Beiträge von wakankar

    Die Idee, die hinter diesem Thread steht, ist, daß werner und ich einen Ansatz suchen, die aktuelle Leitlinienempfehlung zum LS in Frage zu stellen.

    Diese Empfehlung lautet, daß der kindliche LS als absolute Indikation zur Zirkumzision gesehen wird, obwohl es Studien zu Erfolgen einer Kortisonbehandlung gibt und diese bei den weiblichen Formen ja auch angewandt werden. Bei den Mädchen gibt es keine Empfehlungen zu irgendwelchen operativen Verfahren. Und bei den Jungen gilt die OP als Primärtherapie.

    Es wird sogar zum Teil -- unter Hinweis darauf, daß der LS eine Karzinomentwicklung begünstigen könnte -- in Richtung OP gesteuert. Das dürfte auch Eltern, die zunächst abwartend eingestellt sind, in ihrer Entscheidung beeinflussen. Und das ist mindestens suspekt, wenn man das finanzielle Interesse der Leitlinienverfasser an der Aufrechterhaltung einer hohen Zahl Zirkumzisionen mit einbezieht.

    In den Veröffentlichungen, die werner zitiert hat, wird dem Bereich: "Wie ist die sekundäre Phimose entstanden?" ein sehr kleiner und zum Teil bagatellisierender Raum gegeben. Ein "Autoimmungeschehen" und eine "unklare Genese" wird postuliert, obwohl es meines Wissens keine Untersuchung gibt, die wirklich bei der Forschung nach der Kausalität anfangen. Schritt 1 einer Studie wäre meiner Ansicht nach, zu fragen:

    1. Hat primär eine physiologische Phimose oder Vorhautverklebung bestanden?
    2. Wurden die Eltern dazu angehalten, Retraktionsversuche zu unternehmen, die bei solchen physiologischen Befunden nicht indiziert sind?
    3. Sind traumatische Retraktionen in der Anamnese der LS-Jungen rekonstruierbar?

    Stattdessen wird eine schicksalhafte Entstehung zugrunde gelegt (obwohl es Hinweise auf traumatische Entstehungen gibt) und anschließend der Fokus auf die prozentual geringe Wirksamkeit der Kortisonbehandlung gelegt und "besser gleich operieren" propagiert.

    Kennt einer von Euch Untersuchungen, in denen der Fokus auf die Entstehung dieser Erkrankung gelegt wurde?

    Ich glaube nicht, daß solche Eltern die Ausnahme sind.

    Auch unter Eltern gibt es genug Menschen, die die ernsthaften Ratschläge von Medizininern umsetzen, auch wenn ihnen ihr Gefühl was anderes sagt. Es gibt ja auch unter Eltern genug Menschen, die ihre Neugeborenen ohne Betäubung beschneiden lassen oder unter fragwürdigen medizinischen Bedingungen.

    Es gibt -- wie überall -- auch unter Eltern ziemlich viele Menschen, die unsicher sind und gerne glauben, was ihnen Autoritäten als empfehlenswert darlegen.

    Daß Du skeptisch bist, verstehe ich schon. Deine Erfahrungen widersprechen dem ärztlichen Berufsrecht. Nur weil Du Erfahrungen mit Ärzten gemacht hast, die ihre Schweigepflicht nicht wahren, finde ich es nicht in Ordnung, daß Du unterstellst, daß alle Ärzte das nicht tun. Und damit auch evtl. Willi davon abhältst, seine Probleme mit einem Arzt zu besprechen. Wenn er ausdrücklich dort sagt, daß er eine Information der Eltern über Diagnosen, Befunde und Therapien nicht wünscht, dann muß sich der Arzt dran halten.

    Für "Kinder", die älter als 14 Jahre sind, haben Ärzte die Schweigepflicht auch gegenüber den Eltern zu wahren. Das gilt auch für Dich und Deine Kinder, wenn Du mal welche hast.

