NoCut: Wahrscheinlich habe ich mich nicht ganz verständlich ausgedrückt. Darum versuche ich, meinen biblischen Befund noch einmal anders aufzuzäumen:
Von den inhaltlich wichtigsten Bundesschlüssen im Alten Testament:
Noah-Bund (Gen. 9) mit allen Völkern. Beschneidung spielt in den noachitischen Geboten keine Rolle (kein Blutvergießen!). Auch wenn anzunehmen ist, dass die semitischen Völker die Beschneidung als Stammeszeichen übten (vgl. Jer. 9, 24-25: Ägypter, Edomiter, Ammoniter, Moabiter genauso wie Israeliten, die es von den anderen gelernt haben dürften). Ursprünglich aber wohl nur als Teilbeschneidung der Vorhaut, möglicherweise auch nur als Pubertäts- bzw. Mannbarkeitsritus oder sogar erst als Hochzeitsritus bzw. als kultisches Zeichen der Priester.
Abraham-Bund (Erwählung Israels). In den ältesten Quellenschriften (Jahwist J, Elohist E) ohne Erwähnung der Beschneidung (Gen. 15,8 ). Erst das Spätwerk der Priesterschrift P fügt die Beschneidung lang und breit in die Abrahams-Erzählung ein, und zwar als Beschneidung Abrahams, Ismaels, der Säuglinge am 8. Tag und der Sklaven (Gen. 17 und Gen. 21,4) und macht aus dem Abraham-Bund einen Beschneidungs-Bund (Brit Mila).
Mose- oder Sinaibund (das Gesetz, die Tora als Verhaltens- und Lebens-Weisung). Bei J und E ursprünglich ohne ein Beschneidungsgebot. Dieses wird erst später von P eingefügt, dem es in seiner Gesetzgebung vor allem um kultische und rituelle Reinheit geht (Lev. 12,3). In Opposition zu P fordert der Deuteronomist als Vertreter der Ethik dagegen die Beschneidung der Herzen (Dt. 10,16; 30,6).
David-Bund (erwähltes politisches Königtum). Ohne religiöse Bedeutung der Beschneidung. Stattdessen Abkunft, Berufung und prophetische Salbung. In den Texten findet man jedoch öfters eine Polemik gegen die „Unbeschnittenen“ (die indogermanischen Philister). David hält um die Hand von König Sauls Tochter Michal an und bringt ihm als Brautpreis die Vorhäute von 200 erschlagenen Philistern (1. Sam. 18,20-27).
Die Beschneidung in ihrer zeitlichen Entwicklung:
Die Teil-Beschneidung der Vorhaut ursprünglich wohl ein Stammeszeichen (Pubertäts-, Hochzeits-, Priesterritus) bei allen semitischen Völkern (Ägypten, Edom, Ammon, Moab). Möglicherweise gab es auch Unterschiede im Brauchtum zwischen den zehn Stämmen des israelitischen Nordreichs und den beiden Stämmen des Südreichs Juda und Benjamin. In dieser Zeit entstehen das jahwistische und elohistische Geschichtswerk, die keinen besonderen religiösen Wert der Beschneidung kennen.
In den Jahren 597 und 587 v. Chr. nimmt Nebukadnezar die Stadt Jerusalem ein, zerstört den Tempel und führt die Oberschicht Judas in das babylonische Exil. Die Theologen Israels fragen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, und entwickeln zwei völlig konträre Antworten und Konzepte:
1. Die Priester, die die Priesterschrift verfassen, sagen: Das Volk hat die kultischen Tempelgebote nicht ausreichend befolgt. Darum schickte Gott die Katastrophe. Die Priester entwickeln daher neue kultische Gesetze, mit denen sich die Israeliten selbst im Exil noch von den Babyloniern durch äußere Zeichen unterscheiden sollen: die Beschneidung (am 8. Tag und aller Proselyten), die rituellen Speisegesetze und die strenge Befolgung des Sabbats. Allein darin sehen sie eine Garantie für das Überleben des Volkes. In diesem Konzept ist einzig die Nation wichtig.
2. Die deuteronomistische Schule und einzelne Propheten wie Jeremia sagen dagegen: Die Ursache für die Katastrophe lag in der mangelnden Ethik und Herzensfrömmigkeit. Sie entwickeln die Lehre von der „Beschneidung des Herzens“. Die äußerlichen Dinge geben keine Sicherheit. In diesem Konzept wird der einzelne Mensch wichtig und sein Freisein für Gott und seine Nächsten.
