Beiträge von Sokrates

    In der Tat, das suggeriert, dass wenn die Vorhaut nicht zurückziehbar ist - dass dann etwas falsch ist. Was aber in Wirklichkeit in aller Regel natürlich ist.Und wenn die Eltern dann mit dem Sohn zum Urologen rennen und sie an den "richtigen" bzw falschen geraten - leicht verdientes Geld...


    Die Autoren dieser Broschüren ignorieren halt wirklich komplett, dass es eine entwicklungsbedingt nicht-zurückziehbare Vorhaut gibt. Daraus ergibt sich dann der falsche Rat.

    Hallo

    Ich bin durch Zufall auf die folgenden Informationsbroschüren der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)“ gestoßen -
    Über Sexualität reden... Zwischen Einschulung und Pubertät und „Über Sexualität reden... Zwischen Einschulung und Pubertät“.

    Diese Broschüren beschäftigen sich hauptsächlich mit Sexualaufklärung. Es gibt aber auch einen Abschnitt zum Thema Intimhygiene. Doch was dort vermittelt wird, ist schlicht Desinformation über die normale Entwicklung der Vorhaut und die „Phimose“. Die Autoren der Informationsbroschüren scheinen nicht zu wissen, dass es so etwas eine entwicklungsbedingte Vorhautverengung und -verklebung („physiologische Phimose“) gibt. Aber der Reihe nach:


    In der ersten Broschüre, die sich mit Kindern im Grundschulalter befasst, heißt es:

    Zitat von Über Sexualität reden... Zwischen Einschulung und Pubertät

    Für Mädchen wie Jungen ist es wichtig, mit ihren Eltern von klein auf die richtige Intimhygiene einzuüben. Für Jungen bedeutet das: Vorsichtig die Vorhaut zurückziehen und Eichel, Penis (Glied), Hoden, After (Po-Loch) und in der Afterspalte waschen. Warmes Wasser ist dafür ausreichend. Möglicherweise stellt Ihr Sohn dabei fest, dass sich die Vorhaut überhaupt nicht oder nur teilweise über die Eichel ziehen lässt. Dies kann daran liegen, dass Eichel und Vorhaut noch miteinander verklebt sind, die Öffnung der Vorhaut zu eng oder deren Befestigungsbändchen an der Unterseite (Frenulum) zu kurz geraten ist. In diesem Fall sollten Sie eine Fachärztin oder einen Facharzt (Urologin oder Urologe) konsultieren, um eine gesicherte Diagnose zu erhalten und gegebenenfalls eine Behandlung einleiten zu können.


    Und in der zweiten Broschüre, die sich an Eltern mit Kindern in der Pubertät richtet, heißt es dann:

    Zitat von Infobroschüre: Über Sexualität reden... Die Zeit der Pubertät

    Ein wichtiger Teil der gesundheitlichen Vorsorge ist zunächst
    die tägliche Intimpflege. Das bedeutet: Vorsichtig die Vorhaut zurückziehen und mit warmem Wasser Eichel, Schaft des Penis (Glieds), Hoden und After (Po-Loch) waschen. Bei Jungen lässt sich hier bereits feststellen, ob ihre Vorhaut vielleicht zu eng ist (die sogenannte Phimose) oder sich wegen eines zu kurzen Frenulums (Bändchen, mit dem die Vorhaut an der Unterseite der Eichel befestigt ist) nur teilweise oder gar nicht über die Eichel ziehen lässt. (...) Falls Ihr Sohn eine Phimose bei sich feststellt, sollte er sich aus hygienischen Gründen und angesichts der Gefahr eines möglichen Einreißens der
    Vorhaut beim Geschlechtsverkehr an eine Ärztin oder einen Arzt wenden.


    Das ist natürlich gefährlicher Unsinn. Natürlich ist nicht (vollständig) zurückziehbare Vorhaut aufgrund einer Verklebung von Eichel mit der Vorhaut und einer noch zu engen Vorhautöffnung allesamt normal und Teil der natürlichen körperlichen Entwicklung. Diese auch „physiologische Phimose“ bezeichnete Zustand ist bei Jungen im Vorschulalter sogar noch bei der großen Mehrheit der Jungen anzutreffen.

