Ich war mit meiner Frau bei Schnee und Eis nach Marburg gefahren, um diese Podiumsdiskussion mitzuerleben. Ihr habt es schon anhand des Videos entdeckt: es war grauenhaft und eigentlich nicht zumutbar, was da für ein Unsinn verzapft wurde.
Hier ein paar Tiefpunkte im Wortlaut:
1. Herr Dr. med Bilal-Farouk El-Zayat, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Marburg, Oberarzt für Orthopädie, Unfallchirurgie, Sport- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, sagte:
"In der Regel blutet es beim Kind überhaupt nicht. Bei Neugeborenen müssen Sie sogar, wie die Juden es machen, daran saugen, damit überhaupt Blut herauskommt, weil es ein halb abgestorbenes oder wenig durchblutetes Gewebe ist." (1:09 des Videos) - Ich habe bei mir extra noch einmal nachgeschaut. Also, meine Vorhaut ist gut durchblutet. Auch sehe ich da eine ganze Menge feiner und dickerer Äderchen und habe nun wirklich nicht das Gefühl, dass sie halb abgestorben ist. Auch frage ich mich, warum sich jüdische Ärzte im 19. Jahrhundert so viele Gedanken über die mögliche Verblutung des Neugeborenen gemacht haben. Leider sind solche Verblutungen immer wieder vorgekommen. - Angesichts der erschreckend falschen Anatomiekenntnisse dieses Arztes kann ich nur beten: Gott behüte mich davor, Herrn Dr. Bilal El-Zayat in einem Notfall jemals unters Messer zu geraten!
"müssen Sie sich an die WHO wenden, die eine weltweite Empfehlung der Beschneidung gibt" (1:10)- Er hat die WHO-Empfehlung offenbar nie gelesen!
"Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie, die diese Eingriffe ausführen, gibt eine deutliche Empfehlung dazu." (1:10) - Das haargenaue Gegenteil ist der Fall. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie hat das Beschneidungsgesetz rundum abgelehnt!
Pressemitteilung Juli 2012
Pressemitteilung Oktober 2012
2. Herr Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Marburg, sagte:
"Gott hat gesucht oder studiert jeden Teil des Körpers. Wo kann dieser Stempel (des Bundesvertrags) gestempelt werden? Und am Ende hat er entschieden, dass es die Vorhaut ist. Die Vorhaut hat keine Funktion in dem Körper überhaupt, und es führt zu keinem Schaden überhaupt." (
"Wir brauchen nicht diesen Schutz (der Vorhaut über der Eichel). Weil wir klettern nicht mehr auf Bäume. Der Penis reibt nicht auf, was weiß ich. Und deshalb brauchen wir es überhaupt nicht. ... Es ist kein Schaden, weil wir brauchen es sowieso nicht. Wir klettern nicht mehr auf Bäume heute." (1:06)
"Es soll ordentlich betäubt werden, sei es mit einer Spritze, sei es mit Gel (!). Die ordentliche Betäubung ist extrem wichtig, mehr wichtig für die Eltern als für diesen Jungen. (Dann erzählt er von der Beschneidung seines eigenen Sohnes vor 50 Jahren.) Ich konnte es nicht aushalten. Ich habe gezittert. Ich nehme meinen acht Tage alten Neugeborenen in die Hand und trage ihn zur Beschneidung. Es tut ihm vielleicht weh. Es tut mir mehr weh als ihm (sic!)" (33:00)
Für mich der Gipfel an mangelnder Empathie. Diese Passagen sprechen für sich selbst. Wie sollen Herr El-Zayat und Herr Orbach es aber auch besser wissen? Sie haben ja selber keine Vorhaut und können nicht wissen, von was sie reden. Insofern empfand ich Mitleid. (Über dieses vielleicht unangemessene Gefühl habe ich nach diesem Diskussionserlebnis lange nachgedacht. Aber schlimmer erscheinen mir Menschen, die wissen sollten, von was sie reden und die Beschneidung kleiner Kinder trotzdem bagatellisieren. Dazu gehört in meinen Augen z.B. Stephan J. Kramer, der als erwachsener Mann zum Judentum konvertiert ist.)
