Hallo Andre, danke für deine vielen Infos. Ich finde es sehr lobenswert, dass deine Ehefrau dich so sehr verständnisvoll unterstützt und emotional zu dir hält, auch in all deinen Bedenken und Problemen. Ich finde es auch nett von dir, mit allem Respekt, welch positive Einstellung du deinem Urologen entgegen bringst, trotz all dem bisher Erlebten. Denn einige deiner Formulierungen sind anatomisch gesehen gar nicht möglich, wie zum Beispiel, dass der Arzt mal eben tiefer genäht hat als üblich, um noch etwas retten zu können. Ich frage mich daher, in welchem Umfang ich hier schreiben soll, weil ich keinesfalls verunsichern möchte, aber auf der anderen Seite wird es interessieren, weshalb auch nach drei Jahren post OP immer noch Verhärtungen, Schmerzen, Missempfindungen und ein Schnürring vorhanden sind. Manchen wird es auch interessieren, was ein Urologe während einer OP überhaupt alles falsch machen kann, vor allem dann, wenn wirklich alles Erdenkliche einen abnormalen Verlauf annimmt. Diese Infos können dann helfen, seinen eigenen Zustand besser zu verstehen, um damit die Eigentherapie besser planen und durchführen zu können, und auf der anderen Seite, um eventuell auch den Arzt damit konfrontieren zu können.
Daher werde ich folgend zuerst die Anatomie kurz erklären, und danach, welche Folgen bei Beschädigung eintreten können. Vereinfacht besteht der Penis aus zwei Schwellkörpern und der Harnröhre, diese sind in mehrere Hautschichten eingebettet, die miteinander verwachsen sind. Vorne dran ist die Eichel. Dann gibt es noch die verschiebbare Haut, das ist jene Haut, die man von aussen sieht. Im Folgenden werde ich also die beiden Begriffe Penis, und verschiebbare Haut verwenden. Letztere ist Gegenstand der Zirkumzision. Es gibt mehrere Methoden zur Durchführung, aufgrund deines extremen Ergebnisses kam bei dir beinahe sicher die Freihand-Methode zum Einsatz. Mit einem Skalpell setzt der Arzt zwei zirkuläre Schnitte, einmal entlang deiner in deinem ersten Foto eingezeichneten roten Linie (Inzision äusseres Vorhautblatt), und einmal dort, wo jetzt die Beschneidungsnarbe ist (Inzision inneres Vorhautblatt). Die Haut dazwischen wird entfernt, und die Enden miteinander vernäht. Dadurch wird bereits jetzt klar, dass man gar nicht tiefer als üblich nähen kann, weil man würde dadurch die verschiebbare Haut an den Penis (Begriff siehe oben) fixieren, und dies ist keinesfalls gewollt.
Wenn der Arzt nun doch nicht eine so ruhige Hand hat, anders als dir gegenüber behauptet, verletzt er die erste Schicht des Penis. Das blutet nur ganz leicht, so als wenn man sich mit einer Nadel gepikst hätte. Meistens kommt hier bereits der Kauter zum Einsatz, ein Gerät, das mit elektrischem Strom eine punktuelle Verbrennung erzeugt. DIe Blutung wird gestoppt, und die Verbrennung heilt aus.
Wenn der Arzt etwas tiefer schneidet, verletzt er Nerven und Blutgefässe, und es blutet je nach verletztem Blutgefäss mehr oder weniger stark. Noch tiefer schneidet er in die Tunica. Diese gibt dem erigierten Penis seine Form. Viele Penisse sind erigiert leicht nach oben gebogen, dies ist von Natur aus so, und kann ohne invasiven Eingriff normal nicht verändert werden. Eine Inzision in die Tunica entspricht einer Penis-Ruptur, und wenn man dies nicht richtig versorgt, kann dies zu einer dauerhaften Penis-Deviation führen. Schneidet man noch tiefer, dann erreicht man den Schwellkörper, und es blutet, blutet, blutet...
Damit habe ich jetzt die Anatomie vereinfacht dargelegt, und möchte nun auf die drei Möglichkeiten zur Blutstillung eingehen, wenn starke Blutungen aufgrund verletzter tiefer Schichten vorliegen. (1) Das Lehrbuch leitet den Operateur zum Nähen der Tunica an, je nach Schädigung mit einem selbstauflösenden oder permanenten Faden. (2) Der erschrockene, bequeme oder auch schlampige Urologe verwendet den Kauter. Dies ist vom Lehrbuch aus nicht vorgesehen, und in der Medizinwelt umstritten, weil bei mehr als punktueller Anwendung Narbengewebe am Penis, also im Inneren, entsteht. Dieses Narbengewebe erreicht nach spätestens 2 Jahren seinen Endzustand, bildet sich dann nicht weiter zurück, fühlt sich wie eine Verhärtung an und verursacht permanent Missempfindungen, Schmerzen. Wenn der Operateur den Kauter falsch bedient, kann auch eine permanente Schädigung der Tunica eintreten, sodass hier das vom Kauter erzeugte Narbengewebe die Ursache für die spätere Deviation darstellt. Wenn der Arzt eine Stosswellentherapie anbietet oder empfiehlt, so wie in deinem Fall, dann hat dies mit der Beschneidung bzw verschiebbaren Haut nichts zu tun. Dem Arzt ist dann bereits klar, dass eine Schädigung der Tunica vorliegt, denn die Stosswellentherapie wird am Penis einzig dazu eingesetzt, um vorhandene Verhärtungen im Penis zu behandeln, je nach Patient mit unterschiedlichem Erfolg. (3) Will der Arzt die verschiebbare Haut nicht öffnen, bieten sich auch physikalische Verfahren zur Blutstillung an, das ist das Komprimieren mit Druck von aussen. Wenn du schreibst, dass bei dir zusätzlich mit Eispackungen gearbeitet wurde, dann liegt der Verdacht nahe, dass das von dir beschriebene Hämatom, welches auch nach 3 Jahren noch nicht gänzlich verschwunden ist, eher Erfrierungserscheinungen der verschiebbaren Haut sein könnten. Sollte der Harnstrahl nach der OP stark vermindert sein, wie du beschrieben hast, so deutet dies stets auf eine Verletzung hin, meistens des kleinen Schwellkörpers, der die Harnröhre umgibt.
