Beiträge von R(h)einwein

    Danke werner, ein erhellender Beitrag. So verdichtet habe ich hierzu noch keine Dokumentation gesehen. Sie scheint meine eigenen (unsere?) Befürchtungen zu stützen, dass es zwischen Jungenbeschneidung und Gewaltbereitschaft vielleicht auch einen gewissen Zusammenhang geben könnte. Zumindest sollte man diesen Aspekt weiter im Auge behalten.

    Aus meiner Sicht haben aber Grausamkeiten, die im Namen einer Religion erfolgen, nichts mit der Religion selbst zu tun, weil sie im heidnischen Bereich anzusiedeln sind.

    Das ist aber sehr blauäugig. Ist den Kirchenoberen weder bei der mit Massenenthauptungen herbeigeführten Zwangsbekehrung der Sachsen durch Karl d.G., bei der Unterdrückung, Ausbeutung und Vernichtung der zwangsbekehrten südamerikanischen Urbevölkerung, bei den Inquisitions- und Hexenprozessen, bei den sog. Kreuzzügen (=Mord- und Beutezügen) nie in den Sinn gekommen, dass da irgendetwas mit dem Gebot der Nächstenliebe im Widerspruch steht? Ich verweise noch einmal auf Kirchenvater Augustin, der die theologische Grundlage für die Ausgrenzung, Diffamierung und Tötung von Andersgläubigen gelegt hat. (Was später die unsäglichen Ideologien als Rechtfertigung für ihre Unterdrückungs- und Mordprogramme übernommen haben.) Es waren religiöse, nicht heidnische Motive bei Augustin. Auch jener jüngst zitierte malawische Geistliche, der für die katholischen Bischöfe seines Landes sprach und die Beschneidung für vereinbar mit dem katholischen Glauben erklärte, jedoch nicht den Kondomgebrauch, begründet die physische Gewalt religiös. Und K. Göring-Eckart argumentiert auch religiös für das Recht auf Kinderbeschneidung. Man kann doch nicht all den Priestern, die in unserer Diskussion mit religiösen Argumenten für ein Recht auf religiöse Zwangsbeschneidung streiten damit entschuldigen, sie würden ja nur heidnischen Denkmustern nachgeben. Das habe mit ihrer hehren Religion nichts zu tun. Wenn dem doch so sein sollte, dann wären sie alle bewusst oder unbewusst unehrlich, um nicht zu sagen verheuchelt und verlogen. Auch nicht gerade christliche Tugenden.

    Daher sehe ich den Monotheismus weniger als Ursache für Gewalt.

    Aber nicht zu leugnen ist, dass die von den monotheistischen, abrahamitischen Religionen geprägten Kulturen - insbesondere die des Christentums - die fürchterlichsten Waffen erfunden und die schlimmsten Kriege geführt haben, eingeschlossen die in vielen Jahrhunderten verübten gezielten Völkermorde. Das ist ja wohl kein Zufall. Es war nach meiner Kenntnis kein anderer als der Kirchenvater Augustinus, der die ideologische Begründung für die Ausgrenzung und letztlich auch Tötung Andersgläubiger geliefert hat. Und wenn ein malawischer Bischof die Beschneidung (=Körperverletzung) als mit der katholischen Religion vereinbar hält, nicht jedoch den Kondomgebrauch, so steckt dahinter letztlich doch wieder die religiös-ideologische Rechtfertigung von Gewalt, wie wir sie von der Kirche seit Jahrhunderten kennen.
    Polytheistische Religionen haben stets andere Götter in ihren Götterkreis aufgenommen und friedlich mit diesen gelebt. Wer auf der Welt herum kommt ist, der kann sehen, dass auch heute noch einst zum katholischen Glauben zwangsbekehrte Völker gleichzeitig ihre alten Götter noch heimlich verehren (und sehr friedfertig sind).

    Und dabei sagen die ( zwar mangelhaften) Studien über den HIV-Schutz durch Beschneidung immerhin aus, dass nur mit zusätzlichem Kondomgebrauch die HIV-Neuinfektionen signifikant gesenkt werden können. Wie entsetzlich und zutiefst inhuman doch eine ideologisch fixierte Religionsauffassung daher kommt! Wenn denn abstrakte Dogmen eingehalten werden, dann spielt auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf sexuelle Lust keine Rolle mehr.

