Beiträge von Benni

    Für mich sind das völlig falsche Gegensätze, die hier aufgebaut werden. Es gibt seit langem einen "Atheismus im Christentum" (so ein schon älteres Buch des Philospohen Ernst Bloch). Viele Menschen können heutzutage sehr wohl "Atheistisch an Gott glauben" (so ein schon älterer Buchtitel der Theologin Dorothee Sölle). Viele Menschen, zu denen ich mich auch zähle, können Gott-sei-Dank unterscheiden zwischen Obskurantismus/Aberglaube und einem Glauben, bei dem sie ihre Vernunft nicht abschalten, sondern vielmehr zur Ehre ihres Schöpfers gebrauchen.
    Alles entwickelt sich: Naturwissenschaften, Weltbilder, die Menschheitsgeschichte, auch Glaube und Religiosität. Es ist nicht anders wie bei der Individualgeschichte des Menschen vom Kind zum Erwachsenen (was manchmal ja auch schmerzvoll ist). Es gibt Reifungsprozesse.
    Die Theologin Marion Küstenmacher schrieb 2010 das Buch "Gott 9.0 - Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird".
    Der strafende, eifersüchtige Gott, der von den Menschen das Opfer von Vorhäuten oder von Tieren verlangt, gehört geschichtlich einer Menschheitsstufe an, die Marion Küstenmacher den Versionen 3.0 und 4.0 zuordnet. Seitdem gibt es aber Gott-sei-Dank weitere Updates.
    Sehr tragisch ist es, dass die meisten Kirchen in Deutschland (entgegen ihrer eigenen theologischen Forschung) immer noch so tun, als ob Gott bei 4.0 stehen geblieben wäre, während die meisten Menschen, auch die meisten der Kirchenmitglieder, sich moralisch-ethisch, lebenspraktisch und spirituell bereits gut mit den Updates 6.0 oder höher auskennen.
    Als ein evangelischer Christ, der an die Humanität Gottes glaubt und sich (darum) vor rund 40 Jahren für den Pfarrberuf entschieden hat, leide ich an dieser Situation.
    Ich kann nicht verstehen, warum sich die beiden Großkirchen in Deutschland momentan für dieses Beschneidungsgesetz der Bundesregierung so stark machen. Ich selbst halte diesen Gesetzentwurf für skandalös verkehrt, er ignoriert die Würde des Menschen, die jedem Kind von Geburt an gegeben ist.
    Es gibt eine Bewegung im Judentum, um die Beschneidung zu überwinden: Brit Schalom. Ich wünsche dieser Bewegung viel Erfolg. Die Brit-Schalom-Gemeinden werden eines Tages ganz selbstverständlich sein und jedermann wird sich fragen, warum man im Jahr 2012 darüber überhaupt so heftig diskutieren konnte, wo doch der große Rabbiner Abraham Geiger bereits 1843 die Beschneidung einen "barbarisch-blutigen Akt" nannte.
    Es gibt eine Bewegung unter Muslimen, die ebenfalls die Beschneidung unmündiger Jungen überwinden will, zumal die Beschneidung überhaupt nicht im Koran verlangt wurde. Kein Zwang in der Religion lautet dort vielmehr einer der Grundsätze Allahs. Und wer einen Menschen schädigt, der schädigt die ganze Welt.
    Ich wünsche mir eine neue Reformation auch im Christentum, damit wir statt Gott 4.0 endlich Gott 8.0 bekennen und Gott 9.0 erwarten können.

    Stephan J. Kramer postete vor zwei Stunden das Ergebnis der Anhörung auf seiner Facebook Seite.
    https://www.facebook.com/stjkramer?ref=ts&fref=ts
    Die Mitteilung schließt mit dem Hinweis auf die Rechte der Katholischen Nachrichten Agentur GmbH, die hier selbstverständlich zu achten sind:

    Zitat

    (C) 2012 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
    Jegliche mediale Nutzung und Weiterleitung nur im Rahmen schriftlicher Vereinbarungen mit KNA erlaubt.

