Beiträge von R(h)einwein

    Aber ich befürchte fast, dass jemand wie Thierse genau das unter "weltauschaulicher Neutralität" versteht.

    Ich befürchte darüber hinaus, dass Thierse damit auch Rituale wie die Beschneidung von Knaben als geschütztes Selbstbestimmungsrecht der Religionen meint. Der Staat solle sich gefälligst da raus halten. Die Religionsausübung hat sich aber innerhalb des vom Grundgesetz und von den allgemeinen Menschenrechten vorgegebenen Rahmens zu bewegen. Und da darf sich der Staat schon einmischen, wenn es Verstöße hiergegen gibt.

    Diese Beispiele zeigen doch, dass die Gründe für die Entstehung des Ritus nicht vergangen, sondern durchaus noch lebendig sind, und keine akademische, sondern eine praktische Frage betreffen.

    Doch die endlose Ursachenforschung führt nicht zwangsläufig zu einer Veränderung der Verhältnisse. (Wo wäre da auch die Logik?) Aber eine Aufklärung über die nachteiligen Folgen für die betroffenen Männer und Frauen und die Errichtung von Tabus verspricht mit höherer Wahrscheinlichkeit, eine Abschaffung von MGM und FGM zu bewirken.

    Sie bewegt sich, aber bewegt doch nichts.

    Eine Frage der Zeit. Aber das heliozentrische Weltbild hatte sich am Ende doch durchgesetzt. Und auch die Evolutionstheorie. Auch wenn heute noch einige verbohrte Kreationisten herumlaufen. Oder Menschen an ihr Horoskop glauben, oder an Schamanen. Auch der Ausstieg aus der Atomenergie war ein langer Kampf. Die Bretter, die wir bohren müssen, sind halt sehr dick. In wenigen Jahrzehnten wird vermutlich die Mehrheit der Menschen in den zivilisierten Staaten nicht mehr verstehen, wieso es einmal eine rituelle Beschneidung bei beiderlei Geschlechtern gab. Genauso wie sie es nicht mehr verstehen, warum Menschen als Hexen verbrannt, andere zu Tode gesteinigt wurden. Zuerst kommt die Änderung in den Köpfen, dann die der gesellschaftlichen Verhältnisse.

    Männer wollen durch Genitalverstümmelung die Fruchtbarkeit von Frauen kontrollieren und sie „ruhiger" und „fügsamer" machen. Die weibliche Genitalverstümmelung ist eng verbunden mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Diskriminierung von Frauen

    Das folgt wieder einmal der trivialen Behauptung, dass alles mit allem zusammenhänge. Das mag so sein. Allerdings ist eine solche Analyse derart unscharf, dass sie nicht zur Veränderung eines (politischen, juristischen oder sonstigen) Sachverhaltes dienen kann. Da muss man schon genauer hinschauen.
    Im übrigen halte ich die ganze Abgrenzerei von FGM und MGM für schwachsinniges Herumideologisieren. Es gibt nur eine Qualifizierung von (medizinisch nicht indizierter) Genitalbeschnippelung: sie ist eine menschenrechtswidrige Verletzung der körperliche Integrität. Nur wer grundsätzlich und ausnahmslos gegen jedwede nicht medizinisch gebotene Art von Beschneidung eintritt, wird am Ende diese unmenschlichen Rituale abschaffen helfen. Denn genau die patriarchalen Gesellschaften, die die FGM praktizieren finden auch die Knabenbeschneidung in Ordnung. Wenn auch letztere als Tabu begriffen wird, dann wird sich zugleich auch die FGM leichter abschaffen lassen.

    Wollen wir mal sehen, wie "orthodox" und "strenge medizinische Anforderungen" zusammenpasst.

    das wissen wir ja schon:


    Kinderärzte-Präsident gegen Beschneidungsgesetz - Zahl der Komplikationen offenbar unverändert hoch

    Die Beschneidung von Jungen in Deutschland bleibt riskant. Obwohl der Ritus seit einem Jahr gesetzlich geregelt ist, scheint die Zahl der Komplikationen kaum gesunken zu sein. Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, sagte dem Nachrichtenmagazin FOCUS, es werde in diesem Jahr „ungefähr 1800“ Komplikationen geben und damit so viele wie 2012. Hartmann stützt sich auf eine Umfrage unter den 12.000 Verbandsmitgliedern. Am häufigsten komme es zu Infektio...

