Beiträge von Sokrates

    Fairerweise muss man aber auch anmerken, dass sich die Terre de Femmes immer wieder klar gegen die Beschneidung von männlichen Kindern positioniert hat.

    Das muss man schon anerkennen, gerade auch vor dem Hintergrund, dass es sich bei Terre de Femmes explizit um eine Frauenrechtsorganisation handelt.

    Hier ist das Video zur Phimose.

    Es ist meiner persönlichen Ansicht nach auch problematisch.

    Das Video ist natürlich sehr kurz.

    Das Hauptproblem ist, dass zu wenig auf die Unterscheidung zwischen entwicklungsbedingter Nicht-Zurückziehbarkeit (physiologischer Phimose) und behandlungsbedürftigen Phimose eingegangen wird.

    Es wird zwar gleich zu Beginn erwähnt, dass eine Phimose auch im Rahmen der Entwicklung bestehen kann (was positiv ist). Aber die genaue Unterscheidung fehlt.

    In der typischen Zielgruppe dieser Videomacher, sagen wir 12 oder 13-Jährige, wird es noch viele Junge geben, die ihre Vorhaut noch nicht komplett hinter die Eichel zurückziehen können und noch eine entwicklungsbedingte (physiologische) Phimose haben. Diese Jungen werden dann durch solch ein Video verunsichert.

    Kommt es bei einer Teilbeschneidung oder Tripe Incision erneut zu Verengung, wird eine zweite OP fällig. Und dann bleiben die Urologen auf diesen doppelten OP-Kosten zusätzlichen sitzen. Daher empfehlen die meisten Urologen gleich eine komplett Beschneidung.


    Ist das wirklich so? Ich hätte jetzt angenommen, dass diese Kosten für eine zweite Operation dann auch von den Krankenkassen übernommen werden. Also umsonst wird wohl kein Arzt operieren.

    Der Culture-Clash-Film "Familie ist ein Fest" war hier schon mal Thema im Forum. Ich habe mir den Film angesehen, weil ich wissen, wie dieser Konflikt gelöst wird. Ich bin noch ganz aufgeregt, während ich das hier schreibe. Es ist schlimmer als ich es mir hätte ausmalen könnte. Dieser Film stellt erwartungsgemäß nicht nur das ernste Thema der religiösen Beschneidung nicht-einwilligungsfähiger Kinder verharmlosend dar, nein, er verbreitet auch noch reinste Fehlinformationen zur Phimose und medizinischen Beschneidungen entgegen der Leitlinie und der medizinischen Fachliteratur.

    Denn als eine Art "Plotwist" muss der Sohn dann noch im Babyalter wegen medizinischen Gründen beschnitten werden. Und was der Film den Zuschauer als Begründung für diese medizinische Beschneidung präsentiert, ist einfach nur Unsinn:

    Das Baby hat eine entwicklungsbedingte, physiologische "Phimose", die dann einen Harnwegsinfekt verursacht haben soll.

    Die entscheidende Szene ist relativ kurz (sie dauert nur 30 Sekunden) - Sie enthält aber eine Vielzahl von expliziten und impliziten medizinischen Fehlinformationen, dass es sehr viel Text braucht, um sie zu erklären und zu benötigen:


    https://www.ardmediathek.de/video/filme-im…JiYzE3MjEwMTY4/


    Zunächst wird fälschlicherweise suggeriert, dass eine entwicklungsbedingte Phimose ein krankhafter, abnormaler Zustand sei.

    Dabei ist eine Phimose im Sinne einer – nicht-narbigen – nicht-zurückziehbare Vorhaut bekannterweise vollständig normaler, natürlicher Entwicklungszustand: Die Vorhaut ist bei der Geburt mit der darunter liegenden Eichel fest verklebt und darüber hinaus verengt. So ist die Eichel vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt. Sie ist im Alter des Film-Jungen (Säuglingsalter) auch noch der absolute Regelfall und besteht bei praktisch allen Jungen diesen Alters.

    Zwar könnte es sich bei der genannten Phimose rein theoretisch auch um eine durch Vernarbungen ausgelöste sekundäre Phimose handeln, die dann natürlich nicht mehr normal wäre. Die Formulierung "das sich das auch von alleine wieder gibt" legt allerdings nahe, dass es sich wohl um eine physiologische Phimose handeln muss. Gleichzeitig implizieren die Wortwahl "gibt sich von allein" und die Erwähnung des Kinderarztes, dass es sich dabei irgendwie um eine Krankheit handelt. Eine Krankheit, die vielleicht von allein wieder verschwindet, aber halt immer noch um einen abnormalen Zustand.

    Nicht nur wird die physiologische Phimose als vermeintliche Abnormalität charakterisiert, es wird auch unsinnigerweise noch behauptet, dass sie Harnwegsinfekte verursachen könne.

    Zwar können Harnwegsinfekte auch bei Kindern mit physiologischer Phimose auftreten. Aber eine physiologische Phimose verursacht deshalb noch lange keine Harnwegsinfekte.

    In den wenigen Sekunden beschreibt der Film damit eine Krankheitsgeschichte, die sämtliche Klischees zur Phimose und Fehlvorstellungen über die normale männliche Anatomie beschwört (wenn er sie auch nicht offen benennt): Eine Zurückziehbarkeit der Vorhaut sei selbst im Säuglingsalter die Norm und überdies für die optimale Genitalhygiene notwendig; eine verengte bzw. nicht-zurückziehbare verengte Vorhaut ist ganz generell ein abnormaler Zustand, der sich (vielleicht) von selbst wieder "heilt", aber die Hygiene einschränkt und so Infektionen hervorrufen kann.