    Die Ärzte des Jüdischen Krankenhauses Berlin schreiben:

    Zitat

    Problematisch ist sicherlich, dass die Schmerzerfassung bei Neugeborenen mit wirklich sicheren Methoden nicht möglich ist. Es gibt aufgrund der langjährigen Erfahrung in unserem Hause weiche Parameter bei Operationen, die als Indikatoren für ein Wohlbefinden beobachtet werden. Dies beinhaltet eine sofortige Einstellung des Schreiens bei Rückkehr in die Arme der Mutter.

    Diese Auskunft bedeutet also, dass im Jüdischen Krankenhaus in Berlin in den letzten zehn Jahren mindestens 385 Operationen an schreienden Neugeborenen vorgenommen worden sind ??! Immer mehr kann ich den großen jüdischen Reformrabbiner Abraham Geiger verstehen. Schon 1845 nannte der die Beschneidung einen "barbarisch blutigen Akt, der den Vater mit Angst erfüllt". (Abraham Geigers Nachgelassene Schriften, 5. Band, S. 181)

    Ich habe mir Dr. med. Antje Yael Deusels Buch "Mein Bund, den ihr bewahren sollt" gekauft. Es ist im April 2012 erschienen und trägt immerhin den Untertitel "Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung". Da erwartet man doch eigentlich eine fundierte wissenschaftliche Arbeit ... Auf den Seiten 155-164 präsentiert sie denn auch ihr Literaturverzeichnis. Das habe ich mir zuerst angeschaut. Und nun haltet euch fest:

    Von den Arbeiten des amerikanischen Medizinhistorikers David G. Gollaher erscheint in Deusels Literaturverzeichnis nur ein kleiner Aufsatz von 1994, nicht aber sein Standardwerk zu dem Thema schlechthin "Das verletzte Geschlecht. Die Geschichte der Beschneidung", das 2002 sogar auf deutsch erschienen ist!

    Auch die Arbeiten des amerikanisch-jüdischen Pschotherapeuten Ronald Goldman "Circumcision: The Hidden Trauma" (Vanguard 1997) und "Questioning Circumcision" (1997) konnte ich bei Deusel nicht finden. Genauso suchte ich vergeblich nach den Veröffentlichungen von George Denniston, Pia Gallo, Frederick Hodges, Marilyn Milos und Franco Viviani. Auch die Arbeiten der britisch-jüdischen Ärztin Jenny Goodman konnte ich nicht finden.

    Maximilian Stehr, Holm Putzke und Hans-Georg Dietz hat Deusel immerhin (!) zur Kenntnis genommen, allerdings nur einen ganz kleinen Aufsatz von 2008 und nicht die umfangreicheren Arbeiten dieser Fachleute. Das gleiche gilt für Rolf Dietrich Herzberg und Günter Jerouschek. Auch von denen kennt sie nur jeweils einen kleinen Aufsatz, nicht aber deren Veröffentlichungen insgesamt.

    Nach meiner ersten Durchsicht von Deusels Literaturverzeichnis scheinen auch sehr wesentliche Arbeiten zum Schmerz und zur Schmerztherapie bei Säuglingen zu fehlen. Viele Studien seit 1987, auf die die Deutsche Schmerzgesellschaft in einer Stellungnahme von 2012 Bezug nimmt, konnte ich bei Deusel nicht finden.

    Man sollte Deusels Arbeiten nach der großen Aufmerksamkeit, die ihr der Deutsche Bundestag schenken will, also unbedingt weiter auf ihren wissenschaftlichen Anspruch untersuchen!

