Beiträge von Benni

    Wenn ich bei Amazon das Suchwort Beschneidung eingebe, werden mir ziemlich weit vorne folgende Produkte von Heinz Jürgen Voß angezeigt:
    Biologie & Homosexualität: Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext: Amazon.de: Heinz-Jürgen Voß: BÃŒcher

    Intersexualität - Intersex: Eine Intervention: Amazon.de: Heinz-Jürgen Voß: BÃŒcher

    Geschlecht: Wider die Natürlichkeit: Amazon.de: Heinz-Jürgen Voß: BÃŒcher

    Seine Bücher sind alle mit "Beschneidung" getaggt.

    Keine Sorge. Habe nicht vor, die zu lesen. Sein Machwerk "Interventionen zur Beschneidungsdebatte" und seine Auslassungen im boellblog reichen mir.

    heißt eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, die vom 22. März bis 1. September 2013 zu sehen ist und in der auch die Beschneidung thematisiert wird:

    Zitat

    "... auf die Frage: »Muss ein Jude beschnitten sein?« antwortet Ihr Autor Toby Lichtig, selbst beschnittener Jude, mit »nein« und erklärt dem Unwissenden, in aller Offenheit, dass es endlich an der Zeit sei, darüber nachzudenken, auch bei Juden auf die Beschneidung zu verzichten." (Leeor Engländer in der Eröffnungsrede zur Ausstellung)
    Jüdische Allgemeine / KULTUR / Jüdisches Museum - »Eine bodenlose Frechheit«

    Der englische Dokumentarfilmer Toby Lichtig hatte schon im vergangenen Jahr recht Kritisches zur Beschneidung geschrieben:
    Circumcision: time to cut it out? | Rationalist Association

    Mehr zur Berliner Ausstellung
    Jüdisches Museum Berlin - Sonderausstellung: DIE GANZE WAHRHEIT was Sie schon immer über Juden wissen wollten
    und zum Ausstellungskatalog (100 Seiten):
    Jüdisches Museum Berlin - Zeitschriften

    Das schreibt die Heinrich-Böll-Stiftung offiziell über das Debatten-Projekt des zur Stiftung gehörenden Gunda-Werner-Instituts (GWI):

    Zitat

    Parallel zur rechtlichen Debatte im Bundestag fand eine gesellschaftliche Diskussion on- und offline über Beschneidung statt, während der in großem Ausmaß Ressentiments gegenüber Jüd_innen und Muslim_innen geäußert wurden. Feministische Stimmen und antirassistische waren in der Debatte viel zu leise bis kaum zu hören. Hier setzt das GWI an, wir eröffnen einen Debattenraum, der ohne rassistische, antisemitische Ressentiments mit Respekt und Wertschätzung gegenüber anderen Postionen Beschneidung und Beschneidungsdebatte aus verschiedenen (queer)feministisch geschlechterpolitischen-emanzipativen Perspektiven beleuchten und den bisher vermissten Positionen Raum geben soll.

    Wir laden alle ein, in diesem Rahmen mitzudiskutieren. Melden Sie sich zu Wort mit Kommentaren auf Was ist der Streit-Wert? und eigenen Beiträgen an [email protected]
    Wir freuen uns auf einen konstruktiven Streit und Perspektivenwechsel. Mit Beiträgen von Heinz-Jürgen Voss, Zülfukar Çetin, Gitti Hentschel, Antke Engel, Katja Dörner u.a

    Was ist der Streitwert? Beschneidung von Jungs aus feministisch-intersektioneller Perspektive - Feminismus & Geschlechterdemokratie - Heinrich-Böll-Stiftung

    müssen wir darauf nicht reagieren?

    Das gehört zur Heinrich-Böll-Stiftung!!!

    Ist dieses Land denn verrückt geworden????

    Okay, dann reagieren wir mal. An wen können wir uns wenden?