    Haltet mich meinetwegen für paranoid, aber sehr glaubwürdig klingt mir das nicht, eher wie eine Standard-"Unsere-Zuschauer-sollen-zufrieden-sein"-Antwort.

    Hast Du erwartet, dass die Redaktion nach meiner Mail in Sack und Asche geht und ständig bekennt, sie seien alle große Sünder? Unglaubwürdig wäre die Redaktion erst dann für mich, wenn sie erneut eine Sendung zu diesem Thema machen würde und die kritischen Aspekte unter den Tisch fallen ließe. So lange billige ich auch einer Redaktion zu, dass sie entgegen dem von anderen bekannten Medien pro Knabenbeschneidung gepflegten "mainstream" noch dazu lernt. Bei "nano" habe ich in der Vergangenheit durchaus kritische gesellschaftliche Beiträge gesehen.

    Und hier die erfreuliche Antwort der nano-Redaktion auf meine kritischen Anmerkungen:


    "Lieber Herr H.,

    vielen Dank für Ihre Mail vom 02.12.2013 und Ihr großes
    Lob zu unserer Sendung „nano“ – das freut und motiviert uns
    sehr!

    Auch Ihre kritischen Anmerkungen haben wir aufmerksam zur Kenntnis genommen und
    können sie z. T. auch nachvollziehen. Auch wir in unserer Redaktion haben
    während unserer morgendlichen Sitzung am nächsten Tag, in der wir auch die
    Sendung vom 02.12. besprochen haben, darüber diskutiert und vermerkt,

    dass in dem Beitrag einige Aspekte gefehlt haben.
    Daher danken wir Ihnen für Ihre Rückmeldung.

    Wir hoffen, dass Sie uns auch weiterhin ein treuer und kritischer nano-Zuschauer
    bleiben!


    Eine schöne Adventszeit und viele Grüße


    Anette Lenz

    3sat/Wissenschaft"

    Sekundärliteratur!!!! Ich bin immer skeptisch, wenn jemand eine Literaturarbeit, sprich eine Zusammenschau von vorhandenen Studien gemacht hat, statt eigener Untersuchungen. Insbesondere als hier nur Ergebnisse berichtet werden, aber keine Hinweise auf eine kritische Auseinandersetzung mit den Studien selbst erfolgte hinsichtlich Validität (Gültigkeit einer wissenschaftlichen Untersuchung/Experiment) und Reliabilität (Zuverlässigkeit einer wissenschaftlichen Untersuchung/Experiment). So eine Synopse von Arbeiten hat in der Regel keine eigene wissenschaftliche Bedeutung. Sollte die Kritik der vorliegenden Studien unterblieben sein, so ist die getroffene Aussage wenig bedeutsam und besitzt die Qualität einer studentischen Hausarbeit. Insbesondere als wir aus den Berichten Betroffener definitiv wissen, dass es viele beschnittene Männer und deren Partnerinnen gibt, sich nicht unerheblich beeinträchtigt fühlen. Seriöse Arbeit müsste schon prozentuale Aussagen machen statt lapidar festzustellen: "
    The most scientifically rigorous studies, however, concluded the circumcision had little, if any, effect."

    Es kann natürlich auch sein, dass die Zeitung grausame Vereinfachungen macht und die Arbeit tatsächlich aussagefähiger ist. Dann sollte man aber den ganzen Artikel inhaltlich nicht ernst nehmen. Eine propagandistische Wirkung wird er leider haben, weshalb man sich mit ihr auseinandersetzen muss.


    Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, sagte dem Nachrichtenmagazin FOCUS, es werde in diesem Jahr „ungefähr 1800“ Komplikationen geben und damit so viele wie 2012. Hartmann stützt sich auf eine Umfrage unter den 12.000 Verbandsmitgliedern.

    Schön, dass der Präsident der Kinder- und Jugendärzte nicht müde wird, der Welt und insbesondere Deutschland die traurige Wahrheit zu sagen. Vielleicht dringt er damit eines Tages auch durch die ideologischen und religiösen Ohrenstöpsel der Befürworter frühkindlicher Zwangsbeschneidung.

    @ Weguer

    Mag sein, dass bei unbeschnittenen Männern Eichel und Vorhaut - "erfolgreich" - gegeneinander gleiten können. Aber letztlich ist da doch genau so eine Kunststofffolie dazwischen, wie beim (Männer-)Kondom?

    Was das mit Blasphemie und Atheismus zu tun hat...

