Beiträge von Christian M

    Entschuldige bitte die missverständliche Formulierung. Das tut mir Leid für Dich. Ich wollte niemanden verhöhnen. Natürlich geht das mit der totalen Orgasmusunfähigkeit auch bei Männern. Danke für die Klarstellung. Ich war befangen, weil ich Ejakulation und Orgasmus von mir selbst fast nur in Kombination kenne. Nur sehe ich darin einen "Kollateralschaden", der bei einigen, aber nicht bei allen Männern auftreten soll. Die Absicht der BGM besteht zumindest in der christlichen Kultursphäre darin, dass Männer ebenso wie Frauen keinen Spaß am Sex haben, aber sich fortpflanzen sollen. Malochen, konsumieren und Häuslebauen statt Vögeln und Kiffen. Abspritzen ja, aber nur zum Kinderzeugen, um der (Ehe-)Frau zu zeigen, dass sie gefälligst unten zu liegen habe, und möglichst ohne Spaß daran zu haben. Ich glaube übrigens, dass die Jungenverstümmelung auch einen wesentlichen Beitrag zur Vergewaltigungskultur darstellt (zum Patriarchat sowieso). Das sollte mal jemensch untersuchen, vielleicht Luckylaschinski?

    Auch ich kenne Ejakulationen ohne Orgasmus oder mit langweiligem Orgasmus und leider nicht solche schönen Orgasmen wie meine damalige Freundin (da habe ich echt gestaunt und staune immer noch). Zum Glück ohne Schmerzen und die Frustration bei mir hielt sich in Grenzen. Zum Glück waren die Ärzte bei mir weniger "gründlich" als bei Dir. Ich stelle mir gerade eine Klassifizierung von BGM/MGM in Typen I bis IV vor. Das könnte vielleicht auch in ein paar Jahr(zehnt)en für standardisierte Schmerzensgeldtabellen relevant werden.

    Zu Deiner Arbeit:

    Großes Lob und vielen Dank! Falls Du mich als einen Betroffenen interviewen willst, schicke ich Dir mal meine Nummer per privater Nachricht.

    Zu Deinem Buch:

    Gemessen an den klugen Dingen, die Du hier im Forum schreibst, wird das ein tolles Buch werden und ich werde es mir auf jeden Fall kaufen. Du musst Dich nicht mit Heribert Prantl vergleichen - (ich) vergleiche Dich mit Günther Amendt und Karl Kraus. Vermutlich wird das Buch sehr gut in der konkret rezensiert werden und das ist ein Lob, auf das mensch echt stolz sein kann. Vielleicht lese ich auch demnächst einen Artikel von Dir in der konkret?

    Zum Feminismus:

    Den kann ich gar nicht hoch genug loben. Erstens habe ich es wesentlich meiner feministischen Sozialisation zu verdanken, dass ich auf persönlicher und politischer Ebene so gut mit meiner Vorhautamputation umgehen kann. Zweitens ist es ganz wesentlich der Feminismus, der der Emanzipationsbewegung von uns verstümmelten Männern den Weg ebnet und sie möglich macht. Der Feminismus ist unser stärkster Verbündeter. Sozialarbeiter sind Revolutionäre.

    Ich unterscheide zwischen dem bürgerlichen Feminismus und dem radikalen, anarchistischen, sozialistischen Feminismus. Der bürgerliche Feminismus kämpft "nur" für die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Der anarchistische Feminismus ist antibürgerlich: Er sieht in der gesellschaftlichen Rollenaufteilung nach dem Schema "Kinder - Küche - Kirche" den Wesenskern der bürgerlichen Gesellschaft, die er zu überwinden trachtet. Ich bin Anarchafeminist.

