Urologische Praxen erwirtschaften den vierthöchsten Gewinn

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    • Urologische Praxen erwirtschaften den vierthöchsten Gewinn

      Kürzlich erklärte hier im Forum ein Nutzer, "mit Beschneidungen verdienen weder Urologen noch Kliniken, im Gegenteil, es ist sogar eher ein Verlustgeschäft da viel Aufwand für wenig Arbeit und dementsprechend weniger Bezahlung von den KK. Warum wird dies dann dennoch so weitreichend durchgeführt?"

      Diese Aussage rief deutlichen Widerspruch hervor.

      Tatsächlich ist die Frage, ob und, wenn ja, in welchem Ausmaß wirtschaftliche Interessen für die hohe Zahl an Beschneidungen in Deutschland verantwortlich sind, immer wieder Diskussionsgegenstand im Forum.


      Vor Kurzem wurde auf "dockcheck.com" ein Artikel veröffentlicht, der uns verrät, wie viel Geld Ärzte in niedergelassener Praxis je nach Facharztgruppen verdienen:

      Niedergelassene Urologen verdienen gemessen am Reinertrag (= Summe der Einnahmen abzüglich der Ausgaben der Praxis) am viert-meisten Geld unter den gelisteten Ärztegruppen. Mit einem Reinertrag von 302 000 Euro liegen die Urologen rund 40 000 Euro über dem durchschnittlichen Ertrag für Arztpraxen von 258 000, und fast 80 000 Euro über dem Gewinn, den kinderärztliche Praxen erwirtschaften.

      dockcheck schrieb:

      Ein wichtiger Entscheidungsgrund für ein bestimmtes Fach sind auch die Verdienstmöglichkeiten. Diese sind bei niedergelassenen Ärzten je nach Fachartzrichtung sehr unterschiedlich, wie eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 zeigt. Dabei liegt der Fokus auf dem Reinertrag. Als Reinertrag wird die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben der Praxis bezeichnet. Aufwendungen für eine Praxisübernahme und die Sozialabgaben, etwa Beiträge für die Altersvorsorge oder die Krankenversicherung, sind dabei aber noch nicht berücksichtigt. Am höchsten war der Reinertrag der Praxis dabei in der Radiologie, gefolgt von Augenheilkunde, Orthopädie und Urologie. Deutlich geringer war er in den Fachgebieten Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde und Allgemeinmedizin.


      Einkommen nach Fachrichtungen, 2015

      FachrichtungReinertrag
      Radiologie850.000
      Augenheilkunde370.000
      Orthopädie311.000
      Urologie302.000
      Haut- und Geschlechtskrankheiten284.000
      Innere Medizin282.000
      Chirurgie281.000
      Kinder- und Jugendmedizin228.000
      Arztpraxen gesamt258.000
      Allgemeinmedizin227.000
      Hals-Nasen-Ohren223.000
      Frauenheilkunde und Geburtshilfe217.000
      Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie180.000
      sonstige Fachgebiete293.000
      Quelle: Statistisches Bundesamt




      Ob dieser überdurschnittliche Gewinn mit den Verdienstmöglichkeiten durch Beschneidungen zusammenhängt, kann ich natürlich nicht sagen.


      In seiner Einladung zum 67. DGU-Kongress 2015 beklagte der damalige DGU-Präsident, dass ihnen die Kiderchirurgie die "Beschneidungen" einfach wegnehmen würde: (Dieses Forum berichte damals darüber.)
      Stillschweigend zu akzeptieren, dass häufige kinderurologische Eingriffe wie die Orchidopexie und die Zirkumzision fachfremd erfolgen, kommt einer freiwilli- gen Amputation unseres Faches gleich. Bestehende kinderchirurgische Abteilungen werden derzeit mit einem urologischem Spektrum ausgestaltet, da sie andernfalls kaum existenzfähig wären. Unser Ziel muss es sein, kinderurologische Schwerpunkt- kliniken und -praxen zu etablieren, die das gesamte Spektrum der Versorgung anbieten und damit dieses Teilgebiet der Urologie so-wohl in der Aus- und Weiterbildung als auch der wissenschaftlichen Expertise verankern und weiterentwickeln können

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Sokrates ()

    • brokendream schrieb:

      (1) Ich glaube je mehr spezialisierte Geräte ein Arzt in seiner Praxis hat um so höher ist sein Verdienst.