    Guy und andere:
    Ich hatte um 10.00 Uhr ein Gespräch mit dem Chefredakteur von Zeitzeichen, Herrn Helmut Kremers, der mich dann mit dem zuständigen Redakteur, Herrn Stephan Kosch, verbunden hat. Das lange Telefonat dauerte bis etwa 10.40 Uhr.
    Was meinen eigenen Kommentar vom 13.11.2012 anging, so wurde von Herrn Kosch zunächst behauptet, dass dieser Kommentar bei ihm nicht eingegangen sei, genauso wenig wie die anderen drei Kommentare, die oben in Euren Forumbeiträgen veröffentlicht worden sind.
    Dann fand Herr Kosch aber doch irgendwie ganz schnell meinen Kommentar vom 13.11.2012. Man habe mich übersehen, weil mein Kommentar "keinen Betreff hatte". Mein Eindruck in dem Gespräch war, dass alles auf die gute Sekretärin geschoben werden sollte. Diese sagt übrigens, dass sie alle Kommentare weitergeleitet hat.
    Natürlich gebe es bei Zeitzeichen keine Zensur ... Natürlich gebe ein Gastartikel nicht die Meinung der Redaktion wieder ... Für Dezember (!) sei sogar ein Gegenartikel zu dem von Frau Deusel geplant ... u.s.w.
    Zwei Kommentare hätte er zurückweisen müssen. Das habe er aber den beiden per E-Mail mitgeteilt. Seine Aufforderung, fair und sachlich zu argumentieren, bezog er übrigens nicht auf die verschwundenen Kommentare, sondern auf die jüngeren, sehr bizarren Kommentare aus wohl extrem bibeltreuer Richtung.
    Nun haben sich auf wundersame Weise dann doch noch drei verschwundene Kommentare vom 10.11. und 11.11.2012 wieder gefunden. Dass es die gibt, schloss er am Ende unseres Gesprächs noch aus. Kurz darauf wurden sie freigeschaltet. Mein eigener Kommentar vom 13.11. wartete vorhin immer noch auf Freischaltung. Aus Gründen der Vollständigkeit werde ich darauf beharren, dass auch der freigeschaltet wird.
    Meine FRAGE an das Forum hier: Gibt es noch weitere Kommentare vom 10.11. oder früher, die unterdrückt werden?

    Lieber Herr Dr. Jung, lieber Herr Reichenbach,
    am 16. September und am 4. Oktober habe ich mit Ihnen und mit anderen Gesprächsteilnehmern in Kelsterbach über das geplante Beschneidungsgesetz diskutieren dürfen. Hierfür sage ich Ihnen nochmals meinen aufrichtigen Dank. Ich erinnere mich gerne an diese Diskussionen. Nun habe ich die heute veröffentliche Liste der Sachverständigen für die öffentliche Anhörung im Rechtsausschuss am 26. November zur Kenntnis bekommen:
    http://www.bundestag.de/bundestag/auss…02_SV-Liste.pdf

    Diese Sachverständigen-Liste hat bei mir ein blankes Entsetzen ausgelöst!

    Alle 11 Sachverständigen, die vom Rechtsauschuss eingeladen wurden, sind mir mit ihren jeweiligen Positionen zwangsläufig bekannt, nachdem ich in den letzten vier bis fünf Monaten die gesellschaftliche Debatte verfolgt habe. Voraussichtlich wird es demnach bei dieser Runde mindestens 9:2 für die Beschneidung kleiner Jungen ausgehen. Diese Expertenrunde ist in keinster Weise ein Spiegelbild der bisherigen wissenschaftlichen Forschung zu dieser wichtigen Problematik und auch nicht ein Spiegelbild der Debatten in unserer Gesellschaft. Lediglich Herr Prof. Dr. jur. Reinhard Merkel ist mir als Skeptiker und Herr Dr. med. Wolfram Hartmann als Kritiker der Knabenbeschneidung bekannt. Die anderen neun Sachverständigen haben sich m.W. alle bereits lange im Vorfeld des Gesetzentwurfs energisch für die medizinisch nicht indizierte Beschneidung kleiner Jungen ausgesprochen. Bei allem Respekt, aber mir kommt diese Anhörung als pure Farce vor. Als (mit)denkender Bürger in einer Demokratie komme ich mir veräppelt vor. Was würde man wohl sagen, wenn ein Gericht sich so etwas leisten und einen derart einseitigen Gutachterkreis bestellen würde?

