Beiträge von wakankar

    Allen Vergleichen zwischen Liedervorsing-, Streichel-, Rotwein-, Salben-, Zäpfchen- und Zuckerwasserversuchen zur Unterdrückung des Operationsschmerzes einer Zirkumzision muß man entgegenhalten, daß es sich bei dieser Operation eben nicht um eine "minor procedure" handelt. Wenn der Schmerz einer Zirkumzision einer Blutabnahme oder Impfung vergleichbar wäre, dann würde eine Zirkumzision nicht in allen Kindesaltern in Allgemeinanästhesie durchgeführt, wenn eine medizinische Indikation vorliegt -- oder eine solche behauptet wird.

    Die entscheidende Frage lautet also nicht: "Welche der unwirksamen Methoden zur Unterdrückung des Schmerzes einer Zirkumzision ist am wenigsten unwirksam?" sondern "Warum wird eine Zirkumzision im Kindesalter nicht auch bei medizinischer -- oder behaupteter medizinischer -- Indikation ohne Allgemeinanästhesie in einer dieser "Besser als gar nichts"-Methoden durchgeführt?"

    Bereits am 19. November 1987 wurde im New England Journal of Medicine (Vo. 317, Number 21, Pages 1321 - 1329) unter der Überschrift "The Circumcision Reference. Pain and its effects in the human neonate and fetus" umfassend über die Nachweise der Schmerzen um eine Circumcision berichtet. Der Artikel enthält 201 Literaturhinweise.

    Barbara Brady-Fryer et al. haben 2009 in der Cochrane Library eine große Studienanalyse zu dem Thema abgearbeitet. Sie kommen zu dem Ergebnis, daß "harte" Daten zur Schmerzmesseung Neugeborener (d.h. die Messung von Streßhormonen) nur in Studien zugrunde gelegt wurden, die die Wirksamkeit des Peniswurzelblockes betrafen. Dieser allerdings ist bereits bei der Anlage so schmerzhaft, daß letztlich die Cortisol- und ß-Endorphin-Spiegel identisch denen einer Circumcision ohne Anästhesie sind. Für alle anderen Anästhesieillusionen (z.B. Zäpfchen, Rotwein, Zuckerwasser, EMLA) wurden solche "harten" Indikatoren gar nicht gemessen.

    Es ist also schon sinnvoll, die Studienlage anzusehen. Man kann nämlich dann sehr schnell die Studien finden, die nur "weiche" Kriterien für das Schmerzempfinden der Neugeborenen angewandt haben (z.B. Schreidauer, Kreislaufparameter, Atemfrequenz, Grimassieren und ähnlich Interpretierbares). Den Verfassern dieser Studien kann man diese dann schlicht und einfach vor die Füße legen und die Nachuntersuchung der Streßhormon-Spiegel fordern, bevor die Schlußfolgerungen der Autoren "geglaubt" werden.

    Ich bin übrigens Fachärztin für Anästhesie.