    Dr. Heinz Jürgen Voß und Dr. Zülfukar Cetin schrieben, von der Böll-Stiftung dazu eingeladen, am 13. März 2013 im böllblog:

    Zitat

    Dass es keine medizinisch relevanten Bedenken gegen die Vorhautbeschneidung gibt, haben zahlreiche medizinische Fachgesellschaften deutlich gemacht. Populäre Vermutungen weißer Menschen, dass mit der Vorhautbeschneidung hohe Komplikationsraten, Traumatisierungen oder etwa eine erhöhte oder geringere Empfindlichkeit der Eichel einhergingen, werden durch die medizinische Fachliteratur widerlegt. Vgl. für einen Überblick: Çetin/Voß/Wolter 2012: S.51ff.
    Bereits die Frage ist falsch gestellt | Was ist der Streit-Wert?

    Wir brauchen der Heinrich-Böll-Stiftung nur die jüngste Erklärung von 38 Medizinern aus 17 europäischen Nationen (darunter 19 Vorsitzende pädiatrischer Fachgesellschaften) in der Fachzeitschrift Pediatrics unter die Nase zu halten: Beschneidungsgesetz: Gesetzgeber kannte nicht alle Risiken der Beschneidung | Wissen | ZEIT ONLINE

    Und wir fragen nach dem wissenschaftlichen Anspruch und der Redlichkeit der Heinrich-Böll-Stiftung. Warum lassen die solche Ignoranten wie Voß und Cetin bei sich wirken? Eins scheint mir sicher: Heinrich Böll wäre schockiert, zu sehen, was mit seinem Namen gemacht wird.

    Auch von mir DANKE!
    Schön, dass die alten Leute sich nicht haben für blöd verkaufen lassen.
    Von welcher Institution war eigentlich die Moderatorin?
    Was mich immer wieder wundert: wenn so ein Referent meint, die Beschneidung sei gut für SEINEN Sex und für SEINE Gesundheit, dann soll er das doch bitteschön jedem ERWACHSENEN selbst anheimstellen. Aber er soll bitte seine Kinder in Ruhe lassen.

    Zu Antke Engel habe ich mich schon geäußert. Ich frage mich nur noch: ist sie nun beschnitten oder nicht? Und wann schreibt sie etwas darüber?

    Nun auch zu Heinz Jürgen Voß im Böll-Blog: Bereits die Frage ist falsch gestellt | Was ist der Streit-Wert?
    Voß' Lieblingsthemen sind seit Jahren Intersexualität, Gender und Homosexualität. Er ist Biologe. Von Medizin versteht er, glaube ich, nicht so viel.
    Geschlecht und Biologie: Geschlechtsentwicklung weiblichmaennlich beim Menschen - Geschlechtsdetermination und Geschlechtsdifferenzierung. Von Dr. Heinz-Juergen Voss
    Mit Zülfukar Cetin und Salih Alexander Wolter brachte er Ende 2012 das kleine Pamphlet "Interventionen gegen die deutsche "Beschneidungsdebatte"" heraus.
    Ich bedauere, für dieses Machwerk 9,80 € bezahlt zu haben:
    Darin steht von ihm noch einmal der Aufsatz über "medizinische" Aspekte der Beschneidung, den er auch schon in einer "Fachzeitschrift für Sexuologie" veröffentlicht hatte.
    Sein Co-Autor Zülfukar Cetin vergleicht in einem anderen Buch Homophobie und Islamophobie am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin. Auch dessen Co-Autor Salih Alexander Wolter beschäftigt sich im Rahmen seiner "Antirassismusarbeit" mit "Muslimischen Jugendlichen und Homophobie" (Lt. Quellenverzeichnis in ihren "Interventionen").

    Wenn interessiert schon dieses wirre Zeug, das diese vier über die Jungenbeschneidung nun auch in einem Blog der Heinrich-Böll-Stiftung (vor allem von sich selber) zum Besten geben? (Außer ein paar aus ihrer eigenen grünen Gemeinde.)
    Mich würde lediglich interessieren, was die von ihnen "antirassistisch" vereinnahmten Juden und Muslime über diese wilden Phantasien und ihre Vereinnahmung für intersex und transgender denken :)

    Das Ende ihres wirren Aufsatzes ist m.E. Material für den Verfassungsschutz. Antke Engel stellt aus ihrer queeren Sicht die christlich-abendländische Individualität, die Integrität und Sebstbestimmung des Menschen in Frage.