    Mir fehlen in dieser Runde alle diejenigen Experten, die nun schon seit Jahren wissenschaftlich zu diesen schwierigen Problemen forschen und ihre Kenntnisse durch einschlägige Publikationen in Fachzeitschriften auch nachgewiesen haben.
    Mir fehlen bei dieser Anhörung namentlich:

    1. Eine Kapazität auf dem Feld der deutschen Strafrechtsdogmatik wie der emeritierte Professor Dr. Rolf Herzberg (Ruhr-Universität Bochum) oder seine wissenschaftlichen Schüler Prof. Dr. Holm Putzke (Passau) und Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Günter Jerouschek (Jena).
    2. Namhafte Kinderurologen und Kinderchirurgen wie Prof. Dr. med. Maximilian Stehr (München), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kinderurologie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).
    3. Experten für pädiatrische Anästhesie, die sich mit der sehr schwierigen und anspruchsvollen Schmerztherapie bei Kindern (!) beschäftigen, wie Prof. Dr. med. Boris Zernikow, Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Witten, und andere pädiatrische Schmerztherapeuten der Deutschen Schmerzgesellschaft.
    4. Psychotherapeuten, die seit Jahren zu den Fragen der kindlichen Traumatisierung arbeiten, wie zum Beispiel Prof. Dr. med. Matthias Franz (Heinrich-Heine-Universiät Düsseldorf)
    5. Mir fehlen bei dieser Anhörung schließlich alle persönlich Betroffenen, die von den gravierenden negativen Folgen berichten könnten, die die Beschneidung für ihr Leben hatte, z.B. die Männer aus dem Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGIS e.V. wie Rechtsanwalt Georg Schepper (Bielefeld) oder Alexander Bachl.
    Will der Deutsche Bundestag wirklich die Opfer von Beschneidungen und ihre Fürsprecher in der wissenschaftlichen Fachwelt einfach ignorieren? Das möchte ich mir nicht wirklich vorstellen. Ich würde sonst den Glauben an die Menschlichkeit in unserem Rechtsstaat verlieren.

    An der Sachverständigen-Liste des Rechtsausschusses fällt mir auch auf, dass von den 11 eingeladenen Experten allein drei die Belange der jüdischen Religionsgemeinschaft vertreten werden: Stephan J. Kramer (Zentralrat der Juden in Deutschland), Prof. Dr. med. Hans Kristof Graf (Chefarzt im Jüdischen Krankenhauses in Berlin) und Dr. med. Antje Yael Deusel (Mohellet und Rabbinerin, was in der Liste verschwiegen wird). Die in Deutschland wesentlich größere islamische Religionsgemeinschaft wird dagegen nur von einem Menschen vertreten. Ich frage mich: warum auch in diesem Punkt eine derart ins Auge springende Unausgewogenheit? Hatte Prof. Dr. Merkel im Deutschen Ethikrat nicht angemahnt, dass alles vermieden werden sollte, was auch nur den Anschein eines Sonderrechts für die jüdische Gemeinschaft erwecken könnte?

    Lieber Herr Dr. Jung, lieber Herr Reichenbach, ich denke sehr gerne an unsere Diskussionen in Kelsterbach zurück. Ich hatte daraufhin das Vertrauen gefasst, dass der Deutsche Bundestag allen Seiten Rechnung tragen und sich wirklich intensiv, ausgewogen und sachlich fundiert mit dem zweifelsohne sehr schwierigen Thema beschäftigen würde.

