Beiträge von ryszard


    Hallo in die Runde! 
    Stigmatisierung in Gottes Namen.

    Die leidenschaftliche Diskussion über die Relevanz von religiösen Ritualen in der modernen Gesellschaft hat mich in ihren Bann gezogen. Anfang der 1990er Jahre war ich Zeuge einer Beschneidungszeremonie (Türkisch Sünnet) und habe mir darüber ein paar Gedanken gemacht mit dem Fazit, dass nicht alles, was exotisch ist, auch faszinierend sein muss.
    Um sich für eine polnische Geburtstagsparty zu revanchieren, lud unser Arbeitskollege Ali mich und zwei andere Polen zu einer „Initiations-Zeremonie“ nach Duisburg-Marxloh ein, die wir lange nicht vergessen sollten. Da wir relativ wenig mit religiösen Bräuchen im Islam vertraut waren, aber ein ehrliches Interesse daran hatten, kam uns die Einladung sehr entgegen.
    Heute sehe ich eine solche physische Initiation von Kindern in eine Machokultur kritischer als damals. Drei Sachen sind uns aufgefallen: die köstlichen türkischen Süßigkeiten, die absolut ungenießbare türkische Musik und die patriarchalistischen sozialen Strukturen in türkischen „Enklaven“ (zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass der Islam als solcher eine perfekte männliche Subkultur darstellt).
    Die kitschige Mischung aus Folklore und Religion, die dort geboten wurde, kennt jeder Pole aus eigener Erfahrung, die man ohne Einsatz von Alkohol nur schlecht verträgt. Da der Alkohol keine türkische Spezialität ist, waren wir mit der kulturellen Annährung nach ca. einer Stunde fertig und kamen nüchtern in die vertraute deutsche Wirklichkeit zurück.
    Obwohl der polnische Katholizismus nicht den Ruf hat, eine feministische Organisation zu sein, kannten wir keine vergleichbare Idealisierung und Ideologisierung der männlichen Sexualität seitens der Religion. Man muss auch erwähnen, dass die osteuropäischen Frauen ihre gute soziale Position dem politischem System und nicht feministischen Tendenzen in der katholischen Kirche verdanken, die zu sehr damit beschäftig war, sich selber in der sozialistischen Wirklichkeit zu behaupten.
    Für die Radikalität eines Beschneidungsrituals ist es schwer, eine Parallele zu finden, und der einzige respektable Vergleich wäre die Erste Kommunion, die alle „katholischen“ Kinder zwischen 8 und 10 Jahren absolvieren müssen. Schlicht bekleidet in Weiß und Schwarz, ohne Geschlechtertrennung haben wir diesen Tag richtig genossen und zwar ohne Angst um unsere Genitalien, unter Tränen unserer Mütter und ohne die religiöse Symbolik richtig verstanden zu haben, was ohnehin niemand von uns verlangte. Das Thema des Tages waren nicht die Religion oder die Tradition, sondern die mit Spannung erwarteten Geschenke.
    Beschneidung ist definitiv etwas anderes. Der nach der Heirat und dem Wehrdienst drittwichtigste Tag im Leben eines Moslems hat mehr von einem Drama als von einem fröhlichen Erlebnis. Die als orientalische Prinzen verkleideten Knaben sollen zu Männern werden, indem sie einer drakonischen Mutprobe unterworfen waren einen sinnlosen Schmerz ertragen müssen.Männer zu werden ohne für mehrere Tagen in den Wald zu gehen, ein wildes Tier zu töten, zu fasten oder wenigstens etwas zu lernen wie bei der Initiation von indischen Brahmanen, kann keine richtige Initiation sein. Initiationsrituale bei Kulturvölkern und Gesellschaften waren immer mit einer Leistung verbunden, die jeder Neuling erbringen musste. Auch die säkulare Moderne hat ihre Initiationszeremonie entwickelt, als Einführung in das Erwachsen-Sein in aufgeklärten Gesellschaft in Form einer Reifeprüfung bzw. Abitur oder auch zusätzlich in Form der Jugendweihe. 
