Beiträge von Joeye

    Das gewaltsame Zurückziehen der kindlichen Vorhaut z.B. durch Eltern oder Ärzte. Zumal in einem Alter, in dem die Vorhaut noch natürlich verengt ist, siehe dazu z.B.
    http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/medizinis…er-vorhaut.html

    Eigentlich hat sich niemand an der Vorhaut eines Jungen zu schaffen zu machen. Es sei denn, es bestehen gefährliche entzündliche oder schmerzhafte Erkrankungen. Diese werden aber in den meisten Fällen eben erst durch die gewaltsamen Rückziehversuche ausgelöst. Wer so vorgeht, und dann schließlich nach dem Skalpell ruft, arbeitet absichtsvoll an einer "self-fulfilling prophecy", die im Grunde alles andere als "self-fulfilling" ist.

    "Enttäuschte Liebe"? ... Nun ich würde mal sagen, der Vergleich hinkt nicht, er sitzt auch nicht im Rollstuhl, sondern er liegt klinisch tot auf der Intensivstation. "Fassungslosigkeit und Entsetzen" würde es bei mir sehr viel treffender beschreiben. Ausserdem habe ich die Grünen nicht 20 Jahre "geliebt" sondern sie "gewählt", und zwar aus Überzeugung.

    Nach dem was die Fraktion am 12.12.12 allerdings abgeliefert hat, muss ich mich doch fragen: Was gibt es denn "Schlimmeres" als in einer Legislaturperiode mitverantwortlich für gleich zwei Gesetze zu sein, die verfassungswidrig sind - und zwar nicht an irgendeiner Stelle der Verfassung, sondern in bezug auf Artikel 2 und 3?

    OK, aktive Beteiligung an einem Krieg, die komplette Abschaffung unseres Sozialsystems oder der Bau von einem Dutzend neuer Kernkraftwerke vielleicht. Mussten die Grünen solches aktuell verhindern? Nein! Hätten Sie die Chance gehabt, eine bessere Lösung im Beschneidungskonflikt zu erarbeiten und vorzuschlagen als 1631d, und sich somit positiv von den anderen Parteien im BT abzuheben? JA!

    Wo ist sie denn, die "gute Arbeit der Basis" wenn es um den Schutz der Kinder vor Verletzung ihrer körperlichen und seelischen Integrität geht, um ihre sexuelle Selbstbestimmung? Ich erwarte ja nicht, dass gleich Farbbeutel fliegen - obwohl ein Loch im Trommelfell in der Regel von alleine zu- aber eine Vorhaut eben nun mal nicht mehr nachwächst. Dennoch kam mir angesichts der Offensichtlichkeit des Verfassungsbruchs alles doch verdächtig harmonisch vor bei den Grünen in letzter Zeit. Mal von der Causa Dunkel abgesehen.

    Im Übrigen: Man "mixt" auch nicht hier ein bisschen Menschenrechtsverletzung in ganz viel zukunftsweisende Energiepolitik und da ein bisschen Menschenrechtsverletzung in ganz viel gerechte Sozialpoltitik und dort ein bisschen Menschenrechtsverletzung in eine klügere Wirtschaftspolitik. Und darf anschließend erwarten, dass das was dabei herauskommt, auch noch kritiklos als das beste politische "Substrat" gelobt wird, das man im deutschen politischen Spektrum bekommen kann. Das mag bei anderen funktionieren, bei mir allerdings nicht. Mich erinnert das nämlich an einen alten Scherz von Elke Heidenreich: "Wohin mit dem Atommüll? Ist doch kein Problem: Wenn montags bei mir die rote Tonne geleert wird, habe ich immer noch ein bisschen Platz".

    Dass in der Poltitik Fehlentscheidungen getroffen werden bei überaus komplexen wirtschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Fragestellungen ... kann passieren! Dass Geld zum Fenster rausgeworfen wird für überdimensionierte Infrastrukturprojekte, für unsinnige Technologien oder zur Rettung von Banken ... sehr ärgerlich, aber bitteschön, irgendwem wird‘s schon nutzen!

