Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Verleihung des Heinz-Galinski-Preises (am 29.11.)

  • Mir gefällt sehr gut was du, lieber Picard, oben geschrieben hast. Es wird wohl realistisch so, daß Beschneidung ersteinmal weiter straffrei bleiben wird. Dennoch sehe ich, ebenso wie du, daß ein Stein ins Rollen gebracht wurde mit der öffentlichen Diskussion, und zukünftig, durch die Bewusstwerdung, sich die Dinge verändern werden.

    Mir persönlich liegt sehr viel daran, daß wir unsere individuellen, erkämpften und daher nicht selbstverständlichen Freiräume und Menschenrechte nicht wieder verlieren. Manchmal habe ich aber auch Angst um sie, denn nicht überall auf der Welt wie wir wissen, ist Freiheit willkommen. Und die Geschichte um die Beschneidung hat mir wieder so deutlich gemacht, daß unsere Grundgesetze sehr wohl in Gefahr kommen können. Ich verstehe noch immer nicht, wie es rechtlich überhaupt bei uns möglich ist, in dieser Sache anders zu entscheiden, als ein Beschneidungsverbot zu erlassen. Das zeigt so deutlich, wie mächtig andere Kulturen noch immer in unserem Land sind. Ich bin mir aber , vielleicht in einer gewissen naiven Form, sicher, daß zukünftig sich auch die Dinge in anderen Ländern immer mehr in Richtung Freiheit entwickeln werden. Doch das wird noch seine Zeit brauchen.

    Auch wir werden uns weiterentwickeln, und auch einsehen, daß man nicht so einfach verschiedene Kulturen in "einen Raum" zusammen setzen kann, ohne vorher klargestellt zu haben, daß zumindest ein gemeinsamer Konsens, in diesem Fall die Grundrechte, bei allen Beteiligten auf Zustimmung stoßen muss. Letzenendes wird die gesamte Welt sich befrieden müssen, nicht der Gerechtigkeit wegen, sondern weil wir immer abhängiger voneinander werden, und das gemeine Volk sich seiner Würdenrechte bewusster.

  • ein gemeinsamer Konsens

    Genau den sehe ich nicht. Die unveräußerlichen Grundrechte werden untergraben und fallen einem ambienten Relativismus zum Opfer.
    Genau das kann man auch beobachten, wenn man die Menschenrechtserklärung von Roosevelt u.A. liest, von wegen Recht auf Arbeit usw. Sehr viel Energie wurde darauf verwendet, alle hehren Ziele dieser Erklärung im Laufe der Zeit auszuhöhlen, bis ins Absurde, in dem absolute Begriffe dem Relativismus überstellt wurden

    • Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt (Thomas Mann)
  • Aber wie könnte es denn dann deiner Meinung nach funktionieren?

    Der Constance-Turm in Aigues-Mortes diente zur Zeit der Hugenottenkriege als Frauengefängnis. Während viele Gefangene angesichts der unmenschlichen Haftbedingungen dem Protestantismus abschworen, ging Marie-Durand aus Ardèche als besonders standfeste Hugenottin in die Geschichte ein: 38 Jahre dauert ihre Gefangenschaft, in der sie das bis heute noch sichtbare Wort "resister" auf den Rand eines Rundfensters geritzt haben soll. Die Moral: Widerstand leisten gegen eine Aushöhlung von Menschen- und Grundrechten! Wenn der Bürger seine Rechte nicht verteidigt, wird es keiner für ihn tun. Wer Macht hat, neigt schnell zu einem Missbrauch. Deswegen ist Kontrolle notwendig. :thumbup:

    Aufrichtig zu sein kann ich versprechen, unparteiisch zu sein aber nicht. (JWvG)
    Auch für die Religionsfreiheit gilt: "Freiheit ist immer nur die Freiheit des anders Denkenden." (R.Luxemburg)