    Kleiner Kurzkurs zur Vorhautentwicklung: Bei der Geburt hat zunächst jeder Junge entwicklungsbedingt eine nicht-zurückziehbare Vorhaut: die Vorhaut ist verengt und mit der Eichel verklebt. Dieser Entwicklungszustand wird daher von manchen medizinischen Autoren auch als „physiologische“ (entwicklungsbedingte) Phimose bezeichnet. Zahlreiche Untersuchungen zur Entwicklung der Vorhaut haben zudem gezeigt, dass dieser Zustand sich mit zunehmender körperlichen Reifung in einem individuell unterschiedlichen Zeitrahmen vom Kleinkindalter bis zum Ende der Pubertät ganz von allein löst.(1-7) Diese physiologische Phimose also ist vollkommen normal, kommt bei jedem Junge eine Zeit seines Lebens vor, ist keine Krankheit und ist für sich allein auch nicht behandlungsbedürftig. Eine legitime Begründung für eine Behandlung besteht ganz grundsätzlich nur dann, wenn die Phimose mit krankhaften Beschwerden einhergeht, oder die Phimose nachträglich durch Vernarbung entstanden ist ("sekundäre Phimose") bedingt durch eine Hautkrankheit namens Lichen sclerosus oder gewaltsame Zurückziehversuche.


    Um einmal Klartext zu sprechen: Die Autoren der Broschüre empfehlen praktisch jeden normalen Jungen zu einem Facharzt für eine sichere Diagnose zu schicken, weil jeder Junge eine gewisse Zeit seines Lebens eine entwicklungsbedingt nicht-zurückziehbare Vorhaut hat!

    Ein zu kurzes Vorhautbändchen kann man bei Jungen mit noch (partiell) bestehender physiologischer Phimose nicht sicher diagnostizieren.

    Auch die geschürte Panik über hygienische Beeinträchtigungen ist unbegründet. Die physiologische Phimose beeinträchtigt die Hygiene nicht. Solange die physiologische Phimose noch besteht, genügt es den Penis von Außen wie ein Finger mit Wasser zu waschen. Wenn der Lösungsprozess bereits begonnen hat, und die Vorhaut bereits ein Stück weit zurückziehbar ist, sollte der Junge beim Duschen die Vorhaut, soweit dies möglich ist, zurückziehen und darunter mit klaren Wasser sanft abspülen.


    Anstatt Eltern darüber aufzuklären, dass eine Vorhautenge im Kindes- und Jugendalter ohne Beschwerden ein normaler Entwicklungszustand ist, der von alleine verschwindet, werden Eltern massiv unnötig verunsichert! Es wird ihnen der Eindruck vermittelt, die Vorhaut müsse praktisch standardmäßig von Geburt an zurückziehbar sein, und andernfalls würde ein Problem bestehen, das medizinischer Behandlung bedürfe. Die falsche Botschaft, die vermittelt wird, lautet: Vorhaut nicht-zurückziehbar = Abnormal =medizinisches Problem.


    Einzelnachweise:

    1. Øster J. Further fate of the foreskin: incidence of preputial adhesions, phimosis, and smegma among Danish Schoolboys. Arch Dis Child 1968;43:200-3.
    2. Kayaba H, Tamura H, Kitajima S, et al. Analysis of shape and retractability of the prepuce in 603 Japanese boys. J Urol 1996;156(5):1813-5.
    3. Ishikawa E, Kawakita M. [Preputial development in Japanese boys]. Hinyokika Kiyo 2004;50(5):305-8.
    4. Agawal A, Mohta A, Anand RK. Preputial retraction in children. J Indian Assoc Pediatr Surg 2005;10(2):89-91.
    5. Hsieh TF, Chang CH, Chang SS. Foreskin development before adolescence in 2149 schoolboys. Int J Urol. 2006 Jul;13(7):968-70.
    6. Ko MC, Lui CK, Lee WK, et al. Age-specific prevalence rates of phimosis and circumcision in Taiwanese boys. J Formos Med Assoc 2007;106(4):302–7.
    7. Yang C, Liu X, Wei GH.Foreskin development in 10 421 Chinese boys aged 0-18 years. World J Pediatr. 2009 Nov;5(4):312-5.

