Der Körper als "Tempel des Heiliges Geistes" ist ein uralter christlicher Topos.
Eine Konsequenz dieses Topos war das Verbot der Selbstverstümmelung/Selbsttötung.
Eine andere ist der Wunsch diesen "Tempel" von "kultischer Unreinheit" freizuhalten.
Dazu möchte ich weiter ausholen: In vielen - bei weitem nicht in allen Religionen - gibt es das Opfer. Dieses Geschenk an Gott/die Götter konnte verschiedenen Charakter haben: Dank, Sühne, Bitte.
Das Opfer der biblischen Patriarchen war in der Regel ein Dankopfer. Das Sühne- und Bittopfer tauchen erst nach dem Bundesschluss auf als sich eine feste Priesterkaste etablierte. Die vorher gegebene Unmittelbarkeit zwischen Geber und Gottheit wurde aufgebrochen und der Opferpriester mit seinem (geheinem) Wissen, seiner Fähigkeit die notwendigen Rituale durchzuführen und so die Wirksamkeit des Bitt- oder Sühneopfers garantieren zu können, schob sich dazwischen.
Das Judentum hat lange mit dieser Kluft gehadert (die Propheten wiesen immer wieder daraufhin, daß Gott keine Brandopfer wolle) und hat erst nach der Zerstörung des Tempels die ursprüngliche Unmittelbarkeit wieder weitgehend herstellen können.
Im Christentum gab es eine gegenläufige Bewegung, nachdem es bis ca. 300-400 n.Chr. keine christliche Priesterschaft gab. Erst um 400-500 drängten ältere Ideen des Sühn- und Bittopfers wieder in die christliche Lehre ein und mit ihnen kam auch die Ritualisierung des Opfers und die Entstehung der Priesterkaste. Das geringe Bildungsniveau der Missionsgebiete (das frisch christianisierte Frankenreich war einer der Ursprungsorte dieser "neuen" Ideen) dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben.
Daneben gibt es in vielen Kulturen die Idee der "kultischen Reinheit". Ihren Ursprung dürfte diese Idee in vielen Fällen in der Unbegreiflichkeit der weiblichen Menstruation haben. Blut und Fruchtbarkeit sind archetypische Themen und vielfach mit Tabus belegt.
Diese kultische Reinheit wurde im Laufe der Zeit auf jede sexuelle Aktivität übertragen, was zur Folge hatte, daß Priester sich dem ganz oder zeitweise zu enthalten hatten. Immer vor dem Hintergrund, daß er die Opfer so darbringen konnte, daß sie auch erhört wurden.
Den opfergesinnten Laien konnte man nun kein Totalverbot aufdrücken, da man sich wohl im Klaren darüber war, daß bestimmte sexuelle Aktivitäten notwendig für den Arterhalt sind. Diese musste man wohl oder übel erlauben, belegte aber alles andere mit Tabu. Daraus resultiert z.B. die Ablehnung von Homesexualität.
Das eigentliche Problem dürfte also die Bewahrung uralter Reinheitsvorstellungen sein. Und da das Judentum und auch der Islam kein abgesondertes Priestertum kennt sondern jeder für sich in gewisser Weise sein eigener Priester ist, wirken diese Vorstellungen sehr viel breiter als in anderen Kulten.
An den Reinheitsvorstellungen könnte man allerdings auch arbeiten ohne die Religion als Ganzes direkt anzugreifen...