    Zitat

    Von 25 Mitgliedern des Ethikrats haben 10 offensichtliche Verbindungen zu oder Funktionen in den Kirchen oder jüdischen/muslimischen Gemeinschaften.

    Dabei wurden aber noch ein paar vergessen:

    Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Heinemann Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar (Das ist die Hochschule des kath. Pallotiner-Ordens.)
    seit 2007 Vorsitzender der Ethik-Kommission der cusanus trägergesellschaft trier mbH (ctt)
    seit 2011 Mitglied des Trägerübergreifenden Ethikrats im Bistum Trier
    Deutscher Ethikrat: Thomas Heinemann

    Dr. med. Christiane Fischer,
    Studium ev. Theologie (Universität des Saarlandes und Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg), Abschluss: Zwischenprüfung (1994)
    Deutscher Ethikrat: Christiane Fischer

    Prof. Dr. med. Christiane Woopen
    , Universität Köln, Vorsitzende des Nationalen Ethikrats
    Von 1983 bis 1988 erhielt sie ein Stipendium der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk e.V.
    Von 1989 bis 1991 arbeitete sie als Ärztin im Praktikum und Assistenzärztin in der Gynäkologischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses Weyertal in Köln.
    Von 1991 bis 1994 war sie außerdem freie Mitarbeiterin des Cusanuswerkes
    Christiane Woopen – Wikipedia

    Von 25 Mitgliedern des Ethikrates haben also mindestens 13 offensichtliche Verbindungen zu Kirchen und Religionsgemeinschaften.

    Sehr bedenkenswert erscheint mir auch der Vorschlag von Matthew Johnson, dass die beschneidenden Religionsgemeinschaften folgerichtig selber die Lasten und Risiken zu tragen hätten, etwa hinsichtlich späterer Schadenersatzansprüche des Beschnittenen. Dann würde man sich das wahrscheinlich zehnmal überlegen, ob man weiter an den Penissen wehrloser Kinder rumschnippelt, und die Religionsgemeinschaften wären plötzlich ganz kleinlaut und würden andere Rituale entwickeln.

    Ich habe an dem Studientag teilgenommen und konnte mich wie die ca. 40 anderen TeilnehmerInnen gut einbringen.
    Gerade eben schrieb ich an die Ev. Akademie Frankfurt:

    Zitat

    Insgesamt war der Studientag gut. Mit Frau Dr. Bernadette Schwarz-Boenneke hattet ihr eine gute Moderatorin, mit der Atheistin Dr. Gabriele Förster und dem ZDF-Redakteur Abdul Ahmed Rashid gute Gesprächspartner eingeladen. Sie überzeugten durch ihre menschliche Ehrlichkeit und Offenheit.

    Der juristische Hauptreferent Prof. Dr. Mathias Rohe aus Erlangen war dagegen eine Enttäuschung. Er verharmloste wieder einmal die Jungenbeschneidung auf eine unerträgliche und teils polemische Weise. Er habe mit so vielen Medizinern an Runden Tischen gesessen und alle hätten ihm gesagt, dass die Beschneidung ungefährlich sei. Mit wem er da wohl zusammen gesessen hat? Die Kinderärzte aus 17 europäischen Nationen und ihre Verbände kann er damit nicht gemeint haben: Beschneidungsgesetz: Gesetzgeber kannte nicht alle Risiken der Beschneidung | Wissen | ZEIT ONLINE

    Außerdem sagte Rohe, vor dem Kölner Urteil sei die juristische Meinung einhellig gewesen. Was für eine Unwahrheit!
    Ich rate der Ev. Akademie Frankfurt dringend, doch auch mal Juristen mit anderer Sichtweise einzuladen: z.B. Prof. Dr. Rolf Herzberg (Bochum), Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Günter Jerouschek (Jena), Prof. Dr. Holm Putzke (Passau), Prof. Dr. Reinhard Merkel (Hamburg), Prof. Dr. Sami Aldeeb (Basel), Prof. Dr. Christoph Sowada (Greifswald) - oder aus der Nähe Dr. Jörg Scheinfeld (Uni Mainz) oder Dr. Alexander Alireza Zaribaf (Gläshütten, Kelsterbach, Bonn).

