Tayfun Ksoy demonstriert in Köln gegen Beschneidung

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    • Tayfun Ksoy demonstriert in Köln gegen Beschneidung

      Hier sein Bericht:

      Heute am 26.10.12 16:30-19:30 bin ich mit einem Plakat gegen Beschneidung durch Köln gelaufen

      Vorbereitung, wie mach ich ein Plakat?:
      Ich komme gerade von der Arbeit. Es regnet schon die ganze Zeit. Zu Hause angekommen sammel ich mich erstmal. Hmm 14:30. Du musst ein Plakat machen. Du hast dir doch extra Papier besorgt. Wo bringe ich es an? Es muss leicht sein zum Hochhalten. Es muss fest sein gegen Wind und Verformung. Und vielleicht sogar Regendicht?
      (Gestern war ich im Künstlerbedarfsladen. 8,99,- Weiss, leicht, Formbeständig, 80x80cm.
      Und wenn ich es beim Anmalen verhaue? Zu teuer!)
      Ich geh in den Keller und hole einen Umzugskarton. Schneide eine Seitenwand raus.
      Schneide das Papier darauf zu. Befestige es mit Tesa- und Packband beidseitig auf den Karton.
      Jetzt kann ich es beschriften. Zuerst einen Spruch ausdenken. Hatte doch schon 10 vorbereitet...keiner gefällt mir jetzt. Ok, Computer an, OpenOffice: Größte Schriftart? Viel zu klein. Googeln: „Plakat schrift office“. 3 Treffer lesen. Ja es gibt Schriftart zum Download. installiert . Zu klein, wie gehabt. NEIN. Gucke auf die Uhr. Schon 15:00 Es wird früh dunkel. Heute oder nie. Keine Zeit, Lösung?? Ok Edding. Schneide gleichgroßes Plakatstück aus, und schreibe vor.
      Ok Buchstabengröße....Spruch... ich komme auf die Formel
      „Zwangsbeschneidung = Kindesmisshandlung“
      Ja, schnell zu lesen kurz verständlich, Assoziationen weckend.
      Aber mein Name muss rein. Wenn ich es hochhalte muss es eine relevante schnell zu lesende Seite geben und eine detailliertere Seite. Gut auf die andere Seite schreibe ich:
      „Es gibt uns doch! - rel. Beschneidung an Kindern = Zwanghafte Körperverletzung! - Danke -
      Landgericht Köln Cologne – TAYFUN KSOY ← facebook“
      So!. Nun lauf ich doof in der Wohnung rum und halte plötzlich inne. Was ? Du wolltest doch
      raus! Inneren Schweinehund ertappt! Schnappe Plakat und geh raus. Bin was wütend. Das ist gut. Das ist Energie!
      Gehe los. Es regnet! Egal , weiter. Nicht egal Plakat wird nass und dann weich und verwelkt!
      Ich geh zurück: Wieder zu Haus such ich nach trasparenten Folien in Tütenform. Zum Glück sammel ich manches. Schneide es zu und befestige es mit Packetklebeband. So! JETZT raus!
      Gedanken: Soll ich es schon in meiner Strasse hochhalten? Weiss man wo ich wohne?
      Nächste Strasse schnellt das Plakat in die Höhe.

