Wenn ich so nachgrüble, frage ich mich fast schon, ob die Beschneidungsdebatte vielleicht ganz anders oder tiefer verortet ist, als es scheint. Es gibt ja die Theorie, dass bei der MGM weibliche Anteile entfernt werden sollen. Sollte dies der wahre Sinn sein, wird damit aus dem Jungen symbolisch ein ganzer Mann ohne weibliche Anteile. Er wird damit also "männlicher" gemacht.
Im Umkehrschluss bekommt dieser "ganze Mann" dann auch gleichzeitig Macht über alle Frauen. Eine Frau, die "nur" weibliche Anteile besitzt, kann sich dieser in einer solchen Denkweise nicht entledigen.
Sollte dieses uralte Denken tatsächlich eine Rolle spielen, dann wäre es auch für den Machterhalt der bereits beschnittenen Männer wichtig, das innerhalb dieses Systems nichts verändert wird. Würde sich hier etwas ändern, würde ja ihr eigener Machtanspruch hinterfragt werden und die Privilegien, die sie durch die erduldete Beschneidung erlangt haben, würden plötzlich verpuffen.
Aber selbst Frauen von beschnittenen Männern, die sich bis dahin kulturell untergeordnet haben, würden mit dem Durchbrechen der Beschneidungspraxis dann gelinde gesagt ziemlich doof da stehen. Sie haben sich dann vielleicht jahrzehntelang schikanieren und erniedrigen lassen, um am Ende zu erfahren, dass dies weder etwas mit Religion zu tun gehabt hat noch notwendig war. Und noch schwerer wird es dann wohl zu ertragen sein, dass die nächste Generation derart unbeschwert ihre Sexualität ausleben kann und dabei innerhalb einer gleichberechtigten Beziehung wohlmöglich auch noch glücklicher wird.
So gesehen könnte hinter den Worten "mit der Beschneidung fängt es schon an" mehr stecken als man im ersten Moment annehmen möchte.