Als Beispiel für die erste Sichtweise zitiere ich Genesis 17, 13-14:
"Beschnitten soll werden alles Gesinde, was dir im Hause geboren oder was gekauft ist. Und so soll mein Bund an eurem Fleisch zu einem ewigen Bund werden. Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an der Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat."
Als Beispiel für die zweite Sichtweise zitiere ich Jeremia 9, 24-25:
„Siehe es kommt die Zeit, dass ich heimsuchen werde alle, die an der Vorhaut beschnitten sind, nämlich Ägypten, Juda, Edom, die Ammoniter, Moab und alle, die das Haar rundherum abscheren, die in der Wüste wohnen. Denn alle Heiden sind nur an der Vorhaut unbeschnitten, aber ganz Israel hat ein unbeschnittenes Herz.“
Diese beiden Rettungskonzepte (das kultische und das ethische) liegen über Jahrhunderte im Streit, auch in der Zeit des Zweiten Tempels. Unter hellenistischem Einfluss verzichten im 2. Jahrhundert v. Chr. immer mehr Juden gänzlich auf die Beschneidung. Der Hohepriester Jason errichtet im Jahr 175 v. Chr. ein Gymnasium direkt neben dem Tempel in Jerusalem. Bei öffentlichen Wettkämpfen treten jüdische Athleten nackt mit wieder hergestellten Vorhäuten auf (1. Makk. 1,15f). Babys werden erst gar nicht mehr beschnitten. Der griechische Herrscher Antiochus IV. Epiphanes verbietet die Beschneidung unter Androhung der Todesstrafe. Hiergegen erheben sich die Radikalreligiösen in den langen Makkabäer-Aufständen (165 - 63 v. Chr.):
„Danach zogen Mattatias und seine Freunde im Lande Israel umher und beschnitten mit Gewalt die Kinder, die sie noch unbeschnitten fanden, und verfolgten die Partei der Abtrünnigen.“ (1. Makk. 2,45)
Damit endet die Zeit des Alten Testaments
Nachdem der römische Kaiser Hadrian (reg. 117-138 n.Chr.) die Beschneidung erneut verboten und der Aufstand des jüdischen Messias Bar Kochba im Jahr 135 gescheitert war, verschärften die Rabbinen die ursprüngliche Teil- zu einer Ganzbeschneidung der Vorhaut mit Mila und Peria.
Wie steht das Neue Testament der Christen zu den alten Bundesschlüssen und zur Beschneidung?
Einzig wegen der Frage der Beschneidung wurde zwischen 44 und 49 n. Chr. ein Apostelkonzil in Jerusalem einberufen (Apg. 15 und Gal. 2). Die Beschneidung wird aufgehoben. Der für die ganze Menschheit geschlossene Noah-Bund („Kein Blutvergießen“) wird anerkannt.
Abraham wurde durch seinen Glauben, nicht durch seine Werke gerecht und ein "Vater des Glaubens". Gott kann dem Abraham auch aus Steinen Kinder erwecken. Das mosaische Gesetz, das kein Mensch je ganz halten kann, wurde durch Jesus erfüllt. Das messianische Reich des Königs David wurde durch seinen Abkömmling Jesus Christus wiederhergestellt. Das Reich Gottes ist durch den „Glauben, der in der Liebe tätig ist“ in den Herzen und mitten in dieser Welt wirksam. Wobei der Geist Gottes weht, wo er will, und beruft, wen er will.
Zur Beschneidung gibt es in der frühchristlichen Überlieferung noch ein interessantes Jesus-Wort im apokryphen Thomas-Evangelium, entstanden m. E. ca. 90-100 n. Chr. (außerhalb des Neuen Testaments):
Es sprachen zu ihm seine Jünger: „Ist die Beschneidung von Nutzen oder nicht?“ Er sprach zu ihnen: „Wenn sie von Nutzen wäre, würde sie ihr Vater beschnitten aus ihrer Mutter zeugen. Jedoch die wahre Beschneidung im Geist hat alles gewonnen.“ (ThEv 53 in der Übersetzung von Elaine Pagels, Das Geheimnis des fünften Evangeliums)