@ Guy
Ich stimme werner absolut zu und sage Dir gern, was ich an dem Spiegelartikel dümmlich finde:
1. Auf der Titelseite heißt es "... und warum zweifelt er?" (gemeint ist der Mensch)
Über Zweifelsgründe findet sich eigentlich nichts Substantielles, außer dass (vulgärrationale) Atheisten abseits der vorgeblichen Norm sind.
2. Es werden Untersuchungen an Kindern zitiert, die selbst noch in der magischen Phase oder kaum aus ihr entwachsen sind und die Ergebnisse auf eine Gesamtgesellschaft hoch gerechnet. (Wir erfahren es nicht, wie alt die Kinder waren.) Nun mag es noch Völker mit Naturreligionen geben, die einen ebenso magischen Bezug zu ihrer Umwelt haben und wo diese Ergebnisse zutreffen. Für westliche Gesellschaften bezweifle ich die im SPIEGEL getroffenen Verallgemeinerungen.
3. " - je strenger eine Religion ist, desto besser setzt sie sich durch." behauptet der SPIEGEL. Ja, weil Strenge zugleich Intoleranz und Machtanspruch bedeutet. Nachdem die Priester zuerst ihre Schäflein in den Gehorsam gezwungen haben, können sie sich der aggressiven Verbreitung ihrer Religion widmen. Beispiele gefällig? - (Dazu würde hier der Platz nicht ausreichen.) Das Unheil, das diese Durchsetzungsfähigkeit auf dieser Welt angerichtet hat, ist unermesslich.
4. Religiöse hätten mehr Kinder, als Atheisten. Nun darf man fragen, ob das ein wünschenswertes Ziel in Anbetracht der Überbevölkerung ist. Vielleicht verhalten sich diese Ungläubigen schlicht einsichtsvoller und rationaler. Zum zweiten darf man fragen, ob hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt werden, oder ein Zusammenhang hergestellt, der so nicht besteht. Zuerst gilt, dass die Reproduktionsrate bei Gesellschaften in Armut höher ist, als in wohlhabenden Gesellschaften. (Dafür gibt es verhaltensbiologische Erklärungen). Und gerade den Armen wird von den Priestern aller Couleur zu allen Zeiten sehr leicht Religion und Vertröstung auf das Jenseits verkauft. Dagegen haben die wohlhabenden Gesellschaften den größten Anteil an religiös Ungebundenen. (Säkularisationsprozess).(Religiosität und) Kindersegen folgen also eher der Armut, als der Kindersegen der Religiosität.
5. Nun ist die These evident, dass geschichtlich der zivilisatorische Urknall und Aufstieg einen religiösen Ursprung haben. Da Zivilisationsentwicklung jedoch kein abgeschlossener Prozess ist, sondern sondern sich nach Göbekli Tepe bis zu unseren Tagen und darüber hinaus fortsetzt, gehört zu einer intellektuell redlichen Bestandsaufnahme, dass seit Humanismus/Renaissance/Aufklärung die von diesen geprägten Gesellschaften einen ungeheuren zivilisatorischen Fortschritt gebracht haben, dessen Grundlagen von Völkern völlig anderer Kulturkreise (z.B. in Asien) erfolgreich übernommen wurden. Dagegen blieben Kulturkreise mit strengen Religionen z.T. hoffnungslos zurück. Würde die vom SPIEGEL nahegelegte Schlussfolgerung nämlich richtig sein, dann müssten die islamischen Länder den westlichen Industrienationen in ihrer zivilisatorischen Entwicklung haushoch voraus sein. (Sie waren es eine Zeit lang in ihren sehr toleranten Phasen z.B. in Spanien, als das Christentum sich in einer sehr dogmatisch-intoleranten Phase befand). Diese Tatsache auszublenden betrachte ich in der Tat als dümmlich.
Der SPIEGEL hat wohl gemeint er müsse zu Weihnachten den Gläubigen was Nettes schreiben - aus geschäftlichem Interesse versteht sich.