      Der Weg des Plakates des Mems
      Der erste guckt. Ein Mann am Lieferwagen. Ich verziehe das Gesicht. Wie guck ich? Locker lassen.
      Ich biege auf die erste Strasse. Venloer Strasse in Köln. Ich entscheide mich in Gegenrichtung zu gehen. Mir kommen Radfahrer entgegen. Alle gucken auf das Plakat. Ich sehe dass sie lesen.
      Bei der kurzen Begegnung ist es gut, dass es nur 2 Wörter sind. Passanten gehen dicht an mir vorbei. Alle lesen, halten kurz inne. Das ist nichts, die eigendliche Fussgängerzone kommt noch.
      Ampel Rot., alle stehen. Ich schwenke das Plakat Richtung der Autofahrer, die an der roten Ampel stehen. Gegenüber stehen zwei Frauen auf dem Rad bei Rot. Ein Lächeln bildet sich auf ihren Lippen. Ich lächle zurück. Grün. Im Vorbeifahren sagt die Eine „Das ist ne gute Sache“. Die andere hält den Daumen hoch. Weiter. Eine Gruppe Menschen. Ich höre „Kindes..“ Ich höre „Zwangs...“
      Das ist gut. Zwang ist immer negativ! Das kommt an. Aus einem Spielkasino kommen 4 „Kanten“ raus. Einer guckt intensiv, er sagt etwas ich verstehe es nicht. Es ist wie ein Grunzen. Ich interpretiere es als „Was soll das äh?“ „Was ist das“ Ich breche den Blickkontakt ab und gehe weiter. Die vier verfolgen mich nicht.
      Jetzt komme ich am Türkischen Händler vorbei. Er sortiert gerade Waren aus und lächelt mich an. Er hat gelesen was draufsteht. „Was steht da drauf?“ Höflich, aber berechnend. Ich überlege.
      „Türk müsünüs?“ Ob ich Türke wäre. Ich sage „Evet, Sünnete Karsi“ „Ja, es ist gegen die Beschneidung“ Sehe seine Reaktion nicht, gehe weiter. Noch mehr Leute, viele lesen. Auch die Autofahrer sollen lesen, hier fahren sie langsam. Ich komme an die große Kreuzung.
      Venloerstr. Guertel. Hier fahren einige Strassen- und Ubahn -linien. Ausserdem ist der Ehrenfelder Bahnhof hier. Viele Leute. Jetzt macht es keinen Unterschied mehr. Ich finde sogar besser wenn viele da sind. Große Kreuzung rote Ampel. Alle stehen. Mein Plakat oben. Alle gucken.
      Keiner sagt was. Aber die Message wird gelesen. Ich sehe wie die Augen scrollen, wenn welche in meine Richtung gucken.

      Die strukturelle Gewalt-Misshandlung am Mann bekommt einen Namen
      Immer wieder höre ich Wortfetzen „Zwang..“ „Beschn...“ Ich denke. Ergebnis:
      Ein Wort für die Männer ist geboren. Wir wollen den Frauen die „Genitalverstümmelung „ nicht nehmen. Dieses Wort hat eine Geschichte. Dieses Wort ist für Frauen reserviert. Ok.
      „Zwangsbeschneidung“ ist das Wort das die Männer jetzt haben. Die Reaktionen sind eindeutig, es wirkt! Es bündelt die Bedeutung der Schandtat und weckt ein Assoziationsmuster, das für das
      Vorhaben die Lösung ist: Neues Bewusstsein zur Ächtung der männlichen ritual-Beschneidung am Kind. Es ist meiner Ansicht das Äquivalent zum Wort „Genitalverstümmelung“.
      Perpektivenwechsel: Verstümmelung ist auf jeden Fall zu Verurteilen, ein Totschlagargument.
      Beschneidung ist nicht geächtet. Das war ja der Grund warum die Frauenbewegungen ein neues Wort brauchten (siehe Wikipedia). Dinge die unter Zwang gemacht werden, zudem bei Kindern sind ebenfalls immer zu ächten. Man muss für das Verbot sein ohne Nachzudenken. Der Zwangs-Faktor ist mit drinne. Erfüllt dieselbe Funktion wie Genitalverstümmelung: Ächtung. Etabliert das Wort:
      „ZWANGSBESCHNEIDUNG“! Für die Männer.

      Eine Einladung
      Plötzlich kommt ein Mann in Roter Regenjacke auf mich zu. „Das find ich gut was Sie da machen,
      kommen Sie morgen auch zu der Veranstaltung?“ „Welche Varanstaltung?“ „Na im Comedia, Fondelstrasse, Diskussionsrunde und Referenten, ich bin auch da“ Hm ist er wichtig? Er sieht aus wie ein Lehrer – nein er erinnert mich an einen meiner. Akademiker? „Wieviel Uhr denn?
      „Um 13:00“ Ich überlege. Ist das wieder so eine Diskussionrunde wie im Internet?
      Was soll das bringen? „Wieviel Uhr?“ „Um 13:00 Fondelstrasse“. Ich merke, daß eine Geh-
      Demonstration mich beansprucht. „Ja ich gucks mir im Netz mal an“. „Ok, Respekt daß Sie das machen“. Ich gehe weiter. Bleibe nochmal stehen. Drehe mich um. Der rote Regenjackenmann dreht sich auch nochmal um. Vielleicht weil die Rückseite des Plakaets auch beschriftet ist.
      Ja ich werde hingehen, Menschen treffen.