    Zu guter letzt wird entgegen den aktuellen Leitlinien eine einmalige Harnwegsinfektion als Indikation zur Beschneidung beschrieben.

    Zwar wird in der Phimose-Leitlinie tatsächlich eine Beschneidung im Verbund mit Harnwegsinfekten empfohlen. Allerdings nur bei rezividierenden (wiederkehrenden) Harnwegsinfekten und bei bestimmten Fehlbildungen des Harntrakten.

    Empfehlung 8:
    Bei Jungen, die rezidivierende Harnwegsinfekte und eine höhergradige angeborene
    Anomalie des harnableitenden Systems aufweisen, kann die Zirkumzision als
    prophylaktische Maßnahme sinnvoll sein. (starker Konsens)

    Ich halte es für recht wahrscheinlich das es heute immer noch Ärzte und Eltern gibt die Sexualfeindlich eingestellt sind.

    Der Kinderpsychologe Michael Winterhoff ist dafür bekannt das er Bundesweit von ihm betreute Kinder mit starken Beruhigungsmitteln ruhigstellen lässt.

    In der Dokumentation "Warum Kinder keine Tyrannen sind" berichten Männer auch davon das ihre Genitalien von Winterhoff untersucht worden sind.


    Dass Winterhoffs Behandlungspraktiken skandalös sind, sollte klar sein.

    Aber was das jetzt mit "Sexualfeindlichkeit" zu tun hat, erschließt sich mir jetzt nicht.

    Zitat


    In der Vergangenheit wurde wiederholt postuliert, dass eine Zirkumzision zu psychologischen Folgeschäden und sexuellen Funktionsstörungen führen kann [112]. Eine aktuelle Metaanalyse zeichnet jedoch ein anderes Bild: Sexuelle Funktion, Empfindung, Befriedigung und Genuss werden nicht beeinträchtigt [75].

    Es ist mir ehrlich gesagt unerklärlich, warum in einem Beitrag, der sich mit der Anästhesie befasst, solch eine Beschneidungsverharmlosung enthalten muss.

    Ist das Thema dieses Artikels die Geschichte der Anästhesie oder die Harmlosigkeit der Beschneidung?!

    Es ist kein Geheimnis, dass in den 70ern und 80ern Ärzte die Beschneidung als Mittel gegen die Ausbildung von sexuellen Fantasien sowie gegen 'exzessive Masturbation' empfohlen haben.


    Das ist wirklich extrem heftig - noch in den 1970ern und 1980ern? Also medizinwissenschaftlicher Mainstream war diese Haltung damals ganz gewiss nicht mehr.

    Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er herrschte eine in der Gesellschaft und unter medizinischen Autoritären weitverbreitete "Masturbationsphobie". Letzere war auch eine der treibenden Kräfte für die breite Akzeptanz der routinemäßigen Beschneidung von Jungen und Babys in den angelsächsischen Ländern.

    Aber in den 1970ern und 1980ern?!?!

    Das schließt natürlich nicht aus, dass damals masturbationsfeindliche Einstellungen in Teilen der Gesellschaft noch überdauert hatten und es willige Ärzte gab, die solchen Elternwünschen nachkamen.

    Es ist aber bereits ein Fortschritt, dass dieses Problem der unnötigen bzw. fehlindizierten medizinische Beschneidungen überhaupt auch seitens der Fachwelt anerkannt wird.

    Auch wenn in der gesamten Öffentlichkeit das Bewusstsein für dieses Problem natürlich immer noch erschreckend gering ist.

    Noch in der "Beschneidungsdebatte" anno 2012 drehte sich alles nur um die religiös-motivierte Beschneidung und die Debatte um die Beschneidung wurde so zu einem kulturellem Konflikt verkürzt.

    Diese Frage, warum in Deutschland so viele Jungen unnötig aus vermeintlich medizinischen Gründen beschnitten wurden, wurde hier im Forum vermutlich schon häufig diskutiert.

    Ein Faktor, der dabei zu kurz kam (wenn er auch indirekt immer thematisiert wurde), ist der Einfluss des Gesundheitssystems - dessen Aufbau, Strukturen und Vergütungssystem.

    Das ist übrigens auch eine der Gründe (neben anderen etablierten Behandlungsstandards, Unterschieden in der Ärzte-Ausbildung, größerer Skepsis gegenüber Beschneidungen in der Bevölkerung) auf die hier im Forum auch schon öfters diskutierte Frage, warum die Rate der medizinisch indizierten Beschneidungen in anderen Ländern so viel niedriger ist oder war als in Deutschland - ein anderes Gesundheitssystem.

    Ich wollte da auch schon länger einen Beitrag verfassen - aber wie vieles, was ich mir vornehme, habe ich es nicht geschafft.

    Und falls wir ein Gesundheitssystem haben, das (pseudo)-medizinische Beschneidungen an Jungen begünstigt, dann stehen wir vor einem großen Problem.

    Ach, du kennst diese interessante Studie? Und hast sie uns vorenthalten?Und jetzt habe ich gepennt? ?

    Entschuldigung. Das war kein persönlicher Angriff oder Vorwurf gegen dich. Es war ja einfach eine ernst gemeinte Frage. Es kann ja sein, dass man etwas übersieht.


    Und der Grund, warum ich über die Studie hier nicht berichtet habe, lag einfach daran, weil sich die Studie nur mit den Vorhautoperationen beschäftigt, die stationär an Krankenhäusern vorgenommen werden.