    Als meine Tochter alt genug war, mal zur Frauenärztin zu gehen, habe ich sie beim ersten Besuch bis ins Wartezimmer begleitet, weil Sie das gerne wollte. Bei der Ärztin war sie allein. Und anschließend habe ich ihr versichert, daß ich keine Fragen zu Arztbesuchen stellen werde, wenn ich Rechnungen bekomme, die sie betreffen. Auch Eltern müssen die Privatsphäre ihrer "Kinder" respektieren. Eine Arztrechnung gehört sicher nicht zu den Dingen, die einen Übergriff in die Privatsphäre eines über 14jährigen rechtfertigt.

    Ich habe nie verstanden, daß ein Zusammenhang der HIV-Infektion zu irgendeiner Form der Beschneidung eine kausale Korrelation haben soll. Mir schien das immer eine Konstruktion ähnlich dem Zusammenhang "Es gibt weniger Störche, also werden weniger Kinder geboren."

    Es hat meines Wissens nie eine Untersuchung gegeben, die die "Infektionsprophylaxe" einer Beschneidung mit der Verwendung von Wasser und Seife sowie der einzig effektiven Infektionsprophylaxe, nämlich der Verwendung von Kondomen, verglichen hat.

    Nach meiner Einschätzung wird die HIV-Inzidenz in den Ländern, in denen eine aggressive Beschneidung-Propaganda betrieben wird, ziemlich zügig nach oben schnellen. Einfach deshalb, weil sich Männer und Frauen durch eine Beschneidung vor Übertragung geschützt fühlen -- und auf Kondome verzichten.

    Hier muß ich widersprechen:

    Man hat ein Bestimmungsrecht über seinen Körper vor der Volljährigkeit. Als Arzt ist man verpflichtet, so ungefähr ab 14 den noch nicht volljährigen Jugendlichen in die Entscheidung einzubeziehen. Bei Jugenlichen ab 14 ist es dem Arzt sogar anzuraten, außer der Unterschrift der Eltern auch die des Jugendlichen bei der Aufklärung einzuholen. Und diesen natürlich auch entsprechend aufzuklären.

    Der Arzt hat sogar eine Schweigepflicht gegenüber den Eltern, wenn der noch nicht volljährige Jugendliche das wünscht. Das heißt auch, daß Willi ohne Weiteres zu einem Urologen oder Hautarzt gehen kann. Wenn er gesetzlich versichert ist, braucht er dort nur seine Versichertenkarte vorzulegen. Wenn er über seine Eltern privat versichert ist, werden die über den Arztbesuch eine Rechnung erhalten. Willi kann aber verlangen, daß daraus nicht hervorgeht, weswegen der Arzt aufgesucht wurde.

    Ich würde nicht dazu raten, eine Vorstellung beim Arzt (der nicht selbst operiert, natürlich) bis zur Volljährigkeit aufzuschieben. Das sind drei lange Jahre der Ungewißheit, die sicher unnötig belastend sind.

    Im Gegenteil würde ich es sogar als Vorteil ansehen, daß Willi noch nicht volljährig ist. Weil sich kein Arzt trauen würde, ohne Einbeziehung der Eltern einen operativen Eingriff vorzunehmen. Das gibt Sicherheit, wenn man dem Arzt gegenüber sitzt.

    Ich würde empfehlen, sich vorher zu informieren, ob der Urologe selbst operiert. Oder daß Du Dich bei einem Hautarzt vorstellst. Natürlich ebenfalls bei einem, der nicht selbst operiert.

    Ob die selbst Operationen anbieten, kann man meistens auf ihren Internet-Seiten nachlesen. Da Operationen das sind, mit dem niedergelassene Ärzte Geld außerhalb des Budgets verdienen, tendieren Ärzte, die solche Operationen selbst durchführen, bei ihren Beratungen eher zu einer Empfehlung zur Operation.

    Das gilt nicht nur für Vorhautoperationen, sondern auch für andere Beschwerden, bei denen konservativ oder operativ behandelt werden kann, z.B. Rückenbeschwerden, Schulterprobleme oder Kniebeschwerden.

    Wenn ich einen ärztlichen Rat will, dann gehe ich zu jemandem, der mit den möglichen Behandlungsmethoden kein zusätzliches Geld verdient und der nicht einen teuer eingerichteten OP auslasten muß. Nur bei dem kann ich mich drauf verlassen, daß er mich so berät, wie es für mich gut ist.

