Beiträge von picard_72

    Ich kann mir kaum Vorstellen, dass es hier um eine wahre Gegebenheit handelt. Vielmehr bin ich der Meinung, dass auf diesem Forum Menschen ihren Fetischen nachgehen.


    Das sehe ich auch so. Die Sprache ist verräterisch. Viele Fetischisten sind in diesen Foren unterwegs und geben sich als Mütter, Ärztinnen oder Schul- und Internatsdirektorinnen aus. Dort leben sie ihre Fantasien von einer " besonders strammen" Beschneidung, veranlasst durch die Mutter oder Schuldirektorin o.ä. usw aus. Hier ist höchste Vorsicht geboten, viele dieser " Erlebnisberichte" sind höchstwahrscheinlich Fakes.

    Obszön finde ich ( m)eine blanke Eichel eigentlich nicht. Es stimmt schon, man fühlt sich nackter, aber das ist für mich mittlerweile kein unangenehmes Gefühl mehr. Damit offen umzugehen,habe ich mir über die Jahre antrainiert, mich anfangs geradezu gezwungen. Als Schüler war es mir noch extrem peinlich, mich nackt zu zeigen. Irgendwann kam dann aber ein Punkt, wo ich mich entschloss, ganz offensiv damit umzugehen und nutzte geradezu jede Gelegenheit, wo ich mich unbefangen nackt zeigen konnte, gerade um dieses Schamgefühl zu überwinden. Später wurde ich regelmäßiger Saunagänger und Gelegenheits-FKK´ler. Heute ist das für mich ganz normal und ich habe auch noch nie negative Reaktionen bemerkt. Ich denke, die meisten achten gar nicht drauf , oder ignorieren es, oder es ist ihnen schlichtweg egal. Ganz selten habe ich mal verstohlene, neugierige Blicke bemerkt, aber das stört mich nicht. Das " Schlimmste" was mir mal passiert ist, war der völlig irritiert-entgeisterte Blick einer jungen Frau in der Sauna; aber das fand ich aber schon eher wieder belustigend, weil sie so schaute, als hätte sie gerade ein Alien gesehen...

    Der Gedanke, dass einige meiner Probleme infolge meiner Beschneidung psychische Ursachen haben könnten, ist mir nicht fremd. Natürlich spielt AUCH die Psyche eine Rolle. Aber hier ist zu beachten, dass auch diese psychischen Probleme, Komplexe , Minderwertigkeitsgefühle usw letztlich auf die Beschneidung als solche zurückzuführen sind. Wäre ich nicht beschnitten, hätte ich mir jedenfalls nie so einen Kopf darum gemacht. Psyche und Physis sind eben gegenseitig bedingt und nicht zu trennen . ABER : Dass meine Eichel heute nach über 35 Jahren ohne schützende Vorhaut völlig taub und unempfindlich ist, dass ein Großteil der sehr empfindlichen Vorhaut unwiderbringlich verloren ist, das ist definitiv nichts Psychisches. Es wird eben doch massiv erogenes Gewebe entfernt. Mechanische sexuelle Reize erfolgen im Wesentlichen nur noch über den mir glücklicherweise verbliebenen Rest der inneren Vorhaut und das Frenulum. Wäre dies auch weg, wie bei vielen anderen Betroffenen, wäre eine mechanische sexuelle Stimulation jedenfalls an dieser Stelle nicht mehr möglich.

    Ja, wir Beschneidungsgegner sind wirklich eine ganz üble Sorte Mensch. Wir sind tatsächlich dagegen, dass kleinen Jungen ohne medizinische Notwendigkeit an den Genitalien rumgeschnippelt wird. Völlig absurd und fernliegend, sowas als Körperverletzung zu sehen, wie kann man nur auf eine solche Idee kommen ????? Einige von uns sind sogar Selbstbetroffene, die das ganze nicht als wunderbares Geschenk ansehen, sondern ernsthafte Probleme damit haben. Unglaublich, wie kann man nur so undankbar und ignorant sein. Dem kann nur eine zutiefst menschenfeindliche, antisemitische, rassistische, intolerante und religionsfeindliche Grundhaltung zu Grunde liegen, die schärfstens verurteilt und bekämpft werden muss.

