Ich bin stark verwundert, dass meine Kommentare auf der Facebook-Seite der JA noch immer da sind.
https://www.facebook.com/JuedischeAllge…hjCL4rZp3kp3Wpl
Ich hatte den Artikel dieses emigrierten Rabbis dort fachlich auseinandergenommen. Es regt sich dort keinerlei Widerstand. Nanu? Ich puffere hier mal meine Kommentare, man weiß ja nie.
1. "Können wir nicht mit der Brit Mila warten, bis das Kind selbst entscheidet? Nein, denn es wäre hartherzig, die Beschneidung so lange aufzuschieben, bis das Kind dem Schmerz bewusst ausgesetzt ist. Zudem ist der Gerinnungsgrad des Blutes am achten Tag am höchsten."
Das ist sachlich falsch. Der Autor behauptet hier, dass Säuglinge keinen Schmerz spüren würden. Das Gegenteil ist der Fall. Der Schmerz kommt ungefiltert beim Säugling an. EMLA-Salbe ist nicht zugelassen, peniler Block zu gefährlich, Zuckerwasser oder süßer Wein jenseits aller seriöser Debatte.
Der Gerinnungsfaktor des Blutes steigt mit jedem Lebenstag. Daher ist er am 8. Lebenstag nicht am höchsten. Die Geschichte hat leider gezeigt, dass Kinder bei Verletzungen davor noch schneller verbluten können.
Quellen (stellvertretend für viele):
- Oliver JE. Circumcision and cruelty to children [Beschneidung und Grausamkeit gegenüber Kindern] (Englisch). Br Med J. 1979; 2(6195): 933. PMID. PMC. DOI. Abgerufen am 8. November 2020. Zitat: "Ohne Betäubung verursacht die Operation bei Babys Schmerzen, intensives und anhaltendes Schreien, Luftschlucken, Erbrechen, manchmal gefolgt von Apnoe, und manchmal dauerhafte lokale Komplikationen."
- Anand KJS, Hickey PR, et al. Pain and its effects in the human neonate and fetus [Schmerz und seine Auswirkungen beim menschlichen Neugeborenen und Fötus] (Englisch). N Engl J Med. 19. November 1987; 317(21): 1321-9. PMID. DOI. Abgerufen am 11. November 2020.
- Boyle GJ, Goldman R, Svoboda JS, Fernandez E. Male circumcision: pain, trauma and psychosexual sequelae [Männliche Beschneidung: Schmerz, Trauma und psychosexuelle Folgen] (Englisch). J Health Psychol. 2002; 7(3): 329-43. PMID. DOI. Abgerufen am 11. November 2020.
- Porter FL, Miller RH, Marshal RE. Neonatal pain cries: effect of circumcision on acoustic features and perceived urgency [Schmerzschreie bei Neugeborenen: Auswirkung der Beschneidung auf akustische Merkmale und wahrgenommene Dringlichkeit] (Englisch). Child Dev. Juni 1986; 57(3): 790-802. PMID. DOI. Abgerufen am 15. November 2020.
Siehe auch:https://l.facebook.com/l.php?u=https%…UXR6jxVMhjqBPkI
2. "Die Religionsfreiheit der Eltern steht über dem Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit."
Das ist juristisch falsch. Die Religionsfreiheit der Eltern kann kein Recht ableiten, einer dritten Person gesunde Körperteile vom gesunden Körper abzuschneiden.
Dr. Jörg Scheinfeld ist Dozent für Straf- und Medizinstrafrecht an der Universität Mainz. Im Zusammenhang mit der Beschneidung hielt Dr. Scheinfeld beim Wissenschaftlichen Symposium am Tag vor dem WWDOGA 2014 fest:
- Das Grundrecht der Religionsfreiheit ist ein Freiheitsrecht.
- Freiheitsrechte erlauben keinen verletzenden Eingriff in den Körper anderer Grundrechtsträger.
- Das Wesen des Freiheitsrechts ist die Willkür des Handlungsvollzugs.