    "Internet-Post von kreischenden Psychopathinnen" gehört zusammen. Im Sinne von "Internet-Posts kreischender Psychopathinnen". Da hat nun Deine Empfindlichkeit eine Trennung gesetzt, die von mir nicht beabsichtigt war.

    Lies bitte auch Deinen ersten Post noch einmal LAUT. Den der war der Ausgang dieser Auseinandersetzung.

    Ich bestehe weiterhin darauf, daß Deine Behauptungen im ersten Post belegt werden, und nicht nur durch Einzelfall-Berichte, die aus dem Internet zusammengesucht werden. Ich habe schon ein Paarmal solche "die Frauen sind die treibenden Kräfte"-Posts hier erlebt.

    Keiner hier läßt es durchgehen, wenn seitens der Beschneidungsbefürworter Behauptungen aufgestellt werden, daß "man gute Erfahrungen" mit irgendwelchen Betaübunggsalben und Rotweinnnuckeln bei der Neugeborenenbeschneidung gemacht hat. Oder daß die große Zahl der Männer, die eine normale Lebensbiografie haben, darauf rückschließen läßt, daß eine Beschneidung keine Körperverletzung sei.

    Nur dieses Frauen- und Mütterbashing, das geht hier immer wieder durch, ohne daß jemand es mit mehr als der Behauptung "ist tatsächlich so" oder "habe ich Erfahrungen gemacht" oder "kann man im Internet immer wieder lesen" belegt.

    Ich werde das als grundsätzliche Diskussion ins interne Forum stellen, ob hier mit zweierlei Maß gemessen werden soll.

    Und ich lasse nicht zu, daß die Internet-Posts von ein paar kreischenden Psychopathinnen zur Diskreditierung eines ganzen Geschlechtes mißbraucht werden. Von mir ist nicht mehr und nicht weniger Emotionalität in diese Diskussion eingebracht worden als von Dir.

    Ich bin ganz auf dem Boden der Tatsachen. Was das mit "minderjährig" und "Erziehungsberechtigte" zu tun hat, erschließt sich mir nicht.

    Liefere mir bitte Belege für Deine Behauptungen, die nicht bloß Einzelfall-Geschichten sind.

    Ich geh' jetzt nicht zu Bett, denn es ist Mittag.

    Ich finde diese Frauenbeschimpfungsorgie zum Kotzen und habe gerade Mühe, mein Frühstück bei mir zu behalten.

    Bitte statistische Belege und Literaturhinweise, die Deine Behauptungen beweisen, insbesondere die mengenmäßige Überzahl der Frauen, denen es scheißegal ist, ob ihren Söhnen Schmerzen zugefügt werden und ihre körperliche Integrität verletzt wird!

    By the way, und ich meine nicht: Irgendwelche Zusammenstellungen von Internet-Posts aus fragwürdiger Quelle, sondern tatsächliche Auswertungen, die belegen, daß die teuflischen Psychopathen hier in der Mehrzahl die Frauen und Mütter sind.

    Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) fordert zu den "dermatochirurgischen Eingriffen", zu denen auch die Zirkumzision und die Vorhautplastik gehören:

    "Die Berechnung dermatochirurgischer Eingriffe setzt die obligate histologische Untersuchung entnommenen Materials und/oder eine Bilddokumentation des prä- und postoperativen Befundes voraus."

    Dieser EBM gilt seit dem 1. April 2005.

    In seinem Artikel im Deutschen Ärzteblatt schreibt Karl Becker 2011 (http://www.aerzteblatt.de/archiv/80526/L…osus-bei-Jungen) bereits im ersten Absatz:

    "Da eine generelle histologische Untersuchung der Vorhautresektate unüblich ist, wird die Diagnose (Lichen sclerosus, Anm. von mir) auch postoperativ nicht gestellt."