    Doch dass der Hälfte der Bevölkerung das Recht aberkannt wird, mit intakten Genitalien aufzuwachsen - nämlich der männlichen Hälfte - diese Verachtung, diese Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit, die solch einer Politik innewohnt, ist weder mit irgendeiner technischen Komplexität noch mit einem schwierigen Interessenkonflikt zu erklären. Sondern einzig und alleine mit einer falsch verstandenen Staaträson, die so mir nichts dir nichts die genitale Integrität des männlichen Kindes zu opfern bereit ist, wenn nur das lästige und unangenehme Thema dafür schnell wieder vom Tisch verschwindet.

    Nochmals: Es geht nicht um "Liebe" oder "Hass", sondern um Wählbarkeit. Und dieses mal wähle ich die Grünen nicht. Sollte ich das Gefühl haben, dass die Basis wieder stärker hör- und spürbar wird und die gesamte Partei wieder mutiger, ändere ich das gerne.

    Und: Volker Beck als menschenrechtspolitischer Sprecher ist wirklich ein schlechter Scherz. Die Verachtung, die er für Kritiker und Betroffene (wie auch mich) im letzten Jahr auf seiner Diskussions-Plattform "Beckstage" übrig hatte, war unterirdisch.

    Das Thema, "wo genau nun die WHO was genau empfiehlt" kam im letzten Jahr schon auf der Website der Grünenpolitikerin Kerstin Andreae auf. Leider wurde diese Diskussionsseite offline genommen.
    Ich zitiere aber hier mal einen damaligen Beitrag von mir. Auslöser war, dass da auch jemand mit einer "Broschüre wedelte" und meinte "die WHO empfehle ausdrücklich die Beschneidung von Kindern zur HIV Prophylaxe". Putzke hatte das ja schon in TV-Diskussionen verneint. Zur Recht, wie ich meine.


    Zitat

    [...] auch in dem schönen Traktätchen der WHO, das Sie uns da verlinkt haben, wird an keiner Stelle eine ausdrückliche medizinische Empfehlung gegeben, Neugeborene oder Kleinkinder zu beschneiden. Es handelt sich um ein reines Strategiepapier und nicht um eine medizinische Informationsschrift, Richtlinie oder Empfehlung. Auf Seite 8 der Broschüre wird allerdings auf die „Montreux Recommendations“ von 2007 verwiesen. Die Quelle im Detail:

    WHO, UNAIDS (2007). New data on male circumcision and HIV prevention: policy and programme implications:WHO/UNAIDS Technical Consultation, Male Circumcision and HIV Prevention: Research Implications for Policy and Programming, Montreux, 6–8 March 2007: conclusions and recommendations. Geneva, World Health Organization (available from: http://data.unaids.org/pub/Report/200…ndations_en.pdf, accessed 11 March 2008 ).

    Dieses Dokument ist die Empfehlung, auf die sich alle beziehen, Befürworter wie Gegner der Beschneidung. NICHT die von Ihnen zitierte Broschüre! In der Empfehlung sind zwei Formulierungen immer wieder anzutreffen „informed consent“ und „absence of coercion“ (Recommendations 5.1 & 5.2). Genau diese beiden Aspekte führen ja auch die Gegner immer an: Beschneidung darf keine ZWANGSbeschneidung sein. Der Betroffenen muss zuvor gründlich informiert werden, um die Risiken zu kennen und dann der Prozedur entweder selbst zuzustimmen oder sie auch abzulehnen. Und wenn es um neonatale Zirkumzision geht, wird in der WHO Empfehlung auf die Eltern verwiesen: Diese müssten Nutzen und Risiken kennen und selber entscheiden, was das Beste für ihr Kind ist (Recommendation 5.2). Und ob nun Eltern überhaupt darüber bestimmen dürfen, dass ihren Kindern die Vorhaut entfernt wird, ist Gegenstand der aktuellen Diskussion. In dieser Sache gibt die WHO keine „Empfehlung“.

    Mit anderen Worten: Die WHO empfiehlt die kindliche Zwangsbeschneidung NICHT ausdrücklich. Wohl aber empfiehlt sie ausdrücklich die Beschneidung von heterosexuellen Männern zur HIV Prävention (Recommendations 1.1. & 1.2). Putzke hatte also Recht..

    Es wird hoch Zeit, dass man dem Großteil der Grünen Parlamentarier ihr pervertiertes Kindeswohlverständnis um die Ohren haut. Ich schäme mich, diese Partei so lange unterstützt zu haben. Beck ist mittlerweile Grund für mich wegzuschalten, wenn er auf der Mattscheibe erscheint. Er ist nicht nur als menschenrechtspolitischer Sprecher untragbar sondern wahrlich unerträglich. So wie Roth, Andreae, Künast, Göring-Eckardt, Montag und viele andere mehr.