    "Verstümmelung" bezeichnet die als nachteilig bewertete, radikale Veränderung der Gestalt durch äußere Einwirkung. Der Begriff kann sowohl für den Vorgang wie auch für das Ergebnis stehen.
    Verstümmelung kann mit Verlust von Funktion oder wichtiger Bestandteile einhergehen.
    Als "Amputation" (Amputare "rundherum abschneiden") wird die Abtrennung eines Körperteils bezeichnet.
    Unter einem "Körperteil" versteht man ein morphologisch als funktionelle Einheit erkennbares Segment des Körpers.

    Wir, die Unterzeichner, wurden "beschnitten". Die Gründe dafür sind vielfältig.

    Bei einigen spielten religiöse oder kulturell-rituelle Motive eine Rolle, bei anderen sogenannte "medizinische" Gründe. Einige von uns sehen sich täglich mit einem Körper konfrontiert, der nach ihrem Empfinden verstümmelt wurde. Sie mussten sich damit abfinden, dass ihr sexuelles Erleben zum Teil massiv eingeschränkt ist.
    Sie stehen der Tatsache gegenüber, dass sie ohne für sie einsichtige Gründe mit modifizierten Geschlechtsorganen leben müssen, mit zum Teil schmerzendenund als entstellend empfunden Narben.
    Aber auch die unter uns, die den Eingriff nicht als derart entstellend empfinden , sahen sich in ihrer körperlichen und sexuellen Entwicklung mit signifikanten Nachteilen,Komplexen und Problemen konfrontiert, die sie auf verschiedene Weise zu kompensieren suchten.
    Was uns eint, ist, dass wir unsere Beschneidung nicht als harmlosen oder vorteilhaften Eingriff empfanden, sondern als körperliche Veränderung, die wir uns nicht aussuchen konnten und die wir- in unterschiedlicher Intensität- als verletzend empfanden und die uns in vielfältiger Weise Probleme beschert hat.

    Es geht uns nicht darum, alle Männer, deren Vorhaut ohne deren Einwilligung amputiert wurde, per se als verstümmelt zu betrachten. Jedoch bestehen wir darauf, unsere eigenen Empfindungen artikulieren zu dürfen.
    Ob man(n) sich dagegen wehrt oder nicht:
    Fakten lassen sich schlecht wegdiskutieren. Man kann natürlich den Kopf in den Sand stecken, dann sieht man sie nicht. Doch nur, weil man(n) selbst nicht von Einschränkungen betroffen ist, bedeutet das nicht, dass es GAR KEINE Betroffenen gibt.

    Den hier gern gebrauchten Vergleich von medizinisch indizierten Eingriffen, wie der Entfernung des Blinddarm-Wurmfortsatzes oder von Weisheitszähnen, mit der meist völlig unsinnigen, med. nicht indizierten, körperverletzenden Vorhautentfernung empfinden wir als realitätsfremd.
    Die „Blinddarm-OP“ erfolgt meist in einem med. akuten Notfall, ist also über jeden Zweifel an ihrer med. Indikation erhaben. Weisheitszähne zu ziehen dient entweder dem Schutz der anderen Zähne oder z. B. der Schmerzbeseitigung. Im Übrigen erfolgt diese OP meist erst im Erwachsenenalter und nicht an nicht einwilligungsfähigen Kindern.
    In beiden Fällen wird auch kein funktionelles Organ entfernt, wie dies bei der Vorhautamputation zweifellos der Fall ist.


    Viele betroffene Männer leiden unter psychischen Problemen, die sie auf ihre Beschneidung zurückführen. Hierbei soll nicht behauptet werden, Vorhautamputation sei der einzige mögliche Grund für psychische Beeinträchtigungen. Jedoch ist es uns wichtig, psychische Einschränkungen und Probleme in Folge von Genitalverstümmelungen anerkannt zu sehen.
    Selbstverständlich liegt bei einem Mann, der sich aus freiem Willen und in Kenntnis aller möglichen Folgen zu einer Vorhautamputation an seinem eigenen Körper entscheidet, keine Zwangsbeschneidung vor. Ebenso bei einer medizinischen Indikation, die eine Zirkumzision unumgänglich macht.
    Wir jedoch konnten uns aber weder selbst für die Amputation unserer Vorhaut entschieden noch gab es bei vielen von uns erkennbar zwingende medizinische Gründe dafür. Einigevon uns haben den Eingriff als demütigende und gegen unseren Willen erfolgte Prozedur in Erinnerung, so dass wir den Begriff "Zwangsbeschneidung" in vielen Fällen als sachlich richtig und geboten ansehen.


