Beschneidung als Ausrede und Rechtfertigung

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    • Beschneidung als Ausrede und Rechtfertigung

      Hallo,

      bevor ich zum Hauppthema komme, ein bisschen dazu, was ich in letzter Zeit getan habe:
      nach drei Jahren melde ich mich mal wieder. Ich hatte ein paar Anläufe genommen, meine Vorhaut zu regenerieren,
      aber es war mir dann immer zu kompliziert. Ich habe zum Teil Stofffetzen mit einem Gummiband getragen, was aber auch öfter abgegangen ist und mir dann irgendwann zu umständlich war. Aber es hat mir gut getan.

      Gut, mein eigentliches Thema: Ich gerate, seitdem ich weiß, dass meine Beschneidung ein bedeutender Einschnitt in mein Leben war, immer wieder in Situationen, in denen ich mich machtlos fühle: Ich habe keine Kontrolle über meine Erektionen und wie schnell ich komme --> die Beschneidung ist schuld --> ich kann nichts tun (außer vielleicht wieder mit der Wiederherstellung anfangen).
      Das hört sich so ein bisschen nach einer faulen Ausrede an Lösungen zu finden. Deswegen möchte ich anregen, mal darüber zu reden, was man tun kann, um auch mit der Beschneidung leben zu können, ohne die Vorhaut gleich wiederherzustellen. Denn jedes Mal wenn ich anfange mit der Wiederherstellung, kommt dieses Hindernis auf, dass es zu groß ist und ich erstmal lernen sollte, mit der Beschneidung umzugehen.

      Geht es noch jemandem so?
    • sumpfland wrote:

      Ich gerate, seitdem ich weiß, dass meine Beschneidung ein bedeutender Einschnitt in mein Leben war, immer wieder in Situationen, in denen ich mich machtlos fühle
      Bei mir ungefähr gleich...auch ich fühle mich immer wieder machtlos...und habe Probleme mein Leben in den Griff zu bekommen...und denk mir manchmal auch, nehme ich mein Beschneidungsproblem nur als Ausrede und Rechtfertigung? Nur weil ich meinen Arsch nicht hochbekomme? oder ist es, weil ich immer noch nicht weiß, wie ich mit diesem Mist, den ich mir da eingebrockt habe, umgehen soll?

      sumpfland wrote:

      was man tun kann, um auch mit der Beschneidung leben zu können
      Das ist ganz individuell, da gibt es keine Patentlösungen...aber man kann was tun...
      Menschen wurden erschaffen, um geliebt zu werden. Dinge wurden erschaffen, um benutzt zu werden. Der Grund, warum sich die Welt im Chaos befindet ist, weil Dinge geliebt und Menschen benutzt werden. -Dalai Lama
    • Hallo sumpfland,
      schön, dass Du wieder da bist!

      Deine Gefühle kenne ich sehr gut.
      Einerseits denke ich, dass die Versuchung, eine einfache Erklärung für Probleme gefunden zu haben, sicher da ist. Inwiefern die bei jedem einzelnen jedoch tatsächlich gilt, sei dahingestellt, das muss jeder für sich selbst herausfinden.
      Andererseits ist es aber sicherlich auch so, dass das allgegenwärtige "Beschneidung bei Jungen und Männern ist harmlos, Probleme gibt es praktisch nie" Betroffene davon abhält, sich näher mit dem eigenen Leiden zu befassen und dieses auch zuzulassen. Schon der Gedanke, man habe ein Problem, das es nach weitläufiger Meinung unserer Gesellschaft gar nicht geben kann, hindert uns daran, auch nur darüber nachzudenken.
      In diesem Spannungsfeld sind die, die leiden und denen die "Beschneidung" geschadet hat, in der Regel die Verlierer.
      Insofern kann ich jeden Betroffenen nur dazu ermutigen, ehrlich darüber nachzudenken, wie er seinen Zustand erlebt und wie gut oder schlecht er tatsächlich damit klar kommt.

      Was man nun tun kann, um damit klarzukommen, ist - wie Urolüge schon sagt - sicherlich individuell verschieden.
      Bei mir ist es so, dass ich zum einen restore, was mir nicht nur physisch eine deutliche Verbesserung bringt, sondern auch psychisch sehr hilft. Ich spüre dadurch, dass ich meinen Körper zumindest noch teilweise im Griff habe, dass ich meine Situation verbessern kann, dass ich immer mehr wie ein intakter Mann aussehe.

      Zum anderen war es für mich persönlich sehr positiv, über meine Empfindungen und Erfahrungen zu schreiben, sie dadurch loszuwerden.
      Ich weiß natürlich, dass genau das anderen Betroffenen wiederum überhaupt nicht hilft und dass es sie mehr belastet, sich mit ihrem Zustand auseinandersetzen zu müssen. Wie das bei Dir ist, musst Du selbst herausfinden.
      Vielleicht kannst Du Kraft daraus schöpfen, anderen Betroffenen zu helfen oder mitzuwirken, dass Eltern ihre Söhne in Ruhe lassen?
      Vielleicht hilft es Dir, Dich aktiv einzubringen, vielleicht ist es aber auch besser für Dich, Sport zu treiben, zu lernen, Deinen Körper zu akzeptieren, so wie er nun mal ist.
      Vielleicht ist es eine Kombination aus alledem, vielleicht ist es aber für Dich besser, das Thema nicht mehr anzufassen. Dies herauszufinden wird Dir niemand abnehmen können.

