Soviel vorweg: eine begnadete Rednerin ist Frau Dr. Deusel nicht gerade. Da wird einerseits über Zuvieles einfach hinweggewischt und dann wird man andererseits mit im Judentum strittigen Bibeldeutungen überladen. Mit ihrem Anspruch, in einer Stunde eine Zeitreise der Beschneidung vom alten Ägypten bis in die Gegenwart zu unternehmen, ist sie aus meiner Sicht eindeutig gescheitert. Für irgendwelche Differenzierungen bleibt da kein Raum. Man merkt auch mehr als deutlich, dass Frau Dr. Deusel ihren Vortrag nicht zum ersten Mal hält...
Frau Deusel bemüht sich um eine resche und positive Ausstrahlung, die von einem unverfälschten fränkischen Dialekt untermalt wird. Dass es sich um die Geschichte zentraler religiöser heiliger Rituale handelt, und nicht bloss um die Geschichte des Wasserhahns, wird in ihrer Art des Vortragens jedenfalls nicht deutlich.
Inhaltlich gesehen: wenn man sich etwas differenzierter über die Geschichte der Beschneidung informieren möchte, ist man in diesem Forum besser aufgehoben als bei einem Vortrag von Frau Dr. Deusel. Forumsmitglieder erfahren dabei nichts Neues. Die Vorhaut ist natürlich bei Frau Dr. Deusel nur "ein kleines Häutchen", das, wie sie belustigend bemerkt, zum Leidwesen vieler Männer deren geburtliche Makellosigkeit, wie sie die Frauen auszeichnet, beeinträchtigt. Klar, dass sie weg muss. Das können die Männer nicht auf sich sitzen lassen.
Daran, dass auch die alten Griechen und die alten Römer schon Antisemiten waren, lässt Frau Dr. Deusel keinen Zweifel. Die Frage, ob man deshalb deren gesamten Kulturbeitrag in die Tonne treten sollte, lässt Frau Dr. Deusel offen. Die Vortragszeit drängt ja.
Natürlich lässt Frau Dr. Deusel Maimonides nicht unerwähnt. Mit dessen Behauptung, die Beschneidung lähme das erotische Verlangen, habe er aber nicht recht gehabt. Das sei eigentlich eher metaphorisch zu verstehen. Mit den historischen Begründungen der Beschneidung in der Medizin (Epilepsiebehandlung usw.) geht Frau Dr. Deusel hart ins Gericht: das sei alles Quatsch. Die AAP allerdings...Und im Übrigen habe der Bund deutscher Psychiater und Psychotherapeuten die unverzichtbare Funktion identitätsstiftender Rituale...
Die rechtliche Lage verdient nach Frau Dr.Deusel drei ganze Sätze: Religionsfreiheit und so. Ist eh klar. Ansonsten sei die Beschneidung sowohl im Nahen Osten als auch in Amerika überhaupt kein strittiges Thema. Bei den Juden sei sie heutzutage ein Zeichen, dass man dem Antisemitismus ausdrücklich trotze, und sich nicht mehr den gescheiterten Assimilationsideen des 19. Jahrhunderts hingeben würde.
Zum Schluss noch drei kurze "Beweise" von ihr zum Antisemitismus in der Beschneidungsdebatte: David Gallagher habe Anklänge an die Ritualmordlegende dargestellt, Ron Goldman habe behauptet, beschnittende Männer seien gegenüber Frauen gewalttätiger und der Foreskinman könne aus dem "Stürmer" stammen.
Fazit: das einzigste Problem bei der Beschneidung ist der Antisemitismus der Beschneidungsgegner. Den "Beweis" dafür liefert man, indem man alles weglässt, was dagegen spricht.
Tja, das wars. An der anschliessenden Diskussion konnte ich wegen eines anderen Termins nicht teilnehmen. Erschlagen von soviel Desinformation verliess ich den Saal...
PS. Der Saal, der 180 Personen Platz bieten würde, war zu einem Viertel besetzt. Ich war der einzige Beschneidungskritiker: alle ausser mir haben am Schluss des Vortrags alle geklatscht.
Noch PS. Es handelt sich nicht um eine Habilitationschrift, sondern um eine Bachelorarbeit. Frau Dr.Deusel musst nach eigenem Bekunden zum Thema überredet werden.