    Der Mitverfasser der neuen S1-Leitlinie Phimose kennt somit die Abrechnungsvorschriften des EBM nicht, und das sechs Jahre nach deren Inkrafttreten. Prä- und postoperative Fotodokumentationen finden übrigens auch nicht statt. Kontrolliert wird weder durch die Kassenärztlichen Vereinigungen noch durch die Krankenkassen, und auch nicht durch die aufsichtsführenden Landesbehörden.

    Kleiner Exkurs in "Preexisting Conditions", auch genannt die Umstellungen jedes Neugeborenen beim Wechsel seiner Lebenswelt in der Gebärmutter in die Außenwelt:

    Die Lebensumgebung des ungeborenen Kindes ist eine ganz andere als die des Kindes nach der Geburt. Die Natur hat sich für beide Situationen und für den Übergang während der Geburt einige Tricks ausgedacht.

    Im Mutterbauch wird das Kind mit Sauerstoff und Nährstoffen über die Plazenta versorgt. Die Plazenta ermöglicht auch den Abtransport der Stoffwechselabfallprodukte zurück zur Mutter.

    Die Plazenta des Kindes hat der Mutter zugewandt wie auf einem Teller ein Netz ganz feiner Adern. Diese Adern liegen am Gebärmuttergewebe nur ganz eng an. Es fließt also kein Blut direkt von der Mutter zum Kind. So müssen Sauerstoff und Nährstoffe erst die Adern der Mutter verlassen, dann diesen kleinen Zwischenraum überbrücken und gelangen erst dann in die Adern des Kindes. Des-halb ist die Sauerstoffversorgung des ungeborenen Kindes nicht wirklich luxuriös und sein Blutdruck niedrig. Das Neugeborene hat nur einen Sauerstoffpartialdruck von 70-90 mmHg gegenüber über 96 mmHg des Erwachsenen.

    Um trotzdem zu gewährleisten, daß das ungeborene Kind wächst und gedeiht, hat es eine hohe Konzentration eines besonderen roten Blutfarbstoffes, des fetalen Hämoglobins. Dieses nimmt Sauerstoff leichter auf als das in geringerer Menge bereits vorhandene Erwachsenen-Hämoglobin, gibt ihn aber schwerer ans Gewebe ab. Die Eigenschaften des fetalen Blutfarbstoffes sind nach der Geburt von Nachteil, so daß er in den ersten drei Lebensmonaten vollständig abgebaut und durch Erwachsenenblutfarbstoff ersetzt wird – unter hoher Belastung für die noch nicht gut funktionierende Leber.

    Lunge, Leber, Darm und Nieren haben im Mutterleib nichts zu arbeiten. Sie müssen bloß wachsen und sich auf die Umstellung bei und nach der Geburt vorbereiten. Das Gehirn des ungeborenen Kindes muß aber gut mit Sauerstoff versorgt werden. Und Herz- und Blutgefäßsystem müssen für die Situation nach der Geburt vorbereitet sein. Mehrere Kurzschlußverbindungen gewährleisten, daß beide Aufgaben erfüllt werden:
    — Der Ductus venosus (Arantii) umgeht die Leber. Er vernarbt nach der Geburt zu einem Band.
    — Über das Foramen ovale zwischen rechtem und linkem Herzvorhof wird der Lungenkreislauf umgangen, so daß das relativ sauerstoffreiche Blut aus der Plazenta direkt zum Gehirn gelangen kann.
    — Über die obere Hohlvene gelangt das Blut zurück in den rechten Vorhof und die rechte Herzkammer. Die im Mutterleib unbeatmete Lunge wird größtenteil durch eine Kurzschlußverbindung der Lungenarterie zur Aorta umgangen, den Ductus arteriosus Botalli. Dieser wird durch den niedrigen Sauerstoffgehalt des ungeborenen Kindes und durch die Wirkung von Prostaglandinen offen gehalten.

    Nach der Geburt muß die Sauerstoffversorgung des Kindes sofort und ohne Verzögerung durch dessen Lunge übernommen werden. Mit dem ersten Atemzug des Neugeborenen füllen sich seine Lungen das erste Mal mit Luft. Die durch den vorher niedrigen Sauerstoffgehalt des Blutes bedingte Gefäßverengung in der Lunge läßt nach. Dadurch vermindert sich der Druck in der Lungenstrombahn und es fließt mehr Blut aus der Lungenschlagader in die Lunge.