    Ja, lieber Herr Käppner: Ich war mit 7 Jahren dann auch den Egoismus und mein Einzelinteresse an meiner Vorhaut leid und habe sie der Allgemeinheit gespendet. Vielleicht hat ja auch Ihre geschätzte Gattin etwas davon abbekommen und sich einen Teil davon ins Gesicht geschmiert. Kinder halten eben jung. :D

    Bitte Käppner nicht vergessen, der sich zwei Tage nach der Pressekonferenz der Deutschen Kinderhilfe mit Eran Sadeh (!) am 12.9.2012 zu untenstehendem Kommentar verstieg.

    Da wir die SZ seit mehr als zwei Jahrzehnten abonniert haben, und ich im letzten Jahr die Einseitigkeit der Artikel in der Printausgabe (*) irgendwann nicht mehr hinnehmen und meinen Lebensgefährten zur FAZ überreden wollte, hing bei uns erst mal der Haussegen schief. Der Artikel von Merkel hat dann so manches gerettet - unter anderem eben auch unsere Beziehung incl. SZ Abo. ;)

    (*) wenn ich mich nicht sehr täusche, waren die Artikel und Kommentare von Schulte von Drach nur in der Online Ausgabe zu lesen.

    Zitat von Joachim Käppner, SZ vom 14.9.2012

    Wer solche Freunde hat

    Vielen jüdischen Deutschen mag die Beschneidungsdebatte so erscheinen, als hebe der Antisemitismus unter einem Vorwand wieder sein hässliches Haupt. Aber jene, die den Juden nun so zusetzen, all die Kinderschützer und Ärztesprecher und sonstigen Tugendwarte, tun dies mit besten Absichten. Nicht am alten germanischen Unwesen, an der neuen deutschen Besserwisserei soll die Welt genesen. Jeder der Beteiligten würde den Verdacht, Juden feindlich gesonnen zu sein, empört von sich weisen. Nur: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

    Sie haben keinerlei Gespür dafür, was sie anrichten, welch niederträchtige Untertöne die Debatte hat, wie gruselig deutsche Verbandsmenschen wirken, die über jüdisches Leben Gericht halten, als sei man gerade hierzulande berufen, den Juden das wahre Licht zu bringen. Was sich hier zeigt, ist der für diese Jahre so typische Egoismus von Einzelinteressen, der nichts mehr zur Kenntnis nimmt außer seinen eigenen Anliegen.

    Daher ist es richtig, dass prominente Politiker sich hinter die Juden und Muslime stellen. Und es ist zu hoffen, dass nichts aus dem runden Tisch wird, den die Verbände jetzt fordern. Er wäre bloß ein Forum der Selbstgerechten. Für deren moralischen Furor gäbe es übrigens geeignetere Betätigungsfelder: die Nazivergangenheit ihrer eigenen Berufsgruppen zum Beispiel.

    Liebes Kinderlachen,

    es sind Mitteilungen wie Deine, die mich jeden Tag ein Stückchen mehr hoffen lassen.
    Vielen Dank und herzlich willkommen!

    So eine Antwort habe ich in einem ganzen Jahr nicht von einem deutschen Politiker bekommen, so sehr ich sie mir auch gewünscht habe. Danke Herr Baumann!

    Meine Antwort:

    FYI

    Meine folgende Reaktion mag inhaltlich vielleicht besser in einem anderen Thread aufgehoben sein. Aber sie ist das direkte Ergebnis der Betrachtung des obigen Bildes:
    Die visuelle und sprachliche Deutlichkeit der Botschaft in diesem Bild entspricht absolut meiner Gefühlslage als Betroffener. Mein Eindruck ist, dass es jetzt ohne diese Schärfe in der Auseinandersetzung nicht mehr geht.

