ich glaubs nicht....
*anticker*
/edit
*grummeligguckt* die Mail wurde erheblich schlecht gelaunter als geplant. *grummel*
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Sehr geehrter Herr Dr. Baunacke,
Ich möchte mich kurz vorstellen, mein Name ist Kerstin Ludwig, ich bin Journalistin, Bloggerin und eine sog. "Intaktivistin" - unser Ziel ist in der Tat das Verbot jeglicher Genitalbeschneidung, solange keine medizinischen Gründe vorliegen.
Ihre Umfrage zum Urologenportal habe ich gesehen, aber konnte diese nicht guten Gewissens abschließen, weil sie ein falsches Bild gezeichnet hätte.
Insbesondere der Punkt "Beschneidung" hat bei mir Fragen aufgeworfen, die ich gerne geklärt hätte.
Sie schreiben im Punkt "Beschneidung aus medizinischen Gründen" korrekterweise, dass die Vorhaut bei Kindern mit der Eichel verklebt ist ("Präputialverklebung"). Allerdings habe ich hier andere Zahlen über die freie Beweglichkeit, als sie sie haben.
Nach meinem Wissensstand, der auch von amerikanischen Ärzten geteilt wird, ist das durchschnittliche Alter der freien Retrahierbarkeit der Vorhaut bei 10,4 Jahren. Das spricht eklatant gegen ihre Zahl, dass 90% der Jungen bereits im Alter von 3 Jahren über eine frei retrahierbare Vorhaut verfügen.
Ich stütze mich hier auf Dr. Ryan McAllister und der NGO "Doctors opposing circumcision". Den dazugehörigen, wissenschaftlich fundierten Artikel, der auch die Altersangaben der Gairdner-Studie, auf die sich sich offenbar stützen, widerlegen, finden Sie hier:
http://www.doctorsopposingcircumcision.org/info/retraction.html
Die Gairdner-Studie war in der Tat die erste, die sich mit der vollständigen Retrahierbarkeit befaßt hat, aber sie war fehlerhaft, weder die Altersangaben noch die Prozentzahlen waren korrekt.
Folgestudien haben das bewiesen.
Weiterhin schreiben Sie, dass dass sog. "Ballooning" sowie wiederkehrende Balanitis und wiederkehrende Entzündungen der Harnwege, wenn keine andere Ursache gefunden werden kann, eine Indikation für eine Beschneidung sind.
Auch als medizinischer Laie möchte ich ihnen hier auf das Schärfste widersprechen.
Balanitis/wiederkehrende Harnwegsinfektionen:
Viele Kinderärzte und Urologen erklären Eltern immer und immer wieder, dass sie die Vorhaut "vorsichtig" zurückziehen müssen, um "darunter das Smegma zu entfernen".
Und genau DIESE Anweisungen verursacht erst diese wiederkehrenden Entzündungen, die dann unglücklicherweise nur mit einer Beschneidung gelöst werden können.
Es fehlt hier sehr klar der deutliche Hinweis, dass aufgrund der auch von ihnen eingangs genannten Präputialverklebung die Vorhaut auf gar keinen Fall zurückgezogen werden darf. Niemals. Der *einzige* der die Vorhaut zurückzieht, ist der Junge selber, sonst niemand.
Wenn die Präputialverklebung aufgebrochen wird, wird ein in sich geschlossenes System geöffnet. Das erzwungene Retrahieren der Vorhaut hinterläßt in den meisten Fällen eine Wunde, über die Bakterien erst eindringen können. Die Folge sind Balanitis und Harnwegsinfektionen, die in einer intakten Vorhaut nicht stattfinden.
Schlimmer noch: Die Vorhaut kann narbig abheilen, was dann in der Tat eine Beschneidungsindikation ist.
Ballooning:
Ich stütze mich hier auf Doctors opposing circumcision, die die Beschneidung für kontraindiziert halten - und ich stimme ihnen hier vollen Herzens zu.
Die Präputialverklebung erfolgt durch eine hauchdünne Membran. Diese löst sich mit hormonellen Veränderungen langsam auf, das geschieht aber nicht gleichmäßig. Auch der dünne Muskelring an der Spitze der Vorhaut wächst nicht immer mit - kindliches Wachstum ist ebenso nicht gleichmäßig.
Solange es keine großen Probleme, wie z.B. verlängertes Harnverhalten gibt, kann man das Problem sehr gut mit Salbentherapie lösen, bei der hochdosierte Cortison- oder Steroidsalben aufgetragen werden und der Effekt der Salbe gezielt zur Dehnung genutzt wird.