    In seinem Einleitungsreferat über "Religion als Privatsache oder öffentliche Angelegenheit" klammerte Prof. Dr. Mathias Rohe die Beschneidungsfrage völlig aus. Aber das Publikum war nicht dumm und fragte nach. Darauf verteilte Rohe (neben dem oben schon Gesagten) Hiebe gegen einen "religionsfeindlichen" Kollegen aus Passau, die religionsfeindliche Stimmung insgesamt und Leute, die nach dem 12.12.12 keine Lust mehr hätten, Kinder in die Welt zu setzen. Er habe in Damaskus studiert - und dort bekämen die Menschen trotz Beschneidung viele Kinder, genauso wie in Israel ...

    In seiner recht billigen und schon etwas demagogisch wirkenden Polemik schien sich Rohe aber im Publikum getäuscht zu haben.
    Das konnte sich nach dem Eröffnungsvortrag an vier Runden Tischen versammeln und seine eigenen Themen für die weitere Diskussion einbringen. Die Veranstalter waren wahrscheinlich überrascht, dass viele Tagungsgäste (darunter auch etliche TheologInnen) meinten, die Großkirchen hätten zu viel Macht und Privilegien in unserem Staat und es sei eine stärkere Trennung von Kirche und Staat in vielen Bereichen fällig (Arbeitsrecht, Dritter Weg, Sendezeiten im Rundfunk, Sitz in Gremien, Kirchensteuer, u.s.w.). Der allgemeine Schlusstenor der Veranstaltung war gut: das respektvolle und offene Gespräch mit Säkularen werde immer wichtiger. Die Aufklärung sei für alle Religionen unverzichtbar, und das schließe auch Reformen hinsichtlich archaischer Bräuche ein.

    Rohe musste früher weg, um seinen Zug nach Erlangen zu bekommen. Kurz vor seinem Abschied hatte er sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass es bis heute keinen Ludwig-Feuerbach-Lehrstuhl für Religionskritik in Erlangen gebe, wo der Philosoph einst gewirkt hatte. Das ist doch was!

    Am Ende eines Interviews mit der Greifswalder Studentenzeitung sagte der Strafrechtler Prof. Dr. jur. Christoph Sowada:

    Zitat

    "Für die Entscheidung des Gesetzgebers spielen ganz sicher auch politische Überlegungen eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang ist der gesamte Fragenkreis einer gelingenden Integrationspolitik berührt. Aber ein schlechtes Gefühl bleibt, da der Preis für die Toleranz, die wir den religiösen Vorstellungen der Eltern entgegenbringen, nicht von Ihnen (dem Interviewer) oder mir, sondern von den betroffenen Kindern zu zahlen ist. Und es sollte auch nicht übersehen werden, dass die Kinder keine politische Stimme haben, ihre Grundrechte zu artikulieren."

    http://webmoritz.de/2012/12/03/die…grundrechten-2/

    Schade, dass Professor Sowada nicht auf der wissenschaftlichen Fachtagung des Wissenschaftskollegs Greifswald "Rituelle Beschneidung von Jungen. Interdisziplinäre Perspektiven" vom 4. bis 5. April 2013 spricht.
    http://www.wiko-greifswald.de/uploads/media/…02_25_final.pdf

    NoCut: Wahrscheinlich habe ich mich nicht ganz verständlich ausgedrückt. Darum versuche ich, meinen biblischen Befund noch einmal anders aufzuzäumen:

    Von den inhaltlich wichtigsten Bundesschlüssen im Alten Testament:

    Noah-Bund
    (Gen. 9) mit allen Völkern. Beschneidung spielt in den noachitischen Geboten keine Rolle (kein Blutvergießen!). Auch wenn anzunehmen ist, dass die semitischen Völker die Beschneidung als Stammeszeichen übten (vgl. Jer. 9, 24-25: Ägypter, Edomiter, Ammoniter, Moabiter genauso wie Israeliten, die es von den anderen gelernt haben dürften). Ursprünglich aber wohl nur als Teilbeschneidung der Vorhaut, möglicherweise auch nur als Pubertäts- bzw. Mannbarkeitsritus oder sogar erst als Hochzeitsritus bzw. als kultisches Zeichen der Priester.