3. Herr Burkhard zur Nieden, Dekan des Evangelischen Kirchenkreises Marburg und Moderator des Gesprächs:
"Es wird sich weisen, wer wofür eine Mehrheit im Bundestag findet." (54:30) - Die Diskussion war am 22.1.2013, der Beschluss des Bundestages am 12.12.2012!
4. Der Humanist und Religionskritiker Dr. theol. Dr. phil. Joachim Kahl verglich die Beschneidung immer wieder mit der Kindertaufe und forderte auch deren Verbot durch den Gesetzgeber. Dabei verkennt er meines Erachtens, dass es sich bei der Beschneidung nicht eigentlich um einen Initationsritus handelt. Von Konvertiten abgesehen, wird kein Mensch durch die Beschneidung zum Juden oder zum Moslem. Nach jüdischer Lehre ist jedes Kind einer jüdischen Mutter qua Geburt Jude. Nach islamischer Lehre ist jedes Kind eines muslimischen Vaters qua Zeugung Moslem. Die Beschneidung stellt eben nicht den Eintritt in diese Religionen dar und kann daher innerhalb dieser Religionen von Einzelnen durchaus als überflüssig angesehen werden. Es stimmt zwar, dass ein Mensch durch seine Taufe Christ wird. Er wird jedoch im Falle der Kindertaufe später bei seiner Konfirmation im Alter von 14 Jahren gefragt, ob er das auch selber will. Taufe und Beschneidung sind m. E. nicht vergleichbar, zumal die Taufe den Körper des Kindes nicht verändert. Nach der Diskussion wies ich Herrn Kahl auf die einschlägigen Aufsätze des beschneidungskritischen Strafrechtlers Prof. Dr. Rolf Herzberg hin. Auch Herzberg liegt ein Verbot der Taufe völlig fern, und er legt die staatskirchenrechtlichen Bestimmungen des Art. 140 GG als Jurist anders aus als der Philosoph Kahl.
Durch die engen zeitlichen Vorgaben des Moderators Burkhard zur Nieden blieben für die Diskussion des Publikums leider nur noch 15 Minuten Zeit. Herr zur Nieden beendete die Diskussion Punkt 21.00 Uhr. Es waren etwa 60-70 Menschen gekommen, die alle sehr interessiert waren. Ich hatte das große Glück, als zweiter von etwa sieben Rednern aus dem Publikum etwas sagen zu dürfen (nur ca. 2 Minuten). Hier mein Votum:
Ich stellte mich als evangelischer Pfarrer vor, der in Marburg Theologie und in Jerusalem Judaistik studiert hat und Mitglied dieses Beschneidungsforums ist. Ich wies auf die weltweite Bewegung von Zehntausenden hin, die den Mut haben, sich öffentlich über die ihnen als Kind zugefügte Beschneidung zu beklagen. Die Vorhaut habe nämlich mit ihren rund 20.000 Nervenenden (und nicht nur 1.000, wie vom hpd falsch wiedergegeben) und ihren rund 70 Meter Nervenfasern sehr wohl eine körperliche Funktion, die gerade für die sexuelle Lust des Mannes wichtig sei. Gut informieren könne man sich z.B. auf https://www.beschneidungsforum.de und http://www.beschneidung-von-jungen.de. Vielen Beschneidungsopfern tue es sehr weh, wenn ihr persönliches Leid in Diskussionen wie an diesem Abend entweder überhaupt nicht wahrgenommen oder bagatellisiert werde bzw. ihr Einsatz für eine bessere Welt belächelt werde. Meines Erachtens ging der Runde Tisch an diesem Abend am eigentlichen Thema vorbei, nämlich dem Recht jedes Menschen an seinem eigenen Körper. Im Beschneidungsforum wie auch in der weltweiten Bewegung seien Religiöse genauso wie Nicht-Religiöse engagiert und betroffen: Gläubige und Säkulare, Muslime, Christen und Juden genauso wie Atheisten. Bei dem Runden Tisch seien falsche Gegensätze zwischen Religion und Atheismus aufgebaut worden. Darum gehe es den meisten Opfern aber gar nicht. Seitdem ich als Nicht-Beschnittener viele Beschneidungsopfer kennenlernen durfte, habe ich den Wert meiner Vorhaut neu schätzen gelernt. Ich bin meinem Schöpfer und der Natur unendlich dankbar für das große Glück, das ich mit meiner Vorhaut genießen und erleben darf.