Beiträge von Descant

    Zitat

    "Solange die Eltern der Kinder dazu gefragt würden, die Krankenhäuser kein Geld damit verdienen würden und die Forschungen von gesellschaftlichen Nutzen wären, würde ich mich dann daran nicht stören."

    Das meinst du doch wohl nicht im Ernst? - Dann wird das Kind schon wieder instrumentalisiert, nicht aus religiösen sondern aus gesellschaftlichen Gründen, wird Mittel zum Zweck. Ich will dir das nicht unterstellen, aber mit dem Argument wird in China die 1-Kind-Politik betrieben. Und wie sie umgesetzt wird, wissen wir ja wohl alle.
    Wenn aus medizinischen Gründen in diesem Alter beschnitten werden müsste, und die Vorhaut dann so weiter benutzt wird - einverstanden, ist ähnlich legitimierbar wie Organtransplantation. Aber sonst? Ein entschiedenes NEIN!

    Zitat

    Solange man mir nicht beweist, dass diese Vorhäute das "Resultat" religiöser oder anderer ZwangsBeschneidung sind, halte ich die Herstellung eines diesbezüglichen Zusammenhangs für Diffamierung und Demagogie. Tut mir leid.

    Mein "Erschrecken" zielt in eine andere Richtung. Der Gesetzentwurf sagt nur:

    Zitat

    Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung ... einzuwilligen ...

    (Hervorhebung von mir). Die müssen gar nicht sagen aus religiösen oder ethischen Gründen. Durchaus zulässig wäre: Der Mitarbeiter einer Firma oder Gesellschaft kommt und beantragt, dass das Kind beschnitten wird (gegen Vergütung natürlich). Dann können die mit zur Personensorge berechtigten einwilligen. Und alles ist okay. Das hat nix mit Demagogie zu tun, sondern wäre zulässig. Das ist keine Gesetzeslücke mehr, das ist ein Gesetzescanyon.

    Schwäbisches Tageblatt

    Zitat

    Jedes Jahr werden in der Württemberger Gemeinde mit ihren insgesamt rund 3100 Mitgliedern etwa vier bis fünf Neugeborene nach traditionellem jüdischen Ritus beschnitten. Alternativen zur Brit Mila, die ohne Narkose durchgeführt wird, gibt es in der Württemberger Gemeinde keine.
    "Die Beschneidung ist ein integraler Bestandteil unserer Religion", betont Traub, die selbst Mutter dreier beschnittener Söhne ist. An dieser "Substanz der jüdischen Religion" gebe es nichts zu rütteln.

    Das Thema ist zu groß für eine Volksabstimmung, denn (behaupte ich) - auch wenn wir hier sehr engagiert sind und sehen auf wie vielen Plattformen sich noch mehr Leute (oder zum Teil dieselben) engagieren, kann nicht ausgeschlossen sein, dass es der Mehrheit der deutschen Bevölkerung SO WIE BIS ZUM KÖLNER URTEIL am ..... vorbeigeht. Die Abstimmung würde also so oder so nicht behaupten können, die wirklich vorhandene Mehrheitsmeinung wiederzugeben. Ausserdem: Die Demokratie -behaupte ich - muss auch die Mindermeinung nicht nur respektieren sondern auch schützen, d.h. nicht emotionale, utilitaristische oder religöse Gründe dürften hier zum Tragen kommen, sondern rein vernünftige. Vernunft aber ist ein Thema, mit dem wir seit der Aufklärung - und speziell wir als Deutsche seit Kant - vertraut sein sollten bzw. - seit der NS-Zeit wieder vertraut sein sollten oder vertraut gemacht werden sollten. Für den Haus- und Wiesengebrauch, selbst für die Chat-und-Chill-Generation sollte die Kenntnis des kategorischen Imperativs da schon reichen. Vernunft oder ihren kleiner Bruder, gesunden Menschenverstand, hat jeder selbst, sogar genug davon, wie schon Descartes begründete (Discours de la Méthode):

    Zitat

    Der gesunde Verstand ist die bestverteilte Sache der Welt; denn jedermann glaubt, so wohl damit versehen zu sein, daß selbst einer, der in allen anderen Dingen nur sehr schwer zu befriedigen ist, für gewöhnlich nicht mehr davon wünscht, als er besitzt.