Oder man läßt es einfach so und wartet bis sich das auswächst.
Weiterere Kritikpunkte:
Was mir auf der gesamten Beschneidungsseite fehlt, ist, dass die radikale Zirkumzision das allerletzte Mittel sein sollte, nicht das erste, wie es ein Grundsatz bei jedem chirurgischen Eingriff ist.
Salbentherapien, Triple Incision (wo in der Länge weggenommen wird was in der Breite fehlt): All das sind mildere, Vorhauterhaltende Mittel.
Auch bin ich sehr verwundert, dass sie keinerlei Langzeitprobleme bei der Beschneidung erwähnen, wie z.b. dass die Vorhaut inklusive Frenulum das sensitivste Organ am männlichen Penis ist, dass die Eichel lediglich über drucksensitive Nervenenden verfügt, während die Vorhaut über sog. Fine-touch-Nervenzellen verfügt, die ähnlich sensitiv wie die Nervenzellen der Fingerbeere sind.
Erektile Dysfunktion, schmerzhafte Erektionen, "haarige Schäfte": All das sind Komplikationen, die direkt auf die Beschneidung zurückzuführen sind.
Sie wollen an der Stelle vielleicht auch die Studie von Sorrells et al zu Rate ziehen:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17378847
Und ergänzend hierzu vielleicht noch die Studie von Frisch et al:
http://ije.oxfordjournals.org/content/early/…dyr104.abstract
Die Beschneidung von Kindern zur Vermeidung von Krankheiten:
Es stellt eine Verletzung der medizinischen Ethik da, präventiv Körperteile zu entfernen, weil sie sich vielleicht irgendwann in der Zukunft entzünden könnten (nicht einmal erwähnt, dass die meisten Entzündungen problemlos abheilen können).
Wie ist ihre Stellungnahme hierzu?
Sie haben des Weiteren in der FAQ geschrieben (ich zitiere hier):
Hat die Beschneidung Auswirkungen auf das Liebesleben? Manche Männer berichten über verstärkte Höhepunkte beim Geschlechtsverkehr (Orgasmen). Auch vermehrte Ausdauer beim Geschlechtsverkehr wird angegeben.
Es fehlt hier der Hinweis, dass das allenfalls in den ersten Jahren nach der Beschneidung der Fall ist. Irgendwann ist die Eichel so keratinisiert, die Haut der Eichel so verdickt, dass die Männer kaum noch etwas spüren.
"Vermehrte Ausdauer" ist ein beschönigender Begriff dafür, dass der Mann dann länger *muss* - nicht *kann*.
Vergleiche hierzu auch die beiden angeführten Studien Sorrells et al und Frisch et al.
Zuguterletzt:
Laut einer sehr aktuellen Schmerzstudie der Universität Oxford hat sich unter einem MRI-Scan gezeigt, dass Säuglinge bis zu 4x sensitiver auf Schmerzreize reagieren als Erwachsene.
Sie haben auch eine wesentlich geringere Schmerzschwelle als Erwachsene.
Es reicht bei Babies kein "penile Block" - der wirkt nicht. Eine örtliche Betäubung mit EMLA *kann* allenfalls oberflächlich wirken, zudem ist EMLA nicht für die Anwendung an Schleimhäuten zugelassen.
Der Artikel ist vielleicht von Interesse:
http://www.ox.ac.uk/news/2015-04-21-babies-feel-pain-adults
Ich weiß, dass meine Kritik harsch ist, aber das Urologenportal ist weitflächig bekannt und Fehlinformationen hier sind fatal - wenn jemand in die Beschneidung gedrängt wird der hinterher erst feststellt, dass die Versprechungen des Portals zum Teil auf Fehlinformationen, zum Teil aber auch leider auf geschickter Rhetorik aufgebaut sind. Das ist auch keine vollständige Liste der problematischen Teile auf dem Portal, ich habe die weniger wichtigen Dinge ausgeblendet.
Eine einmal abgetrennte Vorhaut ist abgetrennt - und kann auch mit Vorhautwiederherstellung (die inzwischen von einer stark wachsenden Gruppe beschnittener Männer betrieben wird - wie kann das sein, wenn doch "keine Auswirkungen auf das Liebesleben" folgen?) nicht ersetzt werden.
Ich bitte Sie daher, die Informationen auf dem Urologenportal noch einmal zu überarbeiten. Sie entsprechend nicht dem medizinischen Standard, und das sollte man doch bei einem offiziellen Portal erwarten können.
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Mit freundlichen Grüßen
Kerstin Ludwig