      (2) Urologen bieten auch diverse Zusatzleistungen an. Eine Vasektomie wird z.B. Komplett Privat abgerechnet. Da ist man mit 400 Euro bei meinem Urologen dabei.
      Nicht jeder Urologe operiert aber auch.

      (3) Einmal im Jahr den PSA wert bestimmen zu lassen kostet 25 Euro.

      Zu (1) Die Relation zwischen Gewinn und Investitionskosten in Praxisausstattung, drängt sich vielleicht bei Radiologen oder Zahnärzten mit Cerec und digitalem Röntgen besonders auf. Beim Urologen dürfte das Ultraschallgerät bereits das teuerste Praxisinstrument sein. Ich würde hier aber auch nach Henne und Ei bzw. Ursache und Wirkung fragen. Wie muss ein Arzt gestrickt sein, wenn er bereit ist sechs oder gar siebenstellige Beträge alleine für die Praxisausstattung (ohne Patientenstamm) zu investieren. Und umgekehrt stellt sich dann die Frage, ob ein Arzt, der "nur" den Menschen helfen und damit sein Einkommen verdienen will, mit solchen Investitionen kaufmännisch überfordert wäre.

      Zu (2) Ich weiß nicht, wie viele Urologen selbst eine Vasektomie noch selbst durchführen bzw. hier nicht eher eine Überweisung ausstellen oder an größere Gemeinschaftspraxen oder Kliniken verweisen. Anders wird es wohl aber bei Beschneidungen aussehen, die wohl tendenziell von einer größeren Gruppe der Urologen zum "allgemeinen Repertoire" gehören dürfte.

      Zu (3) Wenn man nur den PSA-Wert für 25 EUR bestimmen lässt, stellt sich eh die Frage, ob man dafür überhaupt einen Facharzt konsultieren sollte. Der PSA-Wert ist ja irgendwo der 50:50 Joker in Sachen Prostatakrebserkennung. Ist er zu hoch, kann er falsch positiv sein oder umgekehrt kann er im Anfangsstadium auch falsch negativ sein. Das "komplette" Programm wird daher tendenziell eher für 100 EUR als iGeL angeboten. Ob das Sinn macht, muss jeder für sich entscheiden. Die einen investieren vielleicht lieber 1000 EUR in Fenster-Airbags im Auto (und rasen dann wie Irre über die Autobahn) und die anderen gehen lieber einmal zu oft als zu wenig zur Vorsorge.

      Insgesamt scheint mir aber die Schlussfolgerung, dass das Einkommen von Urologen von Beschneidungen abhängig wäre, nicht wirklich schlüssig. Frauen und Männer gehen zum Urlogen, wenn sie Probleme mit der Harnblase oder den Nieren haben.

      Dann sind Urologen natürlich auch die Anlaufstelle, bei Inkontinenz. Sowohl Diabetes wie auch das zunehmende Alter der Patienten, kann hier den Besuch beim Urologen notwendig machen.

      Bei Männern kommt dann noch das Thema Prostatakrebs hinzu, welcher nicht immer operiert und daher oft auch engmaschig überwacht werden muss. Um hier aber eine möglichst gute Entscheidung treffen zu können, sind auch regelmäßig umfangreichere Untersuchungen als nur der PSA-Wert notwendig.