    Hallo,

    Ich muss noch mal auf deinen Anfangs-Post zurückkommen, weil da immer noch einiges unklar liegt.


    Im nicht erigierten Zustand habe ich keine Probleme. Die Vorhaut flutscht easy vor und zurück. Im steifen Zustand sieht das jedoch anders aus.Die Vorhaut geht zwar locker bis unter die Eichel, danach wird es jedoch etwas schwieriger und es ist ganz schön eng und schnürrt ein

    Was heißt eigentlich "bis unter die Eichel"?! Das genügt doch schon. Bis unter die Eichel verstehe ich jetzt mal so, dass die gesamte Eichel bis einschließlich des Eichelkranzes freigelegt werden kann. Ich meine, wie weit willst Du oder glaubst Du, deine Vorhaut zurückschieben können zu müssen? Wenn die komplette Eichel entblößt wird, reicht doch.


    Im steifen Zustand ziehe ich die Vorhaut dann soweit es geht zurück ( bis unter die Eichel und ein bisschen weiter ) und halte den Zustand dann ca. 10-15 Minuten. Die darauffolgenden Tage ist meine Vorhat dann meist angeschwollen,brennt und ist rot.

    Wenn die Dehn-Übungen so enden, dass die Vorhaut dann angeschwollen und rot ist, dann läuft etwas falsch. Ich denke, die Dauer ist hier das Problem. Hast Du vom Arzt Instruktionen bekommen wie Du die Dehntherapie durchführen sollst. Das Zehn-Minuten-Dauer-Dehnen ist einfach zu lang. Besser nachdem die Salbe ein paar Minuten eingewirkt ist, die Vorhaut immer wieder soweit es geht zurückziehen, dann ein paar Sekunden so halten, und dann wieder los lassen. Das ganze Spiel dann 5-10 Min paar Minuten wiederholen.

    Ich möchte dich aber trotzdem noch mal fragen, ob deine Vorhaut wirklich nicht schon weit genug zurückziehbar ist, wenn Du schreibst, sie geht im erigierten Zustand bis "unter die Eichel".


    Achja: Auf den Fotos konnte ich jetzt nirgendwo Anzeichen für einen "Lichen sclerosus" erkennen! Wie der erste Hautarzt, den Du besucht hast, da nach 30 Sekunden sofort auf Lichen sclerosus kam, ist mir ein Rätsel.

    Ganz ehrlich. Wenn ein Arzt schon auf seiner Homepage mit Beschneidungen wirbt kann man sich eigentlich schon seine Empfehlung denken. Frag einfach nach ob er nur den betroffen Bereich gegebenenfalls entfernen kann. Wenn nein würde ich dort keine OP in betracht ziehen.

    Sehe ich auch so. Wenn der schon in der Adresse der Webseite seiner Klinik mit "Beschneidungen" wirbt, kann man sich denken, wie die "Behandlung" ablaufen wird.

    Eigentlich ist die Beschneidung als medizinischer therapeutischer Eingriff eine von vielen Behandlungsoption bei bestimmten Krankheitsbildern, in der Regel ist es die invasivste, radikalste Behandlungsoption.

    Ein Urologe, dessen Webseite eine URL wie "beschneidung-muenchen" hat, wirkt für mich ungefähr so wie ein Zahnarzt, dessen Klinik unter der URL "www.zaehne-ziehen-muenchen.de" zu finden ist.


    Rund 26.000 belgische Männer haben sich 2021 beschneiden lassen.


    Diese Formulierung ist natürlich irreführend. Erstens sind es überwiegend keine Männer, die beschnitten werden. Und zweitens erfolgt die Beschneidung auch in den aller meisten Fällen nicht freiwillig.

    Und wie kommt diese Rate von "nur" 22% zu Stande? Ist das der Anteil der erwachsenen Männer, die beschnitten wurden?