    Zu Genitalverstümmelung und Gesellschaft:

    Sowohl der körperliche als auch der seelische Schaden einer Genitalverstümmelung kann im Einzelfall schlimer oder weniger schlimm ausfallen, unabhängig vom Geschlecht. Es gibt verstümmelte Männer, die sich umgebracht haben, und verstümmelte Frauen, die besser mit ihrer Verstümmelung klarkommen. Es gibt aber natürlich auch den umgekehrten Fall. Ich war überrascht, als ich vor Jahren in einem Interview mit einer genitalverstümmelten Frau las, dass sie beim Sex "nur" etwa jedes dritte Mal kommt. Ich hatte immer gedacht, dass eine FGM stets eine völlige Orgasmusunfähigkeit nach sich ziehe. Kürzlich habe ich umgekehrt festgestellt, dass ich gar nicht vaginal kommen kann, und bin ein bisschen neidisch auf die Frau geworden. Die körperliche Beeinträchtigung kann also bei der MGM schlimmer sein als bei den "milden" Formen der FGM (ohne dass ich sie verharmlosen will!). Der einzige wesentliche Unterschied zwischen FGM und MGM ist, dass Frauen bis zur totalen Orgasmusunfähigkeit verstümmelt werden und trotzdem zeugungsfähig bleiben können. Jungen den kompletten Penis zu amputieren, käme hingegen einem Völkerselbstmord gleich oder mensch müsste bei der Zeugung echt kreativ werden.

    Das Stigma verstümmelter Männer ist möglicherweise noch schlimmer als das verstümmelter Frauen, weil Männer zusätzlich zur Verstümmelung an sich auch noch durch den Phalluskult und unerfüllbare Potenzphantasien unter Druck gesetzt werden. Dass Potenz nicht nur ein Synonym für Erektionsvermögen, sondern auch für Ejakulationsvermögen ist, ist mir erst vor wenigen Wochen bekannt geworden - mein Glück: u.a. deshalb gelingt es mir überraschend gut, mich nicht "unmännlich" zu fühlen.

    Die Ignoranz gegenüber BGM bei gleichzeitiger Ächtung der GGM führe ich neben Unwissen und der christlichen Prüderie auch auf das rassistische und sexistische Schema des "weißen Ritters" zurück. Viele Männer schimpfen bewusst oder unbewusst auf "primitive Wilde", die Mädchen verstümmeln, um die vermeintliche Überlegenheit der eigenen "westlichen" Kultur zu überhöhen und um das Rollenklischee des "schwachen Geschlechts" zu reproduzieren. Ein Verhalten, dass ich auch an mir selbst beobachten und reflektieren musste. Das wird übrigens wunderschön in der Figur des "PC Principal" in South Park karikiert oder in Gert Buurmanns Bonmot über die Männer, die "den Frauen die Tür zum Frauenhaus aufhalten". Die christliche Methode, die weibliche Sexualität zu verstümmeln, heißt übrigens Missionarstellung.

    Noch mehr Gedanken von mir gern anlassbezogen oder bei einem Kaffee oder einer Limo.

    Ein etwas ausführlicherer Bericht und einige Reflexionen:

    Famelab ist ein weltweiter Wettbewerb für Wissenschaftskommunikation, der vom British Council, einer britischen Regierungsorganisation für internationalen kulturellen und akademischen Austausch, veranstaltet wird.

    Den Vortrag hatte ich sehr kurzfristig vorbereitet und noch auf der Autofahrt nach Potsdam (vier Stunden) eingeübt. Mehr Arbeit als in den Vortrag hatte ich in das Nähen des Plüschpimmels mit viel Liebe zum Detail gesteckt. Just dieses Wochenende war ich krank geworden und hauptsächlich mit Gesundwerden beschäftigt. Am Dienstag war ich aber fast wieder gesund und habe den Vortrag gehalten. Hier ein Foto des guten Stücks:

    Am Abend zuvor habe ich noch drei E-Mails bekommen von Leuten, die mir Mut gemacht haben, u.a. von Mogis e.V.. Das fand ich ganz toll. Danke noch mal dafür!