    Ein Angebot zum Dialog in Form eines runden Tisches und auf dem Hintergrund eines Moratoriums (währenddessen die Beschneidung in Analogie zu § 218a StGB als tatbestandslos hätte definiert werden können) wurde von der Politik und den Religionsgemeinschaften ausgeschlagen. Dennoch wurden alle Pro und Contra Argumente ausgetauscht, aber aufgrund des ungeheuren Drucks durch Letztere eben in einem quasi "adiabatischen Prozess". Seehofers Forderung nach "Erlaubnis der Beschneidung von Jungen ohne wenn und aber" - also auch aus jedem beliebigen Grund - wurde erfüllt. Mit einem wohl verfassungswidrigen Eilgesetz überfährt die Politik die mehrheitlich kritische Gesellschaft, hört dabei negativ Betroffene nicht an, und schilt Meinungsgegener pauschal des Antisemitismus.

    Auf diesem Hintergrund wirkt die Einladung des Bundesforums Männer zu einer Dialogtagung zum Thema Beschneidung von Jungen auf mich zunächst einmal befremdlich, wenn die Teilnehmer zu Folgendem aufgefordert werden:

    Zitat

    Eine Lernende Haltung: Nicht als Wissende auftreten und Interesse an neuen Sichtweisen zeigen, die tradierte Denkmuster in Frage stellen.
    Radikaler Respekt: Die Gesprächs-partner_innen in ihrem ‚So-sein‘ akzeptieren und versuchen, sie aus ihrer Perspektive zu sehen.
    Von Herzen sprechen: Das sagen, was mir wirklich wichtig ist und auf Belehrungen verzichten.
    Aktiv und empathisch zuhören: Durch innere Teilnahme einen Raum schaffen, in dem die oder der Sprechende sich entdecken kann.
    Reaktionen in der Schwebe halten: Sich die eigenen Annahmen und Bewertungen bewusst machen und von Beobachtungen unterscheiden.


    Ich habe dreimal das Datum der Veranstaltung geprüft - ja, dort steht 2013, nicht 2012. Nun nach Implementierung des Unrechtsparagraphen soll also wieder ein Dialog stattfinden. Mit welchem Ziel denn? Ich bin gespannt auf die Ergebnisse und Berichte von dieser Tagung.

    In einem Kommentar zur Satire "Should I have my baby girl mastectomi[z]ed?" lese ich in der Zwischenzeit folgende klugen Worte einer Seelenverwandten:

    Zitat

    RapeOfInnocence schreibt:
    YOU are very sweet in your approach, but he obviously holds a lot of venom. He is bitter, angry and he wields his words like knives. But when it comes to circumcision, I appreciate someone cutting away ignorance with sharp words.


    Ich halte es in der Tat lieber mit Stéphane Hessel, der den Bürgern als Reaktion auf eine irrlichternde Politik aufgab: Empört Euch!
    Wir müssen Widerstand leisten, indem wir unbequemer Stachel sind. Wir müssen die Wahrheit so beschreiben, wie sie ist: drastisch. Und Bilder wie obiges entsprechen genau diesem Ansatz.

    Mit dem Begriff "intakt" bin ich auch eher zurückhaltend. Ich muss einem Beschnittenen nicht indirekt mitteilen, er sei nicht intakt. Sollte er sich nicht intakt fühlen, würde ich versuchen, ihn dabei zu unterstützen, dieses Gefühl zu überwinden.

    Nein, Lutz, da bin ich ganz entschieden anderer Meinung als Du!

    Ich würde da zum Abschluss gerne Harald Stücker zitieren, der auf seinem Blog die m.E. besten Beiträge überhaupt zum Thema verfasst hat, die im deutschsprachigen Raum verfügbar sind (abgesehen wohl von den juristischen Beiträgen Putzkes, Herzbergs und natürlich R. Merkels).

    Ein Leser "human" schreibt auf Stückers Beitrag
    http://evidentist.wordpress.com/2012/09/11/bes…z-und-sexismus/
    in einem Kommentar:

    Zitat

    Dieser Artikel ist ein Schlag ins Gesicht aller – freiwillig oder unfreiwillig – Beschnittenen weil er ihnen suggeriert das ihnen etwas an Lebensqualität, Empfindsamkeit oder Vollständigkeit fehlen müsse. Plötzlich werden wir zu “Opfern” erklärt.

    Stücker erwidert

    Zitat

    [...] ich [sehe] nicht, wie wir gegen Beschneidung argumentieren können, ohne dass unfreiwillig beschnittene Männer das Gefühl bekommen, dass ihnen ein Unrecht geschehen ist.