    Dieses vergrößerte Blutvolumen fließt nach Sauerstoffaufsättigung in der Lunge in den linken Herzvorhof und läßt auch hier den Druck ansteigen. Dadurch verschließt sich das Foramen ovale zwischen den Herzvorhöfen funktionell. Das heißt, die überlappenden Zwischenwandanteile werden durch den Druck im linken Herzvorhof nur aufeinandergelegt und verschließen so den Durchgang. Der anatomische Verschluß, das heißt das endgültige Zusammenwachsen der Wandanteile der al-ten Öffnung erfolgt nur allmählich im ersten Lebensjahr, bei 20 – 25 % der Menschen bleiben dauerhaft kleine oder größere Undichtigkeiten zurück. So lange der Verschluß nur funktionell ist, kann jede Druckerhöhung im rechten Herzvorhof (z.B. durch die künstliche Beatmung während einer Allgemeinanästhesie) zu einer Wiedereröffnung des Foramen ovale und zu gefährlichen Abfällen der Sauerstoffsättigung des Kindes führen.

    Die Wand des Ductus arteriosus Botalli zieht sich zunächst unter nervalchemischer Steuerung zu-sammen. Sie vernarbt in der Regel bis zum Ende des dritten Lebensmonats. Bis dahin ist auch die-ser Verschluß nur funktionell und kann durch bestimmte Faktoren wieder aufgehoben werden, wie z. B.:
    — Anämie
    — Druckanstieg in der Lunge
    — Abfall des Sauerstoffgehaltes im Blut
    — niedrige Körpertemperatur
    — Streß und Schmerzen (Erhöhung des Sauerstoffbedarfes).
    Dann fließt sauerstoffarmes Blut direkt von der Lungenarterie in die Aorta. Die Lunge und ihre Sauerstoffaufsättigung werden umgangen. Dies kann zu gefährlichen Abfällen der Sauerstoffsättigung und einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes führen. Die Sauerstoffunterversorgung kann ihrer-seits eine zentrale Atemdepression verursachen und in einem Teufelskreis die Situation weiter ver-schlimmern.

    So weit zu den Umstellungen des Kreislaufes bei der Geburt. Am Tag der jüdischen Beschneidung sind alle Kurzschlußverbindungen nur funktionell und nicht anatomisch verschlossen, so daß sie wieder eröffnet werden können.

    Auch die Funktionen weiterer Organsysteme des Neugeborenen weichen von denen älterer Kinder oder Erwachsener ab.

    Das Neugeborenenherz reagiert empfindlich auf Medikamente, die die Herzleistung herabsetzen. Auch eine Sauerstoffunterversorgung beeinträchtigt die Leistung des Herzmuskels überproportio-nal.

    Die Urinausscheidung ist in den ersten Tagen nach der Geburt gering. Das ist sinnvoll, weil auch die Milchproduktion der Mutter erst langsam in Gang kommt. Damit ist aber auch die Möglichkeit zur Ausscheidung von Medikamenten vermindert. Die Nierenfunktion erreicht erst nach dem ersten Lebensmonat 80 % der Normwerte.

    Die Leberfunktion ist bei der Geburt noch nicht vollständig entwickelt. Der Bluteiweißgehalt ist bis zum Ende des ersten Lebensjahres vermindert, so daß die freie Konzentration vieler Medikamente erhöht ist. Außerdem ist der Abbau vieler Medikamente, z. B. von Lokalanästhetika und Narkosemedikamenten durch die Unreife verschiedener Enzymsysteme deutlich verlangsamt. Das Neuge-borene hat einen physiologischen Vitamin-K-Mangel, so daß Gerinnungungsfaktoren nur einge-schränkt synthetisiert werden können. Auch die anderen Enzymsysteme erreichen ihre Leistungs-fähigkeit erst nach einigen Monaten. Sichtbares Zeichen der unreifen Leberfunktion und der Bela-stung durch den Abbau des fetalen Blutfarbstoffes ist die bekannte Neugeborenengelbsucht.