    Pausenfüller

    Der Famelab-Wettbewerb war als Pausenfüller in den Doktorandentag im GeoForschungsZentrum in Potsdam eingebettet und so hat es sich auch angefühlt. Es waren etwa 60 Leute, fast alle Stu(pi)denten, im Publikum mit einem wohlwollenden Desinteresse, sie haben in den letzten Reihen gesessen, in den vorderen Sitzreihen saß kaum jemand außer der Jury. Das fand ich schade. Ein alleinstehender Wettbewerb am Abend statt am Nachmittag wäre besser gewesen.

    Der Wettbewerb ging relativ schnell über die Bühne. Es waren sechs Teilnehmer, zwei Frauen und vier Männer. Je Teilnehmer gab es den etwa drei Minuten langen Vortrag und etwa drei bis fünf Minuten Jury-Feedback. Danach gab es einen halbstündigen Vortrag eines Gastdozenten aus Schweden, der die Wissenschaftskommunikation mit einer grottenschlechten Powerpoint-Präsentation gelobt und im Wesentlichen sein eigenes Buch beworben hat. Danach gab es dann die Siegerehrung und Preisverleihung. Von den 60 Leuten im Publikum waren dann nur noch 40 geblieben. Sowohl die Jury-Rückmeldung als auch die Siegerehrung waren kurz und sehr lieblos gestaltet.

    Mein Vortrag war inhaltlich und technisch sehr gut und hätte meines Erachtens auch einen Preis gewinnen können. Die drei Minuten habe ich allerdings um ein paar Sekunden (gefühlt zehn Sekunden) überzogen wegen eines verstopften Luftballons. Das ist aber die einzige Panne geblieben.

    Der Wettbewerb hatte eine unangenehme Dieter-Bohlen-Atmosphäre. Das liegt zwar im Format des Wettbewerbs (anders als bei einem Science Slam oder Poetry Slam) begründet, es war diesmal aber deutlich unangenehmer als beim Wettbewerb vor 5 Jahren in Lübeck und in Bielefeld (da hatte ich schon einmal erfolgreich als Sieger des Regionalwettbewerbs bei Famelab teilgenommen und die Atmosphäre war beide Male sehr angenehm). Es waren vier Personen in der Jury aus den Bereichen Wissenschaft, Coaching, Journalismus und habe ich vergessen: ein Mann und drei Frauen. Der männliche Juror hat anscheinend als einziger im Vorfeld nach dem Thema gegoogelt. Er hat meinen Mut gelobt und bedauert, dass "meine Eltern mir das angetan haben". Dieses Missverständnis habe ich schnell ausgeräumt: Meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf. Im Internet präsent ist vorwiegend die religiöse Verstümmelung, deren Initiative in der Regel von den Eltern ausgeht. In meinem Fall war es aber eine medizinische Verstümmelung, deren Initiative von den Ärzten ausgeht. Dass meine Mutter auf die Lügen der Ärzte hereingefallen ist, mache ich ihr nicht zum Vorwurf. Der Juror hatte sogar den Begriff "boy genital mutilation" zitiert, sich also vorher inhaltlich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und es im Kern verstanden. Der zweiten Jurorin war meine "lakonische Art" aufgefallen. Beide sind mir sehr sympathisch.