    Offenkundig: ein Atheist hat keine ideologische Rechtfertigung für ein körperverletzendes Ritual wie die Zwangsbeschneidung.
    Blasphemie könnte jemand in einer religiösen Begründung der Jungenbeschneidung sehen. Nämlich wenn er der Meinung ist, man darf seinem Gott nicht durch rituelle Ampution ins Schöpfungshandwerk pfuschen.

    Man kann Auvert kritisieren, nur eben kaum auf diesem Punkt.

    Doch. Der gelinkte Artikel tut es:


    "After controlling for urbanization, there was no difference in male HIV prevalence between the two groups: in urban areas, HIV seroprevalence was 9.5% in circumcised groups and 9.7% in uncircumcised groups, and conversely, 4.6% and 5.2%, respectively, in rural areas—none of the differences being significant [3]. "


    Und weiter:

    "For highly exposed men, such as men living in southern Africa, the choice is either using condoms consistently, with extremely low risk of becoming infected, or being circumcised, with relatively high risk of becoming infected. This is quite similar to women's choice to either use a highly efficacious contraceptive method or use a folk method. Some women make the second choice for religious reasons, with the obvious consequences. Is there a rationale for promoting the idea of circumcision when better choices are available? Regular condom use was found to be protective at the individual level and also effective for stopping HIV epidemics, as in Thailand [4, 5]."


    Ergo: Beschneidung gibt Scheinsicherheit bzw. scheinbaren Schutz und ist deshalb verhgängnisvoll, weil die Gefahr besteht, dass sich beschnittene Männer in Sicherheit wiegen und eine HIV-Infektion riskieren. Dann könnte das Ergebnis genau so schrecklich werden, wie ohne Kondomschutz.

    Was aber würde sie sagen, wenn die Mutter sich freiwillig dazu entscheidet?

    Wäre in der Tat interessant zu erfahren. Das wäre die Nagelprobe. Aber ich denke, es ist schon sehr beachtlich und unterstützenswert, dass die junge Moderatorin das Selbstbestimmungsrecht, bzw. das Bestimmungsrecht der israelischen Mutter so kompromisslos verteidigt. In ihrer gesellschaftlichen Umgebung muss das nicht unbedingt leicht fallen.

    Schon vor einigen Monaten wurde hier im Forum eine WHO-Untersuchung zitiert, dass die Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika weltweit zur Zeit die höchsten HIV-Steigerungsraten haben.

    Ja, und nach den Behauptungen der Promotor einer Anti-HIV-Beschneidung in Afrika dürfte das doch gar nicht sein, nämlich dass in Ländern mit hoher Beschneidungsrate die HIV-Infektionen steigen! Merken die nichts oder wollen sie es nicht merken?

    Ein sehr wichtiger Punkt ist jedoch (einmal mehr) unerwähnt geblieben.
    Die grosse Abneigung beschnittener Männer gegenüber Kondomen, weil durch diese das oft schon reduzierte Empfindungsspektrum zusätzlich gedämpft wird.

    Für mich ist das sogar der springende Punkt, der sämtliche allfälligen minimalen Vorteile welche der Beschneidung punkto HIV-Infektionsrisiko angedichtet werden, nicht nur zunichte macht, sondern risikoreichen ungeschützten Sex geradezu fördert!

    Danke für den sehr wichtigen Hinweis. Das ist ja auch unmittelbar einleuchtend.


    Vorsicht. Der Vorteil ist da. 50% weniger Ansteckungsrisiko. Allerdings, in klinischen Tests.

    Diese Untersuchung glaube ich nicht. Die Kausalität zwischen Beschneidung und HIV-Prävention ist unplausibel. Vielleicht kommt der gemessene Effekt daher, dass sich die Menschen anlässlich ihrer Beschneidung mehr mit dem Thema safer sex befassen und es infolge Verhaltensänderung zu einer Verringerung von Ansteckungszahlen kommt. Vielleicht wird aber durch die Beschneidung auch die sexuelle Aktivität beeinträchtigt, durch die die Zahlen "sinken". Da sind mir einfach viel zu viele Fragen offen. Und vielleicht sollen die Begleitstudien des Programms auch genau so ein Ergebnis hervorbringen. Wundern würde mich das nicht. (Schließlich würde sich Bill Gates nur ungern eingestehen, dass er mit viel Geld grausamen Murks angerichtet hat. Da bezahlt man lieber noch ein paar Studien.) Also eher Vorsicht mit der Verbreitung dieses problematischen "Studie".