des Rechtsweges, dann Verfassungsbeschwerde einlegt.

    Einer unserer Mitstreiter hatte ja versucht, stellvertretend für seinen Sohn gegen den §1631d BGB Beschwerde einzulegen. Argument war, sollte ihm als Vater etwas zustoßen - und diese Gefahr besteht ja zu jeder Zeit - könnte der zukünftige Vormund dann seinen Sohn verstümmeln wollen. Diese Begründung ließen die Richter aber nicht gelten.
    Direkt, unmittelbar, gegenwärtig.
    Ich glaube kaum, dass Spätfolgen der OP bei einer Verfassungsbeschwerde geltend gemacht werden können. So sehr ich mir das auch wünschen würde.

    In diesem Fall waren, offen gesagt, auch ein bisschen zu viele " wenns" drin. Dass ein eventueller Vormund bei dem - spekulativ angenommenen- Tod des Vaters "Beschneidungs"absichten hätte, war da mE schon ein wenig um 5 Ecken gedacht. Bei einem real Betroffenen wird man nicht weg diskutieren können, dass er tatsächlich beschnitten ist. Sofern eine medizinische Indikation nicht vorlag, ist § 1631 d auch einschlägig. Würde er also seine Eltern auf Schmerzensgeld verklagen, eben wegen noch andauernder Beeinträchtigungen infolge der Beschneidung, so stünde für mich seine Klagebefugnis, also die Zulässigkeit der Klage, nicht in Frage. Inwieweit es ihn beeinträchtigt , wäre dann mE schon eine inhaltliche Prüfung, betrifft also die Begründetheit, nicht aber die Zulässigkeit der Klage.

    Ich sehe das in Zukunft nicht ganz so aussichtslos. Die gegenwärtige und unmittelbare Betroffenheit sähe ich bei jemanden, der unter Geltung des § 1631 d BGB beschnitten wurde , durchaus auch noch in 20 Jahren als gegeben an, da der Zustand des Beschnittenseins ja zeitlebens fortwirkt.

    Problem könnte allerdings die Verjährung sein. Da die Verjährung mit dem Ende des Jahres beginnt, in dem die eigentliche Tathandlung vorgenommen wurde, und die Verjährungsfrist regelmäßig 3 Jahre beträgt, dürfte in den meisten Fällen, die in Betracht kommen, bei Eintritt der Volljährigkeit Verjährung bereits eingetreten sein. Dies gilt jedenfalls im Hinblick auf die Ärzte oder anderen Beschneider.

    Was bliebe, wäre die Möglichkeit, die eigenen Eltern zu verklagen. Im Verhältnis zu den Eltern ist nämlich die Verjährungsfrist gemäß § 207 BGB bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres gehemmt, dh, die 3 jährige Verjährungsfrist beginnt erst am 21. Geburtstag des Betroffenen . https://dejure.org/gesetze/BGB/207.html. Würde die Klage mit Hinweis auf § 1631 d BGB abgewiesen, könnte der Betroffene Verfassungsbeschwerde erheben.

    Allerdings, bis die ersten unter Geltung des § 1631 d BGB beschnittenen Jungen volljährig sind, dauert es noch einige Zeit. Vor 2031 wird das ja nicht der Fall sein.

    Hallo Zwerg 5, willkommen :) ,

    also , natürlich kann Dein Sohn als Volljähriger machen was ihm beliebt. Er sollte sich aber über die langfristigen Folgen einer Beschneidung im Klaren sein, und sich gut informieren. Ich, als Beschnittener, würde ihm nicht unbedingt zuraten, da die negativen Langzeitwirkungen einer Beschneidung oft unterschätzt werden. Meines Erachtens ist es unvermeidlich, dass die dauerhaft freigelegte Eichel mit der Zeit nach und nach abstumpft und stark an Sensibilität verliert. Zudem ist die Innenseite der Vorhaut selbst eine extrem sensible Schleimhaut, deren Verlust sich nachhaltig negativ auf das sexuelle Empfinden auswirkt.

    Wenn ihn dennoch die überlange Vorhaut denn so sehr stört, dass er weiterhin eine OP will, dann würde ich allenfalls eine Teilbeschneidung in Betracht ziehen, so dass die Eichel nur im erigierten Zustand unbedeckt ist, und ansonsten noch bedeckt bleibt, und dabei auch genug bewegliche Haut als natürliches " Gleitmittel" erhalten bleibt.

    Interessant, in vielem von dem , was ihr hier geschrieben habt, finde ich mich wieder. In meiner Schulzeit war ich anfangs sehr darauf bedacht, mein Beschnittensein zu verbergen, im WC , in der Umkleide oder in der Gemeinschaftsdusche hab ich mir immer den Platz in der hintersten Ecke reserviert, und auch immer die Hand davor, damit niemand was sieht. Darin war ich auch erfolgreich, jedenfalls wurde ich nie " enttarnt". Erst so ab ca 16 wurde ich etwas selbstbewusster und habe mich da nicht mehr versteckt. Ob den anderen jungs da was aufgefallen ist, keine Ahnung, gesagt hat niemals jemand was. Wenn das Thema " Beschneidung" mal in Biologie oder Geschichte oder Philosophie mal angesprochen wurde , habe ich allerdings immer peinlichst geschwiegen. Und so wussten bis vor wenigen Jahren eigentlich nur meine Familie, meine zwei besten Freunde und die sehr übersichtliche Zahl von Frauen, mit denen ich intim wurde, von meiner Beschneidung. Wenn eine intime Begegnung bevorstand habe ich die Frau auch immer " vorgewarnt" , damit es nicht zu unangenehmen Überraschungen kam. Den meisten wars egal, eine fragte mal wie ich denn dann überhaupt masturbieren kann, das wars....