    Und weiter

    Zitat

    ich kann Ihren Ärger sehr gut verstehen. Ich, und mit mir sicher viele andere, die sich zu diesem Thema mit der Intention äußern, die Beschneidungstradition zu schwächen und zurückzudrängen, würde das gern so machen, dass beschnittene Männer in ihren Gefühlen nicht verletzt werden. Sagen Sie mir, wie ich das machen soll! Ich meine das im Ernst! Sie schreiben, Sie seien generell auch für ein Beschneidungsverbot. Warum denn? Haben Sie auch den Eindruck, dass es ein Unrecht ist, kleine, nicht einwilligungsfähige Kinder irreversibel zu, na sagen wir: verändern? Sind Sie aber dann nicht auch der Meinung, dass Ihnen ein Unrecht geschehen ist?

    Die Forderung nach Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen gilt zudem nicht nur für beschnittene Männer. Sie müsste natürlich genauso für beschnittene Frauen gelten! Auch der Kampf gegen FGM steht vor diesem Problem, nämlich dass Menschen sich nicht gern als Opfer sehen, wenn ihnen subjektiv doch nichts fehlt. Wenn Sie in Somalia durch die Straßen laufen, werden Sie viele lebenslustige, lachende und unbeschwerte Frauen sehen können, die allesamt an ihren Genitalien verstümmelt wurden. Aber auch wenn Menschen mit so etwas fertig werden können, bleibt es doch eine nicht hinnehmbare Verletzung ihrer Menschenrechte.

    Es ist ein Teufelskreis: Ohne die psychologischen Mechanismen der Verdrängung, der Solidarisierung der Opfer mit dem Täter (insbesondere, wenn es die eigenen Eltern sind), der Einstellung des “Mir hat es ja letztlich auch nicht geschadet”, ohne all dies könnte es Traditionen der Kindesmisshandlung doch gar nicht geben! Irgendwann werden die Kinder erwachsen und geben die Tradition weiter: Sie halten dann ihre eigenen schreienden Kinder fest oder schauen zumindest tatenlos zu, wie sich die Geschichte wiederholt. Inzwischen haben sie ihre Rationalisierungen verinnerlicht, die sie das aushalten lassen. Im Westen, in den USA, ist es das medizinisch-hygienisch-ästhetische Mantra, in Afrika ist es die Angst, dass die Tochter niemals einen Mann finden wird, wenn sie nicht verstümmelt wird. Für viele afrikanische Mütter ist das wohl eine schlimmere Vorstellung.

    Darüber, ob Sie sich als Opfer oder als verstümmelt ansehen sollen, können nur Sie entscheiden. Auch hier gilt: Beschäftigung mit dem Thema führt bei vielen dazu, dass sie sich wünschen, sie wären nicht beschnitten worden. Mit der Information kommt der Schmerz. Diesen Schmerz kann den Männern niemand nehmen, aber er ist notwendig, um den Teufelskreis durchbrechen zu können.

    Oder es kommt der Trotz! Denn viele andere rationalisieren ihren Schmerz weg. Sie übernehmen dafür Argumente aus dem im Artikel beschriebenen Beschneidungsdiskurs: hygienischer, ästhetischer, ausdauernder usw. Ich würde das gern nicht bewerten (ich weiß nicht, was ich tun würde), aber leider muss ich es als falsch verurteilen, weil genau das dazu führt, dass sie wiederum ihre Kinder beschneiden lassen oder sich öffentlich für die Beschneidung aussprechen.

    Auch die Diskussionen unter folgendem Beitrag sind in dem Zusammenhang sehr lesenswert:
    http://evidentist.wordpress.com/2012/06/29/hoe…-kinder-weinen/

    Lutz, du hast anscheinend immer noch nicht gelesen, wie Sandro seine Situation schildert.