    Als die beiden Abgeordneten unseres Wahlkreises bitte ich sie deshalb, sich energisch für weitere öffentliche Expertenanhörungen - über diese unverschämt einseitige am 26. November 2012 hinaus - einzusetzen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Manfred
    Nicht 6:2, sondern 9:2 für die Befürworter.
    Du hast als Befürworter vergessen:
    Stephan J. Kramer (Zentralrat der Juden in Deutschland)
    Aiman A. Mazyek (Zentralrat der Muslime in Deutschland)
    Prof. Dr. Siegfried Willutzki war bereits Experte in der SPD-Fraktion. Seine Position findet sich hier:
    Diskussion mit Experten zur Beschneidung minderjähriger Jungen|SPD Bundestagsfraktion

    Es ist unglaublich!!! Schier zum Verzweifeln!
    Langsam aber sicher werde ich ein Anhänger von Platons Republik der Wissenden!

    Den neu berufenen Richter am Bundesgerichtshof Henning Radtke habe ich übrigens bei einer sehr tendenziösen Podiumsdiskussion in der Evangelischen Akademie in Frankfurt a.M. erleben können. Ihm geht das Elternrecht über alles. Das Kölner Urteil ist für ihn ein Fehlurteil eines kleinen Einzelrichters.
    http://aktuell.evangelisch.de/artikel/7984/j…ation=node/7984

    Nochmal zum Thema Beschneidungsverbot « Aus Liebe zur Freiheit

    Das Beschneidungsverbot kontrovers diskutiert – Evangelisches Frankfurt

    Habe vorhin folgenden Kommentar gesendet:

    Zitat

    "Warum stehen hier eigentlich keine Kommentare? Der Artikel ist doch diskussionswürdig. In https://www.beschneidungsforum.de habe ich mehrere lesenswerte Kommentare gefunden, die hier nicht veröffentlicht worden seien. Als evangelischer Pfarrer bitte ich die Redaktion von Zeitzeichen, die öffentliche Diskussion hier zuzulassen. Ich fände es beschämend, wenn Sie dazu nicht bereit wären. Lieben Gruß"

    Wenn sachliche Kommentare nach wie vor nicht freigeschaltet werden sollten, werde ich bei der Redaktion von "Zeitzeichen" anrufen.

    Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem angesehenen orthodoxen Rabbiner. Dabei habe ich etwas Neues gelernt.
    Oft wird ja argumentiert, ein jüdischer Mann müsse beschnitten sein, um am religiösen Leben überhaupt teilnehmen zu können. Ohne Beschneidung habe er Nachteile und sei nicht in die religiöse Gemeinschaft integriert. Der orthodoxe Rabbiner sagte jedoch, so etwas stehe nirgendwo im Judentum geschrieben. Und nur was im Judentum schriftlich geregelt ist, sei auch gültig.
    Ein 13jähriger Junge könne also Bar Mitzwa (Konfirmation) feiern, auch wenn er nicht beschnitten ist. Danach würde er, der Rabbiner, nie fragen. Und ein unbeschnittener Mann könne in der Synagoge auch aus der Thora lesen. Nur wenn einer erklären würde, er sei unbeschnitten, weil er nichts von der Thora halte, dann würde ihn dieser Rabbiner fragen, warum er dann überhaupt Thora lesen will. Wenn der Betreffende aber zum Beispiel erklärt, er habe Angst vor der Beschneidung, dann sei das zu akzeptieren. Genauso sei es bei anderen kultischen Handlungen wie der Hochzeit oder der Beerdigung. Die vielen unbeschnittenen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hätten selbstverständlich die gleichen religiösen Rechte wie beschnittene Juden.

    werner
    Ich habe mich ein bisschen in diese Diskussion im Marokko-Forum, die vom 13.9.2009 bis 19.09.2009 dauerte, eingelesen.
    Die Diskussion begann dort mit einer völligen Desinformation eines offenbar nicht-muslimischen adam09. Er schrieb, in dem Film hätten (muslimische) Mütter sich vehemt, sogar gegen den Widerstand ihrer Familien, gegen die Beschneidung ausgesprochen und sich dabei auf den Propheten Mohammed und auf Allah berufen.