      Mittel und Wege gibt es viele. Dass Du Dir zumindest diese Frage stellst, ist ein erster Schritt, die richtigen Lösungen für Dich zu finden. Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei!
      Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
      Bräuche und Traditionen können den Menschen an jegliche Abscheulichkeiten gewöhnen (G.B. Shaw)
      Nicht unseren Vorvätern wollen wir trachten uns würdig zu zeigen - nein: unserer Enkelkinder! (Bertha von Suttner)
      tredition.de/autoren/clemens-b…-schnitt-paperback-44889/
    • Hallo Sumpfland,

      es ist schwer, hier eine allgemeine Empfehlung zu geben, da, wie die anderen Mitkommentatoren schon schrieben, das alles sehr individuell ist. Meine Art damit umzugehen, mag für Dich oder andere ganz falsch sein.

      Ich persönlich habe für mich beschlossen, mit meinem Beschnittensein zu leben, da mir zB für Restoring auch die Geduld und auch der unbedingte Wille fehlt. Es mag widersinnig klingen, aber gerade die intensive Beschäftigung mit dem Thema seit meiner Schulzeit hat dazu geführt dass " beschnitten sein" irgendwie auch ein Teil von mir geworden ist. Ein Teil, den ich nicht als Stärke, nicht als positiv oder vorteilhaft empfinde, aber es gehört doch irgendwie zu mir . Ich habe beschlossen, es nicht mehr zu verleugnen. Allein das hat mir schon sehr geholfen. Als Schüler habe ich mich sehr für mein Beschnittensein geschämt und versucht, es zu verbergen, in Gemeinschaftsduschen, Umkleiden usw. Irgendwann wollte ich das einfach nicht mehr, Schritt für Schritt habe ich mich geöffnet. Heute gehe ich regelmäßig in die Sauna. Nicht, um mit meinem beschnittenen Penis zu prahlen. Sondern um einfach normal zu sein, wie jeder andere dort und dabei zu zu meinem " Makel" zu stehen, so wie auch andere dort Narben oder körperliche Makel mit sich tragen. Ich will mich nicht mehr verstecken müssen. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Gesagt hat noch nie jemand was.

      Mit dem Aufflammen der Beschneidungsdebatte ging ich noch einen Schritt weiter:

      Es tat gut , endlich offen damit umzugehen und nicht nur verschämt unter vorgehaltener Hand darüber reden zu können; über meine Empfindungen und die Probleme, die ich damit habe, zu reden ( was mir witzigerweise gegenüber " Fremden" noch immer leichter fällt, als gegenüber sehr nahestehenden Personen ). Weiterhin hat mir auch geholfen, mich politisch und gesellschaftlich dafür einzusetzen, dass anderen Jungen dieses Los erspart bleibt. Und hierbei auch kleine Erfolge zu erzielen. Denn eines habe ich auch gemerkt: Die Leute hören eher zu, wenn man seine persönlichen Erfahrungen mit in die Waagschale wirft. Das ist der "Vorteil" , den wir Betroffenen gegenüber Nichtbetroffenen haben: Wir wissen , wovon wir reden, uns ist man eher bereit anzuhören, als solchen, die nur abstrakt darüber reden können. Das ist das Pfund mit dem wir wuchern können, um gesellschaftlich was zu erreichen.
    • Ach ja, eins würde mich noch sehr interessieren:

      sumpfland wrote:

      Ich habe zum Teil Stofffetzen mit einem Gummiband getragen
      Was meinst Du mit Stofffetzen mit Gummiband? Wie darf ich mir das vorstellen?
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    • Vielen Dank für eure Antworten!

      Weguer wrote:

      Ach ja, eins würde mich noch sehr interessieren:

      Was meinst Du mit Stofffetzen mit Gummiband? Wie darf ich mir das vorstellen?
      Also als kurze Antwort - so in etwa:
      Images
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    • Danke Dir!
      Verstehe ich das richtig, dass das aber nur zum Schutz gedacht war? Um Reibung zu verhindern?
      Oder hatte das auch eine Restoringfunktion?
      Wenn aus Recht Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Bertold Brecht)
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    • picard_72 wrote:

      Sondern um einfach normal zu sein, wie jeder andere dort und dabei zu zu meinem " Makel" zu stehen, so wie auch andere dort Narben oder körperliche Makel mit sich tragen.
      Wie würdest du damit umgehen, wenn andere Personen es abwerten würden oder sich darüber lustig machen, wie bei mir im 2. Schuljahr in der Sammelumkleide?


      picard_72 wrote:

      Das ist der "Vorteil" , den wir Betroffenen gegenüber Nichtbetroffenen haben: Wir wissen , wovon wir reden, uns ist man eher bereit anzuhören, als solchen, die nur abstrakt darüber reden können.
      Aber manchmal werden wir auch einfach nur ignoriert und verleugnet.