    Sedierende Medikamente dringen durch die unreife Blut-Hirn-Schranke leichter in das Gehirn eines Neugeborenen ein. Dies führt zu erhöhten Konzentrationen im Gehirn.

    Das Kind im Mutterleib ist dort gegen Auskühlung geschützt. Die Fähigkeit zur eigenständigen Re-gulation der Körpertemperatur entwickelt sich nur langsam. Das Neugeborene kühlt daher leicht aus. Eine Auskühlung erhöht den Sauerstoffverbrauch und verschlechtert die zentrale Atemregula-tion. Der Medikamentenabbau in Leber und Niere ist bei Auskühlung ebenfalls verlangsamt.

    Bei Früh- und Neugeborenen ist eine erhebliche Unreife der neuronalen Mechanismen nachgewiesen, die Schmerzempfinden unterdrücken. Im Vergleich zu Erwachsenen sind beim Neugeborenen nur 14 % der Andockstellen für Opiate in den übergeordneten Bereichen des Gehirns vorhanden, im Bereich des Hirnstammes dagegen bereits 40 %. Opiate wirken also nicht so gut gegen Schmerzen, wenn sie bereits die Atmung beeinträchtigen.

    All diese komplizierten Anpassungsvorgänge lassen die Schlußfolgerung zu, daß man auf Neugeborene gut aufpassen muß – und ihnen keinesfalls unnötige Belastungen zumuten sollte. Das äußerst fein austarierte Gleichgewicht kann sonst leicht aus dem Lot geraten.

    Die Studie Paix/Peterson war wesentliche Grundlage der "ethisch inakzeptabel"-Bewertung der EMA.

    Latasch hat im Ethikrat das Schmerzempfinden Neugeborener nicht in Abrede gestellt, sondern sogar bestätigt. Er hat aber den Eingriff der Neugeborenenzirkumzision in seinem Vortrag dann bagatellisiert und als "Betäubungsverfahren" die Methode Zuckerwasser propagiert. Seine Referenzstudien kommen aus dem Hospital for Sick Children in Toronto, das uns allen inzwischen als erste Adresse für solche Versuche bekannt ist:

    1. Harrison D, Stevens B, Bueno M, Yamada J, Adams-Webber T, Beyene J, Ohlsson A: Efficacy of sweet solutions for analgesia in infants between 1 and 12 months of age: a systematic review. Arch Dis Child 2010;95: 406-413

    2. Bueno M, Stevens B, Ponce de Camargo P, Toma E, Lucia V, Krebs J, Fumiko Kimura A: Breast milk and Glucose for Pain Relief in Preterm Infants: A Noninferiority Randomized controlled Trial. Pediatrics 129, Nr. 4 (2012)

    zu 1. Die Studie „Efficacy of sweet solutios for analgesia in infants between 1 and 12 months of age“ bezieht sich — wie bereits der Titel ausweist — nicht auf Neugeborene. Die Studien der Untersuchung waren sehr inkonsistent. Aussschließlich der Schmerz einer Impfung war Grundlage der Messungen, andere schmerzhafte Prozeduren wurden explizit ausgeschlossen. Schreidauer und Herzfrequenz waren die Meßgrößen. Über die “Wirksamkeit” der Zuckerlösung sagt bereits der folgende Satz alles: “Pain reduction was primarily evident in the period immediately following completion of the procedure, rather than during the procedure.” Bereits bei etwas schmerzhafteren Prozeduren wie dem Legen von Blasenkathetern oder Venenpunktionen blieb ein auch nur geringfügiger Effekt der Zuckerlösungspräparation der Kinder vollständig aus.

    zu 2. Untersuchungspopulation der Studie „Breast Milk and Glucose for Pain Relief in Preterm Infants“10 waren Frühgeborene der 34. – 36. Schwangerschaftswoche, also ebenfalls keine reifen Neugeborenen. Beginn der Datenerhebung war erst 30 Sekunden nach erfolgter Fersenblutabnahme. Eine Zirkumzision war auch in dieser Studie nicht Gegenstand der Untersuchung. Meßgrößen waren so objektive Größen wie „Schreibeginn“ und „prozentuale Abweichung der Schreidauer“ von Muttermilch gegen Zuckerlösung, wobei die Wirkung von Zuckerlösung schlicht vorausgesetzt und nicht bewiesen wurde.