    Abraham-Bund (Erwählung Israels). In den ältesten Quellenschriften (Jahwist J, Elohist E) ohne Erwähnung der Beschneidung (Gen. 15,8 ). Erst das Spätwerk der Priesterschrift P fügt die Beschneidung lang und breit in die Abrahams-Erzählung ein, und zwar als Beschneidung Abrahams, Ismaels, der Säuglinge am 8. Tag und der Sklaven (Gen. 17 und Gen. 21,4) und macht aus dem Abraham-Bund einen Beschneidungs-Bund (Brit Mila).

    Mose- oder Sinaibund (das Gesetz, die Tora als Verhaltens- und Lebens-Weisung). Bei J und E ursprünglich ohne ein Beschneidungsgebot. Dieses wird erst später von P eingefügt, dem es in seiner Gesetzgebung vor allem um kultische und rituelle Reinheit geht (Lev. 12,3). In Opposition zu P fordert der Deuteronomist als Vertreter der Ethik dagegen die Beschneidung der Herzen (Dt. 10,16; 30,6).

    David-Bund (erwähltes politisches Königtum). Ohne religiöse Bedeutung der Beschneidung. Stattdessen Abkunft, Berufung und prophetische Salbung. In den Texten findet man jedoch öfters eine Polemik gegen die „Unbeschnittenen“ (die indogermanischen Philister). David hält um die Hand von König Sauls Tochter Michal an und bringt ihm als Brautpreis die Vorhäute von 200 erschlagenen Philistern (1. Sam. 18,20-27).

    Die Beschneidung in ihrer zeitlichen Entwicklung:

    Die Teil-Beschneidung der Vorhaut ursprünglich wohl ein Stammeszeichen (Pubertäts-, Hochzeits-, Priesterritus) bei allen semitischen Völkern (Ägypten, Edom, Ammon, Moab). Möglicherweise gab es auch Unterschiede im Brauchtum zwischen den zehn Stämmen des israelitischen Nordreichs und den beiden Stämmen des Südreichs Juda und Benjamin. In dieser Zeit entstehen das jahwistische und elohistische Geschichtswerk, die keinen besonderen religiösen Wert der Beschneidung kennen.

    In den Jahren 597 und 587 v. Chr. nimmt Nebukadnezar die Stadt Jerusalem ein, zerstört den Tempel und führt die Oberschicht Judas in das babylonische Exil. Die Theologen Israels fragen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, und entwickeln zwei völlig konträre Antworten und Konzepte:

    1. Die Priester, die die Priesterschrift verfassen, sagen: Das Volk hat die kultischen Tempelgebote nicht ausreichend befolgt. Darum schickte Gott die Katastrophe. Die Priester entwickeln daher neue kultische Gesetze, mit denen sich die Israeliten selbst im Exil noch von den Babyloniern durch äußere Zeichen unterscheiden sollen: die Beschneidung (am 8. Tag und aller Proselyten), die rituellen Speisegesetze und die strenge Befolgung des Sabbats. Allein darin sehen sie eine Garantie für das Überleben des Volkes. In diesem Konzept ist einzig die Nation wichtig.

    2. Die deuteronomistische Schule und einzelne Propheten wie Jeremia sagen dagegen: Die Ursache für die Katastrophe lag in der mangelnden Ethik und Herzensfrömmigkeit. Sie entwickeln die Lehre von der „Beschneidung des Herzens“. Die äußerlichen Dinge geben keine Sicherheit. In diesem Konzept wird der einzelne Mensch wichtig und sein Freisein für Gott und seine Nächsten.