      2x2 Jungs
      Ich gehe an der Moschee vorbei, bis zum Friesenplatz. Dann rechts die Ringe runter, alle in Partylaune, Freitag abend. Hm keine Kanten, die Friesenstrasse runter bis Globetrotter.
      Jaja die Jack Wolfskin-Sekte. Die Bildungselite. Jaja Olivandenhof. Durch und ab auf die Schildergasse. Komplett runter und bis zum Dom Hauptbahnhof. Zwei ich schätze 13 jährige Jungs folgten mir etwas. Dann höre ich eine Diksussion von älteren Jugendlichen. „Zwangsbeschneidung? Nein ab 12 Jahren kannst du doch....Entscheidung...“ usw. verstehe nur Fetzen, aber da scheint sich eine Diskussion hinter mir zu verbreiten. Am Hauptbahnhof ist es unspektakulär. Ich gehe nach 2 Minuten wieder zurück. Muss mal stehenbleiben wegen einem Telefonat. Mittendrin werde ich von 2 Jugendlichen belagert. Sie fragen und diskutieren ich lege auf. Ich mustere, die sind mir nicht geheuer. „Was steht auf dem Schilde?“ „Das kannst du doch lesen“ „ Nein ich kann nicht lesen“
      „Oh das glaub ich dir nicht“ „Wir sind auch beschnitten“ Ich „Ja ich auch“ „Warum schreibst du
      das“ Ich “Das hat nichts mit mir zu tun, ich muss da lang, wenn ihr wollt könnt ihr mitkommen“
      „Nein wir kommen nicht“. Ich gehe weiter.
      Immer abwechselnd das Schild rechts und links haltend. Es regnet stark ich bin nass, das Schild dank Folie trocken. Handy in der Hosentasche.
      Ich geh an der Mayrschen vorbei. Ein Mann mit Trechcoat und Koffer: „Ja genau“
      Die zwei 13 jährigen tauschen wieder auf:
      „Was steht da drauf? Was machen Sie?...Tayfun.....Sie heissen doch Tayfun oder?“ Ich“Ja ich bin Tayfun, es geht um Beschneidung“ Ich bin ausser Puste und erschöpft. Es ist 19 Uhr. „Aber das spürt man doch nicht, man bekommt doch Narkose ist doch nicht schlimm“
      Ich “Ja man spürt von der beschneidung nichts, wegen der Narkkose aber es geht um die Selbstbestimmung. Ich bin auch beschnitten aber ich möchte nicht beschnitten sein, man kann es nicht rückgängig machen“ Ich erklärte noch was, zum Schluss, daß neue Gesetze kommen werden, der andere sagt „Komm lass uns abhauen“. Ich schätze das waren so Jungs die Spass wolllten. Gibt ja auch die, die der MickyMaus im Freizeitpark in den Arsch treten und weglaufen.
      Eine Oma “Richtig so!“

      Resüme:
      Heute habe ich gelernt:

      -Demonstration im Gehen ist gut, man wird nicht von Agressoren „belagert“
      -Im Gehen durchwandert man verschiedene Kumulationen von sozialen Schichten, ja die gibt es!!
      -Ein Plakat 60x42cm reicht aus, es ist leicht, handlich, und viele können es lesen
      -Plakat aus Karton, weissem Papier und Edding kostet wenig. Weisse Folie (zB Maler) regendicht
      -man kann neue Kontakte knüpfen, ob die was bringen stellt sich dann heraus
      -man lernt Reaktionen kennen, man kann die Wirkung seiner Aussage analysieren – optimieren
      -wenn man es macht ist man total davon überzeugt und hat eine klare Position
      -ich hab mir jetzt ein Budget von 100,- pro Monat gesetzt,was ich für Aktionen ausgebe zB Material
      -man muss nicht zuviel machen. 1 mal pro Woche sollte reichen, auch für erholte neue Ideen
      -nach 2-3 Stunden bin ich ziemlich hungrig und schlapp
      -ich gehe einfach an ihnen vorbei und lasse mit dem neuen Mem allein. Es wirkt von sich aus
      -man muss auf die „Grauen Herren“ aufpassen. Lasst euch nicht auf Diskussionen mit Ihnen ein
      -alle haben eine Meinung. Wenige sprechen sie ungefragt aus.Viele sprechen sie ungefragt nicht aus

      Tayfun Ksoy
    • Respekt!!!

      Das ist echt mutig!

      Und auch auf die Dreizehnjährigen hatte er bestimmt Einfluss. Auch wenn es JETZT noch nicht spürbar ist. Das sind ja noch Kinder mit ganz anderen Interessen...

      Aber spätestens wenn sie selbst Vater werden...und die Beschneidung eines Sohnes ansteht...
      Dann werden sie sich vermutlich erinnern, dass da doch etwas war.
      Ein Mann...ein Schild...Zwangsbeschneidung...
      Das wird zum Nachdenken anregen.


      Aber was mit den "grauen Herren" gemeint? Warum muss man eine Diskussion mit ihnen meiden? ?(