meine Geschichte: Mit 5 Jahren beschnitten

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    • meine Geschichte: Mit 5 Jahren beschnitten

      Wie viele andere hier, möchte auch ich meine Geschichte teilen. Es ist eine ganz normale Geschichte mit einem fehldiagnostizierenden, beschneidungswütigen Chirurg. Fragen, Tipps, Ratschläge sind erwünscht, sonst würde ich es hier ja nicht teilen.
      Ich wurde im Alter von 5 Jahren beschnitten. Mittlerweile bin ich 18-28, genaueres möchte ich nicht angeben. Ich bin in Deutschland geboren, wie meine Eltern. Eltern sind christlich, ich bin Atheist, aber Religion ist hier egal.

      Über die Beschneidung wurde in den Jahren danach nie mit mir gesprochen. Natürlich habe ich gemerkt, dass das bei mir anders aussieht, als es im Sexualkundeunterricht vorgestellt wurde. Auch sah es bei anderen Jungs in meinem Alter anders aus, oft kam dabei die Frage "Tut das nicht weh, wenn das so ungeschützt in der rauen Unterhose steckt?" Ich hab mir dabei aber immer gedacht, dass meine Eltern damals schon Ahnung gehabt haben werden. Wenn da irgendwas nicht normal sei, hätten sie mich doch sicherlich aufgeklärt.
      Irgendwann kamen mir dann aber doch Zweifel. Nachdem ich also in letzter Zeit etwas nachgeforscht habe, und das Gefühl hatte, dass da etwas nicht stimmt, hab ich doch mal meine Eltern konfrontiert und mir von ihnen alles erklären lassen:

      Im Alter von 4 Jahren ließ sich meine Vorhaut nicht zurückziehen, da sie verklebt war. Außerdem war ich in dem Alter noch Windelpinkler. Irgendwann bekam ich eine Vorhautentzündung (Balanitis) und wurde beim Kinderarzt vorgestellt. Der sagte, dass dies mit gründlicher Hygiene lösbar wäre, aber bei einer wiederholten Vorhautentzündung (rezidive Balanitis) eine Beschneidung angebracht wäre. Ca 1 Jahr später kam aber eine erneute Vorhautentzündung.
      (Mittlerweile weiß ich: Eine Phimose und Verklebung in dem Alter ist normal, beide lösen sich normalerweise in der Pubertät. Nur wenn sich die Vorhaut nach der Pubertät immer noch nicht zurückziehen lässt und dabei noch Probleme auftreten, ist eine Vorhautamputation (Zirkumzision) angebracht. Windelpinkeln kann auch eine Ursache für die Entzündung sein, aber auch das hört natürlich auch mit der Zeit von selber auf. Übermäßige Reinigungen hingegen erhöhen das Risiko für Infektionen, dies wird "Reinlichkeitsbalanitis" genannt. Der Kinderarzt hat durch seinen Rat zur gründlicher Hygiene die erneute Entzündung also provoziert, und hat nicht erkannt, dass die Ursachen (Verklebung, Phimose, Windelpinkeln) sich von selber lösen, obwohl er es besser hätte wissen müssen.)

      Bei der zweiten Vorhautentzündung gingen meine Eltern zu einem Chirurg welcher Beschneidungen vornimmt. Dieser erklärte dass eine Beschneidung die einzige Möglichkeit sei um die Infektion zu lösen.
      (Mittlerweile weiß ich: Es gibt Salbentherapie, diese hatte er aber nicht erwähnt. Auch hatte der Chirurg den Kinderarzt nicht korrigiert, ein einfaches "den Penis einfach in Ruhe lassen" erwähnte er nicht als Lösung.)