    In Wirklichkeit ist es ja genau andersherum: es waren nicht die Beschneidungsgegner, sondern die Befürworter, die mit der Legalisierung von Gewalt gegen Kinder die Grenzen zu anderen Gewalttaten "aufgeweicht" und damit die Kinderschutzdebatte belastet haben.

    Der gleiche Gedanke kam mir beim Lesen auch. Erst dachte ich nämlich, es sollte genau diese Aussage gemacht werden, um kopfschüttelnd fest zu stellen, dass hier wieder einmal die Logik auf den Kopf gestellt wird.

    Was will man erwarten, von einem Land, in dem soviel Schusswaffen unterwegs sind wie Menschen?

    Das Bedürfnis nach so vielen Schusswaffen und eine Mentalität des " I shot the sheriff" ist das was die Frage nach den Ursachen aufdrängt. Ein Gefühl der Bedrohung? Ein Neigung, Konflikte unter Gewaltanwendung auszutragen? Machtgefühle durch Waffenbesitz?

    In Deutschland belaufen sich die legalen Waffen auf geschätzte 10 Mio. Dazu kämen wohl noch einmal 20 Mio illegale Waffen. (Siehe Link). Das wäre immerhin auch ein beträchtlicher Faktor von 3 zu 8, statt 1 zu 1 wie in den USA. Vielleicht ist unsere Gewaltbereitschaft etwas niedriger? Aber das Waffenarsenal ist auch bei uns erschreckend.

    Privater Schusswaffenbesitz in Deutschland: Zentrales Register ist geplant - taz.de

    Der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung konnte/kann sich in die Frauenrechtsbewegung einklinken. Der Kampf gegen die Genitalverstümmelung von Kindern muss sich in eine Kinderrechtsbewegung einklinken, die weltweit (!) gesehen im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinder-Schuhen steckt (z.B. Bildung statt Arbeit). Frauen können sich (grundsätzlich, noch nicht immer und überall natürlich) wehren und eine Lobby bilden. Kinder nicht. Sie müssen über sich ergehen lassen, dass andere für sie definieren, was Kindeswohl ist. Pädagogik ist aber keine Wissenschaft, sondern immer von aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen geprägt. Diese müssen / sollten mitgedacht werden.

    Das halte ich für den entscheidenden Punkt. Wenn die reine Information und Aufklärung allein bereits Veränderungen in den Köpfen der Menschen hervorbringt, dann frage ich mich, warum in unserem Zivilisationskreis noch immer so viele Menschen an die Astrologie oder die heilende bzw. beschützende Wirkung von Kristallen und anderes mehr glauben. Zur Aufklärung muss eben auch die mühsame Arbeit der Interessenbündelung und -vertretung hinzu kommen. Danke werner.

    Die männliche Zirkumzision ist nicht mit einer höheren Prävalenz der erektilen Dysfunktion assoziiert

    Erektionsfähigkeit ist nicht gleich Orgasmusfähigkeit. Letztere zu untersuchen wäre aussagekräftiger. Ansonsten gilt das, was schon gesagt wurde zum Porsche und zum tiefer gelegten Golf. Im letzteren kann das Fahren auch Spaß machen und Golffahrer sind vielleicht auch genau so zufrieden wie Porschefahrer. Was bleibt ihnen auch anderes, wenn sie ihr Auto nicht verkaufen oder verschrotten wollen? In der Verkaufspsychologie nennt man das glaube ich Harmonisierung der Kaufentscheidung.

    Ich finde den Gebrauch des Wortes "verstümmelt"
    übergriffig, im Fall, den josc beschreibt. Sein Freund fühlt sich OK, dann will er und braucht sich eine derartige Abwertung nicht anzuhören. Ein Betroffener, dem jedoch etwas fehlt, der darf sich natürlich und zutreffend als verstümmelt bezeichnen.
    In diesem Wort steckt auch eine Absichtsvermutung hinsichtlich derer, die das vollbracht haben. Menschen, die ihre Kinder beschneiden (lassen) wollen ihnen nichts böses, zumindest nicht bewusst. Und ohne Unrechtsbewusstsein, keine Schuld....