    Weitere Belege für seine Behauptungen zur Wirksamkeit von Zuckerlösungen gegen Operations-schmerzen brachte Prof. Latasch nicht bei.

    Ursache der hohen Versagerquote des isolierten Peniswurzelblockes bei einer Zirkumzision (30 - 40 %) ist eine Variation der Nervenversorgung. Die Hinterseite des Penis -- und damit auch das besonders empfindliche Frenulum -- wird bei vielen Jungen und Männern durch andere Hautäste des Nervus pudendus versorgt, die sich direkt von der Penisbasis dorthin verzweigen.

    The glans penis was innervated by the dorsal nerve of the penis. In some patients dual innervation was present at the ventral aspect of the glans penis by the dorsal nerve of the penis and the perineal nerve.
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3629761

    Mit der Verabschiedung des neuen Patientenrechtegesetzes (§ 630 BGB) hat sich für die Patienten einiges geändert. Ich habe dazu zwei Dokumente angefügt. Das eine ist vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Das andere hab' ich selbst zusammengebastelt aus Gesetzestext (blau), Kommentar des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (braun) und meinen eigenen Kommentaren dazu (schwarz).

    Ich kann nur von der ärztlichen Seite aus berichten. Für eine juristische Einschätzung solltest Du einen Fachanwalt konsultieren, der auf Patientenrecht spezialisiert ist. Dafür ist nicht jeder Jurist geeignet.

    Von der ärztlichen Seite auxsieht es so aus, daß ein Patient auch schon vor der Gesetzesnovelle über Alternativverfahren aufgeklärt werden und dies in der Patientenaufklärung auch dokumentiert und gegengezeichnet werden mußte. Des Weiteren war und ist es Pflicht, auch über seltene Risiken aufzuklären, wenn sie "typisch" sind. Ein Beispiel aus meinem Anästhesiefach: Bei einer Spinalanästhesie ("Rückenmarksnarkose") muß über das Risiko einer Querschnittslähmung aufgeklärt werden.

    Das neue Patientenrechtegesetz hat aber auch bei der Dokumentation eine Änderung festgelegt. Nun ist es nicht mehr der Patient, der nach einer Kopie der von ihm unterschriebenen Unterlagen fragen muß. Der Arzt muß sie ihm unmittelbar nach der Aufklärung unaufgefordert aushändigen. Diese Umstellung ist noch nicht überall geschehen. An dieser Stelle wäre bereits ein Angriffspunkt für ein Vorgehen gegen den Urologen, wenn Du solche Kopien nicht erhalten hast. Im jedem Fall würde ich mir die Aufklärungsunterlagen umgehend in der Arztpraxis kopieren lassen. Es ist im Nachhinein schwierig, zu belegen, daß bestimmte Inhalte nicht im Aufklärungsgespräch erklärt worden sind, wenn man eine sehr umfassende vorformulierte Aufklärungsbroschüre unterschrieben hat.

    Auf der Seite von Diomed
    http://shop.thieme-compliance.de/tcgwebshopstor…g-/p/DE01711001
    kannst Du mal die gängigen Aufklärungsbögen einsehen und überlegen, ob Du sowas unterschrieben hast.

    Ich würde das "Eingeschränkte Vorstellungsvermögen von menschlichem Schmerzempfinden" weniger am "Organmediziner" als am soziokulturellen Umfeld festmachen, in dem Taddio arbeitet -- Nordamerika/Kanada und ein jüdisches Krankenhaus. Außerdem beschäftigt sich die Frau zu intensiv mit menschlichem Schmerzempfinden, als daß man ein eingeschränktes Vorstellungsvermögen unterstellen könnte. Wer sich was nicht vorstellen kann, der beschäftigt sich eher gar nicht damit.