    Wir sind der Meinung, dass der medizinisch nicht indizierte Eingriff trotz § 1631 d BGB nach wie vor gegen das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit und die UN-Kinderrechtskonvention verstößt. Die Einschätzung, dass dieses Gesetz nicht mit dem Deutschen Grundgesetz konform ist, wird von immer mehr Straf- und Verfassungsrechtlern vertreten. Die Abtrennung der Vorhaut eines Jungen schafft Fakten, die unumkehrbar sind, was jedem denkenden und fühlenden Menschen einleuchten sollte Wir weigern uns, die Dinge zu verharmlosen und zu beschönigen.
    Stattdessen wollen wir sie bei ihrem Namen zu nennen und klarstellen, was sie wirklich sind.
    Die subjektiv empfundene Abwertung ist für die Betroffenen sicher bedauerlich und natürlich können sie dem auch Ausdruck verleihen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass andere Betroffene sich sehr wohl "gezwungen", "verstümmelt" und "betrogen" fühlen.

    Die Empfindung mancher, dass ihnen etwas gestohlen wurde, halten wir ebenfalls für durchaus legitim und nachvollziehbar.
    Diese Einschätzung muss niemand für sich annehmen. Wie andere Männer ihren Vorhautverlust wahrnehmen, bleibt ihnen völlig unbenommen.

    Historisch betrachtet ging die Entfernung der Vorhaut lange Zeit sehr wohl mit der Absicht einher, jemandem etwas wegzunehmen, nämlich die sexuelle Empfindsamkeit, was in der einschlägigen, Jahrhunderte zurückreichenden Literatur zweifelsfrei nachvollziehbar ist.

    Wir sind auch der Meinung, dass man es sich eindeutig zu einfach macht, wenn man Genitalverstümmelungen bei Mädchen und die Jungen“beschneidung“ für unvergleichbar hält.
    Landläufig wird unter der Beschneidung der weiblichen Genitalien stets deren gravierendste Form, die sogenannte pharaonische Beschneidung, verstanden.
    Diese undifferenzierte Betrachtungsweise wird jedoch der Komplexität des Themas nicht gerecht.
    Die WHO hat die FGM in 4 Klassen eingeteilt, wobei Typ A auch das bloße Einritzen der Klitorisvorhaut oder das Entfernen derselben beinhaltet. ALLE Formen der Beschneidung der weiblichen Genitalien, auch diejenigen, die nachweislich weniger oder zumindest ebenso invasiv sind als die Entfernung der hochempfindlichen Penisvorhaut, sind richtigerweise weltweit geächtet, in vielen Ländern auch gesetzlich verboten. Die sogenannte „ Beschneidung“ an Jungen dagegen wird weiterhin als notwendiger und schützenswerter Teil der freien Religionsausübung, als kulturelle Tradition oder aufgrund medizinischer Mythen weltweit toleriert und gar als harmlos abgetan.
    Gegen diese skandalöse Ungleichbehandlung wehren wir uns, auch wenn das so manchem, scheinbar oder tatsächlich zufriedenen, beschnittenen Mann unangenehm ist.

    Der Tatsache, dass auch die Verstümmelung der männlichen Genitalien in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt werden kann, wird ebenfalls gerne übersehen. So reichen die operativen Möglichkeiten vom gänzlich vorhauterhaltenden Dorsalschnitt bis hin zur extrem beeinträchtigenden radikalen Zirkumzision "Low&Tight", bei der nicht nur das wichtige "gefurchte Band" und die komplette innere Vorhaut, sondern auch das äußerst empfindliche Frenulum gänzlich entfernt werden.
    All die unterschiedlichen Stile und Beschneidungsarten der Einfachheit halber als "Beschneidung" zu verharmlosen halten wir schlicht für naiv.

    Beschneidungen der Genitalien – ausgenommen medizinisch streng indizierte – sind weder bei Jungen noch bei Mädchen „naturgemäß“, weswegen sie in beiden Fällen Körperverletzungen darstellen, und zwar völlig unabhängig von deren (wiederum stets individuell und damit subjektiv) wahrgenommenem oder definiertem Schweregrad.

