Hi Lo101,
zunächst einmal finde ich es sehr gut, dass Du Dir den Kummer von der Seele geschrieben hast. Du bist in diesem Forum mit dem Problem nicht allein und wirklich gut aufgehoben.
Deine geschilderte Situation, Deine Gefühle und Eindrücke kann ich vollends verstehen. Auch bei mir hat sich schon in der Kindheit rasch das von Dir geschilderte Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, weil ich recht frühzeitig feststellen musste, dass mein Penis durch die Beschneidung völlig anders aussah, als bei intakten Jungen. Bei mir kamen leider verschiedene Aspekte zusammen:
1. Eine starke Traumatisierung in Bezug auf Ärzte. Meine Mutter erzählte mir, dass ich einige Jahre nach der OP immer noch panische Angst vor Ärzten und dem weißen Kittel hatte. Das lässt vermuten, dass ich mit knapp 2 Jahren mehr von der OP mitbekommen habe, als vielleicht angenommen.
2. Die ungewollte Übernahme einer Außenseiterrolle; ob Kindergarten, Grundschule oder später Gymnasium: Meistens war ich der einzige in der Gruppe oder Klasse ohne Vorhaut. Ich habe meine Schulfreunde immer beneidet. Und irgendwie stellte sich immer wieder die Frage: "Warum gerade ich ?"
3. Der Umgang der Gesellschaft mit uns Beschnittenen; die Intoleranz kannte keine Grenzen. Wie an anderer Stelle in dem Forum von mir geschildert, wurde ich wegen der operierten Phimose regelmäßig von sog. "Freunden" im Kindergarten und i.d. Grundschule gehänselt. Die Folge war, dass ich als Kind lieber mit Mädchen spielte (davon gab es reichlich in der Nachbarschaft ) als mit Jungen und bewusst gewisse Sport- und Spielarten unterließ, z.B. den Schwimmsport. Die Neigung meiner Mutter, Verwandten, Freunden und Bekannten zu erzählen, dass ich an einer Phimose operiert worden sei, wenn das Thema Kinderkrankheiten besprochen wurde, empfand ich als psychische Belastung.
4. Der Faktor Schmerz: Es hat einige Jahre gedauert, bis sich die Eichel an den operierten Zustand gewöhnt hat. Intimpflege- von meinen Eltern mit einer gewissen Pedanterie betrieben - war ein Problem, denn die Seifen der 60er Jahre brannten höllisch.
5. Physische Probleme mit der verbliebenen Resthaut, die sich wie eine Plastik oder ein Fremdkörper anfühlte, geschwollen und nur schwer zu bewegen war. Ich hatte immer das Gefühl, einen viel zu engen Ring hinter der Eichel zu tragen. Vermutlich ist bei der Beschneidung gepfuscht worden. Diese Enge konnte ich mit Einsatz der Dehnungsgeräte erstaunlicherweise beheben. Physische Probleme durch die stetig nachlassende Sensibilität der Eichel und eine zunehmende Verhornung, wie von vielen hier im Forum beschrieben.
6. Ganz ehrlich: Höllische Angst wie Du vor dem "sich Outen" ggü. einem Mädchen. Wie reagiert meine Freundin auf einen operierten Penis, der seiner Vorhaut beraubt wurde und der vergessen hatte "hier" zu rufen, als der Wachstumsprozess hätte starten müssen. Ich hatte Glück; denn sie vertrat die damals stark verbreitete Ansicht, dass die Beschneidung des männlichen Gliedes das Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, deutlich schmälert.
Sechs Punkte, die Dir vielleicht mehr oder weniger bekannt vorkommen. Würde mein Cousin sich zu dem Thema äußern, würden wir auf zahlreiche Parallelen stoßen.
Vielleicht tröstet Dich diese Schilderung.
Als ich vor Jahren über das Internet überhaupt von der Möglichkeit dieser Wiederherstellung erfuhr, habe ich sofort gehandelt. Da zwischen meiner Beschneidung und dem Beginn der Dehntherapie über 40 Jahre lagen, kann man sich vorstellen, wie mühsam der Prozess verlief.
Deinen Wunsch über die Abhilfe des geschilderten Zustandes kann ich uneingeschränkt nachvollziehen, ich hätte in dem Alter auch so argumentiert, wenn es 1977 derartige Geräte schon gegeben hätte. Unterstützend eingreifen kann und darf ich aber nicht. Du musst durchhalten und spätestens mit Beginn der Volljährigkeit über den Kauf eines Wiederherstellungsgerätes selbst eine Entscheidung treffen, wenn Du z.Zt. als Minderjähriger bei den Eltern nicht auf das gewünschte Echo stoßen solltest. Meine Eltern hätten einem derartigen Erwerb seinerzeit auch niemals zugestimmt und wissen bis heute nicht, dass ich mit über 50 Jahren quasi wieder intakt bin. Gibt es in Deiner Familie vielleicht jemanden, der Dich bei Deinem Vorhaben unterstützen kann ?
Du solltest aber die kommenden Jahre nutzen und die verbliebene Haut auf den Dehnungsprozess quasi vorbereiten. Ich persönlich würde zu einer qualitativ wertvollen Propolissalbe tendieren und die Resthaut regelmäßig damit behandeln und auch dehnen. Gewiss ist - je eher Du mit dem Dehnen startest um so zügiger verläuft der Prozess, da Dein Körpergewebe noch jung und elastisch ist. Insofern bin ich sicher, dass die geplante Restaurierung 12 Jahre nach der Beschneidung erfolgreich verlaufen wird.
Zum Trost bleibt Dir die Option: " Ich bekomme meine Vorhaut zurück". Das sollte Dich über Deine geschilderte, absolut nachvollziehbare Situation hinweg trösten. Versuche, den momentanen Zustand als vorübergehend zu belächeln und über den Dingen zu stehen, die Dich zu Recht belasten. Der Wert eines Menschen steht und fällt nicht mit Frage über die erfolgte Beschneidung seines Genitals.
Ich wünsche Dir viel Kraft und Energie und vor allem für die geplante Wiederherstellung viel Erfolg