Beschneidung - Teil 3

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    • Beschneidung - Teil 3

      Prof. Dr. Dr. Wolfram V. Reimold
      2-6--2013

      Stellungnahmen von Ärzten und Organisationen zur Beschneidung

      In neuerer Zeit wird eine medizinisch nicht indizierte Beschneidung von zahlreichen Ärzteorganisationen in den zivilisierten Ländern abgelehnt: Canadian Pediatric Society (1996), American Pediatric Association (1999), Royal College of Surgeons (England, 2000), British Medical Association (2006), Royal Australian College of Physicians (2010), Royal Dutch Medical Association (2012) (zitiert nach Prof. Dr. med. Jürgen C. Fröhlich, Springe). Schwedische Ärzteorganisationen lehnen heute jede rituelle Beschneidung ab.

      Die Gesellschaft der Deutschen Kinderärzte (Hanau, Oktober 2012) verneint ebenso wie, deutsche Ärzte aller Fachrichtungen, ferner der Deutsche Kinderschutzbund und der Bund Deutscher Kriminalbeamter die Forderung nach einer rituellen Beschneidung Heranwachsender.

      Nach mehreren neuen Umfragen lehnen mindestens 70 % der Bevölkerung in Deutschland eine rituelle Beschneidung wegen der Verletzung der Grundrechte der Kinder ab.

      Ärztliche Befürworter einer Beschneidung, vor allem in den USA, stützten sich auf frühere und heute veraltete Untersuchungen in Afrika zur Häufigkeit von sexuell übertragbaren Krankheiten, auf Grund derer ein scheinbarer Vorteil der Beschneidung vermutet wurde. a sich die dortigen hygienischen Verhältnisse nicht mit denen in Europa vergleichen lassen, ist eine solche Befürwortung in Deutschland wissenschaftlich nicht haltbar.

      Eine fragwürdige Publikation aus den USA (2012) zu scheinbaren Vorteilen einer Beschneidung berücksichtigt in einem Computermodell nur rechnerische Kosten und virtuelle Annahmen für einen imaginären, zukünftigen Nutzen von Beschneidungen, nicht dagegen medizinische Erfahrungen und auch nicht psychologische, ethische oder rechtliche Gesichtspunkte (Arch. Ped. Adolesc. Med. 166, 910-918 + 962-963 2012).

      Die finanziellen Umsätze der rituellen Beschneidungen werden in den USA auf bis zu eine Milliarde Dollar jährlich geschätzt. Die Stellungnahme der American Academy of Pediatrics (AAP, 2012) dient Lobby-Interessen von Gynäkologen, die an der Beschneidung in den USA massiv verdienen (Putzke, 2013). Diese ungeeignete Publikation aus dem Jahre 2012 wurde durch die Bundesjustizministerin den Bundestagsabgeordneten in Berlin als Beratungsgrundlage in vorgegebener, irreführender Absicht und verfälschend als „wissenschaftlicher Beleg“ für angeblich „nützliche Effekte“ einer rituellen Beschneidung untergeschoben (Bundestagsdrucksache 597, 1-24 vom 11. Oktober 2012).

      In der wissenschaftlichen Literatur (2012) wurde diese Publikation der AAP dagegen vehement abgelehnt. Im März 2013 haben Kinder-Fachärzte, Kinder-Chirurgen und Kinder-Urologen aus 19 europäischen Kinderärzteverbänden (Deutschland, England, Irland, Island, Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Dänemark, Niederlande und Canada) die amerikanische Publikation der AAP (2012) zurückgewiesen und die unbegründete und fälschliche Behauptung von „Vorteilen einer Beschneidung für die Knaben“ widerlegt. (Pediatrics 131, 796-800, 2013).


      Häufigkeit der Beschneidung von Kindern im Ausland

      In den USA war früher die Beschneidungsrate von Knaben prozentual sehr hoch. Die Zahl der Beschneidungen geht jedoch in den USA seit 20 Jahren mit fallender Tendenz dramatisch zurück. Während zwischen 1970 und 1980 noch etwa 79% der Knaben beschnitten wurden, sank diese Zahl im Jahre 1999 auf 62% und im Jahre 2010 auf unter 55% (Ped. 2012).

      In Massachusetts liegt ein Gesetzentwurf vor, welcher eine Beschneidung ohne medizinische Indikation verbietet (The Male Genital Mutilation Bill, zit. n. Dr. Fröhlich).

      In 18 amerikanischen Bundesstaten, in Australien und in mehreren Provinzen Kanadas werden keine Beschneidungen von Kindern mehr durchgeführt. In Neufundland liegt die Beschneidungsrate unter 0,4 %.

      In Osteuropa ist nur eine sehr kleine Minderheit unter den jüdischen Männern beschnitten, was auf ein Verbot unter dem kommunistischen Regime vor 1989 zurückzuführen ist. Zum überwiegenden Teil wurden später die Beschneidungen nicht nachgeholt.

      Die Häufigkeit von Beschneidungen beträgt in England höchstens 0,5 % und 1,6 % in Dänemark. In Frankreich ist die Beschneidung gesetzlich verboten, wird aber nicht bestraft. In mehreren Landesteilen Österreichs sind rituelle Beschneidungen nicht erlaubt.In Norwegen sind wegen mehrerer Todesfälle bei rituellen Beschneidungen nur wenige Männer beschnitten.

      In Schweden ist die Beschneidung gesetzlich stark eingeschränkt, wird aber von den schwedischen Ärzten und Ärzteorganisationen wegen mehrerer Todesfälle bei rituellen Beschneidungen völlig abgelehnt, so daß dort nur eine sehr geringe Zahl der Kinder beschnitten wird. In Schweden ist die rituelle Beschneidung gesetzlich verboten bei Säuglingen, die älter als 2 Monate sind.

      Auch Theodor Herzl, der Begründer des modernen politischen Zionismus, hat seinen Sohn Hans, der 1891 geboren wurde, nicht beschneiden lassen. Zu dieser Zeit wurde in Österreich eine Massentaufe der Juden im Stephansdom empfohlen.

      Israelische Gegner der Beschneidung geben an, daß drei Prozent der jüdischen Israelis ihre Söhne nicht beschnitten haben oder nicht beschneiden wollen. Ohne den bestehenden religiösen Zwang würden heute mindestens 30 % der jüdischen Eltern in Israel ihre Söhne nicht mehr beschneiden lassen.

      Andrea Krogmann berichtete weiter am 26.7.2012 in Domradio.de über die: „Brit ohne Schnitt"

      Zitat:
      „Während eine breite Mehrheit der Juden in dem seit Jahrtausenden zelebrierten Ritual der "Brit Mila", also der Beschneidung kleiner Jungen, ein unaufgebbares Merkmal ihrer Religion sieht, wächst auch in Israel die Zahl seiner Gegner.

      Sie heißen "Kahal", "Ben Schalem" oder "Brit bli Mila" (Bund ohne Beschneidung); und auch wenn ihr Spektrum vom Angebot alternativer Initiationsriten bis hin zum Streben nach einem Verbot der Beschneidung reicht, ist den verschiedenen Organisationen eines gemeinsam: In einer jüdisch-israelischen Gesellschaft, in der der beschnittene Mann den Normalfall darstellt, wollen sie Akzeptanz schaffen für die Minderheit derer, die mit einer alten Tradition brechen.“