    Weltweit befassen sich tausende Männer mit dem sogenannten "Restoring", also der Wiederherstellung ihrer Vorhaut durch jahrelanges Dehnen der verbliebenen Schafthaut. Allein die beiden wichtigsten Hersteller TLC und DTR versenden nach eigenen Angaben jährlich ca. 6.500 Einheiten seiner Gerätschaften, täglich kommen ca. 10 Neukunden hinzu. Nehmen all diese Männer diese jahrelangen Torturen auf sich, obwohl sie alle glücklich und zufrieden mit ihrer Situation sind?

    Die TATSACHE, dass rund 70 % der Deutschen die Regelung der Beschneidungspraxis durch § 1631 d BGB ablehnen, sollte jedem zu denken geben, der meint, Beschneidung sei etwas ganz Harmloses, Selbstverständliches, Normales.

    Wir begrüßen die öffentliche Diskussion über die Sinnhaftigkeit der "Beschneidung" von nicht einwilligungsfähigen Jungen als etwas für einen demokratischen Rechtsstaat völlig Normales und Begrüßenswertes, das dem Austausch von Erfahrungen und Wissen, der Meinungsbildung der Bevölkerung und hoffentlich bald auch ihrer Vertreter dient.
    NORMAL und NATURGEMÄSS ist der unverletzte, gesunde, intakte Penis. Wer etwas anderes behauptet oder den eigenen Kindern suggeriert, belügt seine Kinder und ggf. sich selbst.
    Wer sich subjektiv auch als Beschnittener nicht als verletzt fühlt und keine Nachteile oder Einschränkungen feststellt, möge sich glücklich schätzen.
    Männern, die unter ihren Nachteilen und Einschränkungen leiden und diese öffentlich ansprechen, sollte die Empathie und das Verständnis entgegengebracht die sie verdienen.

    Hannes Moser,
    A. Bachl, V. Schiering, Tayfun Aksoy, Önder Özgeday, Mario Lichtenheld, Werner Sasse, Mathias Winter, Holger Fehmel, Jürgen Warntin

    Mein herzlicher Dank an diese US-Regierungskommission. Endlich mal eine Institution, die sich konsequent für die Rechte religiöser Minderheiten einsetzt und deren unerträgliche Unterdrückung in Europa anprangert. Auch ich habe eine Beschwerde vorzubringen:

    Als Anhänger des uralten, traditionsreichen antiken Heidentums ist mir das Opfern von Stieren nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa verboten ! Das ist ungeheuerlich ! Unter dem fadenscheinigen Vorwand des Tierschutzes wird hier eine uralte Religion unzumutbar diskriminiert und unterdrückt. Diese Vorgehensweise steht eindeutig in der Tradition der Unterdrückung meiner Religion durch die christlich-säkulare Obrigkeit seit dem Verbot unserer Kulte durch den christlichen Kaiser Theodosius im Jahre 394.

    Ich bitte die US-Regierungskommission sich für harte Sanktionen gegen Deutschland und Europa einzusetzen, bis dieser unerträgliche Zustand aufhört.

    @ Susanna. Leider ist dem nicht so. Die Eltern können einfach so zustimmen. Niemand verlangt von ihnen, ihre Gründe darzulegen und sich damit auseinanderzusetzen. Vielmehr wäre im Gegenteil im Streitfall zu belegen, dass die Beschneidung NICHT dem Kindeswohl entsprach. Sozusagen eine Beweislastumkehr. Das halte ich für den schwersten Fehler des Gesetztes, nämlich das das Gesetz grundsätzlich davon ausgeht, dass die Beschneidung dem Kindeswohl entspricht und dem nur ausnahmsweise entgegensteht. mE müsste es aber genau andersrum sein...