      Als Beschneidungsmöglichkeiten stellte er 2 Formen vor: Die Teilbeschneidung und die radikale Totalbeschneidung (low-and-tight)
      (Mittlerweile weiß ich: Es gibt ebenfalls die "Triple Incision"-Beschneidung, bei der kein Gewebe verloren geht. Außerdem gibt es bei der Totalbeschneidung die high-Varianten, bei denen die empfindliche innere Vorhaut erhalten bleibt, sowie die -loose-Varianten, bei denen mehr bewegliche Schafthaut erhalten bleibt)

      Was die Teilbeschneidung angeht, sagte er allerdings dass diese sowieso nur zu Komplikationen führt
      (Mittlerweile weiß ich: Komplikationen treten durchschnittlich in ca. 20% der Fälle auf. Das ist allerdings der Durchschnitt aller Patienten. Bei jungen Patienten ohne Probleme mit Wundheilung treten Komplikationen deutlich seltener auf. Ich war damals jung und hatte keine Wundheilungsprobleme, die Chancen auf Erfolg wären also groß gewesen.)

      Darüber hinaus durchtrennte der Chirurg ebenfalls das Frenulum, dies hatte er vorher nicht abgesprochen.
      (Mittlerweile weiß ich: Selbst wenn eine Vorhautamputation angebracht wesen wäre (was sie mMn nicht war), hätte das Frenulum trotzdem da bleiben können, eine Frenulumeinkerbung ist unnötig.)


      Nachdem ich meinen Eltern dies alles erklärt hatte, hatten sie sich für ihr Verhalten damals entschuldigt. Sie gaben an, von den Ärzten nicht korrekt informiert zu sein, und wollen mich unterstützen. Aber natürlich bringt mir trotzdem all das nicht einen intakten Penis zurück. Ich werde für immer die Konsequenzen dieser Vergewaltigung spüren. (Ja, es war eine Vergewaltigung, weil an meinem Geschlechtsteil ohne mein Einverständnis rumgemacht wurde, wodurch ich permanente körperliche Schäden davongetragen habe, welche mir normalen Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung unmöglich machen. In gewisser Weise ist es sogar schlimmer als eine normale Vergewaltigung, weil bei vielen Vergewaltigungen nur psychische Schäden entstehen, welche durch Psychotherapie geheilt werden können, wohingegen meine körperlichen Schäden nie geheilt werden können.)
      Mittlerweile sind mir durch Nachforschungen (u.a. hier im Forum, im Zirkumpendium, im Intaktiwiki, und auf beschneidung-von-jungen.de) folgende Nachteile meiner Beschneidung bekannt geworden:
      1. Die Sensitivität meines Penises ist dauerhaft verringert, laut Studien haben verstümmelte Männer wie ich, ~80% der Nervenenden die für Erregung verantwortlich sind, verloren. Für einen intakten Mann ist es z. B. schmerzhaft, die Eichel mit einer Zahnbürste zu bürsten, meine Eichel ist aber so abgestumpft, dass ich dies nicht als schmerzhaft empfinde (Selbstexperiment). Darüber hinaus sind die empfindlichsten Teile des Penises (gefurchtes Band, Frenulum, innere Vorhaut) für immer verloren.
      2. Am Penis verstümmelte Männer benutzen häufiger den After für Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung als Männer mit einem intakten Penis. Auch selber kann ich nur bestätigen, dass meine Sensitivität wortwörtlich "im Arsch" ist. Dadurch bin ich einem höheren Risiko für Analkrebs und analer Inkontinenz ausgesetzt, die einzige Möglichkeit dies zu vermeiden wäre sexuelle Bedürfnisse (welche allerdings zu einem normalen Leben dazugehören) zu ignorieren.
      3. Da die Eichel ausgetrocknet ist, sollte ich für Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung immer Gleitgel benutzen, was natürlich dauerhafte Kosten bedeuten würde und außerdem spontane Aktionen unmöglich macht. Persönlich habe ich bisher meistens trockene SB gemacht, dadurch bin ich allerdings einem höheren Risiko für sexuelle Dysfunktion und Verletzungen ausgesetzt. Ich habe also eine Behinderung und werde für ein normales Leben ständig Hilfsmittel benötigen.
      4. Die Vorhaut beugt auch Krankheiten vor. So bin ich durch die Vorhautamputation einem höheren Risiko für Harnwegsverengungen ausgesetzt. Angebliche Vorteile, wie z. B. ein oft behauptetes verringertes Risiko für Peniskrebs oder HIV existieren nur in Entwicklungsländern (und da auch nur minimal), für Industrieländer wurden diese angeblichen Vorteile durch Studien widerlegt.
      5. Vermutlich dürfte es mir auch schwieriger fallen, Kondome zu benutzen. Bei einem intakten Mann kommt die Erregung nämlich hauptsächlich durch die Reibung von innerer Vorhaut und Eichel gegeneinander. Dies funktioniert auch bei Benutzung eines Kondoms. Ohne Vorhaut findet diese Reibung nicht mehr statt. Ich vermute deshalb stark, dass die Benutzung von Kondomen meine Empfindsamkeit stärker verringern würde, als bei einem intakten Mann. Versuche dazu habe ich noch nicht gemacht.
      Wie ich mir all diesen Nachteilen umgehen soll, wie ich damit noch ein vernünftiges Leben führen kann, ist mir nicht klar. Ich hatte noch nie eine romantische oder sexuelle Beziehung und habe aktuell sowieso ein viel zu geringes Selbstwertgefühl, um mir vorstellen zu können, dass irgendjemand an mir interessiert sein könnte. In der Schule wurde ich u.a. wegen meines Penises gemobbt, und ich habe mich noch nie getraut, in einer öffentlichen Männerdusche (z. B. im Schwimmbad) mich komplett auszuziehen. Wenn ich mit Gleichaltrigen über sexuelle Themen diskutiere, erzählen die mir Dinge, z. B. dass sie innerhalb von 2 Minuten zum Orgasmus kommen können, oder mehr als 4 mal an einem Tag masturbieren können. Von sowas kann ich nur träumen. Ich darf froh sein, wenn ich in weniger als 15 Min einen Orgasmus schaffe (geschätzter Durchschnitt: 30 Minuten), und hab noch nie mehr als 2 mal an einem Tag SB gekonnt (geschätzter Durchschnitt: 0,6 bis 1 mal pro Tag). Auch tut's bei mir manchmal hinterher weh, weil die Eichel wund gescheuert ist, was ich so noch nie von einem intakten Mann gehört habe.