    In Wirklichkeit sprechen sich in dem Film aber mehrere jüdische Mütter in Israel gegen die Beschneidung ihrer Söhne aus. Dieser "adam09" hat zwar den gleichen Film gesehen (lief auf Arte tatsächlich am 12.9.2009) Er entstellte den Film dann aber für seine Zwecke.

    In "Das verlorene Stück" äußern sich wohlgemerkt nur jüdische Mütter entsprechend, aber keine muslimischen. Die junge Israelin Maja wollte die Beschneidung ihres Sohnes eigentlich verhindern, konnte sich aber gegen ihren Mann nicht durchsetzen. Sie ließ ihr Baby dann wenigstens in einer Klinik von einem Arzt beschneiden. Hinterher sagt sie in dem Film (bei Minute 5:30):

    Zitat

    Wenn ich noch irgendwelche Gefühle dem Judentum gegenüber habe, dann deswegen, weil es eine relativ aufgeklärte Religion ist. Aber dieses Ritual ist der heidnischste und inhumanste Aspekt unserer Religion. Ich habe mich wie ein Kind gefühlt, das von anderen gezwungen wird Dinge zu machen, die es nicht machen will. ... Drei Tage habe ich nicht aufgehört zu weinen. Ich habe gefühlt, dass ich genau das mache, was ich am wenigsten will, und kann es nicht verhindern."

    Es gibt eine weitere Filmsequenz, wo junge israelische Mütter und Väter mit ihren Kindern beim Treffen einer Anti-Beschneidungsgruppe zusammen sitzen. Die erzählen von der großen Kraft, die es gekostet hat, sich gegen ihre Familien und ihren Freundeskreis durchzusetzen und ihre Söhne intakt zu lassen. (Min. 19:00-21:40 und 22:35-23:25)

    Ich fand jetzt einen sehr nachdenklich machenden israelisch-deutschen Dokumentarfilm von Oded Lotan aus dem Jahr 2006: "Das verlorene Stück". Die deutsche Erstausstrahlung war auf arte am 17.3.2007. Der Film wurde auf Filmfestivals in Israel, den USA und Kanada gezeigt.

    In der Form eines Märchens und mit einer gewissen Selbstironie wid erzählt, wie ein junger homosexueller Mann in der Hochzeitsnacht gewahr wird, dass sein Ehemann ein Stück an seinem Körper mehr hat. Der junge Mann geht fortan der Frage nach, warum ihm dieses Stück fehlt und begibt sich in Israel und in Deutschland auf die Suche nach dem verlorenen Stück. Er spricht mit vielen Menschen: mit seiner Mutter, mit Ärzten, Wissenschaftlern, Mohalim, Rabbinern, mit seinem Psychotherapeuten, mit seinen jüdischen Verwandten und mit jungen Eltern in Israel, mit solchen, die ihre Söhne unter Gewissensbissen beschneiden lassen, und mit solchen, die ihre Kinder intakt lassen. Er trifft in Israel auf eine junge Mutter, die nur aus dem einen Grund Jura studiert hat, um den Beschneidungsbrauch besser bekämpfen zu können. Er begegnet einem israelischen Soldaten, der aus Russland stammt und den er in die Klinik begleiten darf, wo dieser sich beschneiden lässt. In einer Kirche findet er ein Bild von der Beschneidung Jesu Christi und unterhält sich mit einem Pfarrer. Als Gast nimmt er an einem kurdischen Beschneidungsfest in Berlin teil. Am Ende findet er sein verlorenes Stück nicht wirklich wieder. Auf Wunsch einer Freundin wird er sogar selber Pate bei einer Brit Mila. Aber seine Frage bleibt bestehen ...
    Das verlorene Stück / Jüdische Beschneidungstraditionen - Dailymotion-Video