    Eine Vollnarkose mit in Narkose gelegtem Peniswurzelblock für die postoperative Schmerztherapie ist zur Zeit die "beste verfügbare Therapie", ein Operationstrauma der Kinder zu verhindern, bei denen ein MEDIZINISCH INDIZIERTER Eingriff durchgeführt werden muß. Anästhesisten sind durchaus auch Organmediziner, die in einer permanenten Abwägung das Wohl ihrer Patienten im Augen haben.

    Auf der einen Seite steht eine indizierte Operation. Die Aufgabe des Anästhesisten auf der anderen Seite ist es, das Umfeld möglichst angstfrei zu gestalten, die Kinder durch medikamentöse Vorbehandlung möglicht wenig traumatisch in die Narkose überzuleiten -- und ihnen eine wirksame postoperative Schmerztherapie zukommen zu lassen. Ich kenne keinen Anästhesisten, der behaupten würde, daß das ohne jegliches Trauma einhergeht. Es ist immer eine Abwägung zwischen der Notwendigkeit der OP und dem bestmöglichen Umgang mit der Situation.

    Die Schmerz- und Traumaverleugner sind nicht die "Organmediziner", sondern diejenigen, die medizinisch nicht indizierte Eingriffe durchdrücken wollen. Das kriegen die bei Kindern halt nur hin, wenn die "alles ganz harmlos, alles gar nicht schlimm, Kind schläft gleich wieder ein"-Nummer sich selbst und den anderen verkaufen.

    In der Sitzung des Deutschen Ethikrates am 23. August 2012 hat Prof. Latasch auf eine Studie verwiesen, die nach seiner Ansicht das Schmerzempfinden Neugeborener belegen sollte
    http://www.ethikrat.org/sitzungen/2012…zung-23-08-2012), Seite 13 der pdf. Die Studie hier im Anhang.

    Die Untersuchung stammt federführend von Anna Taddio, die bereits die pharmaindustriegesponserte Doktorarbeit veröffentlichte, die den Wirkungsbeweis von EMLA bei der Neugeborenenbeschneidung zum Inhalt hatte. Dieser Scheinbeweis wurde kürzlich von der EMA als unzureichend bewertet, die die Anwendung von EMLA bei der Neugeborenenbeschneidung als "ethisch inakzeptabel" bezeichnete. Nichtsdestotrotz hat die Doktorarbeit von Taddio der Herstellerfirma 15 Jahre lang sicherlich einen schönen Gewinn eingefahren.

    Die Untersuchung aus dem Jahre 1997 "Effects of neonatal circumcision on pain response during subsequent routine vaccination" hat zwei Zielrichtungen. Sie möchte erstens belegen, daß Neugeborene Schmerzen empfinden, vermutlich damit -- nach dem Scheinbeweis für die Wirksamkeit von EMLA bei der Neugeborenenbeschneidung -- jeder die Salbe benutzt. Zweitens möchte sie belegen, daß die EMLA-Anwendung bei der Neugeborenenbeschneidung die Veränderung des Schmerzempfindens unterdrückt, die durch eine Beschneidung ohne jegliche Anästhesie ausgelöst wird.

    Der Beweis, daß eine Neugeborenenbeschneidung noch Monate später das Schmerzempfinden bei einer Impfung verändert, gelingt. (Natürlich wieder lediglich unter Verwendung von Verhaltensbeobachtungen bei den untersuchten Kindern.) Da die veränderte Reaktion auch Körperareale betrifft, die fern des ehemaligen Beschneidungsareals liegen, postulieren die Forscher sogar, daß ein posttraumatisches Streßsyndrom einer Beschneidung ohne Anästhesie folgen könnte:

    "It is possible, that the greater vaccination response in the infants circumcised without anaesthesia may represent an infant analogue of a post-traumatic stress disorder triggered by a traumatic and painful event and re-experienced under similar circumstances of pain during vaccination."

    Ein signifikanter Unterschied der unter EMLA-Anwendung beschnittenen Jungen zu den ohne jegliche Anästhesie beschnittenen konnte leider nicht belegt werden.