    Ich habe zwar oben geschrieben, dass sich zu meiner Beschneidung noch niemand geäußert hat, aber es gab doch einen Fall im medizinischen Umfeld:

    War mit etwa 16 Jahren routinemäßig bei der Schulärztin, hatte eine Vorhautverengung, konnte die Vorhaut nur schwer zurückziehen und sie war auch vernarbt. Es war also klar, dass es nicht von selbst besser wurde.
    Am Ende der Untersuchung wollte sie schauen ob meine Vorhaut zurückziehbar ist. Sie hat auch festgestellt dass es nicht geht und mich zum Urologen geschickt. Bei dem war ich dann, er hat aber nur eine Beschneidung als Lösung gesehen. Davor hatte ich erstmal Angst und hab das Thema einfach mal aufgeschoben.
    Ein Jahr später wieder routinemäßige Untersuchung. Am Ende die Frage ob ich was wegen der Phimose gemacht hätte. Hatte ich nicht, weil waschen ging, aber gezwickt hats trotzdem. "Wollen Sie weiter Schmerzen haben? Sie sollten was dagegen machen!"


    Ich welchem Bundesland oder Land war das denn mit den jährlichen Routine-Untersuchungen samt Genitaluntersuchung. Das ist mir völlig unbekannt.

    In Anbetracht der oben genannten Informationen habe ich mehrere Fragen:

    1.) Gibt es hier jemanden, der Erfahrung mit meiner Situation hat und Vorschläge zur Vermeidung einer Beschneidung hat, wobei GV wieder werden sollte?

    Die konservative Behandlung sind sehr stark wirksame Corticosteroide in Salbenform. Betonung liegt auf stark wirksame.
    Du hast von einer Kortisonsalbe gesprochen. Enthielt diese Salbe auch wirklich stark wirksame Corticosteroide?!

    3.) Ist es üblich, dass bei einer medizinischen Indikation wie der Phimose der Beschneidungsstil nicht weiter diskutiert wird?


    Grundsätzlich ja. Denn diese Begrifflichkeiten ("High,Tight", "Low, Loose" usw) sind keine medizinischen Begriffe sondern entstammen dem Fetischisten-Milieu.
    Allerdings ist es. denke ich sinnvoll, mit dem Arzt zu besprechen, wie viel Vorhaut entfernt wird bzw. entfernt werden müsste, und die das kosmetische Resultat voraussichtlich aussehen wird.

    4.) Würde aus medizinischer Sicht in meinem Fall wirklich nur eine komplette Zirkumzision infrage kommen?

    Jede Hilfe und jeder Rat wird sehr geschätzt!


    Es kommt darauf an, wie stark die Lichen sclersosus ausgeprägt ist. Ist die ganze Vorhaut vom LS betroffen, nützt es logischerweise wenig,wenn nur ein Teil entfernt wird.
    Allerdings wenn die Eichel auch betroffen ist, würde selbst nach radikaler Zirkumzision der Lichen sclerosus weiter bestehen.

    Eine der Argumente gegen die Beschneidung von Kindern ist die Beschneidung selbst - die Brutalität dieser Prozedur selbst.

    Es ist praktisch nicht möglich, die Neugeborenenbeschneidung mit einer effektiven Betäubung vorzunehmen. Allgemeinanästhesie (Vollnarkose) ist in diesem Alter nicht sicher möglich. Die Kinder werden, gefesselt an Haltevorrichtungen, also bei vollem Bewusstsein beschnitten, die lokalen Anästhesieverfahren wirken nur begrenzt – wenn sie falsch angewendet werden, auch gar nicht. Betäubung bei Säuglingsbeschneidungen ist ohnehin relativ neu. Viele Jahrzehnte bis mindestens die 1980er wurden hunderttausende Jungen in den USA standardmäßig ohne jedwede Betäubung beschnitten. Noch im Jahr 1994 gaben nur 14% der befragten Ärzte an, bei der Babybeschneidung eine Betäubung anzuwenden. ( Circumcision: a survey of fees and practices. OBG Management 1994 (October): 34-6. 3.) Ich weiß nicht, wie es heute ist.


    Was das bedeutet zeigt dieser Facebook-Bericht von Eltern (mutmaßlich in den USA), den ich durch Zufall im Internet gefunden habe:

    Eine Mutter berichtet, dass er noch aus einem anderen Raum seinen Sohn während der Beschneidung schreien hörte. Auf der Fahrt nach Hause schrie das Kind weiter.
    Sie verwendet übrigens tatsächlich Wort "scream" (dt. schreien, kreischen) und nicht das übliche Wort "cry" (dt. weinen). Es muss sich also um kein "normales" Weinen gehandelt haben. Der kleine Mensch muss besonders schrill und jämmerlich geweint haben.