  • Ich habe den Band "un-heil" gelesen und denke auch, dass ein weiteres Buch demnächst ein wirksamer Impuls sein könnte:
    Mit Fokus auf die möglichen Langzeitfolgen einer (weitgehend) komplikationslosen Vorhautamputation. Im Mittelpunkt sollten die Erfahrungsberichte möglichst vieler betroffener Männer und Frauen stehen, vor dem Hintergrund einer zusammenfassenden Schilderung aller derzeit verfügbaren Studien rund um die Sensibilitätsminderung. Hinzu kommen die Erfahrungen von Männern, die mit der reduzierten Sensibilität vielleicht gut leben können, aber unter einem Gefühl des Unvollständigseins leiden und sich in ihrem Recht auf Selbstbestimmung verletzt fühlen.
    Das ist Glatteis, denn den ursächlichen Zusammenhang können wir nie wasserdicht beweisen, auch Nichtraucher kriegen Lungenkrebs. Müssen wir auch nicht. Es liegt meines Erachtens nach an der Gegenseite, das Gegenteil zu beweisen.
    Wichtig wär noch ein Kapitel, das den Erfahrungen von "schmuddeligen Hautfetzenträgern" Raum gibt, in deren Sexualität die Vorhaut eine wichtige Rolle spielt.
    Wenn noch Platz ist darf natürlich ein geschichtlicher Abriss nicht fehlen, um zu verdeutlichen, wie sich das Kosten-Nutzen- Verhältnis dieser Operation über die Jahrtausende verändert hat.
    Ein Teil über die embryonale Entwicklung der Geschlechtsorgane von Jungs und Mädchen könnte helfen, die Schere im Kopf im Bezug auf chirurgische Eingriffe am Genital der beiden Geschlechter bewusst zu machen und die rationale Grundlage zu entziehen.
    Am Schluss sollte klar sein: Die Vorhaut ist, genauso wie die äquivalenten Gewebe bei der Frau, ein integraler Bestandteil der erogensten Körperzone und für viele Männer für eine erfüllte Sexualität unverzichtbar.

    Der nächste Anlass für die Menschen, über Zwangsbeschneidung nachzudenken, sollte doch nicht ein totes Baby sein!

  • Genau so stelle ich mir das vor. Meiner Meinung nach wurde in der ganzen öffentlichen ( nicht hier im Forum ! ) Debatte der Fokus viel zu stark auf den eigentlichen Akt der Beschneidung ( Schmerzen, Komplikationen, Betäubung ja oder nein usw ) gelegt, während die langfristigen Folgen meist weit weniger Beachtung fanden. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich meine eigene Beschneidung ( also den Eingriff selbst ) nie als traumatisch oder entwürdigend oder schmerzhaft in Erinnerung habe. Es wurde " nach Regeln der ärztlichen Kunst " durchgeführt, unter Betäubung und verlief weitestgehend komplikationslos. Erinnerungen daran habe ich nur sehr bruchstückhaft. Dennoch hatte ich mein Leben lang - bis heute- das Gefühl, in meiner Männlichkeit verletzt und unvollständig zu sein. Das ist ein sehr subjektives Empfinden und wird sich wahrscheinlich kaum objektivieren lassen. Ich denke auch nicht, dass ich der Einzige bin, der so empfindet; seit Jahren lese ich ja schon in diversen Internetforen mit und stoße immer und immer wieder auf beschnittene Jungen oder Männer, die dort thematisieren " wie denkt ihr ( anderen , Frauen ) über Beschneidung; findet ihr das gut oder blöd oder lächerlich usw ?" Allein schon, dass dies so häufig themnatisiert wird, ist für mich ein Zeichen einer tiefsitzenden Unsichereit, Komplexen oder Verletztheit.

    Deshalb aber lege ich in dieser ganzen Debatte auch soviel Wert auf den Aspekt der Selbstbestimmung.