    Die von Dir angesprochene Mail wird sicher nicht die einzige sein/bleiben, die die Kinderhilfe zu dem Thema bekommt. Vielleicht hätte der Absender sie gar nicht auf den Weg gebracht, hätte er gewusst oder bedacht, dass zig reformierte oder atheiistische Juden (auch die gibt es natürlich) ihre Kinder nicht beschneiden lassen. Und einen jüdischen Nazi vermag ich mir nun wirklich nicht vorzustellen. Solange das keine Mail-Schwemme gibt, würde ich die Dinge einfach in die Tonne kloppen und vergessen.

    In dem o.g Artikelt heißt es u.a.:"Der Ethikrat, bestehend aus zwei Dutzend Juristen, Medizinern und Theologen, gibt Empfehlungen bei schwierigen ethischen Fragen und wies die Richtung, wie ein Kompromiss aussehen könnte." Ich kann aus den veröffentlichten Dokumenten aus dieser Sitzung nicht erkennen, dass der Ethikrat als Ganzes seiner Aufgabe nachgekommen ist. Mir scheint eher, es gab von Anfang an die Befürworter- und die Gegner der Beschneidung, die alles daran setzten ihre bereits feststehende Meinung zu untermauern, statt ergebnisoffen zu diskutieren und einen gangbaren Weg aufzuzeigen.
    Insbesondere Prof. Dr. Höfling hat sich in meine Augen sehr vergaloppiert, wenn er von der "Legitimität pluraler Kindeswohlkonzepte" und von der "ethischen Neutralität des Staates" spricht. - Anders als die "heiligen Schriften" werden die staatlichen Gebote nicht inspiriert, geoffenbart oder fallen sonstwie vom Himmel, sondern werden von konkreten Menschen gemacht, die als Adressaten des Sittengesetzes (Kant) Verantwortung für ihr Tun, Lassen oder Unterlassen haben.
    Speziell zur Religion schließe ich mich insbesondere dem jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn an, der als aufgeklärter und aufklärender Philosoph und Zeitgenosse Kants auch seiner eigenen (jüdischen) Religion 1782 die Richtung wies:

    Zitat

    Ich weiß von keinem Rechte auf Personen und Dinge, das mit Lehrmeinungen zusammenhänge und auf denselben beruhe; das die Menschen erlangen, wenn sie in Absicht auf ewige Wahrheiten gewissen Sätzen beistimmen, und verlieren, wenn sie nicht einstimmen können, oder wollen. Am wenigsten weiß ich von Rechten und Gewalt über Meinungen, die die Religion erteilen und der Kirche zukommen sollen. Die wahre, göttliche Religion maßt sich keine Gewalt über Meinungen und Urteile an, gibt und nimmt keinen Anspruch auf irdische Güter, kein Recht auf Genuss, Besitz und Eigentum; kennet keine andere Macht, als die Macht durch Gründe zu gewinnen, zu überzeugen, und durch Überzeugung glücklich zu machen. Die wahre, göttliche Religion bedarf weder Arme noch Finger zu ihrem Gebrauche; sie ist lauter Geist und Herz.

    (zitiert nach Mendelssohn, Moses: Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum. Nachdruck Hamburg 2005 (Meiner Verlag), S.19 f.)

    Den letzten Satz darf man sicher ändern zu "weder Arme noch Finger noch Vorhaut".

    Und - ich gebe Mendelssohn auch hierin Recht, wenn er einige Seiten vorher (a.a.O. S.11) die Chancen seines Unterfanges skeptisch beurteilt:

    Zitat

    Vernunft und Menschlichkeit erheben ihre Stimme umsonst; denn graugewordnes Vorurteil hat kein Gehör.

    Das Argument ist super. Natürlich kann es zu einem Beschneidungstourismus kommen (ähnlich damals bei der Abtreibung) oder dem Hinterzimmereingriff mit unter Umständen fatalen Folgen. Gerade das letzte Vorgehen aber und das in Kaufnehmen möglicher schlimmer Folgen zeigt, wie wenig die Eltern in diesem Fall das ganz reale Kindeswohl interessiert hat, und damit das Kindeswohl als Ganzes. Wem wirklich am Wohl seines Kindes gelegen ist, der reist entweder ins Ausland zu einem ausgewiesenen Fachmann oder aber er verzichtet, bis der Eingriff ganz legal vorgenommen wird. - Ein wie auch immer gearteter Gott könnte ihm keinen Vorwurf daraus machen, denn ein Gebot zu übertreten das man nicht einhalten kann, kann nicht bestraft werden - es sei denn, dieser Gott ist eher ein böser, also ein Verwandter des Satatans oder er selbst.