    Wenn man deine Kritik liest

    Zitat

    Er muss nämlich zu allererst darüber aufgeklärt werden, dass ihm Unrecht - unter welchen Umständen auch immer - angetan worden ist und darin bestätigt werden, dass sein Genital verstümmelt worden ist. Nein, da er sich in seinen Wahrnehmungen nicht irren kann, könnte man ihm auch gleich mitteilen, dass alles mit ihm in Ordnung ist und er beim Masturbieren immer schön daran denken möge, dass es mit Vorhaut auf jeden Fall viel besser sei. Auch darf anscheinend auf gar keinen Fall der Versuch unternommen werden, ihn davon abzubringen, sich nicht normal zu fühlen. Bevor irgendwelche Tipps - ob nun hilfreich oder nicht - zur Verbesserung des Sexuallebens abgegeben werden, muss er über den vollen Umfang seines Leids aufgeklärt werden.

    sollte man meinen, Sandro habe geschrieben

    "Ich bin eigentlich mit meinem Sex ganz zufrieden, aber meine Kollegen im Militär sagen mir, ich wäre verstümmelt und würde nur ein Bruchteil von dem spüren, was sie spüren. Stimmt das? Ich mache mir Sorgen."

    Das schreibt er aber nicht! Wenn er mit 14 oder 15 seine Sexualität entdeckt hat und seitdem leidet, wie er schreibt, dann wäre es nach 5, 6 Jahren an der Zeit, seinen Problemschilderungen zu glauben und ihn ernst zu nehmen. Ich sehe in seinem Fall für Beschönigungen wahrlich keinen Anlass.

    Allerdings sehe ich durchaus gute Chancen, dass er auch ein befriedigendes Sexualleben haben kann, nur eben nicht WEGEN und auch nicht einfach MIT, sondern TROTZ seiner Beschneidung, die er sehr wohl höchstselbst längst als Ursache seiner Probleme erkannt hat. Wenn er von Fuxens' Ablenkungsmanövern erst mal auf den Tripp geschickt wird, es läge einfach an seiner Psyche, und es wäre alles nur eine "Einstellungssache" (Stichwort "Kriegsfuss"), dann wird er sehr bald vor neuen, womöglich schlimmeren Frustrationen stehen.

    Ich habe in meinen mehr als 30 Jahren sexueller Aktivität und auch durch die Schilderungen anderer Betroffener hier im Forum folgendes gelernt:

    Es bedarf zum einen der offenen und ungeschönten Anerkenntnis des beschnittenen Partners, dass die Probleme im Sexleben - nachdem sie sich nun mal manifestiert haben - auf sein Beschnittensein zurückgehen. (Das hat ja nichts mit persönlichem Versagen oder gar Schuld zu tun - im Gegenteil: viele Beschnittene verbringen Höchstleistungen und finden dennoch keine Befriedigung).

    Zum anderen Bedarf es eines Partners oder Partnerin, der oder die auf die speziellen Bedürfnisse des Beschnittenen eingeht. Ich selber habe seit über 20 Jahren einen wunderbaren Partner an meiner Seite und ein sehr glückliches (Sexual)Leben. Das war aber nicht immer so! Auch ich habe Probleme verdrängt und auf andere (und anderes) geschoben. Sandro ist daher mit seinen 20 viel weiter als ich in seinem Alter war.

    Noch eine Bemerkung zu deinem letzten Satz: Es ist für mich kein politisches Statement, wenn ich sage, dass alle Menschen ein Recht darauf haben, mit intakten Genitalien aufzuwachsen. Menschenrechte sind universell und unteilbar, und keine Frage von CDU, FDP, SPD, Grüne, SVP, SP, oder wie auch immer. Es ist allerdings traurig, dass sich das noch nicht rumgesprochen hat, nicht bei den Parteien und auch nicht bei den Sexberatern.

    [...] nicht der Beschneider steht mit dem Penis auf Kriegsfuss, sondern das Opfer. Nicht ersterer, sondern letzteres hat eine Meise und muss zum "Psychiater".

    Pizarro73 hat völlig recht: in der Therapie muss sich der Patient der Wahrheit stellen, und dazu gehört auch die Wahrheit über den/ die Täter. Dem traumatisierten Patienten für verrückt zu erklären und ihm zur Verarbeitung seines Traumas Gleitgel zu empfehlen, ist infam.

    Danke Werner und Pizarro73! :thumbup:

    Weshalb sollte ein Therapeut von sich aus seinen Patienten darauf aufmerksam machen, wie schlimm seine Situation ist?

    Von sich aus? Hast Du Sandros Eingabe gelesen?

    Zitat

    Ich (20) wurde als Kind beschnitten. Seit meiner Jugend leide ich deswegen psychisch. Ich bin anders als normale Jungs und kann nicht gut masturbieren. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass die Beschneidung die Entwicklung meines Nervensystems geschädigt hat. Jeden Tag muss ich immer über meine fehlende Vorhaut nachdenken. Meine Freundin sagt, ich solle zum Psychiater, aber ich schäme mich.