    Mal etwas ganz anderes.
    Aus der RTL Serie "Alle lieben Jimmy" aus dem Jahr 2005 die Folge 1 "Weniger ist mehr".
    Eine Komödie über die türkische Beschneidung.
    Alle Lieben Jimmy (Folge 1) - YouTube

    Zum 18. Geburtstag von Enkelsohn Jimmy (Cemil) hält Oma Aynur eine faustdicke Überraschung parat: Auf den Autofanatiker wartet ein kostbarer Oldtimer, ein Mercedes-Cabrio. Doch das kostbare Geschenk ist an eine Bedingung geknüpft: Jimmy muss erst ein 'richtiger' Mann werden und sich endlich beschneiden lassen. Eine Horrorvorstellung für Jimmy! Vater Metin wendet all sein Verhandlungsgeschick an und weist Jimmy die Möglichkeit auf, die kleine Operation schmerzfrei im Krankenhaus vornehmen zu lassen.
    Doch Oma Aynur macht allen Plänen einen Strich durch die Rechnung: Jimmy soll traditionell beschnitten werden - ohne Betäubung und zu Hause! Während Jimmys Gedanken einzig um das Wort 'Flucht' kreisen, klemmt sich Kumpel Ben böse den Finger ein. Ben kommt in die Klinik und wird von Krankenschwester Sabine fatalerweise für Jimmy gehalten. Bevor Ben das Missverständnis aufklären kann, liegt er bereits auf dem OP-Tisch...
    Am Ende sind drei erwachsene Männer beschnitten worden. Gegen ihren Willen, nur weil die Oma es so will.

    Auf der Facebook Seite des FDP-Bundestagsabgeordneten Stefan Ruppert ist zu erfahren, dass die Fraktion am 16.10.2012 eine Expertenanhörung mit sechs Sachverständigen durchgeführt hat. Leider bekommt man nur vier Bilder präsentiert und erfährt sonst nichts über diese für unsere Demokratie wichtige Veranstaltung.

    Auf den Fotos sind (mit Vorbehalt) zu erkennen:
    Dr. med. Ulrich Fegeler, Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte
    Prof. Dr. med. Oliver Hakenberg, Urologe Uni Rostock (sprach sich schon früh für eine gesetzliche Regelung / Erlaubnis aus)
    Prof. Dr. jur. Hans Michael Heinig, Göttingen, Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD (bezeichnete das Kölner Urteil von Anfang an als "juristisch und rechtsethisch fragwürdig")
    Prof. Dr. med. Leo Latasch (jüdischer Vertreter im deutschen Ethikrat)
    Die beiden anderen Experten, die ganz weit rechts saßen, kann ich leider nicht erkennen.
    Einer wird die islamische Gemeinschaft vertreten haben.
    So wie es aussieht, ist das Expertengremium der FDP leider recht unausgewogen bzw. unvollständig gebildet worden.

    Die Anhörung wurde vorbereitet und moderiert von den 3 Abgeordneten Stefan Ruppert, Stephan Thomae und Sibylle Laurischk.

    Könnten sich alle FDP-Wählerinnen und Wähler hier im Forum bitte einmal für mehr Transparenz und Fairness bei so wichtigen Beratungen in dieser Partei stark machen! Ich finde sonst nirgends im Internet Nachrichten über diese Veranstaltung. Stefan Ruppert schreibt nur: "Eine sehr anstrengende Woche im Deutschen Bundestag liegt hinter mir - nette Begegnungen mit Besuchern aus dem Wahlkreis und gute Fortschritte bei wichtigen Gesetzesvorhaben geben Kraft."

    Hier der Link zu den Fotos auf Herrn Rupperts Facebook- Seite:
    https://www.facebook.com/media/set/?set…46551531&type=1

    Zum Fraktionszwang hat der Abgeordnete Reichenbach (SPD) bei der Diskussion mit Herzberg in Kelsterbach gesagt, dass ihn der Fraktionszwang in dieser Frage eh nicht jucken werde. Was die Aufhebung des Fraktionszwanges jetzt aber konkret bedeutet: dass die Fraktion als solche sich im Voraus nicht festlegen wird auf ein Ja oder Nein (obwohl sie den Beschluss vom 19.7.2012 selbst mitbeantragt hatte).