    Ich wiederhole hier mal was ich heute schon in einer PN schrieb: Bei einem Buch ginge es mir darum, betroffene Eltern auf der emotionalen Ebene ansprechen. Gerade Religion, Werte, Eltern-Kind-Beziehung, kulturelle Prägungen , dass ist eine Frage der Emotion, nicht der rationalen Abwägung. Mir geht es darum, diejenigen zuerreichen, die bisher eher gedankenlos einer kulturellen oder traditionellen Prägung gefolgt sind, obwohl sie ansonsten längst in der modernen Gesellschaft angekommen sind. Oder diejenigen, die bisher dem medizinischen Mythos des harmlosen, eher vorteilhaften Eingriffs auf den Leim gegangen sind. Und das erreicht man mE eher mit subjektiv gefärbten Betroffenheitsberichten. Natürlich werden unsere Gegner sagen,das das alles bedauerliche Einzelfälle sind. Aber Eltern werden sich fragen, ob ihr Kind nicht nicht auch ein solcher " Einzelfall" werden könnte. Es geht mir darum, ins Bewusstsein zu bringen, dass jeder die Beschneidung subjektiv für sich anders empfinden kann, und daher das Recht auf Selbstbestimmung in den Mittelpunkt zu rücken ist, jenseits aller medizinischen und wissenschaftlichen Studien und Abhandlungen, die immer angreifbar sind. So wie zB in dem Sachroman von Lukas Störmer " Der Schnitt" . Dieses Buch hat mich sehr bewegt, weil ich mich vielfach dort selbst wiederfinden konnte. So etwas ähnliches schwebt mir vor, nur breiter gefächert, es müssten vor allem Männer ( und Frauen ) dabei sein aus ganz unterschiedlichen kulturellen Umfeldern und die aus ganz unterschiedlichen Motiven beschnitten wurden. Und das Buch müsste gut promotet werden, vielleicht in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschland oder der Giordano Bruno Stiftung, die ja auch gute Kontakte zu Verlägen haben.

  • @ RHEINWEIN

    Widerstand - das Zauberwort für all die, die was verändert haben wollen und eine gewisse Leidenschaft in sich tragen. Ich bin dabei - wo fangen wir an zu widerstehen!?

    Bis Ende 30 war ich auch noch zu vielem bereit. Dann wurde ich Mutter, und hatte plötzlich eine Achillisferse...Heute bin ich zu bequem und oft auch zu realistisch um mir echte größere Unannehmlichkeiten zu bereiten.

    Mir ist ein Gesetz hier an dieser Stelle am vernüftigsten, und in manchen Momenten glaube ich auch noch an die Vernunft mancher Politiker ( lacht mich ruhig aus ). Widerstand funktioniert in diesem Land nicht gut. Unsere Kraft liegt woanders: die Deutschen können wirklich zupacken, sind technisch erfinderisch. Auch der Denkapparat funktioniert bei vielen vorbildlich. Alles kann man nicht haben! Im mutig sein, im Rückrad zeigen, da sind wir nicht unbedingt die Größten, und ich habe das Fehlen dieser Eigenschaft meinen Landsleuten mitlerweile nachgesehen. Zudem übt Widerstand auf die andre Seite Druck aus. Das ist nicht wirklich eine Position die ich gut dafür halte-, eine schlechte Ausgangssituation wenn man erreichen möchte, daß sich im Bewusstsein der Menschen was bewegt. Bei absolut unhaltbaren Situationen wäre Widerstand sicherlich noch immer DIE Möglichkeit schlechthin. Doch wo kann man hier widerstehen? Deshalb: bitte Gesetze für die Grundrechte, die wir ja schon haben, die verbindlich für alle gelten und an die man sich auch hält.

    Ein Buch zu schreiben- so wie es Picard oben schildert-, halte ich für eine der besten Möglichkeiten ( einen Film fände ich noch toller! ) der Öffentlichkeit das Thema näher zu bringen um damit das Recht auf Selbstbestimmung und Individualität zu sensibilisieren. Seit etwa einem Jahr gibt es jetzt immer öfter Beiträge in den Medien zum Thema: Intersexualität. Diese Leute haben wie die zu beschneidenden/Beschnittenen das gleiche Problem: die Anerkennung der Selbstbestimmung. Vielleicht kann man diese beiden Gruppen irgendwie zusammen führen, um daraus größeren Interssensgruppen zu bilden. Manchmal machts die Masse... Ich kenne einen Intersexuellen sehr gut, der wiederum andere kennt. Falls hier also interesse an dieser Idee besteht, dann bitte gerne kundtun.

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