    [Blockierte Grafik: https://pbs.twimg.com/media/F2tSMEeXAAEZwtA?format=jpg&name=large]

    Einzelnachweise:

    1. Gairdner D. The fate of the foreskin: a study of circumcision. Br Med J 1949;2:1433-7.
    2. https://web.archive.org/web/2013090313…ose_2013-08.pdf
    3. Øster J. Further fate of the foreskin: incidence of preputial adhesions, phimosis, and smegma among Danish Schoolboys. Arch Dis Child 1968;43:200-3.
    4. Kayaba H, Tamura H, Kitajima S, et al. Analysis of shape and retractability of the prepuce in 603 Japanese boys. J Urol 1996;156(5):1813-5.
    5. Ishikawa E, Kawakita M. [Preputial development in Japanese boys]. Hinyokika Kiyo 2004;50(5):305-8.
    6. Agawal A, Mohta A, Anand RK. Preputial retraction in children. J Indian Assoc Pediatr Surg 2005;10(2):89-91.
    7. Hsieh TF, Chang CH, Chang SS. Foreskin development before adolescence in 2149 schoolboys. Int J Urol. 2006 Jul;13(7):968-70.
    8. Ko MC, Lui CK, Lee WK, et al. Age-specific prevalence rates of phimosis and circumcision in Taiwanese boys. J Formos Med Assoc 2007;106(4):302–7.
    9. Yang C, Liu X, Wei GH. Foreskin development in 10 421 Chinese boys aged 0-18 years. World J Pediatr. 2009 Nov;5(4):312-5.
    10. McGregor TB, Pike JG, Leonard MP. Pathologic and physiologic phimosis. Approach to the phimotic foreskin Can Fam Physician 2007;53:445–448.
    11. Malone P, Steinbrecher H. Medical aspects of male circumcision. BMJ 2007;335(7631):1206–90.
    12. Metcalfe PD, Elyas R. Foreskin management: Survey of Canadian pediatric urologists. Can Fam Physician 2010 Aug;56(8):e290-5
    13. Shahid SK. Phimosis in children. ISRN Urol 2012:707329
    14. Drake T, Rustom J, Davies M. Phimosis in childhood. BMJ 2013;346:f367
    15. Abara EO. Prepuce health and childhood circumcision: Choices in Canada.Can Urol Assoc J 2016 Jan-Feb;11(1-2Suppl1):S55-S62
    16. Babu R, Harrison SK, Hutton KA. Ballooning of the foreskin and physiological phimosis: is there any objective evidence of obstructed voiding? BJU Int 2004;94(3):384-7.
    17. Frisch M, Lindholm M, Grønbæk M. Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark. Int J Epidemiol. 2011 Oct;40(5):1367-81.
    18. Bronselaer GA, Schober JM, Meyer-Bahlburg HF, T'Sjoen G, Vlietinck R, Hoebeke PB. Male circumcision decreases penile sensitivity as measured in a large cohort. BJU Int. 2013 May;111(5):820-7.

    Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) hat ein neues Portal speziell zur Patienteninformation unter der Bezeichnung „Urologische Stiftung Gesundheit“ geschaffen. In einer Pressemittelung der DGU heißt es:

    Die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) hat mit der Gründung der Urologischen Stiftung Gesundheit gGmbH (USG) und dem Launch des neuen Patientenportals http://www.urologische-stiftung-gesundheit.de/ einen wichtigen Schritt zur Förderung der urologischen Gesundheitskompetenz der Bevölkerung vollzogen. Die Website wurde eigens für urologische Patientinnen und Patienten, ihre Angehörigen sowie die interessierte Öffentlichkeit konzipiert und erleichtert seit Mai 2022 den gezielten Zugang zu wissenschaftlich fundierten Patienteninformationen in der Urologie. Inzwischen sind alle patientenrelevanten Informationsangebote der DGU, die zuvor auf der Internetpräsenz der Fachgesellschaft (http://www.urologenportal.de/) integriert waren, ausschließlich auf dem neuen Patientenportal der USG abrufbar.