    Mir sind in dem Protokoll der SPD-Anhörung noch zwei Dinge aufgefallen:
    - Das Jüdische Krankenhaus Berlin rät den Eltern immer, zu warten bis der Junge 12 Jahre alt ist. Warum wohl?
    - Bei der Säuglingsoperation wird zur Schmerzlinderung NUR die Emla-Creme verwendet. Das muss weiter thematisiert werden. Ob das mit der ärztlichen Ethik vereinbar ist?

    Am 17.10.2012 fand abends eine Expertenanhörung in der SPD-Fraktion statt.
    Als Sachverständige wurden gehört:
    Prof. Dr. Hans-Kristof Graf, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Jüdischen Krankenhaus in Berlin
    Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)
    Prof. em. Dr. Rolf Herzberg, Rechtswissenschaftler, Ruhr-Universität Bochum
    Dr. Josef Schuster, Vize-Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland
    Prof. Dr. med. Maximilian Stehr, Oberarzt der Kinderchirurgischen Klinik am Klinikum Innenstadt in München
    Prof. Dr. Siegfried Willutzki, Begründer und ehem. Vorsitzender des Deutschen Familiengerichtstags
    Randolf Hamza Wördemann, Stv. Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland
    3 der Experten sprachen sich für das Gesetz aus (Schuster, Willutzki, Wördemann)
    3 sprachen sich gegen das Gesetz aus (Hartmann, Herzberg, Stehr)
    Prof.Dr. Graf vom Jüdischen Krankenhaus Berlin scheint nur von den praktischen Erfahrungen des Krankenhauses berichtet zu haben. Erschreckend fand ich in diesem Zusammenhang von einem Krankenhaus folgendes zu erfahren: „Um den Eingriff möglichst schmerzfrei durchzuführen würden die Säuglinge (nur) mit Emla-Salbe für die lokale Anästhesie behandelt.“
    Die Fraktion will weitere Aussprachen durchführen. Der Fraktionszwang wurde aufgehoben.
    Diskussion mit Experten zur Beschneidung minderjähriger Jungen|SPD Bundestagsfraktion

    "In einer aufgeklärten Gesellschaft, in der die Menschenwürde das höchste Gebot ist, ist diese Tradition moralisch nicht vertretbar und sollte strafbar sein. Die Beschneidung verstößt zudem gegen das hohe Gebot der Nächstenliebe, das ja gerade im Judentum betont wird.", so Avi Steinberg.

    Damit ist nun wirklich ein Fass für die Diskussion innerhalb des Judentums aufgemacht. Avi Steinberg äußert sich als ZEIT-Leser. In der ZEIT hatte sich auch Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, geäußert und in puncto Beschneidung gefragt: "Wir haben so vieles abgeschafft, was in der Thora steht, warum nicht auch das?" Da habe ich schon gedacht: WOW!

    Manche haben Kramers Meinung sehr fragwürdig mit dem Umstand kritisiert, dass Kramer ja (nur) zum Judentum konvertiert sei und keinen jüdischen Stammbaum habe. Nun äußert sich der Ur-Ur-Urenkel einer im orthodoxen Judentum hoch geachteten Autorität, des Chatam Moses Sofer Schreiber (1762 Frankfurt am Main - 1839 Pressburg/Bratislava). Und Avi Steinberg weist auch gleich den Weg für die halachische Diskussion, indem er sagt: "Die Beschneidung verstößt gegen das hohe Gebot der Nächstenliebe." WOW !!!

    Hier ein Bild seines Ur-Ur-Urgroßvaters auf einer slowenischen Briefmarke:
    [Blockierte Grafik: http://leimanlibrary.com/photos/rabbis_on_stamps/large_photos/Stp-72.jpg]