    Genau so sehe ich das auch, Susanna. Ein Gesetz hätte die Beschneidung, wie auch jeden anderen medizinisch nicht notwendigen Eingriff, für grundsätzlich rechtswidrig erklären müssen und die legale Vornahme zur Ausnahme erklären müssen und auch nur unter sehr strengen Voraussetzungen, insbesondere ärztliche Aufklärung und Erfordernis einer Gewissenserklärung der Eltern. Das wäre zwar für zur Beschneidung entschlossene Eltern kein wirkliches Hindernis gewesen, aber der Appell des Gesetzes, " Halt! Überlegt genau, was ihr hier tut! " wäre deutlich gewesen und hätte sicherlich so manchen zum Umdenken bewegt. Nun ist es genau umgekehrt , die Beschneidung ist grundsätzlich erlaubt, und nur in Ausnahmefällen rechtswidrig. Ein fatales Signal des Gesetzgebers, der hoffentlich irgendwann vom Verfassungsgericht kassiert wird. Hier hätte man vielleicht doch eher eine Kompromisslinie fahren sollen und nicht auf " alles oder nichts" setzen sollen. Aber gut, lassen wir das. Jetzt haben wir ein schlechtes Gesetz und müssen erstmal ein breites Bewusstsein dafür schaffen, dass dem so ist. Auch wenn 70 % der Bevölkerung dagegen ist, dies reicht nicht, solange wir nicht mehrheitlich die entscheidungsrelevanten und meinungsbildenden Gruppen unserer Gesellschaft ( Medien, Verbände, Parteien, NGOs usw ) auf unserer Seite haben...

    Meines Erachtens sollte der Schwerpunkt künftig darauf liegen, zunächst einmal ein allgemeines Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich nicht um einen harmlosen Eingriff handelt. Damit meine ich aber nicht Schockmeldungen über Todesfälle und mißglückte Beschneidungen- das sollte man zwar auch nicht vergessen und durchaus auch darauf hinweisen, aber nur dann, wenn die Verharmloser wieder mal mit unsäglichen Vergleichen (Impfungen usw.) ankommen. Es geht mir vielmehr um die langfristigen Folgen, die vielen möglichen Facetten, die die Beschneidung in psychischer, physischer und sexueller Hinsicht für die Betroffenen haben kann. Dabei wäre zunächst bei den politischen und gesellschaftlich relevanten Gruppen (Medien, Politiker, NGO-Vertreter, Menschenrechtsgruppen, Medizinerverbände, Psychologen usw. usw.) ein Bewusstsein zu schaffen, dass es sich eben nicht um eine Bagatelle handelt. Die religiösen Lobbyisten und ihre Vertreter und linientreuen Anhänger sollten wir hingegen erst mal vergessen. Da ist zur Zeit eh nichts zu ändern und außer aufgeregten und emotionalen Diskussionen kommt da nichts bei rum. Religionen können sich ändern, aber das geschieht in der Regel von innen heraus und meist von unten, von der Basis. Hier sollten wir auch ansetzen. Wenn aufgrund eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels immer mehr Eltern und Gemeindemitglieder sich der Beschneidung verweigern werden die ganz von selbst auf Alternativen ausweichen und irgendwann werden die "Hardliner" marginalisiert. Aber so was braucht Zeit, wahrscheinlich mehrere Generationen. Das Ganze mit der Brechstange eines sofortigen gesetzlichen Verbots durchsetzen zu wollen, war mE ein Fehler, von vornherein völlig aussichtslos und hat uns viel Energie und gute Leute gekostet, die sich in der Emotionalität der Auseinandersetzung zu ungeschickten (und manchmal maßlosen) Äußerungen haben hinreißen lassen und nun ein gefundenes Fressen für unsere Gegner in dieser Debatte sind (ich denke hier insbesondere an den grünen Landtagskandidaten aus Cloppenburg).

    Ich möchte nochmal hier unfreiwillig Beschnittene und ihre Partner/innen ermuntern, ihre Geschichten und Erfahrungen niederzuschreiben. Hier könnte ein Ort sein, diese Erfahrungsberichte zu sammeln und vielleicht mit Unterstützung eines Verlages zu veröffentlichen. Die GBS und ihr nahestehende Verläge würden dies sicherlich unterstützen und promoten.

    Was vielen in ihrer Fixierung auf das Strafrecht nicht klar ist, ist die Tatsache, dass das "Beschneidungsgesetz" im Bürgerlichen Gesetzbuch, also im Zivilrecht angesiedelt wird.