    Wie sieht es nun mit den „wissenschaftlich fundierte Patienteninformen“ beim Themenkomplex Vorhaut, Phimose und Beschneidung aus?

    Man hat wirklich nur die alten, teils schon Jahrzehnte alten Texte vom Urologenportal auf die neue Internetpräsenz übertragen! Um es vorne zu sagen: Die Informationen zum Thema Phimose, die auf dieser Seite beruhen auf einer veralteten, mehrfach ersetzten Leitlinie, die ihrerseits auf noch älteren Studien beruhen. Die neueren Leitlinien der DGU werden einfach ignoriert! So werden genau die Art von veralteten Falschinformationen verbreitet, die zu unnötigen Behandlungen und auch Beschneidungen führen müssen.

    Infotext „Phimose“ auf Basis veralteter Leitlinie:

    So findet sich auf der Webseite Informationstext zur Phimose, in dem falsche Angaben zur Entwicklung der Vorhaut gemacht werden, die auf Douglas Gairdners „Fate of the Foreskin“ aus dem Jahr 1949 beruhen.(1) Ferner wird eine Indikation zur Therapie bei einer normalen, physiologischen Phimose ohne Beschwerden im Vorschulalter empfohlen:

    Zitat

    Im frühen Säuglings- und Kindesalter ist die Verklebung der Vorhaut ein Normalbefund (Häufigkeit zum Zeitpunkt der Geburt 96%). Reifungsvorgänge bedingen eine Auflösung der physiologischen Vorhautverklebung und -enge bei der übergroßen Mehrzahl der Knaben im Alter von 3 bis 5 Jahren.

    Zitat

    Therapiebeginn: Bei unkomplizierter Vorhautverengung ist der Beginn einer Therapie im Vorschulalter, bei Beschwerdefreiheit auch später, zu empfehlen.

    (...)
    Operation der Vorhautverengung bei Kindern:Sollten die genannten Maßnahmen keinen Erfolg gehabt haben, besteht oft nur noch die Möglichkeit einer operativen Behandlung. (...)Weiterhin können beim älteren Kind die Unmöglichkeit bzw. Schmerzen beim Zurückziehen einer zu engen Vorhaut Gründe für eine Operation sein.

    Dieser Text hätte schon längst überarbeitet werden müssen, denn er beruht auf einer mittlerweile völlig veralteten S1-Leitlinie „Phimose und Paraphimose“ der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (2) aus dem Jahr 2013. Zwar werden keine Quellen angegeben, allerdings ist der Text identisch mit einem Text, der früher auf dem Urologenportal zu finden war und die Leitlinie nannte. Im Prinzip handelt es sich bei dem Text um eine leicht umformulierte Version der Leitlinie. Diese Leitlinie – und damit auch der Artikel – beruht ihrerseits wieder hauptsächlich auf der 70 Jahre alten Arbeit Gairdners:

    Der Hintergrund: Der britische Kinderarzt Douglas Gairdner erklärte in einem 1949 veröffentlichten Fachartikel, dass etwa 90% der 3-jährigen und 95% der 5-jährigen Knaben eine zurückziehbare Vorhaut hätten. Durch dieses Werk wurde die falsche Idee in die Köpfe festgesetzt, dass die sog. „physiologische Phimose“ – d. h. die natürliche Vorhautverklebung und -verengung - welche praktisch bei allen neugeborenen Jungen vorliegt – sich bereits im Vorschulalter zurückbilden würde.

    Dabei zeigen sämtliche seit 1968 veröffentlichte Studien, dass die Auflösung der physiologischen Phimose bis weit ins Pubertätsalter andauern kann, und dass im Vorschulalter erst eine kleine Minderheit der Jungen eine vollständig retrahierbare Vorhaut haben.(3-9) So haben im Alter von 4 Jahren je nach Studie nur etwa 11% (6) bis 19% (3) eine vollständig zurückziehbare Vorhaut und entsprechend besteht bei 81% bis 89% der Jungen zumindest partiell noch eine physiologische Phimose.