    Als Beispiel für die erste Sichtweise zitiere ich Genesis 17, 13-14:
    "Beschnitten soll werden alles Gesinde, was dir im Hause geboren oder was gekauft ist. Und so soll mein Bund an eurem Fleisch zu einem ewigen Bund werden. Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an der Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat."

    Als Beispiel für die zweite Sichtweise zitiere ich Jeremia 9, 24-25:
    „Siehe es kommt die Zeit, dass ich heimsuchen werde alle, die an der Vorhaut beschnitten sind, nämlich Ägypten, Juda, Edom, die Ammoniter, Moab und alle, die das Haar rundherum abscheren, die in der Wüste wohnen. Denn alle Heiden sind nur an der Vorhaut unbeschnitten, aber ganz Israel hat ein unbeschnittenes Herz.“

    Diese beiden Rettungskonzepte (das kultische und das ethische) liegen über Jahrhunderte im Streit, auch in der Zeit des Zweiten Tempels. Unter hellenistischem Einfluss verzichten im 2. Jahrhundert v. Chr. immer mehr Juden gänzlich auf die Beschneidung. Der Hohepriester Jason errichtet im Jahr 175 v. Chr. ein Gymnasium direkt neben dem Tempel in Jerusalem. Bei öffentlichen Wettkämpfen treten jüdische Athleten nackt mit wieder hergestellten Vorhäuten auf (1. Makk. 1,15f). Babys werden erst gar nicht mehr beschnitten. Der griechische Herrscher Antiochus IV. Epiphanes verbietet die Beschneidung unter Androhung der Todesstrafe. Hiergegen erheben sich die Radikalreligiösen in den langen Makkabäer-Aufständen (165 - 63 v. Chr.):

    „Danach zogen Mattatias und seine Freunde im Lande Israel umher und beschnitten mit Gewalt die Kinder, die sie noch unbeschnitten fanden, und verfolgten die Partei der Abtrünnigen.“ (1. Makk. 2,45)

    Damit endet die Zeit des Alten Testaments

    Nachdem der römische Kaiser Hadrian (reg. 117-138 n.Chr.) die Beschneidung erneut verboten und der Aufstand des jüdischen Messias Bar Kochba im Jahr 135 gescheitert war, verschärften die Rabbinen die ursprüngliche Teil- zu einer Ganzbeschneidung der Vorhaut mit Mila und Peria.

    Wie steht das Neue Testament der Christen zu den alten Bundesschlüssen und zur Beschneidung?

    Einzig wegen der Frage der Beschneidung wurde zwischen 44 und 49 n. Chr. ein Apostelkonzil in Jerusalem einberufen (Apg. 15 und Gal. 2). Die Beschneidung wird aufgehoben. Der für die ganze Menschheit geschlossene Noah-Bund („Kein Blutvergießen“) wird anerkannt.

    Abraham wurde durch seinen Glauben, nicht durch seine Werke gerecht und ein "Vater des Glaubens". Gott kann dem Abraham auch aus Steinen Kinder erwecken. Das mosaische Gesetz, das kein Mensch je ganz halten kann, wurde durch Jesus erfüllt. Das messianische Reich des Königs David wurde durch seinen Abkömmling Jesus Christus wiederhergestellt. Das Reich Gottes ist durch den „Glauben, der in der Liebe tätig ist“ in den Herzen und mitten in dieser Welt wirksam. Wobei der Geist Gottes weht, wo er will, und beruft, wen er will.

    Zur Beschneidung gibt es in der frühchristlichen Überlieferung noch ein interessantes Jesus-Wort im apokryphen Thomas-Evangelium, entstanden m. E. ca. 90-100 n. Chr. (außerhalb des Neuen Testaments):

    Es sprachen zu ihm seine Jünger: „Ist die Beschneidung von Nutzen oder nicht?“ Er sprach zu ihnen: „Wenn sie von Nutzen wäre, würde sie ihr Vater beschnitten aus ihrer Mutter zeugen. Jedoch die wahre Beschneidung im Geist hat alles gewonnen.“
    (ThEv 53 in der Übersetzung von Elaine Pagels, Das Geheimnis des fünften Evangeliums)