    Um es zu Fall zu bringen, bräuchte es einen Betroffenen, der bereit wäre, seine Eltern auf Schmerzensgeld zu verklagen. Da die zivilrechtliche Verjährung im Verhältnis Eltern- Kind bis zur Vollendung des 21.Lebensjahres gehemmt ist ( d.h. erst mit Ende des Jahres, in dem das 21. Lebensjahr vollendet wird , beginnt die 3-jährige Verjärungsfrist zu laufen ) halte ich es durchaus für denkbar, dass sich da jemand findet...

    Genau so stelle ich mir das vor. Meiner Meinung nach wurde in der ganzen öffentlichen ( nicht hier im Forum ! ) Debatte der Fokus viel zu stark auf den eigentlichen Akt der Beschneidung ( Schmerzen, Komplikationen, Betäubung ja oder nein usw ) gelegt, während die langfristigen Folgen meist weit weniger Beachtung fanden. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich meine eigene Beschneidung ( also den Eingriff selbst ) nie als traumatisch oder entwürdigend oder schmerzhaft in Erinnerung habe. Es wurde " nach Regeln der ärztlichen Kunst " durchgeführt, unter Betäubung und verlief weitestgehend komplikationslos. Erinnerungen daran habe ich nur sehr bruchstückhaft. Dennoch hatte ich mein Leben lang - bis heute- das Gefühl, in meiner Männlichkeit verletzt und unvollständig zu sein. Das ist ein sehr subjektives Empfinden und wird sich wahrscheinlich kaum objektivieren lassen. Ich denke auch nicht, dass ich der Einzige bin, der so empfindet; seit Jahren lese ich ja schon in diversen Internetforen mit und stoße immer und immer wieder auf beschnittene Jungen oder Männer, die dort thematisieren " wie denkt ihr ( anderen , Frauen ) über Beschneidung; findet ihr das gut oder blöd oder lächerlich usw ?" Allein schon, dass dies so häufig themnatisiert wird, ist für mich ein Zeichen einer tiefsitzenden Unsichereit, Komplexen oder Verletztheit.

    Deshalb aber lege ich in dieser ganzen Debatte auch soviel Wert auf den Aspekt der Selbstbestimmung.

    Ich wiederhole hier mal was ich heute schon in einer PN schrieb: Bei einem Buch ginge es mir darum, betroffene Eltern auf der emotionalen Ebene ansprechen. Gerade Religion, Werte, Eltern-Kind-Beziehung, kulturelle Prägungen , dass ist eine Frage der Emotion, nicht der rationalen Abwägung. Mir geht es darum, diejenigen zuerreichen, die bisher eher gedankenlos einer kulturellen oder traditionellen Prägung gefolgt sind, obwohl sie ansonsten längst in der modernen Gesellschaft angekommen sind. Oder diejenigen, die bisher dem medizinischen Mythos des harmlosen, eher vorteilhaften Eingriffs auf den Leim gegangen sind. Und das erreicht man mE eher mit subjektiv gefärbten Betroffenheitsberichten. Natürlich werden unsere Gegner sagen,das das alles bedauerliche Einzelfälle sind. Aber Eltern werden sich fragen, ob ihr Kind nicht nicht auch ein solcher " Einzelfall" werden könnte. Es geht mir darum, ins Bewusstsein zu bringen, dass jeder die Beschneidung subjektiv für sich anders empfinden kann, und daher das Recht auf Selbstbestimmung in den Mittelpunkt zu rücken ist, jenseits aller medizinischen und wissenschaftlichen Studien und Abhandlungen, die immer angreifbar sind. So wie zB in dem Sachroman von Lukas Störmer " Der Schnitt" . Dieses Buch hat mich sehr bewegt, weil ich mich vielfach dort selbst wiederfinden konnte. So etwas ähnliches schwebt mir vor, nur breiter gefächert, es müssten vor allem Männer ( und Frauen ) dabei sein aus ganz unterschiedlichen kulturellen Umfeldern und die aus ganz unterschiedlichen Motiven beschnitten wurden. Und das Buch müsste gut promotet werden, vielleicht in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschland oder der Giordano Bruno Stiftung, die ja auch gute Kontakte zu Verlägen haben.