    Gairdners Arbeit dient dabei nicht nur als Grundlage für die Darstellung der Vorhautentwicklung sondern auch als Grundlage für die Diagnose und Indikation: Weil laut Dr. Gairdner bei der Mehrheit der Knaben die Vorhaut bereits bis zum Alter von 5 Jahren zurückziehbar wird, wird eine darüber hinaus bestehende Phimose einfach zum behandlungsbedürftigen bzw. operationsbedürftigen Problem erklärt.

    Im Klartext: Es wird hier eine Therapie gesunder Kinder mit einem normalen Entwicklungszustand empfohlen, der sogar in diesem Alter noch bei der großen Mehrheit der Jungen vorhanden ist. Und das alles auf Basis einer über 70 Jahren alten, mehrfach widerlegten Arbeit.

    Auch das Ballonieren der Vorhaut beim Wasserlassen wird als krankhafter Zustand darstellt. Und das obwohl die Ballonierung in Verbindung mit einer physiologischen Phimose in der internationalen Fachliteratur seit Jahren als harmloses, physiologisches Phänomen beschrieben wird.(10- 16)

    Die Leitlinie, auf dem der Text beruht, ist wie gesagt mittlerweile mehr als veraltet. Mittlerweile sind gleich zwei überarbeitete Neuauflagen der Phimose-Leitlinie (2017 und 2021) erschienen, an deren Erstellung die DGU im Gegensatz zur 2013er-Leitlinie sogar beteiligt war. Diese neuen Leitlinien kommen aber auf diesem Informationsportal nirgendwo vor!

    Informationsflyer

    Neben diesem Text wird auf einem Informationsflyer „Phimose und Hodenhochstand“ der DGU von 2015 verwiesen. Dieser war zwar zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung evidenzbasierter als vieles andere, was damals in der deutschsprachigen Literatur zu finden war - ist aber inzwischen auch schon veraltetet. Auch im Flyer findet sich eine falsche auf Gairdners Arbeit beruhende Darstellung der Vorhautentwicklung.

    Zum Teil sind die Informationen auf diesen Patientenportal auch widersprüchlich: Während der Web-Text die Ballonierung als Indikation für eine Operation beschreibt, heißt es im Flyer von 2015, das „Bild einer sich beim Wasserlassen aufblasenden (ballonierenden) Vorhaut ist alleine kein zwingender Grund für eine Beschneidung“.


    Artikel „Beschneidung beim Mann“ von 2006:

    Zu guter letzt gibt es da auch noch den berüchtigten Artikel „Beschneidung beim Mann“ von 2006. Dieser Artikel wurde hier im Forum schon häufig thematisiert. Ich weiß ehrlich gesagt, wie ich diesen Artikel widerlegen soll. Anders als der Phimose-Artikel, der zum Teil auf veralteten wissenschaftlichen Studien beruht, sind die Behauptungen in diesem Artikel an den Haaren herbei gezogen. In diesem Artikel finden sich solche kruden Behauptungen wie:

    Zitat

    Hat die Beschneidung Auswirkungen auf das Liebesleben?
    Manche Männer berichten über verstärkte Höhepunkte beim Geschlechtsverkehr (Orgasmen). Auch vermehrte Ausdauer beim Geschlechtsverkehr wird angegeben.


    Das ist natürlich übelster pseudowissenschaftlicher Unsinn. Es gibt keine Studien, die derartige Äußerungen belegen.
    Dagegen existieren Studien, die zum Ergebnis hatten, dass beschnittene Männer im Vergleich zu nicht-beschnittenen Männern öfter an häufigen Orgasmusproblemen litten (17), bzw. eine geringere Orgasmus-Intensität und sowie größere Anstrengungen für das Erreichen eines Orgasmus aufwiesen.(18)

    FAZIT:
    Verantwortlich für diese Seite sind laut Pressemitteilung der DGU:

    Zitat von Pressemitteleinung der DGU

    betonen die zwei Geschäftsführer der Urologischen Stiftung Gesundheit, Prof. Dr. Helmut Haas, ehemals DGU-Vorstandsmitglied, und der medizinische Geschäftsführer der DGU, Dr. Holger Borchers. Mitglieder des Medical Boards sind Prof. Dr. Susanne Krege, Dr. Eva Hellmis, Prof. Dr. Dr. Johannes Huber, Prof. Dr. Maximilian Kriegmair, Prof. Dr. Axel Merseburger und Prof. Dr. Christian Wülfing. Das Medical Board steuert die inhaltliche Weiterentwicklung des Portals und setzt aktuell relevante Schwerpunkte bei der Patientenaufklärung.