    Ich frage andersrum: Ist es die Aufgabe des Therapeuten abzuwiegeln, zu relativieren? Zu beschwichtigen, zu beschönigen?
    Ist denn Sandro nur ein Schicksal widerfahren, eines das eben unabwendbar war? Und künftig für andere auch unabwendbar sein wird, mit dem man sich eben abfinden muss?

    Es sind für mich zwei völlig verschiedene Dinge, ob ich einen Therapeuten aufsuche, weil ich einen lieben Menschen durch Krankheit und Tod verloren habe, oder ob mein ganzes Leben durch eine mir aufgezwungene Entscheidung negativ beeinflusst wurde.
    Was ich nicht ändern kann, muss ich lernen hinzunehmen. Und ich werde anderen, denen ich nahe stehe, Trost spenden und ihnen helfen, dasselbe hinzunehmen, wenn es ihnen widerfährt.
    Aber was ich nicht hinnehmen muss und werde, ist dass eine aufgezwungene Genitalmodifikation nicht als solche benannt wird, offensichtlich noch nicht einmal von einer "Therapeutin". Was ich nicht hinnehmen muss und werde, ist die Fortführung dieses Schwachsinns mit dem beschönigenden Namen "Beschneidung" an immer neuen jungen Männern. Es ist Teil meiner - und ich denke unser aller "Therapie" hier - daran zu arbeiten, dass dies irgendwann aufhört.

    Und wer bitteschön wenn nicht Sexberater und Therapeuten sollte darauf hinweisen, dass es hier ein Problem gibt und dass das aufhören muss? Urologen vielleicht? Oder Politiker?

    Bedenke zudem folgendes: Der Beitrag auf Blick.ch wendet sich in erster Linie nicht an Sandro, sondern an die Öffentlichkeit, die geneigte Leserschaft des Boulevard-Blattes. Und was liest diese Öffentlichkeit dort zu der ihr womöglich am eigenen Leib fremden Vorstellung von Zwangsamputation am Genital?

    "Viele erfahren eine Verbesserung des Sexlebens ... bla ... einige nicht ... bla ... Du stehst auf Kriegsfuss mit Deinem Penis ... bla ... alles psychisch ... bla ... mehr Gleitgel ... bla ... dann flutscht's schon ... bla"

    Toll!

    Bei mir kommt es genau so an, wie AnMeS es schildert.

    Der "Sexberaterin" Fux scheint es nicht in den Sinn zu kommen, dass es sich bei Alessandros Problemen um eine objektivierbare Verletzung handeln könnte. Wir haben es also - wieder einmal - mit der Weigerung zu tun, einen als Kind zwangsbeschnittenen jungen Mann als Opfer anzuerkennen. Als hätten wir die Diskussion im letzten Jahr gar nicht gehabt, und als wäre diese nicht durchaus auch in die Schweiz vorgedrungen.

    Von Sandro erfahren wir, dass er als Kind beschnitten wurde (warum erfahren wir nicht). Dies ist offenbar vor dem Erwachen seiner Sexualität und wohl unfreiwillig geschehen. Fux übergeht genau das völlig, wenn sie ihre Ratschläge einleitet mit den Worten:

    Zitat


    Die Erlebnisberichte von Männern darüber, wie sich der Eingriff auf ihre Sexualität ausgewirkt hat, sind sehr verschieden. Die einen berichten, dass sie Sex und Masturbation als lustvoller erleben und leichter einen Orgasmus haben, andere sagen genau das Gegenteil.


    Hallo? Sandro kennt nichts anderes als die Situation, die er als belastend schildert. Eine Sexualität mit Vorhaut hat er nie gehabt. Genau genommen könnte er Fux' Worten auch entnehmen, dass er MIT Vorhaut möglicherweise NOCH schlechteren Sex hätte, weil ja ein Teil der Männer von einer Verbesserung berichtet. Vielen Dank auch Frau Fux! Fairerweise wollen wir annehmen, dass auch Fux ihn zur Gruppe der Letzeren zählt. Nur mit genau dieser Feststellung auch anerkennend einzuleiten, scheint ihr dann wohl doch nicht recht. Als hätte sie wie erwähnt Zweifel an der Objektivierbarkeit seiner Probleme.