    Ja, in der Tat , jeder Mensch, jedes Kind hat ein Recht auf Differenz ! Nicht nur gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, auch gegenüber den eigenen Eltern und der Weltanschauung,Religion und Kultur, in die man zufällig hereingeboren wird. Natürlich haben die Eltern das Recht, ihren Kindern ihre kulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Werte nahezubringen, aber entscheiden kann nur jeder Mensch für sich selbst. Und er hat das Recht, anders zu sein, einen anderen Weg zu wälhlen, als seine Eltern; die von den Eltern oder dem Umfeld vermittelte Identität und Werte nach eigenen Vorstellungen auszulegen oder auch abzulegen.

    Das Gute an dieser Debatte ist doch, dass sie überhaupt stattfindet. Allein deswegen gebührt dem Landgericht Köln Dank, dass nun erstmals dieses Thema von der breiten Öffentlichkeit diskutiert wurde und viele beschnittene Männer- wie ich- und zahlreiche mitbetroffene Frauen, sich trauten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wobei ich die verdienstvolle Vorarbeit von anderen, wie insbesondere den Machern dieses Forums , Holm Putzke und anderen nicht vergesse. Ich glaube den Beschneidungsbefürwortern ist klar, dass sie auf lange Sicht nur verlieren können, nur dadurch kann ich mir ihre Aggressivität und ihre argumentationslose Diffamierungsstrategie erklären; je mehr betroffene Männer und Frauen an die Öffentlichkeit gehen, je mehr betroffene Eltern über dieses Ritual nachdenken werden, desto mehr werden sie in die Defensive geraten. Und irgendwann wird sich die Politik dem auch nicht mehr verschließen können. Und so wird sich der von den Beschneidungsbefürwortern errungene Erfolg im Gesetzgebungsverfahren über kurz oder lang als Pyrrhussieg erweisen.

    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt war da mE nichts zu machen, realistischerweise war zu keinem Zeitpunkt zu erwarten, dass der Gesetzgeber ein strafrechtliches Verbot der Beschneidung durchsetzen würde. Ich habe das von Anfang an für gesellschaftspoltisch unrealistisch gehalten, und auch das Urteil des LG Köln eher als Denkanstoß gesehen; aber dennoch war der Widerspruch von unserer Seite richtig und wichtig, um den poltisch Verantwortlichen klarzumachen, dass es hier nicht um eine Bagatelle und auch nicht um Religionsfreiheit geht. Überraschend wie auch erschreckend war allenfalls, wie eilfertig und willfährig die Politik hier den Wünschen der Beschneidungslobbyisten gefolgt ist, das Ergebnis selbst hingegen war von vornherein klar, da sollten wir uns auch nichts vormachen. Um so erfreulicher, dass sich doch eine ganze Reihe von Politikern gefunden hat, die widersprochen haben.

    Der Erfolg für uns ist, dass das Thema öffentlich diskutiert wurde, und das wird nicht ohne langfristige Folgen bleiben. Auch wenn es vielleicht nicht mehr ständig in den Schlagzeilen bleiben wird und es phasenweise darum auch wieder ruhiger werden wird, so wird sich doch im Stillen ein Wandel vollziehen. Und das ist ,glaube ich, die größte Angst der Beschneidungslobbyisten- das das Thema nie wieder so ganz in der Versenkung verschwinden wird und das immer mehr betroffene Eltern darüber nachdenken, und mehr und mehr darauf verzichten werden. Es liegt aber auch an uns, dieses Thema weiterhin im Gespräch zu halten. Da sollten wir uns durch das laufende Gesetzgebungsverfahren nicht entmutigen oder frustrieren lassen. Es gilt, die gesellschaftliche Debatte am Laufen zu halten, im Kleinen wie im Großen. Und dazu müssen noch mehr betroffene Männer und Frauen ermutigt werden, sich zu äußern. Vielleicht sollten wir nochmal die Idee mit dem Buch aufgreifen...

    Was Thierse, die Zentralräte der Juden und Muslime und vierle andere einfach nicht kapieren wollen , ist, dass die Beschneidung von uns nicht in ihrer Eigenschaft als religiöses oder kulturelles Ritual angegriffen wird, sondern ausschließlich in ihrer ganz profanen Eigenschaft als erheblicher, verletzender und irreversibler körperlicher Eingriff. Wer wie Thierse das ganze nur aus dem Blickwinkel der Religionsfreiheit sieht, dem muss man schon eine selektive Wahrnehmung vorwerfen, nämlich auf dem religiösen Auge blind zu sein...