    Eine nicht leicht zu entscheidende Frage. Es geht um die Kennzeichnung der moralisch verwerflichen Zwangsbeschneidung von Jungen. Da liegt der Fall m.E. parallel zur zwangsweisen Beschneidung von Mädchen und jungen Frauen. Dort tritt das gleiche semantische Problem auf. Vielen beschnittenen Frauen wird es nicht gefallen, als genital verstümmelt bezeichnet zu werden. Die Frauen (UN) haben sich entschieden, das Ritual als weibliche Genitalverstümmelung zu brandmarken. Sicher auch ein Stück politischer Kampfbegriff. Ich habe Verständnis dafür, weil man mit seiner Hilfe moralische Tabus errichten kann. Ich fürchte, wir werden bei der Ächtung der Zwangsbeschneidung von Jungen nicht darum herum kommen und ebenso von "mutilation" sprechen müssen, um in den Köpfen ein neues Tabu zu verankern. Immerhin müssen wir eine tief im sozialen Bewusstsein verankerte religöse Tradition aufbrechen, was wohl politisch nicht allein durch rationale Aufklärung zu erreichen ist, zumindest nicht innerhalb einer absehbaren Zeitspanne.
    Die Bezeichnung bedeutet dabei keine Entwertung von Menschen, die diesem Zwangsritual unterworfen wurden und sollte von diesen auch nicht abwertend missverstanden werden. Auch ein zwangsbeschnittener Mensch ist ein vollwertiger Mensch und verdient unsere Achtung und unseren Respekt, wie jeder Mensch mit irgend einer anderen körperlichen Einschränkung. (Übrigens stellen sich körperliche Einschränkungen im Laufe des Lebens bei fast allen von uns ein und wer eines Tages wegen eines kaputten Hüftgelenks humpelt, dem ist mit einer beschönigenden Umschreibung dieser Tatsache auch nicht geholfen. Auch wer humpelt kann sich ansonsten ganz o.k. finden.)

    Es ist m.E. durchaus hinterfragbar, ob diese "Rechnung" aufgeht: gutes Christentum vs. schlechte Vertreter der Amtskirchen. Ich nehme zwar durchaus wahr, dass das Christentum in Teilen humanistisches Gedankengut vorwegnimmt, bin aber leider nicht theologisch sattelfest genug, um folgende Aussagen einordnen zu können:

    Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich um Jesus-Zitate handelt?

    Was die Vorwegnahme des humanistischen Gedankengutes betrifft, so empfehle ich Dir das Buch "Schatten über Europa - Der Untergang der antiken Kultur" von Rolf Bergmeier. Da wird plausibel nachvollziehbar gezeigt, dass das humanistische Gedankengut einschließlich der Forderung nach Nächstenliebe schon vor dem Christentum existierte.

    Die heute lebenden Christen für die Hexenverbrennungen im Mittelalter verantwortlich zu machen und ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden ist ebenfalls Blödsinn.

    So weit richtig. Das gilt dann aber für alle Verbrechen, die im Namen von Völkern in der Vergangenheit begangen wurden: Spanien und die Inquisition, Spanien und die südamerikanischen Völker, die USA und die Sklaven, Pol Pot und seine Landsleute, die Türkei und die Armenier, Karl der Große und die Sachsen, Japan und die Chinesen, Serbien und Srebrenica, die Religionskriege in Europa und und und. Die Liste ist schrecklich lang.

    Aber: Bedenklich und beunruhigend finde ich es jedoch, wenn sich heute noch die gleiche Geisteshaltung zeigt, die die mentale Grundlage der Greueltaten war.
    Da kündigt eine katholische Kirche die Zusammenarbeit mit einem wissenschaftliche Institut, weil sie sich eine Zensur der Forschungsergebnisse über den Kindesmissbrauch in ihrer Kirche sowie Personalentscheidungen bei den Mitarbeitern des Forschungsprojektes vorbehalten will. Zensur der Forschung - das ist voraufklärerische Denke, finsteres Mittelalter, dessen religösem Wahn viel Leid zu verdanken ist. Da werden Anfang des Jahres die Datenverbindungen zur Vatikanbank gekappt, weil diese sich - nachdem sie jahrelang Mafia- und andere Korruptionsgelder gewaschen hat - noch immer keine internationalen Standards gegen Geldwäsche besitzt. Eine Kirche, die sich wohl über dem Gesetz stehend betrachtet. Auch aus dieser Denke heraus wurde von Seiten der Kirchen massives Leiden zugefügt.