    Ansonsten, seit 15 Jahren gehe ich regelmäßig in die Sauna, da wird es möglicherweise einigen aufgefallen sein ( so mancher Blick oder Gesichtsausdruck ließ dies vermuten ) , aber gesagt hat nie jemand was. Aber die Leute dort kennen mich ja idR eh nicht.

    Mit der Beschneidungsdebatte allerdings änderte sich das grundlegend. Wer, wenn nicht ich, dachte ich mir, und startete vorsichtig mit einem Posting auf meiner FB-Seite, in welchem ich auch meine eigenen Erfahrungen und Probleme als Beschnittener thematisierte . Die positive und ermutigende Resonanz vieler FB-Freunde auf meine " Bekenntnisse" hat mich überrascht und dazu veranlasst , offensiver mit der Sache umzugehen. Da ich auf meiner Facebook-Seite das Thema Beschneidung regelmäßig thematisiere und aus meiner eigene Betroffenheit keinen Hehl mache, dürften es mittlerweile die meisten meiner FB-Freunde mitgekriegt haben. Hinzu kommen auch meine Intaktivistenfreunde und auch in meinem privaten Freundes- und Bekanntenkreis wissen es mittlerweile viele. Ich binde es niemanden auf die Nase , aber wenn die Sprache zB auf meine Engagements in der Öffentlichkeit kommt, spare ich auch dieses Thema nicht aus.

    Naja, und da ich unter Klarnamen auch einiges zu dem Thema veröffentlicht habe, kann es im Grunde jeder , der meinen Namen googlet , aus dem Internet erfahren. Das ist manchmal schon ein etwas seltsamer Gedanke, dass Leute, die im Grunde nichts von mir wissen, gerade dieses intime Detail über mich aus dem Internet erfahren können. Möglicherweise auch Mitarbeiter und Kunden. Was weiß ich, wer mich schonmal einfach aus Spaß gegooglet hat und dann zufällig darauf gestoßen ist. Nunja, ist nunmal jetzt so.

    Hallo sorayara,

    Deine Schilderunge kommt mir bekannt vor, wenn auch von der anderen Seite, denn so habe ich GV selbst auch immer wahrgenommen. Es ist für mich als beschnittener Mann fast ausschließlich Kopfsache, und oft mehr Arbeit als Vergnügen. Physische Stimulation ist kaum möglich . Man(n) muss sich sehr konzentrieren und das verkrampft natürlich zusätzlich. Mit dem Alter wird es nicht besser.

    Empfehlen kann ich vielleicht, sich von der Vorstellung , dass Sex im Wesentlichen mit Vaginalverkehr gleichzusetzen ist, zu lösen.

    Einfach mal was anderes probieren, mit den Händen, mit der Zunge, dem Mund. Mit Gleitmitteln, Babyöl etc experimentieren. Mit ein bisschen Fantasie, und, wenn beide mitmachen, kann das wesentlich lustvoller und für beide befriedigender sein als krampfhafter GV.

    Hallo Sumpfland,

    es ist schwer, hier eine allgemeine Empfehlung zu geben, da, wie die anderen Mitkommentatoren schon schrieben, das alles sehr individuell ist. Meine Art damit umzugehen, mag für Dich oder andere ganz falsch sein.

    Ich persönlich habe für mich beschlossen, mit meinem Beschnittensein zu leben, da mir zB für Restoring auch die Geduld und auch der unbedingte Wille fehlt. Es mag widersinnig klingen, aber gerade die intensive Beschäftigung mit dem Thema seit meiner Schulzeit hat dazu geführt dass " beschnitten sein" irgendwie auch ein Teil von mir geworden ist. Ein Teil, den ich nicht als Stärke, nicht als positiv oder vorteilhaft empfinde, aber es gehört doch irgendwie zu mir . Ich habe beschlossen, es nicht mehr zu verleugnen. Allein das hat mir schon sehr geholfen. Als Schüler habe ich mich sehr für mein Beschnittensein geschämt und versucht, es zu verbergen, in Gemeinschaftsduschen, Umkleiden usw. Irgendwann wollte ich das einfach nicht mehr, Schritt für Schritt habe ich mich geöffnet. Heute gehe ich regelmäßig in die Sauna. Nicht, um mit meinem beschnittenen Penis zu prahlen. Sondern um einfach normal zu sein, wie jeder andere dort und dabei zu zu meinem " Makel" zu stehen, so wie auch andere dort Narben oder körperliche Makel mit sich tragen. Ich will mich nicht mehr verstecken müssen. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Gesagt hat noch nie jemand was.

    Mit dem Aufflammen der Beschneidungsdebatte ging ich noch einen Schritt weiter:

    Es tat gut , endlich offen damit umzugehen und nicht nur verschämt unter vorgehaltener Hand darüber reden zu können; über meine Empfindungen und die Probleme, die ich damit habe, zu reden ( was mir witzigerweise gegenüber " Fremden" noch immer leichter fällt, als gegenüber sehr nahestehenden Personen ). Weiterhin hat mir auch geholfen, mich politisch und gesellschaftlich dafür einzusetzen, dass anderen Jungen dieses Los erspart bleibt. Und hierbei auch kleine Erfolge zu erzielen. Denn eines habe ich auch gemerkt: Die Leute hören eher zu, wenn man seine persönlichen Erfahrungen mit in die Waagschale wirft. Das ist der "Vorteil" , den wir Betroffenen gegenüber Nichtbetroffenen haben: Wir wissen , wovon wir reden, uns ist man eher bereit anzuhören, als solchen, die nur abstrakt darüber reden können. Das ist das Pfund mit dem wir wuchern können, um gesellschaftlich was zu erreichen.