    Was dann folgt ist kaum besser: Die Äußerung

    Zitat

    Du scheinst mit deinem Körper und konkret deinem Penis auf Kriegsfuss zu stehen


    hat Werner als Überschrift schon hervorgehoben. Fux formuliert hier so flapsig, dass mir der Hahnenkamm schwillt. Kann sie es nicht anders formulieren, dass er wohl wie jeder Versehrte zunächst lernen muss, seinen Körper so zu akzeptieren wie er ist? Oder will sie damit ausdrücken, dass er ihrer Meinung nach nur unter Minderwertigkeitskomplexen leidet?

    Der Rat, Hilfe bei einer Fachperson zu suchen, mag zwar ein guter Ansatz sein. Aber ihm ausgerechnet zuerst den Besuch bei einem Urologen nahezulegen, hieße nun wahrlich, den Bock zum Gärtner zu machen. Wo doch das Gros genau dieser Mediziner-Gruppe noch immer mit einem eklatanten Defizit in Sachen Ethik belastet ist und nur allzu gerne Hand und Messer reicht, um die sexuelle Selbstbestimmung oder genitale Autonomie von männlichen Kindern zu beschneiden.

    Der abschließende Hinweis darauf, dass sein beschnittener Penis in anderen Kulturkreisen der Normalfall ist, hilft auch nicht weiter. Noch nicht mal dann, wenn sich Sandro daraufhin mit dem Gedanken trüge, in die Vereinigten Staaten, die Türkei oder Israel auszuwandern.

    MEIN GOTT wie wenig es doch braucht, um sich SEXBERATERIN nennen zu dürfen ... unglaublich! (würg)

    Ich lege Fux die Lektüre der Abschlussarbeit ihrer Landsmännin Beatrice Giger in Forensik an der Hochschule Luzern nahe. Unter dem Titel "Genitalverstümmelung – Voraussetzungen und Grenzen der Einwilligung" schreibt sie bereits 2011 in der Einleitung:

    Zitat

    (Aus Sicht der Strafverfolgerin) wenig erfreulich präsentiert sich die Situation hinsichtlich der Beschneidung der Penisvorhaut (sog. Zirkumzision) von Urteilsunfähigen, insbes. Knaben. Legt man dieser Praxis die Definition der WHO in Bezug auf FGM zu Grunde, kommt man zum Schluss, dass es durchaus angezeigt ist, von "männlicher Genitalverstümmelung" auszugehen. Strafrechtlich gesprochen stellt die Zirkumzision, die in den seltensten Fällen kurativmedizinisch indiziert ist, eine einfache Körperverletzung nach Art. 123 Ziff. 1 StGB dar. Betrifft sie urteilsunfähige Knaben, ist sie gem. Ziff. 2 gar von Amtes wegen zu verfolgen. Die Einwilligung der gesetzlichen Vertreter, die eine Zirkumzision veranlassen oder selber durchführen, vermag das strafbare Tun nicht zu rechtfertigen: Weder aus religiösen, noch präventiven oder hygienischen und schon gar nicht aus ästhetischen Gründen könnte gesagt werden, der Eingriff liege im Kindeswohl und damit innerhalb der Befugnis der gesetzlichen Vertreter. Wird dieser Fakt jedoch weiterhin tabuisiert, könnten sich allfällige beschuldigte Personen erfolgreich auf einen (un)vermeidbaren Rechtsirrtum berufen. Es ist m.E. höchste Zeit, die Augen nicht mehr länger zu verschliessen und dem Recht der gefährdeten Knaben auf körperliche Integrität zum Durchbruch zu verhelfen.


    Quelle: http://marcelkuechler.ch/wp/wp-content/…inwilligung.pdf

    Im Jahre 2 nach dem Kölner Urteil erwarte ich von Sexberatern, dass sie endlich offen und unverblümt sagen "Dir ist Unrecht geschehen, du bist das Opfer eines völlig sinnlosen Übergriffs auf deinen Körper! Und es gibt nicht wenige, die dein Leid teilen." DAS ist für mich das Fundament, auf dem man an einer Verbesserung seiner Situation arbeiten kann. Alles andere trägt das Geschmäckle von Tabuisierung, Relativierung, Nicht-ernst-Nehmen.