    Auf der gleichen Linie liegt für mich der zitierte Artikel: die Auffassung der evangelischen Kirche, dass das Recht auf freie Religionsausübung über dem Menschen- und Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit steht. Religiös wurden auch die Scheiterhaufen begründet - körperliche Integrität war kein Kriterium. Dessen erneute Relativierung - verbunden mit einem Triumphgeheul über das weltweite Wachstum der Religionen - lässt für die Zukunft Schlimmeres befürchten. Zumal der Autor wohlweislich verschweigt, dass ein Teil dieses vom Autor herbeigeredeten Religionswachstums auf der Welt auf das Konto fundamentalistischer, fanatischer Glaubensanhänger geht, nicht nur im Islam sondern auch bei den Evangelikalen.


    Religionswachstum in Deutschland? Ich habe eher den umgekehrten Eindruck. Mich erinnert der Artikel an das berühmte Pfeifen im dunklen Wald. Wunschdenken. Und zur Wachstumsförderung rechtfertigt man schnell einmal einen archaischen, brutalen religiösen Ritus wie die Beschneidung, um es diesen vulgärrationalen Areligiösen richtig zu zeigen. Der Artikel lohnt keine eingehende Besprechung, da er nur altbekannten Käse wiederkäut.

    Verlange von den Bürgern nichts, wozu Du selbst nicht bereit bist es zu tun. Dieses Motto (nach Sunzi), wende ich mal auf die Entscheidungsträger des Beschneidungsgesetzes im Bundestag an. Ihr seid wahrlich Lokomotiven. Nur ohne Waggons. Mit Volldampf ins Grundgesetz. Gegen jedwede demokratische Ordnung, den Rechtsstaat und moralische Instanzen. Ein äußerst hegemonisches Verhalten was hier an den Tag gelegt wurde. Nicht nur die Ethikkommission hat sich als ein überflüssiges Regulierungsorgan entlarft, sondern auch der Rechtsausschuss. Solche Organe sind unnötig, wenn es nur darum geht den Schein zu wahren. Eine Schmierenkomödie was hier vor unseren Augen abgelaufen ist. Eine Parodie. Die Investigative nahm ihren Auftrag nicht an, berichtete nur noch darüber wie schlecht die Kritiker doch sind. Die Juristen gaben Empfehlungsschreiben aus wie man trotz Warnungen der Mediziner das Urteil umgehen kann. Eine Entwicklung die mir so garnicht gefällt. Hier sägt man mal wieder am eigenen Ast. Entdemokratisierungsprozesse sind leider Teil der heutigen Politik und Demokratie. Ein Stück weit nachvollziehbar aufgrund der Globalisierung und Zentralisierung der EU-Politik, da man die deutsche Struktur nicht eu-weit übernehmen kann und eine Schnittstelle zu Monarchien und anderen staatlichen Strukturen, Ordnungen, schaffen muss. Was jedoch die Entstehungssystematik des Beschneidungsgesetzes betrifft - aus meiner Sicht völlig inakzeptabel.

    Ich denke die ganze Zeit über ein Inhaltsverzeichnis und Inhalte eines Buches nach, für da Weguer um Anregungen gebeten hat.
    Pallas: Dieser wunderbare Text eignet sich mit einer kleinen textlichen Anpassung hervorragend für ein Vorwort/Einleitung, anhand der man die Problematik in konzentrierter Form aufdröseln kann, um dann auf die Erfahrungsberichte/Leidensgeschichten über zu leiten.

    Ein Beispiel zum Entdemokratisierungsprozess, der - selten genug - offenkundig wurde: wie Bundestagspräsident Lammers von seiner eigenen Fraktion getadelt wurde, dass er zwei Abweichlern der CDU je 5 Minuten Redezeit einräumte, um ihre Bedenken gegen den Eurorettungsschirm vorzutragen. Was eigentlich demokratische Spielregel und das Recht, sogar die Pflicht eines Abgeordneten ist, muss heute schon im Bundestag erstritten werden.