    Dieter-Bohlen-Atmosphäre

    Die dritte Jurorin (ich glaube, es war die SZ-Wissenschaftsjournalistin; ich nenne sie den "weiblichen Dieter Bohlen") hatte gefragt, was an meinem Vortrag denn wissenschaftlich sei. Ich hatte bereits in meiner Anmeldung zum Wettbewerb erklärt, dass mein Vortrag zwar außergewöhnlich, aber nicht gegen die Regeln sei. Normalerweise stellen junge Wissenschaftler ihr berufliches Thema vor. Für mich ist Sexualwissenschaft/Medizin ein Hobby und kein Beruf. Aber ich bin Wissenschaftler (Diplom-Ingenieur) und es ist ein wissenschaftliches Thema, so wie es die Teilnahmebedingungen erfordern. Die Frage nehme ich als eine rhetorische wahr. Vor der Frage, was z.B. an der Erklärung von Isotopenmassen mithilfe eines Männchens mit einem dünnen und eines Männchens mit einem dicken Bauch (auch eine tolle Idee!) wissenschaftlich sei, mussten sich meine Mitstreiter nämlich nicht rechtfertigen. Genauso wenig wurde ich vor 5 Jahren dafür gerügt, dass ich eine Figur erklärt habe, die nicht ich, sondern ein Herr Lissajous "erfunden" (= als Erster beschrieben) hat. Der auf ähnliche Weise außergewöhnliche, aber regelkonforme Vortrag eines Zweierteams vor 5 Jahren hat auch keine Rüge, sondern Lob erfahren. Ich nehme in dieser Frage den Wissenschaftsbetriebschauvinismus wahr, mit dem viele Gonks (= Gymnasiasten ohne nennenswerte Kenntnisse) kokettieren, die studiert haben, aber nichts anderes können als dummes Zeug schwätzen, also die ganzen Herfried Münklers und Konsorten. Die vierte Jurorin hatte ihren Vorrednern nichts hinzuzufügen.

    Ich habe keinen Betroffenheits-Bonus von der Jury oder vom Publikum erwartet (und auch nicht bekommen). Ich wollte fair nach den Regeln dieses Wissenschaftskommunikationswettbewerbs bewertet werden. Ich habe aber den Eindruck, von dem weiblichen Dieter Bohlen einen Betroffenheits-Malus bekommen zu haben. Das hat sich echt mies angefühlt. Schockiert bin ich aber nicht, da ich schon vorher damit gerechnet hatte. Nach dem gleichen Schema waren auch vor sechs Jahren wir Betroffenen aus der Bundestagsanhörung herausgedrängt worden.

    Nach dem Wettbewerb hatte mich nicht nur der Juror, sondern auch noch ein junger Mann aus dem Publikum gelobt. Über beides habe ich mich sehr gefreut. Darüber, dass ein sehr guter Freund und Genosse von mir (ein Diaspora-Schleswig-Holsteiner) dabei war, sowieso.

    Alles in allem bin ich zufrieden, wie es gelaufen ist.

    Die Youtube-Videos sind noch in Arbeit.

    Definitionsmacht zurückerobern

    Das Problem ist, dass der Diskurs von den Verstümmler-Ärzten manipuliert wird, die stets ihre eigenen "sauberen" Verstümmelungen "mit Betäubung" loben und die katastrophale Wirkung ihrer fake-indizierten, "sauberen" Verstümmelungen unterschlagen. Diese Definitionshoheit müssen wir zurückerobern, um die Beschneidungsindustrie nicht zu reformieren, sondern zu zerschlagen.

    Hallo,

    morgen, am 13. März findet der Potsdamer Regionalwettbewerb von Famelab statt. Das ist ein Science Slam von 3 Minuten Dauer ohne Powerpoint (je Teilnehmer).

    Da werde ich einen Vortrag "Eine Vorhaut ist keine Krankheit." mit einem selbstgenähten Plüschpimmel halten. Nicht um zu gewinnen, sondern der Sache wegen, aus Spaß und als ein Akt der Selbstermächtigung.

    Wer Lust und Zeit hat, darf gerne kommen: Von 15 bis 17 Uhr auf dem GFZ Campus Telegrafenberg in Potsdam im Hörsaal Haus H. Ich freue mich über jeden und vielleicht werde ich ja sogar Publikumssieger.

    Die Vorträge werden gefilmt und wahrscheinlich auf Youtube hochgeladen. Den Link werde ich dann hier posten.

    https://www.gfz-potsdam.de/veranstaltunge…b-germany-2018/