Ich könnte mir die Einrichtung eines Hilfsfonds für solche Fälle vorstellen und würde auch dazu beitragen. Die (derzeit noch niedrigen) Erfolgsaussichten stehen in Abhängigkeit vom Aufklärungsgrad in der Bevölkerung und insbesondere der gesellschaftlichen Entscheidungsträger sowie der dort wirksamen Machtkonstellationen. Hier wirkt noch die aus den USA der Nachkriegszeit kommende Verharmlosungspropaganda bezüglich der männlichen Genitalverstümmelung in Verbindung mit der historisch begründeten panischen Angst der heute in der deutschen Gesellschaft in den Schlüsselpositionen dominierenden Generation, irgendetwas zu sagen oder zu tun, das von irgendjemand als antisemitisch bezeichnet werden könnte, obwohl in diesem Fall bei objektiver Betrachtung das Gegenteil richtig wäre - Dr. Avshalom Zoossmann-Diskin und viele andere Juden bezeichneten zu Recht ein Beschneidungsverbot ausdrücklich als philosemitischen Akt.
Die Aussage, dass "Millionen von Juden und Moslems" keine Probleme hätten, ist natürlich absurd. Dass eine Mehrheit über diese Probleme nicht sprechen möchte, was übrigens auch für die Opfer anderer Sexualverbrechen typisch ist, zeigt nicht, dass es diese nicht gäbe, sondern ist auf folgende Zusammenhänge zurückzuführen: Tabuisierung und Scham, Unkenntnis über die sensorisch-sexualwissenschaftlichen Zusammenhänge, fehlende gesellschaftliche Anerkennung der männlichen Genitalverstümmelung als Sexualverbrechen, intakte Täter-Opfer-Zyklen sowie religiös-kulturelle Überhöhung, verbunden mit dem Wunsch, das Fremdbild einer Gruppe, der man angehört, nicht zu beschädigen. Hinzu kommt, dass es individuell rational ist, sich als Opfer nicht mit diesem Thema zu beschäftigen, da man bei dieser Beschäftigung in entsetzliche Abgründe blicken würde, die dann natürlich zusätzlich belasten und man die Tat ohnehin nicht wieder ungeschehen machen kann. All dies gilt angesichts der allgemein bekannten Bedeutung von Genitalien und Sexualität für die Identität des Menschen in besonderem Umfang. Der weit verbreitete Versuch, sich und anderen einzureden, es sei ja nicht so schlimm, obwohl es im Innern der Psyche anders aussieht, ist also nachvollziehbar. Die genannten Zusammenhänge gelten - wie die darüber promovierte Anwältin sicherlich weiß - auch für die weibliche Genitalverstümmelung in den Gesellschaften, in denen sie praktiziert wird.
Dennoch haben auch viele Juden und Moslems die Kraft gefunden, sich sogar öffentlich mit dem ihnen angetanen Leid auseinanderzusetzen - denken wir an die Bücher und Filme von Ronald Goldman, Riad Sattouf, Victor Schonfeld und Eliyahu Ungar-Sargon, die Auftritte von Ali Utlu, Eran Sadeh und vielen anderen mehr. Noch weitaus größer ist die Zahl derjenigen, die jahrelang mit hohem Aufwand die Haut an ihrem Penis mit Gewichten, Gummibändern und eigens dafür entwickelten Konstruktionen dehnen, um wenigstens die Schutzfunktion und den optischen Anschein einer Vorhaut wiederherzustellen und der Eichel zumindest ein kleines Stück Sensitivität zurückzugeben. Auch dieser Schritt erfordert psychische Stärke. Vor allem aber beweist die große Zahl der (übrigens bereits in der Antike praktizierten) Rekonstruktionsversuche, dass die Betroffenen sehr wohl Probleme mit ihrer Behinderung haben und zwar so massive, dass sie auch für nur partielle Erfolgsaussichten zu jahrelangen Unannehmlichkeiten bereit sind. Es gibt inzwischen einen Markt für Substanzen, die die Dehnung beschleunigen sollen, für Vorhautprothesen, die die Schmerzen beim Scheuern der Eichel an Kleidung verhindern, etc. - all dies ist mit der Vorstellung fehlender Probleme unvereinbar.