    Angesichts der auf dieser Seite verbreiteten Falschinformationen, ist geradezu ein Hohn, wenn in der Pressemitteilung behauptet wird, die Seite liefere „wissenschaftlich fundierte Patienteninformationen".Das genaue Gegenteil ist der Fall.

    Noch mal zusammenfassend: Die auf der Seite verbreiteten Informationen zum Thema Vorhautentwicklung und Phimose beruhen auf einer veralteten, mehrfach durch neuere Leitlinien ersetzten Leitlinie, die ihrerseits auf einer vielfach widerlegten Studie aus den 1940ern beruhte, und daher zur Behandlung eines normalen, sinnvollen Entwicklungszustandes rät.

    Ich weiß nun nicht was du mit irreversible Entscheidungen meinst...

    Die Beschneidung meine ich konkret.

    Zitat

    Man kann natürlich noch 30 tsd. andere Meiningen einholen oder 40 Millionen Stunden bei irgendwelchen Ärzten verbringen... Das ändert aber nunmal nichts daran, dass es da ein Problem gibt, welches behoben werden sollte/muss.

    Es muss das gemacht werden, was gemacht werden muss.

    Natürlich muss etwas gemacht werden. Die Frage ist nur was.

    Ich würde gerne mal wissen, wie der Urologe zu der Diagnose Lichen sclerosus gekommen ist. Sämtliche typischen Hautveränderungen einer Lichen sclerosus scheinst du nicht zu haben. Das einzige ist das erwähnte "Jucken, Brennen und Stechen". Das könnte auch auf alles mögliche hindeuten. Das könnte auch eine normale Balantis infolge einer Candida oder bakteriellen Infektion sein.

    Wenn es Lichen sclerosus ist, dann wäre auch ein Behandlung mit stark wirksamen Corticosteroid-Salben (Clobetasolpropionat) eine Möglichkeit.

    Ich weiß nicht, wie schnell Du einen Termin zur OP bekommen kannst. Aber bis dahin könnte man ja mal eine Corticosteroid-Therapie beginnen - wenn dein Leidensdruck hoch ist.

    Hallo, bitte warte noch, ehe du irreversible Entscheidungen triffst. Ich werde dir noch ausführlich antworten. Bin aber gerade zeitlich eingespannt.

    Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob du Lichen sclerosus hast. Diese Symptome, die du angibst ( ein Jucken, Brennen und Stechen.) sind zwar Symptome eines Lichen sclerosus, können aber aber auch auf andere Hauterkrankungen hindeuten.

    Dazu kommt noch: Wenn ich dich richtig verstanden habe, wenn es sich um Lichen sclerosus handeln sollte, so wäre bei dir auch die Eichel betroffen - genauer die untere Seite der Eichel, wo das Frenulum war. In diesem Fall wäre dann ohnehin - auch nach einer Beschneidung - eine Kortison-Therapie auf den betroffenen Stellen der Eichel ohnehin nötig.


    Vielleicht ist es keine schlechte Idee, wenn Du "Brokendreams" Rat befolgst und einen Dermatologen aufsuchst, und ihn ggf. eine Biopsie durchführen lässt. Eine Zweitmeinung schadet zumindest nicht.

    Hallo,
    ich bin 25 Jahre alt.
    Also die LS scheint nicht ausgeprägt zu sein.
    Weiße Stellen an sich sehe ich nicht so wirklich.

    Auch keine anderen Auffälligkeiten - also unter der Vorhaut an der Eichel, der inneren Vorhaut ?!

    Hier in dieser Leitlinie sind auch Bilder von Lichen sclerosus bei Männern enthaltem: hhttps://www.lichensclerosus.de/custom/data/ck…thodsreport.pdf

    Zitat

    Ich habe halt Zeitweise (Schubweise?) ein Jucken, Brennen und Stechen.

    Ja, das ist auch ein mögliches Symptom eines Lichen sclerosus.