    Die zukünftige Aufgabe eines Kindes im Gemeinschaftsleben bloß auf seine Sexualität zu reduzieren ist eine Trivialisierung des Lebens und „Animalisierung“ der Kultur. Im zurückgebliebenen, archaischen Monotheismus nennt man diese Einschränkung Tradition. Arthur L. Basham beschreibt in seinem Werk über Indien die Initiationszeremonie bei den Brahmanen als frei von sexueller Symbolik. „Man hat die Initiation von Neulingen (auch Mädchen) niemals als Bereitschaft bzw. Reife zum Sexualleben verstanden wie das bei primitiven Völkern der Fall war.“ ***
    „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher“, sagte einmal Albert Einstein. Es ist zwar nicht bekannt , wessen Dummheit ihn zu einem solchen Fazit inspiriert hat, aber eine Tatsache ist, dass dererste direkte Kontakt mit dem Phänomen der menschlicher Dummheit meistens im eigenen Umfeld erlebt wird.
    Während der Okkupation in Polen sagte man, dass die Nazis auf den Davidstern am Arm wohl hätten verzichten können, wenn die Kontrolle der Genitalien nicht so unanständig wäre. Damit ist die sehr oft verhängnisvolle Stigmatisierung von jüdischen Kindern im Holocaust gemeint. Trotz der Gefahr entdeckt zu werden, haben jüdische Eltern auf ihre wunderbare Tradition nicht verzichtet. Es gibt mehr oder wenige harmlose religiöse Rituale. Verstümmelung von Neugeborenen ist wohl die dümmste.
    Eine Beschneidung von Neugeborenen ist eine perfide Vor-Indoktrinationstufe im Judentum. Es ist ein evidenter Besitz- und Ausschließlichkeitsanspruch auf das Leben durch eine unverschämte und obskure Reservierungsart. Wie eine religiöse Strategie der wahnsinnigen Abrahamiten funktioniert, zeigt ihre Phobie gegen die Abortion (Abtreibung). Sie „rekrutieren“ ihren „Nachwuchs“ aus dem Jenseits mit der Überzeugung, dass eine 24 Stunden alte Zygote (Verschmelzung von zwei Geschlechtszellen) ein von Gott geschütztes Menschenleben ist. Gleich aber nach der Geburt verliert das Menschenkind den Schutz und die Aufmerksamkeit der Gottesdiener und muss vom säkularen Staat und der Gesellschaft vor deren Missbrauch geschützt werden. Noch ein ähnlicher Fall ist bekannt für väterliche Sorge, bevor man geopfert wird: der Todeskandidat. Gegenüber dem Irrationalismus, für die Rechte der Ungeborenen zu kämpfen und die der Geborenen zu missachten, hat die Realität der säkularen Gesellschaft den religiösen Kräften bislang eine zu große Freiheit gestattet. 
    Das säkulare Grundprinzip, das eindeutig die Religionsfreiheit dem Staatsgesetz unterordnet, scheint in Deutschland zu wackeln. Der alte Konflikt zwischen Logos und Mythos wurde zu neuem Leben erweckt. Die sehr schwach bzw. einseitig zugunsten des Religiösen ausgeübte weltanschauliche Neutralität des deutschen Staates sucht hektisch nach Möglichkeiten dafür, das Irrationale im öffentlichen Leben zu legitimieren und aufzuwerten. Das ist nicht nur ein peinlicher Skandal; es ist alarmierend für alle aufgeklärten Kräfte und rational denkenden Humanisten in diesem Land, wenn ein Politiker wie Volker Beck im Bundestag die Bibel zitiert (um die barbarische Beschneidung zu rechtfertigen) als wäre er auf einem vatikanischen Konzil.
    Die Absurdität von religiösen Bräuchen fasste Voltaire folgendermaßen zusammen: „Sie dürfte das Wesens der Gottesverehrung nicht in eitlen Zeremonien sehen, etwa darin, daß man sich in den Mund spuckt; sich die Vorhaut beschneidet oder sich einen Hoden abschneidet; denn man kann doch alle Pflichten gegenüber der Gesellschaft auch mit zwei Hoden und mit unverletzten Vorhaut erfüllen und ohne sich in den Mund zu spucken“……



    Ryszard kotonski