      Und zu guter letzt kommt natürlich das auch sehr prägnante Thema Potenz und Kinderwunsch hinzu. Das Thema Potenz dürfte wohl seit der Erfindung von Sildenafil viel mehr Männer in die Arztpraxen treiben, weil Probleme hier endlich behandelbar sind bzw. sich keiner mehr damit abfinden muss, wenn er zur Gruppe derer gehört, die hier ab ca. 40 Jahren mit den ersten Alterserscheinungen konfrontiert werden. Davon abgesehen kann hier ein gewissenhafter Urologe sogar dafür sorgen, dass schleichende körperliche Veränderungen abgeklärt werden, bevor diese nur noch schlecht behandelbar sind (z.B. Probleme mit dem Herzen).

      Fazit:
      Vielleicht gibt es wirklich den stupiden und stumpfsinnigen Urologen an der Ecke, der sich mit Kinderbeschneidungen über Wasser hält, weil seine Kompetenz für mehr nicht reicht. Ein Urologe, der jedoch in den aufgezeigten Behandlungsfelder auch durch seine Persönlichkeit und sein Einfühlungsvermögen erfolgreich ist, wird es weder nötig haben, unnötig (ohne medizinische Indikation) zu beschneiden oder gar damit sein Einkommen aufzubessern.

      Hinweis:
      Wenn ein Urologe dafür bekannt ist, dass er viele Beschneidungen durchführt oder gar massiv damit auf seiner Webseite wirbt, würde ich dort niemals einen Termin vereinbaren.
      Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)
    • brokendream schrieb:

      Dazu kommt aber noch das Equipment für Blasenspiegelungen, eigenes Labor, Harnstrahlmessung usw.

      Sicherlich hat ein Urologe nicht nur das Ultraschallgerät. Dennoch denke ich, dass ein gutes Ultraschallgerät wesentlich teurer ist als beispielsweise ein Zystoskop oder ein Uroflowmeter. Und natürlich kosten auch die Geräte im Labor "etwas" Geld, aber aufwendige Laboruntersuchungen werden meist eher extern durchgeführt.

      Ich würde jedenfalls darauf spekulieren, dass ein Urologe eher im Bereich Onkologie (incl. Vorsorgeuntersuchungen) , Inkontinenz oder im Bereich Potenz seinen Aufgabenschwerpunkt haben dürfte. Vielleicht gibt es aber auch einige Praxen, welche ambulant Nierensteine behandeln und mit diesen Investitionen die Durchschnittsgewinne deutlich nach oben treiben.

      Davon abgesehen darf man gerade bei Phimose bzw. Beschneidungen nicht vergessen, dass dies je Patient i.d.R. ein einmaliger Eingriff ist bzw. die Patienten hier ja nicht jedes Jahr erneut vor der Tür stehen können ;)
      Der Unterschied zwischen Dogmatikern und Aufklärern besteht bei der Beschneidungsdebatte darin, dass die einen kindliche Vorhäute und die anderen alte Zöpfe abschneiden wollen. (Quelle: NoCut)
    • NoCut schrieb:

      Ich würde jedenfalls darauf spekulieren, dass ein Urologe eher im Bereich Onkologie (incl. Vorsorgeuntersuchungen) , Inkontinenz oder im Bereich Potenz seinen Aufgabenschwerpunkt haben dürfte. Vielleicht gibt es aber auch einige Praxen, welche ambulant Nierensteine behandeln und mit diesen Investitionen die Durchschnittsgewinne deutlich nach oben treiben.
      Genau, so ist es. Was insbesondere richtig Geld einbringt ist der Bereich der Onkologie also die Behandlung von Krebserkrankungen. Die Beschneidungen sind und waren für die Urologen schon immer nur ein Zubrot.
      Die Urologen waren auch schon immer beim Verdienst im vorderen Bereich, auch das ist nichts neues. Selbst vor den ersten richtigen Reformen der Kostenreduzierung im Gesundheitswesen in den 70er Jahren war das schon so gewesen.