      Ich kann einfach nicht akzeptieren, dass ich bis zur Behinderung vergewaltigt wurde und keinerlei Entschuldigung oder Entschädigung von den Verantwortlichen bekommen habe. Es macht mich wütend, dass die Täter immer noch frei rum laufen, und dass das was mir angetan wurde, immer noch unschuldigen Männern angetan wird.

      Ich habe von den beteiligten Ärzten schon meine Unterlagen (Krankenakte) angefordert. Manche Unterlagen sind schon angekommen, auf andere warte ich noch. Eventuell wurden manche Unterlagen auch schon gelöscht. Sobald ich alle verfügbaren Unterlagen habe, werde ich mal mit einem Urologen sprechen, um mir meine Gedanken soweit nochmal von einem Experten überprüfen zu lassen (Ich werde natürlich den Urologen immer nach Studien fragen, die seine Behauptungen unterstützen. Auf Aussagen, wie z. B. "vertrau mir mal" vertraue ich nämlich garantiert nicht).
      Danach würde ich mir dann einen Anwalt holen um zu besprechen, was die Erfolgschancen auf ein Verfahren sind, was für ein Verfahren überhaupt geführt werden soll (medizinischer Fehler, Vergewaltigung, Körperverletzung?), und ob es ratsam ist zuerst an Therapien wie z. B. Restoring oder Psychotherapie teilzunehmen (damit die Kosten dafür im Verfahren eingeklagt werden können) oder mit Therapien bis nach dem Verfahren zu warten (damit keine Beweise verloren gehen).
      deutsch, männlich, verstümmelt
      ➔ zu meiner Geschichte
      *Kotz*

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