- Müssten die Rechte des Kindes der reinen Willkür (!) des anderen weichen, wären es keine "Rechte".[1]
Siehe auch:https://l.facebook.com/l.php?u=https%…UXR6jxVMhjqBPkI
3. "Der Eingriff erfolgt durch Fachleute, Mohalim. In Europa ist die Wahrscheinlichkeit, dass es bei dem Jungen durch die Brit Mila zu bleibenden Schäden kommt, so gering, dass man sie vernachlässigen kann. In Nordamerika werden mehr als die Hälfte der Jungen beschnitten."
Quantität begründet kein Recht. Und die Komplikationsraten werden regelmäßig gerade bei nicht-klinischen Vorhautamputationen verschleiert.
In einer kürzlich veröffentlichten Metastudie haben Iacob et al. (2021) 47 Klassen von Komplikationen definiert, die sich aus der männlichen Beschneidung ergeben.
Siehe hier:https://l.facebook.com/l.php?u=https%…UXR6jxVMhjqBPkI
4. "Wissenschaftliche Studien weisen auf die Vorteile hin: Die Beschneidung beugt unter anderem einer Phimose sowie Entzündungen der Eichel vor. Unbeschnittene Jungen und Männer leiden zwölfmal häufiger an wiederkehrenden Harnwegsinfektionen und sind weitaus gefährdeter, später an Genitalkrebs zu erkranken. Dies zeigt: Der Nutzen der Brit Mila überwiegt."
Die hier gemachten Behauptungen sind sachlich widerlegt und sollten zudem zur Begründung einer rein religiös begründeten Vorhautamputation überhaupt keine Rolle spielen, so dass hier davon auszugehen ist, dass dem Autor Argumente fehlen, die die fehlende religiöse Legitimierung ersetzen sollen.
Die Phimose ist bei Jungen ab der Geburt grundsätzlich natürlich (physiologisch) und bedarf erstmal keiner Behandlung. Sie ist normal. Es ist von der Natur nicht vorgesehen, dass die Vorhaut eines Neugeborenen oder Säuglings zurückstreifbar ist. Selbst pathologische Phimosen, die sich meist erst in der Adoleszenz zeigen, lassen sich konservativ oder minimalinvasiv unter Erhalt der Vorhaut behandeln.
https://en.intactiwiki.org/wiki/Phimosis
Die Vorhaut schützt die Eichel vor Entzündungen. Tatsächlich sind Harnwegsinfektionen bei Jungen in den USA mit ihrer noch immer recht hohen Beschneidungsrate deutlich häufiger als z.B. in Deutschland. Genitalkrebs (der Autor spielt m.E. auf sog. Peniskrebs an) ist eine der seltensten Krebsarten beim Mann, die normalerweise eine Inzidenz von 1 zu 100.000 hat. Eine präventive Vorhautamputation ist daher alles andere als angezeigt.
https://en.intactiwiki.org/index.php/Urinary_tract_infection
https://en.intactiwiki.org/wiki/Penile_cancer
Fazit: Der Autor verbreitet leider Mythen und seit langem widerlegte Pseudofakten, um sich mit der Thematik der Arte-Sendung nicht weiter sachlich auseinandersetzen zu müssen. Das ist sehr schade. Denn auch viele Menschen, die dem Judentum angehören, wollen dem - wie viele von ihnen selbst sagen - immensen Druck ihrer Communities und peer groups entkommen und möchten ihren Söhnen einen gewaltfreien Start ins Leben und in ihre Gemeinschaft ermöglichen. Alternative, unblutige Rituale wie Brit Shalom nehmen langsam, aber stetig zu. Zum Wohle der Kinder. Es wäre schade, wenn sich junge Eltern komplett vom Judentum abwenden, weil sie ihre Kinder schützen wollen. Das Judentum ist eine so reiche, alte Kultur, dass sie einen Weg finden wird, im Einklang mit dem Grundgesetz Deutschlands und den universellen Menschenrechten auch ihre Söhne ohne ein veraltetes, blutiges Ritual zu begrüßen.
https://de.intactiwiki.org/index.php/Brit_Shalom