Damit habe ich nun beschrieben, welch Unmenge an unvorhergesehenen Problemen während einer Beschneidung im schlimmsten Fall eintreten können, und dass eigentlich alle zur Verfügung stehende Methoden zur nachträglichen Beseitigung (zb Blutstillung) stets dauerhafte Probleme mit sich bringen. Deshalb wird den Urologen im Unterricht bereits nahegelegt, sorgfältig zu arbeiten, und die höchste Aufmerksamkeit der Harnröhre zu geben, damit diese keinesfalls verletzt wird. Aber auch wenn man bedenkt, wie tief man schneiden muss, um überhaupt den Schwellkörper anzuritzen, dann kann hier nicht mehr von Zufall oder Unfall gesprochen werden, sondern von grober Fahrlässigkeit, die einem normal arbeitenden Arzt keinesfalls passiert. Auch der grossflächige Anwendung des Kauters muss stets eine gut vertretbare Begründung zugrunde liegen, zum Beispiel, um den Patienten vor starkem Blutverlust zu bewahren, weil hier Nervenschäden und Verhärtungen entstehen, die sich von selbst nicht wieder zurück bilden.
Natürlich muss nichts von meinem Beitrag auf dich zutreffen, aber wieviel Phantasie braucht es denn, um sich ausmalen zu können, was während deiner OP vorgefallen sein könnte, wenn du von einem narbigen Schnürring im Inneren des Penis sprichst, von Missempfindungen, von einer Deviation nach rechts, von einem verringerten Harnstrahl, in Kombination mit der medizinisch unkorrekt ausgeführten Zirkumzision der verschiebbaren Haut. Abgeleitet von all dem dürfte die Hand deines Urologen zumindest am Tag deiner OP nicht besonders ruhig gewesen sein, sondern ziemlich gezappelt haben.
Die Missempfindungen werden mit der Zeit immer weniger, und ich empfehle, dass man im schlaffen Zustand die Verhärtungen massiert, zuerst nur leicht, und dann immer fester. Natürlich sollte man auf die verschiebbare Haut achten, dass diese beim Massieren der Verhärtungen im Inneren des Penis nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Zirkumzisionsnarbe wird ausheilen, die Entzündungen werden immer weniger, und die Haut wird sich im Laufe der Zeit zumindest soweit dehnen, dass Erektionen ohne Schmerzen möglich werden.
Mir sind Fälle bekannt, in denen sich die Verhärtungen im Inneren des Penis nicht mehr zurück gebildet haben, und eine Stosswellentherapie auch nur unterdurchschnittlichen Erfolg gebracht hat. Man könnte diese durch eine weitere OP behandeln, aber dazu muss man die verschiebbare Haut öffnen, Stichwort erneute Zirkumzision. Das selbe gilt für die operative Beseitigung der Deviation.
Dein Fall scheint für mich sowas von einem Musterbeispiel, dass ich mich frage, welche Zufälle, welches Schicksal, welche Aneinanderreihung von Ereignissen überhaupt zusammentreffen haben können, um all das in nur einer einzigen OP zu vereinen.
Wenn ich mich in deine Situation hineindenke, und mich frage, was mir hier helfen könnte, dann wahrscheinlich der Glaube und die Hoffnung an die Selbstheilung des eigenen Körpers. Jeder Körper verfügt über enorme Selbstheilungskräfte, aber man muss diese aktivieren. Der Glaube kann Berge versetzen. Aber zuerst einmal muss man wissen, was überhaupt vorgefallen ist, und mit meinem Beitrag wollte ich mit dir zumindest Gedanken teilen, was passiert sein könnte. Was genau passiert ist, das weiss vermutlich nur dein Arzt, und dieser wird diese Fakten zum Selbstschutz wohl für sich behalten wollen. Traumatherapie, Selbstfindung, Unterstützung durch deine Ehefrau, und dann Massage der Verhärtungen und schliesslich der Glaube an die Heilkraft des eigenen Körpers, das wird dir helfen, da bin ich mir ganz sicher.